Ein Interview über das Onlinesemester an der Universität Zürich mit Claudia Zey |

Liebe Frau Zey, Sie sind seit 2004 Professorin für die Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich. Welche Themen lehren Sie in diesem Semester und welche Auswirkungen hat die aktuelle Gesundheitssituation auf Ihre Lehrtätigkeit?

In meinen Lehrveranstaltungen ging es in diesem Semester um Europa im 11. Jahrhundert, die regionalen und lokalen Auswirkungen des Investiturstreits im Gebiet der heutigen Schweiz und die Frage nach Tradition und Innovation anhand der Streitschriften des Investiturstreits. Ich schreibe in der Vergangenheitsform, da der Vorlesungsbetrieb im hiesigen Frühjahrssemester 2020 bereits am 29. Mai endete. Die Semesterzeiten liegen an schweizerischen Universitäten ganz anders als an deutschen Universitäten. Das Frühjahrssemester geht von Mitte Februar bis Ende Mai / Anfang Juni und das Herbstsemester von Mitte September bis Weihnachten. Durch den frühen Start im Februar hatten wir vor der coronabedingten Schließung der Universität und der damit einhergehenden Umstellung von Präsenz- auf Onlinelehre am 16. März vier Wochen lang normalen Lehrbetrieb. Das war sicher ein Vorteil gegenüber den deutschen Universitäten, die gleich mit der Onlinelehre starten mussten.

Welche Formate und Medien setzen Sie für die digitale Lehre, Betreuung und Prüfung ein und welche Erfahrungen machen Sie damit? 

Uns wurden bereits in der ersten Woche der Umstellung für die Seminare verschiedene Videoformate mit Angaben zur Eignung und Sicherheit zur Verfügung gestellt. Zunächst hatte die Universität Zürich (UZH) Microsoft Teams und Videomeetings UZH (auf der Basis von jitsi.org) lizenziert, später dann auch Zoom. Ich habe mich nach einer Woche des Ausprobierens für Videomeetings UZH entschieden, weil das ein sehr niederschwelliges und leicht zu handhabendes Tool ist. Man legt die Videokonferenz an und schickt den Studierenden den Link. Das Herunterladen von Software und das Registrieren sind nicht erforderlich. Bis auf wenige kurze Ausfälle liefen die Sitzungen vollkommen stabil ab. Vor allem war es (wie bei Zoom) möglich, alle Teilnehmenden zu sehen. Diese Option ist bei Teams eingeschränkt, weswegen ich mich dagegen entschieden habe. Für den diskursiven schriftlichen Austausch habe ich außerdem auf unserer Lernplattform Diskussionsforen zu den einzelnen Unterrichtseinheiten angelegt. Für die Vorlesung habe ich meine Powerpointfolien besprochen und in einem extern zugänglichen Ordner meiner von der UZH lizenzierten Cloud zum Download für die Studierenden bereitgestellt. Die Prüfung dieser Vorlesung war zwangsläufig eine Open-book-Prüfung, die auf einer eigenen Prüfungsinstanz unserer Lernplattform bereitgestellt wurde. Hier hatte man die Möglichkeit, durch verschiedene Einstellungen auszuschließen, dass eine Person die Prüfung für alle anderen schreiben konnte. Meine Erfahrungen waren bezogen auf die technische Seite sehr positiv. Es gab keine nennenswerten Schwierigkeiten bei der Durchführung und diesbezüglich auch keine Klagen von den Studierenden. Jenseits dieser technischen Aspekte habe ich das Unterrichten per Videokonferenz aber als sehr viel aufwendiger und anstrengender in Planung und Durchführung und auch eindimensionaler als im Seminarraum gefunden. Zudem fehlte mir und auch den Studierenden der direkte Kontakt mit der Möglichkeit zum Austausch auch über die Veranstaltung hinaus. 

Wo liegen aus Ihrer Sicht konzeptionelle Differenzen zwischen Präsenz-und Distanzlehre? Wo sehen Sie die Chancen digital gestützter bzw. rein digitaler Formate und was geht womöglich an intellektueller Produktivität verloren? 

Die Präsenzlehre lässt nach meinen Erfahrungen sehr viel mehr Freiraum zur Diskussion der Studierenden untereinander und zum Wechsel verschiedener Unterrichtsstile, ohne die Einheit der Gesamtgruppe aufzuheben. Wenn alle in einem Raum sind, lassen sich Diskussionsrunden, Feedbackrunden, Impulsreferate, Präsentationstools und Ähnliches viel leichter einsetzen als in der videobasierten Distanzlehre, die das auch alles ermöglicht, aber den Zusammenhang und -halt der Studiengruppe auflöst oder nicht mehr erkennen lässt. Zudem ist die Konzentration auf die Sache einfacher. Dementsprechend ist die Konzeption von Präsenzlehre offener und mehr auf den Erkenntnisprozess hin konzipiert als von Distanzlehre. In der Situation des hiesigen Frühjahrssemesters von Februar bis Mai war es aber für alle Beteiligten von großem Vorteil, dass überhaupt digitale Formate zur Verfügung standen. Sie haben es ermöglicht, dass die Studierenden ihr Studium ohne allzu gravierende Einschnitte fortsetzen konnten. Wie es nun im Herbstsemester 2020 weitergehen soll, ist im Lichte der allgemeinen Lockerungsmaßnahmen und des fortschreitenden Wissens über die Pandemie eine andere Diskussion. 

Wie sind die Reaktionen Ihrer Studierenden auf die von Ihnen eingesetzten digitalen Formate und Werkzeuge? 

Die Studierenden haben die Möglichkeit, zu ihren regulären Unterrichtszeiten an einem virtuellen Präsenzunterricht teilnehmen zu können, sehr geschätzt. Das Engagement war groß und Fehlzeiten gab es fast keine. Die Diskussionen waren sehr fokussiert. Auch das Angebot, die Vorlesung im eigenen Tempo anhören zu können, war durchaus willkommen. Was den Studierenden jedoch sehr gefehlt hat, war die Universität als Ort der Begegnung und des Austausches mit den Studienkolleginnen und -kollegen und auch mit den Dozierenden. 

Wie beurteilen Sie die technischen Voraussetzungen für die Digitalisierung der Lehre an den schweizerischen Universitäten?

Wie es an anderen schweizerischen Universitäten aussieht, vermag ich nicht zu beurteilen. An der UZH ist die Situation sehr gut. Wir haben auf der Ebene der Gesamtuniversität die Zentrale Informatik, die für den technischen Support im Großen und Ganzen, aber auch für Prüfungsunterstützung und elektronische Auswertung sorgt, auf der Ebene der Philosophischen Fakultät (bei uns gibt es noch eine große Philosophische Fakultät) die Abteilung »Digitale Lehre und Forschung«, die bei allen Fragen der Digital Humanities unterstützend zur Stelle ist und in diesem Bereich auch einen Forschungsauftrag hat. Und schließlich haben wir auf der Ebene des Historischen Seminars zwei IT-Kräfte, die für den technischen und inhaltlichen Support unseres Instituts zuständig sind. Ohne deren Unterstützung hätte die rasante Umstellung von Präsenz- auf Onlinelehre sicher nicht so gut funktioniert. Zudem sind alle Hörsäle und Seminarräume technisch vielfältig ausgestattet und die Universitätsleitung schreibt regelmäßig Mittel für innovative digitale Lehrformate aus.

Sie betreuen seit 2012 »auspicium«, ein Onlineportal für mittelalterliche Geschichte an der Universität Zürich.¹ Was ist die Idee dahinter und an wen richtet sich das Angebot?

Ich habe die Arbeit an auspicium mit meinem Team 2012 mit sehr viel Elan, vor allem zur spezifischen Unterstützung der Proseminare, die bei uns nicht zeitbereichsspezifisch, sondern diachronisch übergreifend angelegt sind, begonnen, musste das Engagement dann durch äußere Umstände, wie das Ausscheiden dafür besonders geeigneter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, drosseln und sehe inzwischen immer mehr die Grenzen solcher Tutorials. Sie können das Selbststudium begleiten, im günstigsten Fall sogar anregen, bleiben aber ein »Nice-to-Have«, wenn der Forschungsbezug fehlt. Wenn wir die Arbeit daran wieder aufnehmen – und das ist geplant –, muss die Plattform sehr viel stärker interaktiv gestaltet sein, sodass sie wirklich ein Selbststudium mit Kontrolle des Lernfortschritts ermöglicht. In dieser Hinsicht ist »Ad fontes – Eine Einführung in den Umgang mit Quellen im Archiv«² vorbildlich, wofür ich mit meinem Team im Bereich der lateinischen Quellen einiges beigetragen habe.

Wenn Sie in die Zukunft schauen: Werden wir »nach Corona« wieder zum Status quo ante in der Lehre zurückkehren oder werden sich bestimmte digitale Formate, weil sie sich nun womöglich auf breiter Basis bewährt haben, auch auf Dauer durchsetzen?

Wenn wir eines Tages wieder zur »normalen Normalität« zurückkehren können, wird es sicher Situationen geben, in denen man digital gestützte Formate gewinnbringend, das heißt in der Regel anwendungsbezogen, stärker und variantenreicher als bisher einsetzen wird. Dass aber die Präsenzlehre durch rein digitale Formate ersetzt wird, ist nicht zu erwarten und wäre für die Universität als Stätte des geistigen und sozialen Austauschs zwischen Lernenden und Lehrenden ein vollkommen abwegiges Szenario. Der Verlust an intellektueller Produktivität wäre viel zu groß. Das trifft übrigens nicht nur auf die Lehre zu, sondern auch auf die Forschung. Tagungen und Konferenzen im Videoformat wären auf Dauer eine abschreckende Zukunftsvision.

Vielen Dank!

Das Interview fand im Frühsommer 2020 statt. Frau Zey hat die Fragen der Redaktion schriftlich beantwortet.

Fußnoten

¹ https://www.auspicium.uzh.ch/de.html.

² https://www.adfontes.uzh.ch/.

Bildnachweis

Thomas Roese, Universität Potsdam/ZIM

Claudia Zey

Claudia Zey ist seit 2004 Professorin für Allgemeine Geschichte des Mittelalters an der Universität Zürich und seit 2014 Mitglied der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica. Sie war von 2013 bis 2019 Vorsitzende des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte. 2020 bis 2021 ist sie Senior Fellow am Historischen Kolleg in München.