Ein Interview mit Ursula Gießmann und Julia Bruch |

Liebe Frau Bruch, liebe Frau Gießmann, Sie sind beide Mediävistinnen. 2017 haben Sie das Bändchen »Digitale Lehre in der Geschichtswissenschaft« für die Kleine Reihe Hochschuldidaktik Geschichte des Wochenschau Verlages verfasst. Seit wann lehren Sie digital und wie verlief Ihr Einstieg in die digital gestützte Lehre?

UG Mein Einstieg in die digitale Lehre begann mit dem Abschlussprojekt meiner hochschuldidaktischen Qualifizierung 2014. Dort habe ich in einem Seminar Podcasts anstelle des üblichen Referats eingeführt. Für die digitale Audioproduktion haben die Studierenden in kleinen Teams gemeinsam Projekte entwickelt und darin historische Quellen und aktuelle Forschung für ein größeres und diverseres Publikum als die im Seminarraum anwesenden Personen aufbereitet. Die fertigen, weitgehend mit dem eigenen Smartphone aufgenommenen Podcasts wurden auf dem geisteswissenschaftlichen Web-Portal der Gerda-Henkel-Stiftung – L.I.S.A. – publiziert und seitdem über 3.400 Mal aufgerufen – ein großer Erfolg für die Arbeit der Studierenden und eine tolle Kooperation mit L.I.S.A. 

JB Für mich stand am Anfang ebenfalls das angesprochene Abschlussprojekt. Ich habe ein Lehr-Lern-Projekt zur digitalen Urkundenedition entwickelt und im SoSe 2014 durchgeführt.

Was ist Ihre Vorstellung von innovativer Lehre und welche Rolle spielen digitale Methoden und Formate dabei?

JB Innovative Lehre ist nicht gleichbedeutend mit digitaler Lehre und digitale Lehre nicht mit Distanzlehre. Wie bei einem großen Experiment werden nun alle in Distanzlehre gefordert. Das bedeutet auch, dass analoge in digitale Formate umgestellt wurden. Es hat für mich wenig mit innovativer Lehre zu tun, wenn ich Texte auf Lernplattformen (LMS) stelle und Studierende laden ihrerseits Texte hoch oder ich diskutiere im Video-Chat wie in einem virtuellen Seminarraum. Innovative Lehre bedeutet für mich, mittels Methodenvielfalt im diskursiven Seminar Studierende anzuleiten, sich eigenverantwortlich Inhalte zu erarbeiten und Kompetenzen zu schulen. Die Vermittlung wissenschaftlichen Arbeitens, der Grundwissenschaften und geschichtswissenschaftlicher Inhalte spielen gleichermaßen eine Rolle. So werden Studierende durch angeleitete Diskussionen und das Erlernen der historisch-kritischen Methode zu kritisch denkenden Menschen ausgebildet.

UG Über Innovation in der Lehre zu sprechen, ist stark abhängig von der Fachkultur und der persönlichen Haltung und Entwicklung der einzelnen Lehrperson. Für die Geschichtswissenschaften ist forschungsnahe Lehre die Regel, für andere Fächer ist dies – zumindest im Bachelor – in der Weise nicht üblich. Guter Lehre – unabhängig von innovativer Lehre – gelingt es, Studierende in hohem Maß zu aktivieren. Eine starke Aktivierung der Studierenden erreiche ich leichter mit Formaten, die auf die Eigenverantwortung der Lernenden setzen, also etwa Projektarbeit oder Forschendes Lernen. Diese beiden didaktischen Konzepte kommen der geschichtswissenschaftlichen Arbeit sehr entgegen und haben schon oft zu sehr motivierten und eigenständig lernenden Studierenden geführt.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die zentralen Chancen und Grenzen digitaler Lehre in der Hochschule? 

UG Digitale Lehre ermöglicht es besonders gut, Studierende zu einem selbstgesteuerten Lernen anzuleiten. Mit Aufhebung der Präsenzlehre können Studierende freier über ihre Zeit und Studienorganisation entscheiden. Das heißt aber nicht, dass man ihnen einfach Aufgaben und Texte zur Verfügung stellt und sie damit alleinlässt, vielmehr müssen sie dabei unterstützt und begleitet werden, immer stärker eigenverantwortlich und selbstständig zu arbeiten. Dies sollte auf mehreren Ebenen geschehen, etwa durch Tutor*innen, Peers und natürlich auch die jeweilige Lehrperson. Gerade für die Kollaboration unter Peers eignen sich digitale Tools besonders gut und sollten jetzt zum Einsatz kommen. Dabei ist es wichtig, Angebote so niedrigschwellig wie möglich zu halten und Bedenken im Bereich Datenschutz und Datensicherheit bei Studierenden ernst zu nehmen.

Wie planen Sie die Inhalte und Ziele einer digital gestützten Lehrveranstaltung? Inwiefern unterscheidet sich Ihr Vorgehen im Vergleich zu reinen Präsenzveranstaltungen?

UG Im Zentrum und zu Beginn der Planung steht immer das Lernergebnis, das die Studierenden am Ende meiner Lehrveranstaltungen (LV) erreichen sollen, und wie und ob dies abgeprüft werden muss. Entsprechend wähle ich geeignete Methoden, Quellen und Forschungsliteratur aus, die dazu dienlich sind, exemplarisch lernen zu können und auf die Prüfung vorzubereiten. Die derzeitigen Bedingungen haben das Repertoire vieler Lehrender erheblich verknappt und die Umstellung ist nicht banal.

JB Wie ich plane, hängt davon ab, welche Art LV ich unterrichte, auf welchem Niveau sich die teilnehmenden Studierenden befinden und welche Inhalte ich vermitteln möchte. Bei der Planung der intendierten Lernergebnisse laufen beide Formate parallel. Dann folgt die Frage, mit welchen Methoden ich die Seminarsitzungen abhalten möchte und erst hier unterscheiden sich digitale und analoge Formate.

Lernangebot »Ad fontes« der Universität Zürich: Screenshot aus dem Tutorium über Heraldik. 

Welche digitalen Formate und Werkzeuge, Lehr- und Lernmethoden haben sich in Ihrer Lehrtätigkeit besonders bewährt?

JB Ich ediere mit meinen Studierenden Urkunden in einem Kurs, der auf dem Prinzip des Forschenden Lernens basiert. Dafür nutze ich den Editor von monasterium.net. Außerdem finde ich die Onlinekurse zum Erlernen der Grundwissenschaften – wie etwa »Ad fontes«¹ – sehr hilfreich. Auch kleinere Formate – oft realisierbar mit den LMS der Universität – haben sich sehr bewährt, hier nutze ich gerne Austauschforen, kleinere Tests zur Lernstanderhebung und Umfragen für Feedback.

UG Ich nutze gern die Funktionen eines LMS, um Studierende zusammenarbeiten zu lassen, etwa die Peer-feedback-Funktion. Damit können Studierende üben, sich gegenseitig Texte korrekturzulesen. Bei vielen Studierenden ist ein Smartphone vorhanden, das viele hilfreiche Tools zur Video- bzw. Podcast-Produktion zur Verfügung stellt, die während der Distanzlehre genutzt werden können. Auch ein Livevoting lässt sich gut in LVs einbauen, um Studierende stärker zu aktivieren und von ihnen direkte Rückmeldungen einzuholen, zum Beispiel um Vorwissen zu ermitteln und die Lehre daran anpassen zu können. In großen LVs, wie etwa gestreamten Vorlesungen, können Tutor*innen damit betraut werden, Livechats zu betreuen und etwa erhöhten Fragebedarf zu identifizieren.

Sind bestimmte fachhistorische Themen oder Epochen besser für die digitale Lehre geeignet als andere?

JB Ich glaube das nicht, es hängt von den Interessen der Lehrperson ab, ob digitale Formate eingebunden werden. Als Vorteil der Mittelalterlichen Geschichte erweist sich, dass die Quellen digitalisiert werden können, ohne Sperrfristen zu unterliegen. Außerdem gibt es Rechercheportale für Forschung und Quellen sowie zukunftsweisende Onlineeditionen und Tools zum Erlernen der Grundwissenschaften, die man hervorragend für die digitale Lehre nutzen kann.

Wie beurteilen Sie die technischen Voraussetzungen für die Digitalisierung der Lehre an den deutschen Universitäten? Wo sehen Sie Nachholbedarf?

JB Nicht alle Lehrpersonen sind gleichermaßen mit technischem Equipment ausgestattet. Das wissenschaftliche Prekariat mit seinen Zeitverträgen, Lehraufträgen und oft nicht vorhandenem Dienstcomputer war in der Coronazeit benachteiligt. Bei den Studierenden ist die Lage noch drastischer. Hier spielt die soziale Herkunft (wieder) eine Rolle, da manche Studierende keinen eigenen Computer haben oder die Seminarteilnahme am instabilen Internet scheitert. Es wird offenkundig, dass die Chancenungleichheit sich während der Coronazeit noch verstärkt hat, denn WLAN und Computer sind normalerweise an den Unis frei zugänglich. Die Unis müssten zudem ihre Serverkapazitäten erhöhen, damit die eigenen Onlinetools nicht in die Knie gehen.

Wenn Sie in die Zukunft schauen: Werden wir »nach Corona« wieder zum Status quo ante in der Lehre zurückkehren oder werden sich bestimmte digitale Formate, weil sie sich nun womöglich auf breiter Basis bewährt haben, auch auf Dauer durchsetzen?

JB Ich denke, nach Corona werde ich eine Präsenzveranstaltung geben, ich vermisse den direkten Austausch mit den Studierenden und meine Urkundenkurse, die ich direkt im Archiv durchführe.

UG Bei vielen Lehrpersonen sind Schwellenängste vor digitalen Formaten gesunken und die Vorteile von digitaler Lehre sichtbar geworden. Ob diese auch wahrgenommen werden, hängt von der jeweiligen Lehrpersönlichkeit ab. Ich wünsche mir, dass künftig das Beste aus beiden Welten zusammenkommt und Blended Learning² sowie Projektarbeit noch häufiger eingesetzt werden. 

Vielen Dank!

Das Interview fand im Frühsommer 2020 statt. Frau Bruch und Frau Gießmann haben die Fragen der Redaktion schriftlich beantwortet.

Fußnoten

¹ Ad fontes ist ein Lernangebot der Universität Zürich, das in die praktische Tätigkeiten in Archiven und Bibliotheken sowie in die historischen Hilfswissenschaften einführt: https://www.adfontes.uzh.ch.

² Blended Learning ist eine Lernform, die die jeweiligen Vorteile von Präsenzveranstaltungen und E-Learning kombiniert.

Bildnachweis

Screenshot: https://www.adfontes.uzh.ch/tutorium/heraldik/quellen_heraldik, Stand: 23.11.2020.

Ursula Gießmann

Dr. Ursula Gießmann ist seit Mai 2020 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bonner Zentrum für Hochschullehre der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Forschendes Lernen, Prüfen und Bewerten sowie Digitale Lehre. Zuvor war sie am Zentrum für Hochschuldidaktik (ZHD) der Universität zu Köln als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Nach ihrer Promotion 2012 an der Humboldt-Universität zu Berlin mit einer Dissertation zu Felix V., dem letzten Gegenpapst des Mittelalters, hat sie von 2011 bis 2017 an der Universität zu Köln als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters / Schwerpunkt Spätmittelalter bei Prof. Dr. Sabine von Heusinger und im Research Lab »Transformation of Life« Mittelalterliche Geschichte gelehrt und zu Fragen der materiellen Kultur, insbesondere zu Textilien geforscht.

Julia Bruch

Julia Bruch ist seit 2020 Postdoc im DFG-Graduiertenkolleg 2212 »Dynamiken der Konventionalität (400 – 1550)« an der Universität zu Köln. Derzeit arbeitet sie an einer Habilitation zur städtischen Chronistik im 15. und 16. Jahrhundert (»Sammeln und auswählen, ordnen und deuten. Geschichte(n) schreibende Handwerker und ihre Chroniken im 15. und 16. Jahrhundert«). Von 2011 bis 2020 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters / Schwerpunkt Spätmittelalter bei Prof. Dr. Sabine von Heusinger. 2012 wurde sie in Mannheim bei Prof. Dr. Annette Kehnel promoviert. Die Arbeit wurde 2013 veröffentlich unter dem Titel »Die Zisterze Kaisheim und ihre Tochterklöster. Studien zur Organisation und zum Wirtschaften spätmittelalterlicher Frauenklöster mit einer Edition des ›Kaisheimer Rechnungsbuches‹«.