Ein Interview über das Onlinesemester an der Universität Oslo mit Kim Christian Priemel |

Lieber Herr Priemel, Sie sind seit 2016 Professor für Europäische Zeitgeschichte an der Universität Oslo. Wie vermutlich die allermeisten Hochschullehrer*innen lehren auch Sie zurzeit auf Distanz. Vermissen Sie den Hörsaal oder den Seminarraum schon?

Wie üblich weiß man erst hinterher, was einem fehlt. Unser Institut stellte Mitte März – das entspricht hier der Semestermitte – auf virtuelle Lehre um. Seither befinde ich mich im Zoom-Exil und wünsche mir den Campus Blindern¹ und seine Seminarräume zurück – das aber, so die letzte Ansage aus dem Rektorat, wird auch im Herbst nur teilweise möglich sein.

Welche Themen lehren Sie in diesem Semester?

Ein Mastereinführungsmodul zu Historischer Theorie und Disziplingeschichte, das Vorlesung und Seminar kombiniert, sowie ein Masterseminar zu »Global Encounters«, eine Mischung aus Migrations-, Ideen- und Wirtschaftsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Hinzu kommen verschiedene Betreuungsformate für BA- und MA-Kandidaten.

Macht es aus Ihrer Erfahrung einen Unterschied, ob Sie im analogen oder virtuellen Raum lehren?

Die Unterschiede sind qualitativer wie quantitativer Art. Zum einen führt die Mittelbarkeit der Gesprächssituation zu einem Verlust an Spontaneität und Intensität: Es wird weniger diskutiert, weniger gefragt, weniger widersprochen, und der Humor leidet auch. Zum anderen ist die Anwesenheit rückläufig, wenigstens dort, wo sie nicht verpflichtend ist. Und zum dritten stellt sich im gekachelten Zoom-Labor unweigerlich das Phänomen der décalage ein: Unwilliges Gerät, Übertragungsprobleme und die fortwährende Navigation zwischen Konferenzansicht, Lektüre, Notizen und Powerpoint verzögern und unterbrechen das Sprechen wie auch das Denken. Am Ende erreichen die Seminare nicht dieselbe intellektuelle Tiefe, wie man sie sich in der Lehre wünscht und an guten Tagen auch erreicht.

Welche Formate und Medien setzen Sie zur digitalen Lehre, Betreuung und Prüfung ein und welche Erfahrungen machen Sie damit?

In den »Global Encounters« habe ich im Wesentlichen versucht, die Seminarsituation mithilfe von Zoom virtuell zu replizieren, mit durchwachsenem Erfolg. Ich arbeite nun mehr mit integriertem Powerpoint, um die häufigeren Gesprächslücken zu schließen; breakout rooms, in denen kleinere Gruppen gebildet werden, helfen auch. Die gerade anlaufende Betreuung der Hausarbeiten erfolgt über schriftliche Skizzen und E-Mail-Feedback durch mich. Im Theoriemodul verläuft etwa die Hälfte der Veranstaltung über Zoom-Seminare, zu den anderen Terminen treffen sich die Studierenden in Kleingruppen zur Textdiskussion und reichen dann drei- bis vierseitige Essays online ein, auf die sie von mir ebenfalls online Rückmeldung erhalten. Das ist sehr arbeitsintensiv, aber erkennbar ertragreich. In der Bachelor- und Masterarbeitenbetreuung (die von der Benotung getrennt ist) kombiniere ich die Korrekturmodi von Word und Acrobat mit Gruppentreffen auf Zoom, wo in einer Art Oberseminar Kapitelentwürfe diskutiert werden.

Wie sind die Reaktionen Ihrer Student*innen auf die von Ihnen eingesetzten digitalen Formate und Werkzeuge?

Ein wenig überrascht hat mich die Neigung zur Schriftlichkeit, hatte ich doch angenommen, ich sei der Anachronist. Exzerpte, Essays und Exposés werden verlässlich hochgeladen, meine Rückmeldungen werden – zumindest soweit ich das einschätzen kann – bereitwillig aufgenommen, und Fortschritte lassen sich sehr gut nachverfolgen. Noch überraschender war, wie zurückhaltend viele Studierende hingegen bei der Nutzung virtueller Formate agieren: Im Passiven, also etwa beim Herunterladen von Vorlesungen, ist das kein Problem. In der aktiven Mitarbeit aber lässt ein erheblicher Teil Kameras und Mikrofone ausgeschaltet, aus unterschiedlichen Gründen, die ich weder prüfen kann noch mag.

Dies verwandelt Seminare leicht in Vorlesungen, und breakout rooms helfen nur beschränkt. Diese verschaffen zwar mir als Dozent eine willkommene Atempause, der hinterher ins Plenum eingespeiste Ertrag spiegelt aber oft die mangelnde Tiefe der vorangegangenen Diskussion wider. Erschwerend hinzu kommt, dass viele Studierende hinter ihren schwarzen Kacheln und Profilbildern ab- oder erst gar nicht auftauchen, was die Planung von Gruppenaufgaben erschwert. Insgesamt ziehen sich die ohnehin ruhigeren Teilnehmer*innen weiter zurück, sodass jene Situation, die man aus der analogen Lehre kennt, noch gesteigert wird: Am Ende kommuniziert man mit einer Handvoll besonders engagierter oder selbstbewusster Studierender.

Ein wenig anders ist es mit der Betreuung von Masterkandidatinnen und -kandidaten: Hier sorgen kleinere Gruppen und größere Vertrautheit für durchaus produktive Treffen. Und nicht zuletzt sollte man nicht übersehen, dass die Lehrveranstaltungen für Studierende auch eine soziale Funktion haben, die einigen nicht weniger wichtig ist als die inhaltliche Dimension. Das ist vielleicht das beste Argument für die virtuelle Lehre, wenn die Alternative der Ausfall von Lehre ist.

Videokonferenz statt Seminarraum – Lehr- und Lernalltag im Onlinesemester 2020. 

Wie ist der Stand der digitalen Lehre an der Universität Oslo bzw. an den norwegischen Universitäten allgemein? Wie beurteilen Sie die technischen Voraussetzungen für die Digitalisierung der Lehre an den norwegischen Universitäten?

Mit Blick auf Ausstattung und technische Unterstützung verlief der Sprung bemerkenswert reibungslos. Mit Canvas hatten wir bereits zuvor eine variable Onlineplattform, und binnen weniger Tage bekamen wir drei bis vier Alternativen für Konferenzschaltungen an die Hand, unter denen wir nun wählen können. Das Gerät ist auch neu, die Dateninfrastruktur leistungsfähig, und nicht zuletzt gab es zahlreiche kollegiale (Selbst-)Hilfeangebote. Ein Kollege der Juristischen Fakultät, Malcolm Langford, hat quasi der halben Universität einen Zoom-Crashkurs verabreicht.

Indes sträube ich mich dagegen, dagegen, die Umstellung von analog auf digital auf virtuell in erster Linie als technisches Problem zu diskutieren. Der Gedanke, dass, was machbar ist, auch gemacht werden muss, verkennt die didaktische wie auch die wissenschaftliche Ratio universitärer Lehre. Der Primat von Creditpoints und Kennziffern hat dazu geführt, dass über Alternativen hier wie andernorts nicht wirklich nachgedacht wurde. 

Bevor Sie 2016 an die Universität Oslo wechselten, haben Sie an verschiedenen deutschen Universitäten gelehrt. Welche Unterschiede können Sie mit Blick auf länderspezifische digitale Wissens- und Lernkulturen feststellen? Sind die Voraussetzungen in Norwegen andere als in Deutschland?

Wenn man die digitale Lehre nicht mit virtuellem Unterricht gleichsetzt, dann scheint mir, dass die Schwelle in Norwegen schon vor Covid-19 etwas niedriger lag. Onlineplattformen für Lehrmaterial, Prüfungsleistungen und Benotung waren obligat, mit allen Vor- und Nachteilen, die sich daraus ergeben. Aber ausgeprägt war die Differenz schwerlich. Im Zweifel scheint mir das verbindende Element einer traditionelleren Fachkultur in der Geschichtswissenschaft stärker. Einer apokryphen Erzählung zufolge soll ein älterer Kollege an der HU Berlin, in der Evaluation wegen geringen Mediengebrauchs kritisiert, entgegnet haben, er sei das Medium. Das könnte auch aus Blindern stammen.

Wenn Sie in die Zukunft schauen: Werden wir »nach Corona« wieder zum Status quo ante in der Lehre zurückkehren oder werden sich bestimmte digitale Formate, weil sie sich nun womöglich auf breiter Basis bewährt haben, auch auf Dauer durchsetzen?

Ich bin stets bereit, das Schlimmste anzunehmen. Dass wir nun zwangsvirtualisiert werden, glaube ich zwar nicht, aber dass einmal geschaffene Institutionen nicht einfach wieder abzubauen sind, ist ja keine neue Erkenntnis. Und sicher beobachten Uni-, Fakultäts- und Institutsleitungen die laufende Entwicklung sehr aufmerksam: Für welche Zwecke benötigen wir knappe Räume und für welche nicht? Was bedeuten »Anwesenheit« und »Teilnahme«? Lassen sich mit Vorlesungspodcasts Lehrdeputate neu berechnen? – Dabei hilft, dass rhetorisch bislang ein gewisser Enthusiasmus darüber dominiert, dass selbst wir Geisteswissenschaftler*innen das mit dem Internet irgendwie hinbekommen: Das verleiht dem Trend Momentum. Man muss nicht reflexhaft Holzschuhe in die Maschinerie werfen wollen, aber mir wäre es lieber, wir würden erst einmal darüber sprechen, was denn eigentlich »bewährt« und »in der Breite« bedeuten – und welche Alternativen denkbar sind. Dass dies im spontanen Krisenmodus notgedrungen zu kurz kam, kann für die langfristige Planung kein Argument gegen eine gründliche Diskussion sein.

Vielen Dank!

Das Interview fand im Frühsommer 2020 statt. Herr Priemel hat die Fragen der Redaktion schriftlich beantwortet.

Fußnoten

¹ Blindern ist ein Stadtteilgebiet im Osloer Norden, das vor allem die Gebäude der Universität Oslo beheimatet.

Bildnachweis

Wikimedia Commons/Politecnico di Milano

Kim Christian Priemel

Kim Christian Priemel ist Professor für Europäische Zeitgeschichte an der Universität Oslo. Von 2007 bis 2016 lehrte und forschte er an der Europa-Universität Viadrina, der Humboldt-Universitität zu Berlin, der Universität Cambridge und am Centre for European Studies der Harvard University.