Liebe Frau Levsen, woran »sitzen« Sie gerade? 

An einem Text für ein gerade anlaufendes Projekt einer digitalen Debatte über die Europäische Geschichte als Forschungsfeld. Aus einem Panel des letzten Historikertags ging die Frage hervor: Wie steht es um die Europäische Geschichte, und was sind ihre gegenwärtigen Herausforderungen? Erstaunlicherweise wurde über diese und ähnliche Fragen noch nie unter Beteiligung von Historikerinnen und Historikern aus ganz Europa debattiert. Das will das Projekt ändern. Im Herbst gehen die ersten zehn Beiträge von Historikerinnen und Historikern aus verschiedenen Ländern online. Später folgen weitere Debattenrunden – mit der Idee, dass sich die Diskussion wirklich fortentwickeln kann. Unterstützt wird das gemeinsam mit Jörg Requate konzipierte Projekt von den Instituten der Max-Weber-Stiftung, und wir sind sehr gespannt, wie es sich entwickelt. 

Worum geht es in Ihrem aktuellen Forschungsvorhaben? 

Ich habe mich in meiner Habilitationsschrift mit der Schnittstelle zweier Forschungsfelder befasst: der europäischen Demokratiegeschichte einerseits und der Erziehungsgeschichte andererseits. In beiden Feldern denke ich gerade weiter: zum einen in Richtung einer Wissensgeschichte der Demokratie, die in einer Kombination von transnationalen und vergleichenden Perspektiven nach dem Wandel von Vorstellungen des »guten Bürgers« und von demokratischer Partizipation fragt. Zugleich »bohre« ich auch weiter in der Geschichte der Kindheit und forsche zum Wandel des Umgangs mit Gewalt gegen Kinder im späteren 20. Jahrhundert. 

Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrem Beruf? 

Sehr vieles! Der intellektuellen Neugier nachgehen zu können, mit Studierenden zu diskutieren, zu sehen, wie sich Ideen in Abschlussarbeiten und in konkrete Forschungsprojekte verwandeln – und gerade auch, wie sich in der Forschung immer wieder die Perspektiven verschieben und neue Fragen an die Geschichte gestellt werden. 

Was ist am schlimmsten?

Herausfordernd fand ich lange Zeit die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Inzwischen hat sich das deutlich entspannt, da meine Kinder älter und selbstständiger geworden sind. Aber ich erinnere mich gut an Phasen, in denen selbst mit unglaublichen Kaffeemengen die Manuskriptzeilen vor Müdigkeit verschwammen und es sich schier unmöglich anfühlte, zwei Welten unter einen Hut zu bringen.

Die Wege in eine wissenschaftliche Karriere sind aus verschiedenen Gründen oftmals steinig. War Ihr Weg in die Wissenschaft nach dem Studium vorgezeichnet?

Gibt es so etwas wie vorgezeichnete Wege? Ist das nicht etwas, das wir allenfalls im Nachhinein konstruieren? Je länger und intensiver ich mich mit historischer Forschung befasst habe, umso stärker hat sie mich gepackt, umso weniger hat sie mich losgelassen. Es fanden sich mit Glück gute Orte und Förderungsmöglichkeiten, um den Fragen nachzugehen, die mich umtrieben.

Haben Sie die Entscheidung für eine Karriere in der Wissenschaft je bereut?

Ich habe mich auch in anderen Richtungen umgeschaut, aber die Wissenschaft übte eine Anziehungskraft aus, der ich nicht widerstehen konnte oder wollte.

Sie sind seit 2018 Mitglied des VHD-Ausschusses. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der bisherigen Ausschussarbeit?

Es ist ein spannendes und konstruktives Gremium. Wie in allen Institutionen bedarf es einiger Zeit, bis man die Möglichkeiten und Handlungsspielräume ausloten kann, die die Gremienarbeit eröffnet. Daher freue ich mich, noch eine Weile im Ausschuss mitarbeiten zu dürfen.

Für welche Themen sollte sich der Verband aus Ihrer Sicht in Zukunft (noch) stärker engagieren?

Lösungsstrategien für die sich zunehmend verschärfende Befristungsproblematik zu erarbeiten, muss ein wichtiges Anliegen des Verbands sein, denn sie prägt die Lebenswelten eines Großteils seiner Mitglieder. Die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie sollte ein Thema sein, aber auch die Frage, welche Strukturen das sich dynamisch wandelnde Fach Geschichte braucht, um in Forschung und Lehre den Ansprüchen der Gegenwart gerecht zu werden. Letztlich hängen alle diese Fragen zusammen.

Vielen Dank!

Sonja Levsen 

PD Dr. Sonja Levsen ist Dilthey Fellow am Historischen Seminar der Universität Freiburg. Sie hat 2004 in Tübingen promoviert, 2011 erhielt sie ein Dilthey-Fellowship der VolkswagenStiftung, 2017 habilitierte sie sich an der Universität Freiburg. Seitdem hat sie verschiedene Lehrstühle vertreten. Ihre Forschung kombiniert transnationale und komparative Zugänge zur neuesten europäischen Geschichte; thematische Schwerpunkte liegen in der Demokratie-, Erziehungs-, Wissens- und Gewaltgeschichte.