Torsten Hiltmann | 

Der Einsatz digitaler Medien und Methoden in den Geschichtswissenschaften ist nichts Neues. Viele der älteren Kollegen haben damit schon vor längerer Zeit ihre Erfahrungen gemacht. Spätestens seit den 1980er-Jahren wurde der Einsatz computergestützter Methoden in den Geschichtswissenschaften auch breiter diskutiert. Dabei wurde immer wieder auch auf die großen Potenziale verwiesen, die damit verbunden sind – ohne dass dem scheinbar viel Konkretes folgte. Entsprechend möchte ich in diesem Beitrag auch weitgehend auf einen solchen Katalog der Möglichkeiten verzichten und lieber versuchen, die aktuellen Entwicklungen einzuordnen, und dies vor allem auch in historischer Perspektive. Häufig nämlich wird auf diese frühen Erfahrungen verwiesen und gefragt, warum die Situation heute eine andere sein sollte. Diese Frage ist mehr als berechtigt. Denn tatsächlich ist die Situation heute, so meine ich, eine völlig andere. 

Der gesellschaftliche Wandel als Kontext

Dass der mediale Wandel unsere Gesellschaft grundlegend verändert hat, wird heute niemand mehr bestreiten. Wir sind schon längst im digitalen Zeitalter angekommen, und es entwickelt sich rasant weiter. Was sich bisweilen immer noch neu anfühlt, begleitet uns tatsächlich schon seit vielen Jahren. Die Grundlagen hierfür wurden in den 1980er- und vor allem in den 1990er-Jahren gelegt, spätestens mit der Einführung des hypertextbasierten World Wide Web (1994). Ob Amazon (1995), Google (1997), Facebook (2004), YouTube (2005), Twitter (2006), Netflix (2007), Whatsapp (2009) oder Instagram (2010) – die zentralen Plattformen, die unsere Kultur und den gesellschaftlichen Diskurs heute prägen, sind allesamt in den 1990er- und 2000er-Jahren entstanden. Auch jene, die der Digitalisierung mit großer Skepsis begegnen, kommen heute um Dienste wie E-Mail, Internet, E-Books, Kartendienste, Videostreaming oder Social Media kaum mehr herum.

Abbildung 1
Seite aus der Printausgabe der Germania Sacra mit den Personallisten religiöser Institutionen im Alten Reich (hier: Germania Sacra, NF 17,2, 1982, S. 1). 

Medienwandel in der Geschichtswissenschaft

Der gleiche tiefgreifende Wandel vollzieht sich mit einer ganz ähnlichen Konsequenz auch in den Geschichtswissenschaften. Niemand greift heute mehr auf gedruckte Bibliografien zurück, bestellt in Archiven und Bibliotheken Mikrofilme oder sucht in gedruckten Ausstellungskatalogen oder Diatheken nach Bildmaterial. Auch der Diskurs innerhalb des Faches vollzieht sich weitgehend digital, mit Kommunikations- und Rezensionsplattformen wie H-Soz-Kult und zunehmend elektronisch verfügbaren Zeitschriften. Damit sind wir schon heute an einem Punkt in der Digitalisierung des Faches und seiner Fachkultur angelangt, der vor 20 Jahren für viele kaum denkbar war.

Dabei hat sich durch die Digitalisierung vor allem unser Zugang zu den Quellen deutlich verbessert: Ob Handschriften, Archivgut, Bilder, Objekte, Texte oder auch historische Zeitschriften – durch Dienste wie das MDZ der Bayerischen Staatsbibliothek (1997), Prometheus (2001), MGHdigital (2004), Monasterium (2006), Zefys (digital seit 2007), Europeana (2008) oder zuletzt Archivportal-D (2014) sind während der letzten beiden Jahrzehnte umfangreiche Quellenbestände über das Internet zugänglich gemacht worden. Allein die Europeana, die Daten aus verschiedensten Bibliotheken, Archiven und Museen Europas zusammenführt, macht über 47,5 Millionen digitale Objekte zugänglich, darunter zum Beispiel 293.000 Handschriftendigitalisate.

Der Medienwandel als Teiletappe

Nicht selten wird die Digitalisierung mit der Einführung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern verglichen. Dabei steht vor allem die mit dem Internet und den digitalen Medien verbundene Entgrenzung der Kommunikation im Mittelpunkt. Ganz richtig wird betont, dass wir durch die digitalen Angebote viel besseren Zugriff auf die Quellen haben, nicht mehr auf Öffnungszeiten und Benutzungsbeschränkungen angewiesen sind, uns kostspielige Archivaufenthalte sparen können usw. Und so wie einst der Buchdruck mit dem Verlagswesen zur Ausbildung neuer Strukturen in der Kommunikation und Wissensvermittlung führte, ließ auch das Internet neue Strukturen und Prozesse in der Fachkommunikation entstehen, über die heute schneller, unabhängiger und interaktiver kommuniziert werden kann.

Abbildung 2
Die Datenbank der Germania Sacra, für welche die verschiedenen Personallisten in strukturierte Daten übertragen wurden, wo sie nun nach bestimmten Eigenschaften gefiltert ausgegeben werden können (hier: alle Domherren in Münster, die zwischen 1350 und 1530 in der Germania Sacra belegt sind). Die angezeigte Liste kann durch herkömmliches Lesen ausgewertet werden (http://germania-sacra-datenbank.uni-goettingen.de/). 

Diese Einschätzung ist zwar korrekt, beschreibt meines Erachtens aber, und darauf kommt es mir hier an, nur einen ersten Teil des aktuellen Digitalisierungsprozesses. Denn bei der Digitalisierung haben wir es nicht nur mit einer technischen Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten zu tun, hier geht es um die Grundlagen der Kommunikation selbst. Egal ob Text, Bild, Film, Ton oder welche Formen der Kommunikation und Wissensrepräsentation auch immer: Im Rahmen der Digitalisierung werden all diese unterschiedlichen Inhalte und Formate in gleicher Weise als Daten und damit letztlich als eine einfache Abfolge von Nullen und Einsen abgebildet. Dadurch aber ändert sich nicht nur die Art und Weise, wie wir Informationen übertragen können, sondern ganz grundlegend, wie wir sie überhaupt erst repräsentieren. Denn alles, was in dieser Weise kodiert ist, kann nicht mehr nur von Menschen, sondern auch von Maschinen gelesen, verarbeitet und ausgewertet werden. Die Darstellung dieser Daten als menschenlesbare Texte und Bilder auf dem Bildschirm ist nur eine von sehr vielen Möglichkeiten. Sie ist aber zugleich auch die einzige, die wir tatsächlich umfangreich nutzen.

Wenn überhaupt, ist der Prozess der Digitalisierung – auch was seine Konsequenzen angeht – mit dem Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit vergleichbar. Die Konsequenzen dieses Wandels sind ausreichend beschrieben: Erst der Gebrauch der Schrift ermöglichte die Entstehung komplexer Rechtsnormen, führte zu neuen Wirtschaftsformen und neuen Formen gesellschaftlicher und politischer Verfasstheit. Er hat ganz neue Text- und Sprachformen entstehen lassen und auch ganz neue Formen der Produktion, Organisation und Verarbeitung von Wissen.

Abbildung 3
Darstellung der gleichen Daten, hier nun im maschinenverarbeitbaren RDF-Format, so wie es über die Schnittstelle der Germania Sacra abgerufen werden kann (Ausschnitt, http://germania-sacra-datenbank.uni-goettingen.de/api/). 

Von der medialen zur konzeptionellen Digitalisierung

Dieser Prozess vollzog sich jedoch nicht auf einmal. Vielmehr sind zwei Stufen unterscheidbar.1 Auf einer ersten Stufe wurde die Schrift nur dazu gebraucht, mündliche Texte im neuen Medium niederzuschreiben. Die Texte und ihre Gebrauchslogik jedoch blieben weitgehend die gleichen. Erst die Entstehung neuer Gebrauchsformen und Methoden, im Rahmen der Schrift mit Texten umzugehen, führte schließlich auch zu jenem konzeptionellen Wandel, der die oben genannten Entwicklungen bedingte.

Gleiches lässt sich meines Erachtens auch in Hinblick auf die Digitalisierung sagen, insbesondere in Bezug auf die Geschichtswissenschaften. Auch hier können wir im Aneignungsprozess zwei Etappen beobachten. Erstens einen medialen Wandel, in dessen Folge wir das neue Medium zwar als Medium nutzen, während dessen tatsächlicher Gebrauch aber noch weitgehend den hergebrachten Logiken folgt. Das heißt, auch wenn Texte, Bilder, Töne und Filme bereits als Daten vorliegen, lesen wir diese digital repräsentierten Texte immer noch als Texte, schauen Bilder als Bilder, sehen Filme als Filme. Wir nutzen die digitalenMedien und das Internet nur als schnelleres, zugänglicheres Medium. Unsere Methoden im Umgang mit den so repräsentierten Quellen bleiben von dem Wandel jedoch weitgehend unberührt und entsprechen oft noch denen aus der Zeit des gedruckten Buches.

Der mit der Digitalisierung einhergehende konzeptionelle Wandel beginnt erst dann, wenn wir die digital repräsentierten Texte, Bilder, Filme usw. tatsächlich in der Form verwenden, wie sie uns eigentlich vorliegen: als Daten. Das heißt, wenn wir diese neue Repräsentationsform nicht mehr allein nur zur Anzeige der Quellen und Informationen nutzen, sondern bei den zugrunde liegenden Daten ansetzen und diese weiterverarbeiten, womit sich ganz neue Formen der Nutzung und Auswertung für ihre Analyse eröffnen (siehe Abb. 1 – 4).

Auf den Daten selbst aufbauend, lassen sich mit etwas Aufwand nicht nur gedruckte, sondern auch handschriftlich oder gesprochen vorliegende Texte in Volltext umwandeln und durchsuchbar machen. Unter Anwendung verschiedener Verfahren kann der Rechner in diesen Texten automatisch die Namen von Orten, Personen und Institutionen erkennen, markieren und zum Teil auch schon identifizieren. In gleicher Weise lassen sich Stile vergleichen und damit Autorschaftsfragen erhellen, Zitate bis hin zu Anspielungen entdecken und die Verwendung von Konzepten und ihre Veränderungen über große Textmengen hinweg nachvollziehbar machen. Gleiches gilt für Personen, Zeichen und Gegenstände in großen Mengen von Bildern und Filmen. Die so gewonnenen Informationen lassen sich daraufhin in großen Datensammlungen anordnen und durchsuchbar machen, in ihrem Raum-Zeit-Bezug zueinander visualisieren sowie auf inhärente Muster und Strukturen untersuchen. Schließlich kann man diese verschiedenen Datensammlungen auch miteinander verbinden und ihre Informationen gemeinsam abfragbar und darstellbar machen, sie zu einer gemeinsamen Wissensordnung zusammenführen und aus dieser wiederum neues Wissen ableiten. Dies ist jedoch, darauf sei hier zugleich verwiesen, nicht ohne Weiteres möglich, sondern bedarf eines aufwendigen Entwicklungsprozesses.

Abbildung 4
Auswertung der so bereitgestellten Daten mit dem Tool Palladio, welche die Beziehungen des Münsteraner Domstiftes zu anderen Institutionen im Alten Reich über jene Funktionen grafisch wiedergibt, die die Domherren den Daten gemäß im Laufe Ihres Lebens außerhalb Münsters innehatten. Im Tool selbst ist die Visualisierung zudem mit einem Schieberegler versehen, sodass sich auch die chronologische Entwicklung dieser Beziehungen nachvollziehen lässt (http://hdlab.stanford.edu/palladio/). 

Herausforderungen für das Fach: Data first und eine kritische Methodenentwicklung 

Die wesentliche Voraussetzung dafür aber ist, dass die verschiedenen Projekte ihr Material nicht mehr nur als menschenlesbare Darstellungen auf den Bildschirmen publizieren, sondern auch als maschinenverarbeitbare Daten bereitstellen. Und zwar, wenn möglich, nach den bereits weithin etablierten FAIR-Prinzipien (Findable, Accessible, Interoperable und Reusable), was eine möglichst breite Nachnutzbarkeit garantiert. Es braucht also einen eigenen Umgang mit Forschungsdaten in unserem Fach und vor allem eine entsprechende Würdigung des intensiven und anspruchsvollen Prozesses, der mit der Aufbereitung und Bereitstellung dieser Daten einhergeht.

Zugleich braucht es eine gezielte Entwicklung von Methoden, welche die mit dem Datenformat einhergehenden Möglichkeiten für die Geschichtswissenschaften auch nutzbar machen. Dieser Prozess lässt sich nicht auslagern, sondern muss von uns Historikern selbst (mit-)gestaltet werden. Zumindest wenn wir wollen, dass sich die Grundlagen unseres Faches auch in seiner digitaler Zukunft wiederfinden. Das heißt auch, dass wir langfristig unsere Kompetenzen erweitern und unsere Fachkultur den neuen Anforderungen anpassen müssen. In Anbetracht der stetig wachsenden Menge an digital vorliegenden Quellen ist dieser Schritt jedoch nicht mehr nur eine Möglichkeit, sondern wird zunehmend auch zu einer Notwendigkeit, wenn wir diese großen Quellenmengen überhaupt noch beherrschbar halten wollen. Es ist diese Fülle an bereits in Form von Daten vorliegendem Material, die uns von früheren Zeiten unterscheidet und vor neue Herausforderungen stellt. Sie legt es nahe, den nächsten Schritt zu gehen und die Möglichkeiten des Digitalen nicht mehr nur medial, sondern auch methodisch für die historische Forschung nutzbar zu machen. 

Fußnoten

1 Wulf Oesterreicher, Verschriftung und Verschriftlichung im Kontext medialer und konzeptioneller Schriftlichkeit, in: Ursula Schäfer (Hg.), Schriftlichkeit im frühen Mittelalter, Tübingen 1993, S. 267 – 292.

Torsten Hiltmann 

Torsten Hiltmann hat in Dresden Mittelalterliche Geschichte, Philosophie und Psychologie studiert und wurde in Dresden und Paris über spätmittelalterliche Heroldskompendien promoviert. Er war lange Zeit am DHI Paris tätig und hatte später eine durch die VolkswagenStiftung im Rahmen eines Dilthey-Fellowship geförderte Professur an der Universität Münster inne. Heute ist er Professor für Digital History an der Humboldt-Universität zu Berlin.