Mareike König | 

»Der Historiker von morgen wird Programmierer sein, oder es wird ihn nicht mehr geben.« Diese viel zitierte Prophezeiung des französischen Mediävisten Emmanuel Le Roy Ladurie aus dem Jahr 1968 hat sich gut 50 Jahre später nicht bewahrheitet und wird es wohl auch in absehbarer Zukunft nicht tun. Aber die Historikerin von heute und erst recht von morgen muss über Digitalkompetenz verfügen, etwa um ihre Literatur und Quellen weiterhin mit der notwendigen professionellen Gründlichkeit suchen, bewerten und analysieren zu können. Digitale Geschichtswissenschaft geht somit alle Historikerinnen und Historiker an. Denn der digital turn ist nicht einfach nur eine weitere inhaltliche oder methodische Wende. Vielmehr prägt die digitale Transformation unser Fach ganz grundlegend, sind doch die Rahmenbedingungen, unter denen Geschichtsforschung und -lehre agiert, digital geworden und von Algorithmen geprägt. Dies hat Auswirkungen darauf, wie wir Geschichte denken und folglich auch, wie wir historischen Sinn produzieren. Dabei dreht sich digitale Geschichtswissenschaft keineswegs nur um Dienstleistungen, Werkzeuge und Daten, sondern zieht durch den Einsatz computergestützter Analysemethoden epistemologische Änderungen nach sich, die es zu reflektieren gilt. 

Seit ihrer Gründung auf dem Historikertag in Mainz im September 2012 engagiert sich die epochenübergreifende AG Digitale Geschichtswissenschaft dafür, die Potenziale digitaler Geschichte zu nutzen, auszuloten und sichtbar zu machen. Sie setzt sich für eine Professionalisierung digitaler Praktiken und die Verbreitung von Standards ein. Neben inhaltlichen und methodischen Diskussionen zielt sie mit ihren Veranstaltungen und Austauschplattformen im Netz auf Weiterbildung und Vernetzung all derjenigen, die digitale Geschichte in Forschung und Lehre betreiben. Im aktuellen Prozess der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) unterstützt die AG das geplante Konsortium 4memory mit ihrer Expertise und vermittelt Kontakte in die Community. Mit derzeit 161 Mitgliedern ist sie die größte Arbeitsgemeinschaft im Verband. 

Austausch und Diskussion

Zur Ergänzung zentraler Plattformen für die Fachkommunikation betreibt die AG seit 2013 ein Wissenschaftsblog, auf dem Mitglieder Ankündigungen, Berichte und Artikel publizieren können.1 Damit werden zugleich die Veranstaltungen der AG begleitet. Genauso dient der seit Juli 2013 existierende Twitteraccount der AG @digigw dem Austausch von aktuellen Informationen rund um digitale Forschung und Lehre. Die Tweets der AG lesen aktuell 3.676 Follower, was zeigt, dass digitale Themen weit über einen engeren Fachkreis hinaus auf Interesse stoßen. Auf den Historikertagen bieten die Mitglieder der AG ein umfangreiches Begleitprogramm mit Posterausstellung und Posterslam sowie dem Praxislabor. 2021 in München werden dort neben Workshops zu Möglichkeiten digitaler Recherche und Editionstools, Bloggen, Handschriftenerkennung oder Text-Mining ebenso Angebote zum Audio-Mining, zur digitalen Kartografie, zur statistischen Auswertung und Datenanalyse und Möglichkeiten digitaler Bildforschung geboten. Diskussionen zum Forschungsdatenmanagement, dem Aufbau der NFDI und zur methodischen Entwicklungen der Geschichtswissenschaft runden das Angebot ab.

Workshopreihe »Lehre und Geschichte digital«

Die universitäre Lehre steht einerseits vor der Herausforderung, digitale Lehrmethoden einzusetzen, wie sie aktuell in der Coronakrise vielfach erzwungen werden. Andererseits gilt es, neben grundlegender digital literacy auch computergestützte Methoden zu Text-, Daten und Netzwerkanalyse in thematisch ausgerichtete Lehrveranstaltungen einzubeziehen und diese an Studierende auch außerhalb spezialisierter Kurse zu vermitteln. Die AG organisierte 2018 mit mehreren Partnern dazu drei je eintägige Hands-on-Workshops. Neben der Vorstellung konkreter Anwendungssoftware ging es vor allem um einen Erfahrungsaustausch zwischen den Lehrenden. Auf dem Programm standen Techniken des kollaborativen Arbeitens (Bonn), Digitale Quellenanalyse (Halle) sowie Text-Mining (Berlin). Das Deutsche Historische Institut Paris unterstützte die erste Veranstaltung mit Reisestipendien für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler. Weitere Workshops wurden 2019 vom Historischen Datenzentrum Sachsen-Anhalt und vom Servicezentrum eSciences Trier angeboten. Die Reihe soll 2021 fortgesetzt werden.

Forschungsdaten

In der AG sind zahlreiche universitäre und nicht universitäre Akteure der Digital History jenseits der klassischen institutionellen Player vernetzt. An verschiedenen Standorten wurden – oft schon über viele Jahre hinweg – Tools entwickelt und Ressourcen geschaffen, die für den Aufbau einer dezentralen Infrastruktur sehr gute Voraussetzungen bieten. Deren Potenzial sucht die AG für die NFDI zu erschließen und in den Strukturbildungsprozess einzubringen. Bereits am 7. / 8. Juni 2018 adressierte die AG darüber hinaus bei ihrer Tagung in Paderborn die gar nicht triviale Frage, was überhaupt unter Forschungsdaten in der Geschichtswissenschaft zu verstehen ist.2

Bilanz ziehen: Tagung »Digital History« März 2021 

Für März 2020 hatte die AG in Göttingen eine dreitägige Veranstaltung zum Thema »Digital History: Konzepte, Methoden und Kritiken digitaler Geschichtswissenschaft« geplant. Das über einen Call for Papers ermittelte Tagungsprogramm wird durch Hands-on-Workshops und durch ein Barcamp ergänzt. Ziel der von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderten Veranstaltung ist es, Bilanz zu ziehen und nach den Veränderungen der Digitalisierung für die Art und Weise, wie heute Geschichtsforschung gemacht, gelehrt, kommuniziert und publiziert wird, zu fragen. Welche digitalen Objekte, Methoden und Werkzeuge der Analyse stehen den Forschenden zur Verfügung und welche Ergebnisse haben sie damit produziert? Aufgrund der gegenwärtigen Corona-Krise musste die Tagung auf den 1. bis 3. März 2021 verschoben werden. Alle Informationen finden sich auf dem tagungsbegleitenden Blog »Digital History«.3 Die Veranstaltung wird der Auftakt zu einer Tagungsreihe, die alle zwei Jahre an wechselnden Orten stattfinden soll. 

Fußnoten

1 https://digigw.hypotheses.org

2 Vgl. den Tagungsbericht von Torsten Hiltmann, Forschungsdaten in der (digitalen) Geschichtswissenschaft. Warum sie wichtig sind und wir gemeinsame Standards brauchen, in: Digitale Geschichtswissenschaft. Das Blog der AG Digitale Geschichte im VHD, 17.9.2018, https://digigw.hypotheses. org/2622; zuletzt abgerufen am 27.3.2020. 

3 https://digitalhist.hypotheses.org/

Mareike König

Dr. Mareike König ist stellvertretende Direktorin am Deutschen Historischen Institut Paris. Sie leitet die Redaktion des deutschsprachigen Blogportals für die Geisteswissenschaften de.hypotheses.org, das von der Max Weber Stiftung getragen wird. 2019 veröffentlichte sie gemeinsam mit Élise Julien Band 7 der Handbuchreihe zur Deutsch-Französischen Geschichte: »Verfeindung und Verflechtung. Deutschland und Frankreich 1871 – 1918«.