Liebe Frau Dürr, welche Tätigkeit mussten Sie gerade unterbrechen, um unsere Fragen zu beantworten? 

Ich habe die Durchsicht von unbeantworteten E-Mails unterbrochen. Sie haben sich in der vergangenen Woche sehr gehäuft, weil ich alles, was aufgeschoben werden konnte, auf heute, den Tag nach der Begehung unseres SFBs »Bedrohte Ordnungen« durch die DFG, verschoben habe. Die Bitte um ein schriftliches Interview war eine dieser E-Mails. 

Was gefällt Ihnen am besten an Ihrem Beruf? 

An meinem Beruf gefällt mir am besten, dass ich mit Studierenden zu tun haben darf, Doktoranden betreuen und mit Kollegen Projekte aufbauen kann sowie – wenigstens hin und wieder – für Tage einfach nur am Schreibtisch sitze oder gar im Lesesaal für Alte Drucke und dabei die Themen und Fragen auflese, die mir so vor die Füße fallen. 

Und was ist am schlimmsten? 

Keine Zeit zu haben für all das, was ich eben beschrieben habe. 

Worum geht es in Ihrem aktuellen Forschungsvorhaben? 

Mit Ulrike Strasser aus San Diego arbeite ich über eine ca. 4500 Folio-Seiten starke, jesuitische Sammlung von Berichten aus aller Welt aus dem 18. Jahrhundert. In unserer Studie über diesen »Neuen Welt-Bott«1 diskutieren wir das Wechselverhältnis zwischen ethnografischem Wissen und Mission, den Zusammenhang von Reisen und Emotion sowie die Konstruktion dieses Wissens durch den Herausgeber, Joseph Stöcklein S. J., als einen Beitrag zur europäischen Aufklärung. 

Die Wege in eine wissenschaftliche Karriere sind oftmals steinig – warum haben Sie sich dennoch entschieden, Wissenschaftlerin zu werden?

Ich habe schon früh gefunden, dass die Freiheiten unseres Berufes außergewöhnlich sind. Das sollten wir trotz aller Überforderung nicht vergessen.

Haben Sie es je bereut?

Nein.

Was wären Sie gern geworden, wenn Sie nicht Professorin geworden wären?

Nach meiner Doktorarbeit hatte ich mich zwei Jahre lang auf alle Ausschreibungen beworben, die irgendwie mit »Geschichte« zu tun hatten. Hätten sie mich eingestellt, wäre ich im Museum gelandet oder in einem kleinen Stadtarchiv oder in der Kommission für Historische Landeskunde. Letztlich war es mein Glück, seinerzeit Pech gehabt zu haben – ohne natürlich irgendetwas über die verpassten Chancen aussagen zu wollen.

Neben der wissenschaftlichen Lektüre – welches Buch lesen Sie gerade? Gefällt es Ihnen?

Ich habe eben das Buch »A Little Life« von Hanya Yanagihara zu Ende gelesen. In diesem Buch geht es um Freundschaften, die unterschiedlichen Lebenswege von vier Akademikern in New York nach ihren Abschlüssen und die nie endende Verarbeitung von traumatischen Kindheitserlebnissen. Es hat mich wirklich sehr berührt.

Was schätzen Sie an der Ausschussarbeit?

Mir gefällt die kollegiale, wenn nicht freundschaftliche Atmosphäre der Sitzungen, die pragmatische Zielorientierung der Gesprächsleitung und dass es niemals zu Kampfabstimmungen kommt. Mir imponiert die wissenschaftspolitische Stimme, die der Historikerverband in Deutschland hat und die vielschichtige Vorbereitung der Historikertage. Von allen Gremien, in denen ich bin, ist das wohl dasjenige, das mir am meisten Spaß bereitet. 

Fußnoten

1 »Bott« (frühneuzeitlich) bedeutet Bote. 

Renate Dürr 

Renate Dürr ist Professorin für Neuere Geschichte an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Sie studierte Geschichte und Politikwissenschaften an der Universität Hamburg und der reien Universität Berlin und wurde 1994 an der Freien Universität mit der Dissertation »Mägde in der Stadt. Das Beispiel Schwäbisch Hall in der Frühen Neuzeit« promoviert. Ihre Habilitation »Politische Kultur in der Frühen Neuzeit. Kirchenräume in Hildesheimer Stadt- und Landgemeinden, 1550 – 1750« erschien im Jahr 2006. 2006 bis 2011 war sie Professorin für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Kassel. Sie ist seit Oktober 2014 Mitglied im Ausschuss des VHD.