Liebe Frau Hensel, woran »sitzen« Sie gerade?

Die Zeiten sind merkwürdig – die sozialen Kontakte sollen weiter zurückgefahren bleiben, an der Uni bleiben Lehre und wissenschaftlicher Austausch digital. Das hat auch Auswirkungen auf die Forschung. Für mich bedeutet es, dass ich die geplanten Archivreisen nach Mexiko und Argentinien dieses Jahr nicht machen kann. So sitze ich denn am heimischen Schreibtisch, um zum Beispiel mit Kollegen und Kolleginnen einen Antrag auszuarbeiten, den wir in kommenden, hoffentlich besseren Zeiten bei der DFG einreichen wollen. Daneben »suche« ich mir weitere Aufgabenfelder. Spannende Themen gibt es ja genug. Die Frage ist dann, wie viel Material sich im Netz beschaffen lässt.

Worum geht es in Ihrem aktuellen Forschungsvorhaben? 

Ich habe gerade verschiedene Projekte in Arbeit, in denen es um die gesellschaftliche und politische Entwicklung Mexikos im 18. und 19. Jahrhundert geht. Mexiko gehörte gewissermaßen zu derjenigen Gruppe von neuen Ländern, die im 19. Jahrhundert als postkolonial bezeichnet werden können. Mich interessiert der Übergang von der spanischen Kolonialherrschaft zur Republik und hier besonders, wie sich der Wandel für die Bevölkerungen vor Ort darstellte und wie zum Beispiel Indigene oder Afromexikaner Einfluss nahmen auf den Staatsbildungsprozess. Außerdem recherchiere ich gerade für mein Projekt zur katholischen Religion und zu politischen Auseinandersetzungen um die Trennung von Staat und Kirche in Mexiko in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mich interessiert dabei besonders der Umstand, dass der Widerstand gegen antiklerikale Gesetze von 1833 stark dazu beitrug, die Erste Republik zu stürzen. Das alles ist eingebunden in ein größeres Vorhaben, in dem es um Staatsbildung »von unten« geht. Dabei steht die Frage im Zentrum, wie und über welche Mechanismen die Angehörigen der unteren Bevölkerungsschichten Einfluss auf die politische Entwicklung nach der Unabhängigkeit nahmen und wie sich ihr Verhältnis zum »Staat«, und das heißt ja letztlich zu konkreten Vertretern staatlicher Institutionen, gestaltete.

Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrem Beruf? 

Es gibt viele Dinge, die mir daran gefallen. Die Freiheit, mich mit dem zu beschäftigen, was mich interessiert, ist schon ein großes Privileg. Es gibt so vieles Interessantes zu entdecken und so viele Fragen, denen ich gerne nachgehen möchte. Ein guter Tag ist für mich ein Tag, an dem ich etwas gelernt habe. Die Auseinandersetzung ist mir dabei auch wichtig, sei es mit Studierenden oder Kolleg*innen, denn häufig sind sie es ja, von denen man lernt. 

Was ist am schlimmsten? 

Zeitmangel und steigende Anforderungen in Bereichen, die nicht zur Ausbildung gehörten, für die eine vernünftige Einarbeitung aber fehlt, etwa Verwaltungsaufgaben. In den letzten Jahren sorgt die Bildungspolitik auch immer wieder für Probleme, die an den Unis ausgebadet werden müssen. So kam etwa mit der Umstellung auf BA- und MA-Studiengänge die Einführung von ECTS-Punkten auch für Anwesenheit in Lehrveranstaltungen und die Lehrenden wurden angehalten, diese auch zu überprüfen. Nach Protesten von Studierenden wurde ein Verbot ausgesprochen, Anwesenheit in Seminaren zu erwarten. Symbolisch ist eine solche Politik verheerend. Bei vielen entstand der Eindruck, dass die gemeinsame Auseinandersetzung und Diskussion in Seminaren keine Bedeutung habe. Das ist aber grundfalsch.

Die Wege in eine wissenschaftliche Karriere sind aus verschiedenen Gründen oftmals steinig. War Ihr Weg in die Wissenschaft nach dem Studium vorgezeichnet?

Nein, auf keinen Fall. Ich hatte Glück. Die Promotion konnte ich an das Studium anschließen, danach hat mich eine interessante Ausschreibung bewogen, mich auf eine Postdoc-Stelle zu bewerben, weil die Forschung mir Spaß gemacht hat. Da war zwar eine Entscheidung meinerseits gefallen, dass ich gerne an der Uni bleiben würde. Ob es aber klappen würde, war erst klar, als ich eine feste Stelle erhielt.

Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht Professorin für Geschichte geworden wären? 

Ich hatte zeitgleich mit dem Angebot der Postdoc-Stelle ein Angebot für ein Volontariat im Verlag, aber vielleicht hätte ich auch etwas ganz anderes gemacht. Die Zeiten, in denen Lebenswege klar vorgezeichnet sind und ein einmal ergriffener Beruf bis zur Rente ausgeübt wird, sind ja vorbei. Außerdem hat dies für Frauen sowieso nie in dem gleichen Maße gegolten wie für Männer.

Sie sind seit 2016 Mitglied des VHD-Ausschusses. Was schätzen Sie an der Ausschussarbeit? 

Die Verbandsarbeit fordert mich, intensiver über das Fach und die Situation der Geschichtswissenschaft nachzudenken, und ermöglicht es, Entwicklungen mit den Kolleg*innen im Ausschuss zu diskutieren und aktiv zu werden. Hier werden wissenschaftspolitische ebenso wie wissenschaftliche Fragen diskutiert, die mich über den Tellerrand schauen lassen.

Für welche Themen sollte sich der Verband aus Ihrer Sicht in Zukunft (noch) stärker engagieren? 

Die deutsche Geschichtswissenschaft hat sich in den letzten Jahren zwar bewegt, eine stärkere Hinwendung zu Weltregionen jenseits Europas ist aber immer noch ein wichtiges Anliegen. Dazu gehört auch, anzuerkennen, dass niemand ernsthaft »außereuropäische« Geschichte betreiben kann. Dass der Verband begonnen hat, Länder aus anderen Weltregionen als Partner für den Historiker*innentag einzuladen, ist eine positive Entwicklung.

Vielen Dank!

Silke Hensel

Silke Hensel ist seit 2004 Professorin für neuere und neueste Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der außereuropäischen Geschichte an der WWU Münster. Sie studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Geografie an den Universitäten Hamburg und Universidad de Guadalajara (Mexiko). Promotion 1997 zum Thema: »Die Entstehung des Föderalismus in Mexiko. Oaxaca zwischen Stadt, Region und Staat, 1786 – 1835«. Habilitation 2002 zum Thema: »Leben auf der Grenze. Diskursive Aus- und Abgrenzungen von Mexican Americans und Puertoricanern in den USA«, erschienen 2004. Silke Hensel ist Herausgeberin des Jahrbuchs für Geschichte Lateinamerikas.