Ein Interview mit Philipp Janssen |

Lieber Herr Janssen, wie würden Sie den aktuellen Dialog zwischen der Geschichtswissenschaft oder den Geisteswissenschaften allgemein und der breiteren Öffentlichkeit beschreiben?

Ein echter Dialog mit einer breiteren Öffentlichkeit findet eigentlich nicht statt. Die Geschichtswissenschaften sind durch zahlreiche Jubiläen, zuletzt etwa zum Ersten und Zweiten Weltkrieg, öffentlich zwar durchaus präsent, die dabei üblicherweise genutzten Formate wie Podiumsdiskussionen und Vorträge sind aber weder dazu gedacht noch dazu geeignet, um wirklich in einen Dialog zu treten. Im Anschluss an solche Veranstaltungen besteht zwar in der Regel durchaus die Möglichkeit, um eine kurze schnelle Frage zu stellen, aber das bleibt zumeist – zwangsweise – oberflächlich. Darüber hinaus sind Historiker*innen natürlich auch in den Medien präsent, aber auch das bleibt zumeist wenig dialogisch. Immerhin: Die Public History tut aus meiner Perspektive einiges, um den Dialog zu verbessern, auch wenn sie mitunter innerhalb der Profession belächelt wird.

Die Themen »third mission« und Wissenschaftskommunikation spielen seit einigen Jahren eine immer bedeutendere Rolle.

Ehrlich gesagt schiele ich bei der Frage stark in Richtung der Naturwissenschaften. Seit Jahren wird dort auf einem enorm hohen Niveau kommuniziert. Da sind die Geschichtswissenschaften, no offence, weit von entfernt und ich glaube nicht, dass das mit Bordmitteln zu ändern ist. Stichworte: Überbelastung und Zeitverträge. Die Realität sieht heute leider so aus, dass Wissenschaftskommunikation in der Regel keine Pluspunkte bei der wissenschaftlichen Karriere bringt, sondern tatsächlich als Zusatzbelastung – on top – auf das sowieso schon volle Pensum hinzukommt. Seit Jahren wird ja überlegt, ob man Forschung und Lehre nicht stärker trennen sollte, um die teils immense Arbeitsbelastung der Wissenschaftler*innen zu reduzieren – da sollte man, so denke ich, dann vielleicht auch in den Geschichtswissenschaften intensiv darüber nachdenken, die Wissenschaftskommunikation als eigenständiges Tätigkeitsfeld zu etablieren, damit Historiker*innen, die dort arbeiten, immer noch nah an der Wissenschaft sind, aber das Ganze nicht nebenbei tun müssen. Das müsste natürlich auch entsprechend finanziell hinterlegt werden, denn eine professionelle Wissenschaftskommunikation gibt es nicht zum Nulltarif und die verbreitete Angst, dass für diese Aufgabe künftig einfach die Forschungsbudgets kannibalisiert werden könnten, lähmt natürlich den Enthusiasmus in diesem Feld ganz erheblich.

Was für eine Wissenschaftskommunikation würden Sie sich von Historiker*innen wünschen?

Generell würde ich mir wünschen, dass Historiker*innen sichtbarer und präsenter wären und ihre spannenden Themen viel aktiver in die Öffentlichkeit tragen würden – ob nun bei Twitter, auf YouTube oder mit einem eigenen Blog. Das findet mitunter schon statt, mir fällt aber immer wieder auf, dass die Beiträge dort in der Regel nicht dazu gemacht wurden, von einer breiteren Öffentlichkeit verstanden zu werden, sondern Fachdebatten im Digitalen sind – im Grunde also geschichtswissenschaftliche Selbstgespräche. Das hat auch mit der Ausbildung der Historiker*innen zu tun, die bislang wenig darauf ausgerichtet ist, Inhalte zielgruppengerecht so aufzubereiten, dass sie auch außerhalb der eigenen Peergroup verstanden werden.

Welche Qualitätskriterien müsste eine gelungene Wissenschaftskommunikation aus Ihrer Sicht erfüllen?

Eine gelungene Wissenschaftskommunikation schafft es, auf das entsprechende Medium abgestimmt, Dinge auf den Punkt zu bringen. Wie kann ich mein Projekt, in einem Satz, in einer Minute, in drei Minuten oder in 30 Minuten erklären? Das klingt erstmal banal, ist aber gar nicht so einfach, wenn die Großmutter mit der ersten Antwort nicht wirklich etwas anfangen kann, weil zu viel Kontext vorausgesetzt wird oder sie die genutzte Fachsprache einfach nicht versteht.

Anno PunktPunktPunkt – Der Podcast über aktuelle Forschung aus der Geschichtswissenschaft https://anno-punktpunktpunkt.de/

Sie produzieren den Podcast »Anno PunktPunktPunkt«, in dem Sie alle zwei Wochen über ein Thema aus der Geschichtswissenschaft sprechen. Was ist die Idee dahinter?

Anno PunktPunktPunkt bietet eine Bühne für Historiker*innen losgelöst von Zeitvorgaben des Radios, über ihre aktuellen Projekte zu erzählen, zu denen die Hörer und Hörerinnen, sonst eher nicht den Weg finden würde und wird sukzessive zu einem diversen Schaufenster der Geschichtswissenschaft. Nach über zehn Jahren als Podcasthörender habe ich festgestellt, dass viel über Bücher von Historiker*innen in deutschsprachigen Podcasts gesprochen wird, aber nicht mit den Historiker*innen. Daher kam die Idee, für jede Folge einen Menschen einzuladen, um sich über das aktuelle Projekt entspannt zu unterhalten und auch immer wieder hinter die Kulissen zu schauen, wie man zum Projekt gekommen ist oder wo man die Quellen gefunden hat. Um einen natürlichen Gesprächscharakter zu erhalten, schneide ich (fast) nichts.

Wie ist eine Folge aufgebaut?

Die Folgen werden von einer vorderen und einer hinteren Klammer gehalten. Den Anfang macht eine Anmoderation von mir, um dann den Gast sich selbst vorzustellen und erzählen zu lassen, wie man zu dem Projekt gekommen ist. Ich breche hier bewusst mit der Sitte, den Gast vorzustellen, weil ich jedem Gast überlassen möchte, was sie / er über sich sagt und was nicht. Da sind ja alle anders und diese Diversität ist mir sehr wichtig. Danach steigen wir ins Thema ein und hier verlassen wir den »sicheren« Pfad und die vordere Klammer. Oft gibt es noch eine Kontextualisierung, damit wir die Hörer*innen an Bord holen, um dann mit ihnen durch das Projekt zu mäandern und, ähnlich einem Bummel durch eine Einkaufsstraße, bleiben wir hier mal etwas länger, dort etwas kürzer stehen, eben so, wie sich das Gespräch entwickelt, aber ohne Fragenkatalog. Nach 50 bis 60 Minuten kommen wir dann zur hinteren Klammer, die mit den Literaturempfehlungen beginnt. Hier animiere ich die Gäste – mal mehr, mal weniger erfolgreich – dazu, eigene Texte zu empfehlen. Mir geht es darum, die Brücke zwischen dem Podcast und den eigentlichen Produkten von Historiker*innen, ihren Texten, zu schlagen, gefolgt von bis zu zwei Gastempfehlungen für meinen Podcast. Und dann sind 70 bis 80 Minuten vorbei. 

Was für ein Publikum sprechen Sie an? Welche Themen stoßen auf besonderes Interesse?

Ich möchte genau die eingangs genannten Menschen ansprechen, die an Geschichte interessiert sind. Da die Spanne dabei bekanntermaßen von der Oma bis zur Professorin reichen kann, gibt es die umfangreiche Kontextualisierung und den Blick hinter die Kulissen, um alle Hörenden abzuholen. 

Es mag wenig verwundern, dass vor allem die Themen auf besonderes Interesse stoßen, die durch Fernsehdokumentationen und Schulwissen sowieso mehr oder weniger omnipräsent sind, nämlich Zweiter Weltkrieg und NS. Darüber hinaus werde ich aber auch immer wieder überrascht – und überrasche, glaube ich, mit meinen Gästen auch die Hörenden – à la »Ach, so was gab es auch?!«

Warum eignet sich das Medium Podcast aus Ihrer Sicht besonders gut, um geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln? Was ist besonders an dem Medium?

Die Intimität mit den Menschen, denen man da zuhört, macht für mich das Medium Podcast besonders. Der Großteil der Menschen hört Podcasts über Kopfhörer und hat die Stimmen der Menschen dadurch ganz nah und baut zu ihnen eine Art Beziehung auf. Bei Anno PunktPunktPunkt hört man die Begeisterung und Faszination, die die Themen bei den Forschenden auslöst, sehr heraus. Und genau diese Begeisterung für Neues ist mir wichtig. 

Podcasts haben darüber hinaus die charmante Eigenschaft, dann gehört werden zu können, wenn es passt. Beispielsweise auf dem Weg zu Arbeit oder um die Hausarbeit zu bereichern. Und persönlich generalisierend gesprochen, kann man nach einem langen Tag am Bildschirm vielleicht nichts mehr lesen, aber noch etwas hören und sich dann einen Podcast anmachen. 

Vielen Dank!

Philipp Janssen hat die Fragen der Redaktion schriftlich beantwortet.

Philipp Janssen

Philipp Janssen hat in Bochum und Berlin Geschichte, Germanistik und Journalismus studiert. Seit Januar 2018 betreibt er den Wissenschaftspodcast Anno PunktPunktPunkt. Dort spricht er in jeder Folge mit Historiker*innen über ihre aktuelle Forschung in der Geschichtswissenschaft.