Matthias Berg |

Die Nervosität stieg, je näher die Tagung rückte. Er sehe, bekannte der Grazer Historiker Hans von Zwiedineck-Südenhorst, den »Verhandlungen nicht ohne Bangen entgegen, wir werden nicht zu wenig, aber sehr disparate Teilnehmer vor uns haben. Doch jetzt hilft kein Bedenken, es ist vielmehr alles daran zu setzen, daß wir uns nicht blamieren«.1  Wir wissen heute, dass diese Bedenken sich als unnötig erweisen sollten. Der erste deutsche Historikertag war keine Blamage, im Gegenteil, trotz anfänglichen Zweifels mancher Fachkollegen wurde eine Tagungsreihe begründet, die selbst die Verwerfungen des »Zeitalters der Extreme« überstehen und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem überaus zuverlässigen Tagungsrhythmus finden sollte, der – durch SARS-CoV-2 – nach Jahrzehnten erstmals in diesem Jahr wieder unterbrochen werden musste. 

Wenige Wochen vor dem besorgten Brief Zwiedineck-Südenhorsts hatte eine Gruppe süddeutscher Historiker zum ersten Mal zu einer Versammlung der deutschen Historiker aufgerufen, die Ende September 1892 in München stattfinden sollte. Die Erfolge dieser Initiative haben die Aufmerksamkeit der Fachgeschichtsschreibung erhalten, ebenso die Herausforderungen, die auf diesem Weg zu überwinden waren.2 Doch kämpften die Männer – Frauen partizipierten bis in die 1920er-Jahre an den Historikertagen allenfalls als Besucherinnen – der ersten Stunde nicht nur mit der Ablehnung der einflussreichen Berliner Historiker, mit manchen Zweifeln am eigenen fachlichen Rang oder einem als »abgelegen« empfundenen Tagungsort. Dies habe jedoch, vermerkte der Leipziger Wilhelm Arndt, in »unserem Zeitalter der Eisenbahnen […] nicht viel zu sagen«, es werde den Besuch kaum mindern. Im anvisierten Tagungsmonat September allerdings war der Optimismus Arndts verflogen, er könne sich »nicht entschließen in so kritischer Zeit Frau und Kinder zu verlassen« und sagte seine Teilnahme am Historikertag ab.3 

Zweifel

Arndt hatte es nicht als nötig empfunden, den eigentlichen Grund seiner Absage zu benennen, es musste sich um ein allgemein bekanntes Vorkommnis handeln, das auch die dramatische Formulierung rechtfertigte. Bereits Ende August hatte sich Zwiedineck gezwungen gesehen, sein Lob für das vom Münchner Felix Stieve zusammengestellte Programm mit einem Wunsch zu verbinden: »Wenn es nur auch zur Ausführung kommt!« Denn unterdes hatte, fügte Zwiedineck hinzu, die Cholera »ihren Einzug in Hamburg gehalten«, er zweifle nicht, dass »sie den Weg durch Europa nimmt«. Allerdings fürchtete Zwiedineck weniger die bedrohliche Krankheit als ihre Folgen: »Sollte die Intensität ihres Auftretens ebenfalls wachsen, so werden wir den Historikertag kaum abhalten, denn dann dürften sehr viele bereits geschehene Anmeldungen zurückgezogen werden.«4

In der Tat war die seit dem Sommer 1892 sich in Hamburg ausbreitende Cholera-Epidemie, vor allem aufgrund ungenügender hygienischer und baulicher Zustände in der Hansestadt, zusehends außer Kontrolle geraten.5 Schulschließungen und Versammlungsverbote folgten, Verkehr und Handel kamen zum Erliegen, und auch im einigermaßen entfernten München wuchsen die Zweifel. Die Versammlung werde »wahrscheinlich wegen der Choleragefahr kaum […] abgehalten werden können«, mutmaßte der Münchner Gymnasialprofessor Johannes Nicklas, welcher als Redner für die Hauptdebatte des Historikertages um den Geschichtsunterricht vorgesehen war.6

Allerdings teilte nicht jeder Historiker diese Sorge. Ludwig Quidde, der zu den fünf Erstunterzeichnern des Aufrufes zum Historikertag gezählt hatte, überzog seine Mitstreiter mit Spott: »Soeben habe ich – noch nach Empfang Ihrer vom Benachrichtigungs-Bacillus inspirierten Karte – eine große Portion unseres Lieblingsgerichtes Gurkensalat mit einer Maß Bier vertilgt und mich dann an Birnen und Weintrauben delectiert. Das könnte auch als eine Antwort gelten, aber freilich war die Logik schwach.« Da es, fügte Quidde hinzu, jedoch »viele ängstliche Leute« gebe und »das Risico weiterer Ausdehnung der Cholera« vorhanden sei, müsse man sich wohl vertagen. Er selbst würde diese Entscheidung noch verzögern, eine »instinctive Ahnung« gebe ihm Hoffnung auf ein Abebben der Epidemie: »Vermutlich aber werden Sie sofortige Absage vorziehen?«7

Absage

Man mag sich lebhaft vorstellen, welchen Anklang Quiddes Spott bei seinen in der Verantwortung stehenden Kollegen fand, seine Einschätzung der Lage jedenfalls teilten sie nicht. Am 7. September 1892 informierte Stieve in einem Zirkular, dass man angesichts der »Choleragefahr« für dieses Jahr auf die Abhaltung der Versammlung verzichte, nicht zuletzt das »Beispiel zahlreicher anderer Vereinigungen« rate dazu. Am Vorhaben selbst aber halte man unbedingt fest und plane, die Versammlung dann eben im kommenden Jahr stattfinden zu lassen.8 Mit Zuversicht reagierte der Grazer Althistoriker Adolf Bauer auf diese Nachricht, vielleicht gelinge es »in der Zwischenzeit die Kreise, die sich bisher ferne gehalten haben, noch für die Sache zu gewinnen«.9

Für den im April 1893 tatsächlich in München »nachgeholten« ersten Historikertag sollte dies noch ein Wunsch bleiben, es brauchte einige Zusammenkünfte, bis sich die »Zunft« der deutschen Historiker tatsächlich in ihrer gesamten Breite versammelte. Nachhaltigen Eingang in die Institutionsgeschichte fand die dem letzten größeren Ausbruch der Cholera in Deutschland geschuldete Verschiebung des ersten Historikertages indes nicht. Erst die Ereignisse des Jahres 2020 und die Verschiebung des 53. Historikertages – erneut in München – weckten das Interesse. Handelte es sich mithin lediglich um eine Episode, hatten allein »des Schicksals Mächte«10 den Historikern übel mitgespielt?

„Die Choleragefahr lässt es geboten erscheinen, auf die Abhaltung der von uns nach München berufenen Historiker für dieses Jahr zu verzichten“ – Zirkular von Prof. Dr. Felix Stieve vom 7. September 1892.

Auswirkungen

Zunächst fällt der Niederschlag der zeitgenössischen Herausforderung in der Sprache der Beteiligten auf. Nicht nur der spöttelnde Quidde schrieb von einem »Bacillus«, auch Karl Lamprecht widersprach dem Dresdner Archivar Hubert Ermisch – nur einen Tag nach Erhalt der Absage – vielsagend: »Sollte Sie da nicht der Below-Schäfer-Bacillus aufgesucht haben?«11 Der konfliktfreudige Lamprecht zählte zu jenen Fachkollegen, welche sich zwischen dem ersten Aufruf vom Mai 1892 bis zur tatsächlichen Zusammenkunft fast ein Jahr später vom vorsichtigen Zweifler zum engagierten Unterstützer des Historikertages entwickelten. Andere wie der Österreicher Alfons Dopsch kamen der Versammlung vorerst abhanden. Für den September 1892 hatte sich Dopsch angemeldet, im April 1893 war er verhindert, aus demselben Grund wie sein Wiener Kollege Engelbert Mühlbacher: Für Anfang April waren auch die »Sitzungen der Centraldirektion der Monumenta Germaniae in Berlin« angesetzt.12

Konkurrierende Veranstaltungen prägten die frühe Tagungsgeschichte. Erst nach einiger Zeit konnte der Historikertag sich etwa gegen die Generalversammlungen des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine durchsetzen. Anderen Mitbewerbern vermochten sich die deutschen Historiker dauerhaft nicht zu stellen. Demütig hatte Wilhelm Arndt im September 1892 die Absage der ersten Versammlung deutscher Historiker einzuordnen versucht: »Unserem bescheidenen Tage wird das Los bestimmt sein, welches seinen stattlicheren Genossen schon gefallen ist; der Juristentag ist abgesagt«.13

Knapp zwei Jahrzehnte darauf brauchte es keine Epidemie. Der für den Herbst 1912 drohenden Kollision des Historikertages mit dem Juristentag in Wien ging man von vornherein aus dem Wege, andernfalls, so der Verbandsvorsitzende Emil von Ottenthal, setze man sich einer »wahrhaft erdrückenden Konkurrenz« aus.14 Doch nicht nur der Wettbewerb, sondern auch die Nähe der sich konstituierenden Disziplinen sorgte für terminliche Konflikte: Nach dem Zurückweichen des ersten Historikertages vor der Cholera-Epidemie verwies der Innsbrucker Rudolf von Scala darauf, dass der »Philologencongress« im September 1893 in Wien tagen werde und bat im »Namen der meisten Althistoriker […], das Zusammentreffen zweier Congresse zu vermeiden«.15

Historikertage und Verband

Wenn auch der Ausbruch der Cholera-Epidemie weder einer höheren Macht und noch der Entwicklung der deutschen Geschichtswissenschaft geschuldet war, so erlaubt die Absage des ersten Historikertages doch einen Ausblick auf den Ort der Versammlungen – wie auch des 1895 zwecks ihrer Veranstaltung gegründeten Verbandes Deutscher Historiker – im weiteren wissenschaftlichen Feld.

Die deutsche Geschichtswissenschaft war, als sich Zwiedineck, Stieve und andere an ihre Fachgenossen mit dem Aufruf zur Versammlung wandten, institutionell vergleichsweise fest etabliert: in den Historischen Seminaren, in außeruniversitären Forschungskommissionen und in einem Publikationsmedium wie der Historischen Zeitschrift. Die Historikertage und der Verband hatten deshalb um ihren Ort zu kämpfen, und manche der etablierten Historiker sahen zunächst wenig Anlass, der unliebsamen Konkurrenz den Weg zu bahnen.

Zugleich erzeugte die Idee des Historikertages, der Wunsch von vielen »an der Geschichte Interessierten« nach einem grundsätzlich offenen und pluralen Diskussionsforum, auch im Schatten der Cholera-Epidemie genügend Sogwirkung, um den frühen Rückschlag zu überwinden und im April 1893 mit dem ersten Historikertag in München zwar nicht alle Widerstände – Absagen sollten die Versammlungsgeschichte fortan begleiten – hinter sich zu lassen, aber den Grundstein für eine Entwicklung zu legen, die auch mehr als 125 Jahre danach nicht an ihr Ende gelangt ist und den optimistischen Blick Wilhelm Arndts vom Sommer 1892 bestätigt: »Aber – aller Anfang ist schwer! Und so wollen wir uns für diesmal noch nicht allzugroßen Illusionen hingeben, vielleicht lässt die Zukunft uns mehr erstarken.«16 

Fußnoten

1 Hans von Zwiedineck-Südenhorst an Felix Stieve, 19.6.1892, Historisches Archiv der Stadt Köln (folgend HAStK), X-Best. 1052, A 25.

2 Vgl. zuletzt Matthias Berg, Institutionalisierung als Pluralisierung (1893 – 1900), in: ders., Olaf Blaschke, Martin Sabrow, Jens Thiel, Krijn Thijs, Die versammelte Zunft. Historikerverband und Historikertage in Deutschland 1893 – 2000, Göttingen 2018, S. 27 – 92, hier S. 29 – 41.

3 Wilhelm Arndt an Felix Stieve, 16.5.1892 und 5.9.1892, HAStK, X-Best. 1052, A 25.

4 Hans von Zwiedineck-Südenhorst an Felix Stieve, 27.8.1892, ebd.

5 Richard J. Evans, Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830 – 1910, Reinbek 1990.

6 Johannes Nicklas an Felix Stieve, 29.8.1892, HAStK, X-Best. 1052, A 25.

7 Ludwig Quidde an Felix Stieve, 5.9.1892, ebd.

8 Das Zirkular ist u. a. im Nachlass Ludwig Quiddes überliefert, vgl. Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, LG D 23.

9 Adolf Bauer an Felix Stieve, 9.9.1892, HAStK, X-Best. 1052, A 25.

10 Wilhelm Arndt an Felix Stieve, 5.9.1892, ebd.

11 Karl Lamprecht an Hubert Ermisch, 9.9.1892, Sächsische Landes-, Staats-und Universitätsbibliothek Dresden, NL Hubert Ermisch Bd. 11,5. Gemeint waren Lamprechts Widersacher Georg von Below und Dietrich Schäfer.

12 Alfons Dopsch an Felix Stieve, 21.8.1892 und 28.1.1893; Engelbert Mühlbacher an Felix Stieve, 9.2.1893, HAStK, X-Best. 1052, A 25. Der Verband Deutscher Historiker beanspruchte die Vertretung aller deutschsprachigen Historiker, ihm gehörten deshalb auch die österreichischen Kollegen bis 1945 an, zudem Historiker aus der Schweiz, diese jedoch in sehr viel geringerem Umfang und vorwiegend bis 1914.

13 Wilhelm Arndt an Felix Stieve, 5.9.1892, ebd.

14 Vgl. Berg u. a., Die versammelte Zunft, S. 146 f.

15 Rudolf von Scala an Felix Stieve, 15.9.1892, HAStK, X-Best. 1052, A 25.

16 Wilhelm Arndt an Felix Stieve, 25.6.1892, ebd. 

Matthias Berg

Matthias Berg ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Autor des ersten, vom Deutschen Kaiserreich bis zur Gründung der Bundesrepublik reichenden Teils von »Die versammelte Zunft. Historikerverband und Historikertage in Deutschland 1893 – 2000« (Göttingen: Wallstein 2018).