Ein Interview mit Nora Hilgert anlässlich ihres Abschieds vom VHD |

Es gibt wahrscheinlich nur wenige Personen, die die jüngste Geschichte des VHD so stark geprägt haben und so gut kennen wie seine erste und langjährige Geschäftsführerin Dr. Nora Hilgert. 2019 / 2020 war sie für ein Jahr beurlaubt worden und hat am Deutschen Historischen Institut Washington (DHI Washington) die Abteilung für Strategie und Wissenschaftskommunikation geleitet. Noch in diesem Jahr wird sich Nora Hilgert aus dem Verbandsgeschäft zurückziehen. Anlässlich ihres Abschiedes aus der Geschäftsstelle sprachen wir mit ihr über ihre Zeit beim VHD, das Jubiläum zum 125. Geburtstag des Verbands sowie Herausforderungen, die sie für das Fach und den Verband in Zukunft sieht.

Liebe Frau Hilgert, Sie waren zuletzt für ein Jahr am DHI Washington tätig. Mussten Sie Reißaus nehmen? Wie fällt Ihre Bilanz über Ihre Arbeit in den USA aus?

Nein, Reißaus musste ich bestimmt nicht nehmen [lacht]. In Washington für ein Jahr anzuheuern und ein so großes Auslandsinstitut in seiner Arbeit zu unterstützen, war eine großartige Gelegenheit, einen anderen Blick auf unser Wissenschaftssystem zu bekommen. Ich danke Simone Lässig, die mich nach Washington geholt hat, für diese Möglichkeit und dem Vorstand des VHD, der mir dies mit meiner Beurlaubung ermöglicht hat.

Das Institut hat mich kollegial empfangen und mich schnell einleben lassen – und ehrlich gesagt verging das Jahr wie im Flug. Nur das Ende war gelinde gesagt holprig. Die Corona-Pandemie hat nicht nur viel Vorbereitungsarbeit zunichte gemacht, sie hat mich auch ohne Abschied von vielen gehen lassen. Das bedauere ich sehr. Das DHI Washington ist ein sehr lebendiges Institut, das mit seinen beiden Standorten in Washington und an der UC Berkeley ein breites wissenschaftliches Spektrum dieses großen Landes abdeckt. Ich hatte das Glück, mehrmals die Größe und Spannbreite dieses Kontinents erleben zu dürfen – Dienstreisen der besonderen Art. Und ich habe dabei gesehen, wie wichtig es auch für die Kulturdiplomatie ist, als Vertretung der deutschen Geisteswissenschaft vor Ort zu sein. Der wissenschaftliche und gesellschaftliche Austausch zwischen unseren beiden Ländern wird durch das Institut erheblich vereinfacht.

Sie haben die Geschäftsstelle des VHD in Frankfurt am Main seit 2009 aufgebaut und damit erheblich dazu beigetragen, den Verband in seiner Arbeit zu professionalisieren. Wie sind Sie damals zum VHD gekommen und was hat Sie angetrieben, diese Aufgabe – anfangs parallel zu Ihrer Promotion – zu übernehmen?

Es gibt eine kurze und eine lange Antwort. Vielleicht erst die kurze: Ich habe mich auf die Ausschreibung beworben und mich gegen 80 Kandidat*innen durchgesetzt. Meine Doktorarbeit lag damals noch in den Anfängen, der Vorstand hat aber darauf vertraut, dass ich beides, Geschäftsstelle und die Fertigstellung unter einen Hut bekomme. Wie man sieht, ist es gelungen.

Nun eine halblange Antwort: Prof. Dr. Axel Schildt (Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, verstorben 2019), mein Mentor und Doktorvater, schrieb mir 2004, als ich gerade ein Verlagspraktikum in New York absolvierte, dass er sich als Schriftführer des VHD auf dem Kieler Historikertag zur Wahl stellen wird. Er würde das aber nur tun, wenn ich ihn als Assistentin unterstützte. Das war für mich keine Frage, sondern die erste von vielen großartigen Herausforderungen. Und so habe ich auch den VHD näher kennengelernt und mich dann nach einem Jahr Pause, in welchem ich meine Doktorarbeit begann, auf die Stelle beworben.

Damals herrschte noch das übliche »Reisekaisertum«, wie ich es gerne nenne: Ehrenamtliche Vorstände haben die Akten physisch nach vier Jahren weitergegeben, eine Zentrale gab es nicht. Das war auch mein Ansporn 2009: Ich wollte eine solche schaffen, die die Vorstände entlastet, eine ständige Ansprechpartnerin für Mitglieder und Externe wie Journalist*innen ist und die Arbeit des Verbandes in allen Belangen unterstützt. Denn eines habe ich im VHD gesehen und sehe es immer noch: die wichtige Lobbyarbeit für unser Fach. Hierzu gehören der Historikertag sowie die wissenschaftspolitische Arbeit, die Schwachstellen im System sieht und versucht, auf verschiedenen Wegen dagegen anzugehen. Nicht alles, was wir tun, ist von außen ersichtlich, sehr viele Gespräche laufen vertraulich im Hintergrund. Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir mehrgleisig fahren, uns auf unsere Basis verständigen, damit wir gemeinsam stark sind. Ich sehe den Verband hier in großer Verantwortung und Pflicht, zumal er durch sein mittlerweile ehrwürdiges Alter über eine hohe Reputation und Sprachmacht verfügt.

Lassen Sie uns ein bisschen hinter die Kulissen blicken: Was waren die großen Herausforderungen, vor denen Sie und der Verband damals standen?

Jede Zeit hat ihre eigenen Probleme und Herausforderungen, das wissen wir als Historiker*innen nur zu genau. Ich würde sagen, dass das Wissenschaftssystem seit mehr als zehn Jahren zunehmend Richtung Abgrund taumelt. Meiner Meinung nach bräuchte es einen grundlegenden Kultur-, Mentalitäts- und Strukturwandel, um wieder eine Balance herzustellen. Nicht alle werden damit glücklich werden, aber wenn wir nicht mutig etwas Neues ausprobieren, weiß ich nicht, wohin es laufen wird. Dies zu erkennen, anzumahnen, nach Lösungen zu suchen, Gespräche zu initiieren, Mitgliedern Gehör zu verschaffen, das ist das Lobbying, das ich oben meinte.

Ich selbst stand lange vor der Herausforderung, die vielfältigen Aufgaben der Geschäftsführung mit einer recht dünnen Personaldecke zu stemmen. Ich habe lange Zeit von der Bleistiftbestellung über Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Mitgliederpflege, Buchhaltung, Gremienbetreuung, strategischer Beratung, Historikertagsvorbereitungen, enorm vielen Dienstreisen und vielem mehr mit ein bis zwei Hiwis allein geschultert. Sehr froh war ich deshalb, als Dr. Kristina Matron ins Team gekommen ist, mit der ich unglaublich gerne zusammengearbeitet habe. Sie hat sich neuen Herausforderungen zugewandt und auch ich werde mich im Laufe dieses Jahres zurückziehen und den Verband nur noch beratend begleiten. Dem Team in der Geschäftsstelle, das den Verband in der Übergangszeit zusammengehalten hat, gilt mein großer Dank, denn ein Jahr im Ausland zu leben und zu arbeiten, bedeutet loszulassen. Und das ist, wie Sie sich vielleicht vorstellen können, nicht immer leicht. Dass ich nun gar nicht mehr zurückkehre, schmerzt mich sehr, gleichzeitig sind Wechsel in derartigen Positionen für Institutionen auch wichtig.

Sie haben sechs Historikertage intensiv begleitet und mitorganisiert, unzählige Vorstands- und Ausschusssitzungen miterlebt und zahlreiche Initiativen und Veranstaltungen mit angestoßen. Wenn Sie heute auf Ihre Zeit als Geschäftsführerin zurückblicken: Was lief gut und was eher weniger?

Das könnte eine längere Liste werden auf beiden Seiten, aber auch hier will ich mich kurzfassen: Die Arbeit mit den verschiedenen Vorständen und den Mitgliedern hat mir extrem großen Spaß gemacht, weil wir zusammen so viele Dinge entwickeln und anstoßen konnten. Dafür möchte ich mich bei allen herzlich bedanken! Jeder und jede einzelne Vorsitzende hat eine eigene Agenda mitgebracht, was in seiner oder ihrer Amtszeit passieren sollte und für mich war es sehr bereichernd, daran mitzuwirken.

Das Feedback, das ich von den Mitgliedern für unsere sehr serviceorientierte Arbeit bekommen habe und das nur mit meinem Team in der Geschäftsstelle möglich war, hat mir viel Kraft gegeben, wenn die Arbeitstage lang und länger wurden.

Im Laufe der Jahre hat sich auch meine Agenda gefestigt, den Dialog zwischen unserer Fachwelt und verschiedenen Öffentlichkeiten und Gesellschaftsbereichen zu unterstützen. Deshalb engagiere ich mich zum Beispiel sehr aktiv beim Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte und anderen Initiativen.

Und wenn Sie nach vorne schauen: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen und vielleicht auch Chancen, vor denen das Fach und der Verband künftig stehen werden?

Wir leben in einer Zeit der absoluten Beschleunigung und hochgradigen Vernetzung. Die Digitalität hat uns alle in einen so tief greifenden Medienwandel gestürzt, der sichtbare Auswirkungen auch auf die Universitäten und unser Fach hat. Ich meine das positiv und negativ zugleich. Hier einen Weg zu finden, wird unser Fach und damit den Verband noch lange beschäftigen.

Wie bereits angedeutet, steht das deutsche Wissenschaftssystem aus meiner Sicht an einem Scheideweg. Es sind sehr viele einflussreiche Player und Stakeholder an einen Tisch zu bringen, um neue Weg zu beschreiten. Ob das gelingen kann und sich ein Konsens einstellt, bleibt zu hoffen. Dass der Verband hier eine starke Stimme ist und sein sollte, versteht sich für mich von selbst.

Innerhalb der tiefgreifenden gesellschaftlichen wie politischen Veränderungen der letzten Jahre und Jahrzehnte, die vielerorts leider mit einer erhöhten Wissenschaftsskepsis einhergehen, muss Geschichte, also unser aller Geschichte, die uns als Gesellschaft prägt, ein zentraler Pfeiler der Orientierung sein.

Auch der Historikertag, das zum Abschluss, wird sich in den kommenden Jahren neu aufstellen müssen, um mannigfaltigen Veränderungen, aber auch strukturellen Problemen zu begegnen. Denn der Historikertag ist aufgrund seiner hohen Sichtbarkeit im deutschsprachigen wie internationalen Raum eine einzigartige Institution, die den Austausch zwischen unserem Fach und der Politik – und dabei hebe ich nicht nur auf die Wissenschaftspolitik ab – sowie verschiedenen Öffentlichkeiten herstellen und moderieren kann. Er ist eben mehr als nur der größte geisteswissenschaftliche Kongress Europas.

Der VHD wird in diesem Jahr 125 Jahre alt. Haben Sie besondere Geburtstagswünsche?

Ich wünsche dem Verband und uns allen weiterhin beste Gesundheit, Agilität, Offenheit und Kompromissbereitschaft.

Werden Sie es hinkriegen, Ihre / n Nachfolger / in nicht jeden Tag anzurufen?

Wenn er oder sie mich nicht jeden Tag anruft, dann schaffe ich das. Loslassen können ist, wie schon gesagt, eine Herausforderung, aber notwendig. Ich stehe dem neuen Team gerne zur Seite, aber auch auf mich warten neue Aufgaben. Und so wünsche ich dem neuen Team der Geschäftsstelle sowie dem Verband von Herzen alles Gute und bedanke mich für die stets so vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Vorstand, Ausschuss und den vielen Tausend Mitgliedern, die meine Arbeit in der letzten Dekade begleitet haben.

Liebe Frau Hilgert, haben Sie vielen Dank für das Interview. Für Ihre Zukunft wünschen wir Ihnen alles erdenklich Gute! 

Das Interview fand im Juni 2020 statt.

Bildnachweis

Schader-Stiftung

Nora Hilgert

Nora Hilgert (geb. Helmli), studierte zwischen 2001 und 2007 an der Universität Hamburg Geschichtswissenschaften, Neuere deutsche Literatur und Medienkultur. 2008 nahm sie ein Promotionsstudium auf und wurde 2011 mit einer Arbeit über die Fernsehkriminalreihen »Stahlnetz« und »Blaulicht« an der Universität Hamburg bei Prof. Dr. Axel Schildt und Prof. Dr. Dorothee Wierling promoviert. Von 2009 bis 2020 war sie als Geschäftsführerin des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e. V. tätig. Seit 2011 gehört sie dem Beirat des »Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte« an. Von 2014 bis 2019 war sie Schatzmeisterin des Fördervereins »Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte«. In den Jahren 2017 und 2018 fungierte sie als wissenschaftliche Koordinatorin des Festivals. 2019 / 20 war Nora Hilgert beim VHD beurlaubt und am DHI Washington tätig. Dort übernahm sie vertretungsweise die Abteilung für Strategie und Wissenschaftskommunikation .