Gastbeitrag von Petra Gehring |

Wie vielgestaltig der digitale Wandel ist und wie tiefgreifend er die Forschung verändert, dürfte historisch arbeitenden Geisteswissenschaftler*innen besonders vor Augen stehen.

Denn erstens sind die Geisteswissenschaften notorisch methodenkritisch, zweitens ist der historische Vergleich (und damit: Wandel, auch Wandel von Wissen) ihr ureigenstes Element, drittens spüren sie das Prekäre des Wissens täglich – wie auch die Verletzlichkeit des Wissenschaftssystems insgesamt: Nichts als die Selbststabilisierung einer umfassenden Dokumentations- und Methodenkultur garantiert, dass Forschung im wissenschaftlichen Sinne gute Forschung ist. Denn Wissenschaftlichkeit gewinnt man weder bloß durch imposanten Maschineneinsatz, noch ist Wissenschaft einfach Herumarbeiten auf Daten oder eine unternehmerischen Akzeptanzkalkülen folgende »Innovation« auf Probe. 

Dies alles wissend, sehen wir digitale Darstellungsformen vertrauter Gegenstandswelten oder aber born digitals, wir gehen mit ihnen um, wir schreiben, lesen, publizieren und begutachten digital (jeweils nicht ausschließlich, aber viel), wir telekommunizieren mit Kolleg*innen mittels Dateiversand und Kollaborationsplattformen, wir erstellen digitale Präsentationen zu Vorträgen, und wir experimentieren mit dem Einsatz diverser Software, etwa Datenbanksystemen, Datenanalytikprogrammen (zum Beispiel zu Textdaten, Sozialdaten, Geodaten, Materialproben), Visualisierungstools und anderem mehr. Zudem müssen wir lernen, mit automatisierter Bibliometrie und weiteren Formen des digitalen Monitorings und Rankings unseres Tuns zu leben. Denn auch die Wissenschaftsbewertung und die Bewirtschaftung von Forschungsressourcen haben sich digitalisiert. Wissenschaftsmanager*innen verwenden Digitaltechnologie einerseits gern. Andererseits erleben wir auch – und das scheint keine Fehlwahrnehmung zu sein –, dass wir durch digitale Sach-und Machzwänge zunehmend zu improvisierten Formen der Steuerung getrieben werden.

Dazulernen. Aber was?

Und die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst? Was unbedingt gefragt ist, wird gern als Erwerb von Digitalkompetenz beschrieben: zugehen aufs Neue, lernend, ausprobierend, passend zu den eigenen Forschungsbaustellen. Darüber hinaus hat sich der sprichwörtliche Schreibtisch längst ja in eine Art Cockpit verwandelt, dessen Schnittstellen sich rasch wandeln und eine Fülle neuer (zumeist informell angeeigneter) Fertigkeiten fordern. Aber Klicken können ist nicht alles. Vielmehr werden auch – zumal in den historisch arbeitenden Geisteswissenschaften – eine vorausschauende Urteilskraft hinsichtlich des »Ob überhaupt« und »Wann« eines Griffs zum digitalen Tool sowie neue Formen der Methodenreflexion gebraucht.

Urteilskraft – das meint gerade in den ohnehin mit gemischten Heuristiken arbeitenden Fächern (wie in den historischen Geisteswissenschaften klassisch der Fall) die oft entscheidende Frage im Auge zu behalten, wo der Einsatz digitaler Werkzeuge überhaupt nützlich ist und wo nicht. Nicht nur, weil digitale Verfahren, die etwas taugen, aufwendig sind, sondern auch, weil sie zur Forschungsfrage wirklich passen sollten, gilt: Eine gewisse Trendresistenz kann klug sein. Gute digitale Dienste reifen womöglich erst über Generationen (Softwaregenrationen? Menschengenerationen?) heran. Ebenso gilt es im Auge zu behalten, ob digitale Lösungen tatsächlich zusätzliche Möglichkeiten schaffen, unseren Handlungsradius durch ein zusätzliches Mittel der Wahl zu bereichern, oder ob ein digitaler Pfad einen analogen alternativlos ersetzen soll – und womöglich bloß im Sinne eines Billigangebotes. Urteilskraft bedarf auch die Entscheidung, inwieweit man einen Plattformanbieter durch die Überlassung von Kopien der eigenen Daten bezahlen will.

Anders gesagt: Digitales Arbeiten ist nicht nur eine Frage von technischem Können. Vielmehr fordern die »neuen Möglichkeiten« eine neue Aufmerksamkeit für den gesamten Prozess und den Prozesssinn von Forschung. Digitalität ist kein Selbstzweck – dies ist genauso zu beherzigen wie der Appell, sie als Chance zu nutzen. Oft stehen den neuen Möglichkeiten auch neue Unmöglichkeiten entgegen. Daher ist gerade in Fächern, in welchen nicht Zusatzmilliarden für Zwecke des digitalen Experimentierens fließen, Umsicht und Klugheit gefragt.

Methodenreflexion – eigentlich eine der Kernkompetenzen gerade der historisch-hermeneutischen Wissenschaften wie der Geschichtswissenschaft überhaupt. Aber seltsamerweise konnte der digitale Umbruch bisher noch nicht in hinreichendem Maße Methodendebatten initiieren, jedenfalls ist dies der Eindruck, den ich als Philosophin habe: In Forschungsfeldern, die sich digitalisieren, gibt es eine Art Autoquartett-Effekt: einen Überhang an Austausch über Tools. Man vergleicht Hubraumgrößen, Hersteller, look-and-feel. Was fehlt, ist der Bezug zu »echten« Forschungsfragen und auch zu den großen Methodendebatten.

Ich nenne ein Beispiel aus dem philologischen Bereich: In Deutschland zirkuliert – auch im internationalen Vergleich – ungewöhnlich viel Geld für digitale Editionen. Warum aber werden diese in Form vereinzelter Langzeitprojekte zu mehr oder weniger kontingent aufgebrachten Höhenkamm-Autoren ohne eine hinreichend breite, hinreichend frische Diskussion über eine methodische Erneuerung des Editionswesens (in Zeiten, in denen alles zu »Daten« geworden ist) vergeben? Als hätte es eine Debatte über Wissensordnungen, Zeitschichten, Begriffsnetze und Diskurse nie gegeben, werden traditionelle Autoren-Werkausgaben produziert – und einen Mehrwert durch Digitalität demonstrieren dann beispielsweise aus den Sozialwissenschaften importierte Netzwerk-Graphen (wer hatte zu wem Kontakt?) oder verlinkte Bilder. Es mag Gründe geben, so vorzugehen. Reflexion meint aber: Digitalität darf nicht die langen Linien der Methodenentwicklung der Fächer ignorieren. Denn eben wenn alles so ungemein »neu« daherkommt, fehlt womöglich zu den Evolutionslinien der Fachlichkeit selbst der nötige Kontakt. Mir scheint daher: Gerade wenn wir in einem epochemachenden Umbruch stecken, müssen in den historisch arbeitenden Geisteswissenschaften intensive Methodendebatten das (hoffentlich ausgiebige) Erproben digitaler Verfahren begleiten. Und wie gesagt: Fachliche Methoden und Werkzeuge zur Arbeit »auf Daten« sind zweierlei.

Handlungsfähigkeit dringend gesucht – Fachgemeinschaften »2.0«?

Aus dem Gesagten sowie aus der enormen Geschwindigkeit der Fortentwicklung digitaler Produktwelten ergibt sich: Der digitale Wandel macht etwas nötig, was die Wissenschaft in ihrer heutigen, breit ausdifferenzierten Verfasstheit ganz besonders herausfordert. Verstärkte Anstrengungen in der Selbstorganisation der Fachgemeinschaft(en) müssen den Austausch sichern. Hat der digitale Wandel für Überforderung gesorgt, dann ist Passivität keine gute Antwort. Es ist geboten, sich zusammenzutun und die eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen – sonst handeln andere. Und im Zweifel bleibt man auf kommerziellen Lösungen sitzen, die für fach- oder sogar wissenschaftsfremde Zwecke optimiert sind.

Damit kommt das I-Wort ins Spiel: »Informationsinfrastrukturen«. Ein Merkmal von digitalen Infrastrukturen ist, dass in ihnen – je anspruchsvoller sie sind – unmittelbar forschungsrelevante Entscheidungen verbaut sind. Da lässt sich nichts mehr so ohne Weiteres delegieren. Das heißt arbeitspraktisch: Alte Grenzen, etwa zwischen Sammlungen, Bibliotheken, Hilfswissenschaften (oder bloßen Zuarbeiten aus der Informatik) und der »Forschung selbst« lösen sich auf. Das Parallelstück zu Methodendiskursen, Digitalität betreffend, sind Infrastrukturdiskurse – und zwar möglichst eng mit den Methodenfragen verbunden. Hier wie dort müssen viele neue Stühle an den Tisch.

Die Aufforderung, sich zu engagieren, ergeht in ganz besonderem Maße an die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst, und sie hat auch einen im engeren Sinne politischen Zug: Es müssen keine Abwehrkämpfe geführt werden, aber ein wenig Notlagensemantik scheint mir erlaubt: Gerade die kreativ verzweigten historisch arbeitenden Geisteswissenschaften sollten dringend – über das eingespielte Vereinswesen mit Webpage hinausgehend – zu neuen Formen einer Handlungsfähigkeit kommen. Der NFDI-Prozess bietet in Deutschland hierfür handfeste Chancen, sofern man die NFDI-Konsortienbildung nicht unverbundenen Protagonisten überlässt, das Ganze nicht bloß technisch auffasst und stattdessen fachlich ausdiskutiertes Unterscheiden, Methodenkommunikation sowie Aktivierung und Partizipation in den Fokus nimmt.

Statt eines Fazits

Der digitale Wandel ist über die Jahrzehnte hinweg in Schüben verlaufen. Zunächst hatte er Züge eines Medienbruchs, denn es war die Kommunikation, die digital wurde: Man sprach von »digitalen Medien«. Dann folgten Methodenbrüche: Arbeit mit Massendigitalisaten, statistische Verfahren, Visualisierungen, automatisierte Auswertungswerkzeuge boten sich zur Nutzung an. Stichworte lauten Big Data und Quantifizierung. Ein dritter Schub – die umfassende Kommerzialisierung von Datendiensten und ganzen wissenschaftlichen Prozessketten – sucht sich inzwischen ebenfalls seine Bahnen. Hier lauern nicht nur Qualitätsgefahren, sondern Abhängigkeiten. Wie mit der in den Geisteswissenschaften vielleicht in letzter Minute noch umkehrbaren Oligopolbildung im Verlagswesen umgehen? Wie künftig Datenzugänge sichern? Publikum erreichen? Jedenfalls, so scheint mir, befähigt die einmalige Methodenkultur historisch arbeitender Geisteswissenschaften sowohl zu mehr Selbstorganisation als auch zu gewitzter Kommunikation und robustem Auftreten in schwieriger Lage. Allerdings müssen Knöpfe für neue Zündstufen gefunden werden. Weiter so und zurücklehnen? Nein, derzeit nicht.

Fußnoten

1 So etwa bei Maßnahmen wie dem in Europa initiierten »Plan S«, den ebenfalls europäisch angelegten Projekten »EOSC« und »GAIA-X« oder dem in Deutschland gestarteten, riskanten Lizenzregime des Projektes »DEAL«.

Bildnachweis

Electronical Numerical Integrator and Computer (ENIAC) – Wikimedia Commons/Unknown Author

Porträt Petra Gehring/Foto: Alexander Vejnovic

Petra Gehring

Dr. Petra Gehring, *1961, Professorin für Theoretische Philosophie an der TU Darmstadt, forscht unter anderem über (auch digitale) Methoden der Geisteswissenschaften. Sie ist derzeit Vorsitzende des Rates für Informationsinfrastrukturen (RfII) der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK).