Von Jenny Rahel Oesterle und Bashar Ibrahim |

Im VHD Journal 2018 erschien ein Artikel der Historikerin und Islamwissenschaftlerin Sonja Hegasy über Geschichtsbilder und Geschichtswissenschaften in Gesellschaften der arabischen Welt, der insbesondere die Notwendigkeit der historischen Auseinandersetzung mit postkolonialem Erbe ins Zentrum stellte.1 Der vorliegende Artikel nimmt gegenüber dieser übergreifenden Sichtweise auf die arabische Welt einen regionalen Fokus vor: Vorzustellen ist ein Projekt, das den aktuellen Stand der Geschichtswissenschaften an Universitäten des Irak zu erfassen sucht.

Wir blicken auf ein Land mit mehr als 6000-jähriger Geschichte und renommierten Universitäten, zugleich aber auf eine Geschichtswissenschaft, die angesichts postdiktatorischer Erschütterungen, kriegerischer Zerstörungen und staatlicher Instabilität sowie einem Mangel an Forschungsressourcen jenseits des Iraks und der arabischen Welt kaum wahrgenommen wird. Die vermeintlich einfachen Fragen: »Wer forscht und lehrt als Historiker/Historikerin im Irak zu welchen Themen und unter welchen Bedingungen?« bleiben mit einem Blick ins Internet oder in einschlägige Literaturdatenbanken weitgehend unbeantwortet. Dies gilt mit besonderem Nachdruck zum einen für kleinere Institute regionaler Universitäten und zum anderen für geschichtswissenschaftliche Abteilungen an Universitäten in ehemaligen IS-Gebieten. Anders als in den Disziplinen Archäologie und Altorientalistik2 bestehen in den hier fokussierten Bereichen der Geschichtswissenschaften der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit3 zwischen deutschen und irakischen Historikern nur wenige Kooperationen in Lehre und Forschung.

Gesellschaftliche und staatliche Stabilität liegen wenige Jahre nach Irakkrieg und der Besetzung durch den sogenannten Islamischen Staat noch in ferner Zukunft. Eine »Bestandsaufnahme« der Geschichtswissenschaften an irakischen Universitäten in den Jahren 2018/19 hatte also basal anzusetzen.

Im Falle unseres vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Arab German Young Academy of Sciences and Humanities (AGYA) geförderten deutsch-irakischen Kooperationsprojekts geschah dies in einem ersten Arbeitsschritt. Erfasst wurden 18 irakische Universitäten, an denen insgesamt rund 60 Prozent der irakischen Studierenden eingeschrieben sind.

Rund 580 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wurden persönlich befragt zu Alter, Geschlecht, Qualifikation, Lehr- und Forschungsschwerpunkten. Die Auswahl schloss Forschende an den sogenannten Faculties of Arts (kulīat al-adāb) und Faculties of Education (kulīat al-tarbīa) an kleineren und größeren staatlichen Universitäten in allen Landesteilen ein. Die Kontaktaufnahme zu irakischen Kollegen gestaltete sich aufgrund wenig aktualisierter, lückenhafter Homepages kompliziert. Fünf Mitarbeiter aus Erbil, Mosul, Bagdad, Kufa und Basra suchten dafür die irakischen Historikerinnen und Historiker persönlich auf. Immer wieder wurde das Projektteam vor besondere Herausforderungen gestellt: Vergütungen durch Überweisungen von Mitarbeitergehältern in den Irak sind unmöglich, sie funktionieren nur über Drittländer wie Libanon oder Jordanien oder direkt als Barzahlung von Hand zu Hand. Für die Datenerhebung nahmen die irakischen Mitarbeiter vor Ort zum Teil erhebliche Risiken für Leib und Leben auf sich; und sei es nur, um von einem Stadtteil in den anderen zu wechseln. Aber auch auf der Seite der Befragten stießen wir auf Vorbehalte: So verhinderten einige Institutionen die Weitergabe von Informationen ihrer Mitarbeiter, manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nahmen an der Befragung nicht teil oder baten aus Sicherheitsgründen um die Anonymisierung ihrer Antworten.

Vielfalt der geschichtswissenschaftlichen Lehr- und Forschungsgebiete und regionale Differenzierungen

Die Auswertung der Befragungen offenbart ein vielfältiges Spektrum der Lehr- und Forschungsinteressen irakischer Historikerinnen und Historikern: Neben den in den Antworten nicht näher spezifizierten Forschungsgebieten im Feld der Alten, Neueren oder Islamischen Geschichte gaben die Forschenden Arbeitsschwerpunkte in der Sassaniden-, Abbasiden-, Umayyaden- und Osmanenzeit an, ferner Religionsgeschichte, islamische Philosophiegeschichte und Wissensgeschichte sowie Geschichte verschiedener Weltregionen ohne genaueren zeitlichen Zuschnitt. Insbesondere der Geschichte Europas, Nordamerikas sowie der arabischen Länder einschließlich Nordafrikas gilt eine besondere Aufmerksamkeit. Hinzu treten stärker auf Regionen bezogene Gebiete, selbstverständlich die Geschichte des Irak selbst sowie iranische und kurdische Geschichte.

Ein Vergleich der 18 untersuchten Universitäten lässt regionale Differenzierungen erkennen, sowohl was inhaltliche Orientierungen einzelner Geschichtswissenschaftlerinnen und Geschichtswissenschaftler als auch was Universitäts- und Institutsstrukturen betrifft. So werden zum Beispiel in kurdischen Regionen des Irak Akzente auf kurdische Geschichte gesetzt, während man sich in Grenzbereichen zum Iran oder in Gegenden mit mehrheitlich schiitischer Bevölkerung stärker auf iranische Geschichte konzentriert. Die Forschungs- und Lehrbedingungen an den untersuchten irakischen Universitäten – großen Universitäten wie Bagdad oder Kufa oder eher ländlichen Universitäten wie Dohuk, Universitäten in politisch relativ sicheren Städten wie dem kurdisch-irakischen Erbil oder Universitäten in Städten, die nach wie vor mit den Folgen der IS-Zeit kämpfen wie Mosul – unterscheiden sich erheblich. Renommierte Universitäten wie etwa die Universität Bagdad beschäftigen derzeit beispielsweise in der geschichtswissenschaftlichen Fakultät 18 Professoren (sechs davon Professorinnen), die als thematische Schwerpunkte Alte Geschichte, Islamische Geschichte, Geschichte islamischer Zivilisationen, mongolische Geschichte, abbasidische Geschichte, Geschichte des Kalifats in al-Andalus, Geschichte Afrikas und Europas, moderne Geschichte der arabischen Welt, insbesondere der Golfstaaten und des Irak angaben. Hinzu kommen 43 Assistenzprofessoren (darunter 21 Assistenzprofessorinnen), deren Interessensgebiete von der Geschichte des alten Akkadiens über die Alte Geschichte allgemein, die Geschichte der Umayyaden und Abbasiden und des Kalifats von Cordoba sowie die Geschichte Europas und der arabischen Welt in der »Moderne« reichen, und 18 weitere Lehrende mit Masterabschluss (darunter 13 weibliche Lehrende). Anders als in der Hauptstadtuniversität Bagdad lehren etwa an der kleineren, erst im Jahr 2014 gegründeten Hamadiyya University derzeit nur insgesamt zwölf Historikerinnen und Historiker (darunter zwei Professoren, sechs Assistenzprofessoren und vier weitere Lehrende) an einer Faculty for Education mit Interessensschwerpunkten in Alter, Moderner und Islamischer Geschichte (allgemein).

Herausforderungen und Chancen der Geschichtswissenschaften im Irak

Aktuell sehen sich viele irakische Historikerinnen und Historiker vor kaum zu bewältigende Herausforderungen gestellt: Insbesondere an kleineren Universitäten ist kaum oder nur unter höchst erschwerten Bedingungen zu forschen; klarer Tätigkeitsschwerpunkt der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler liegt in der Lehre. Universitäten, die wie etwa die Universität Mosul durch Krieg und IS-Besetzung in dramatischer Weise Bibliotheken verloren haben, mangelt es an grundlegenden Ressourcen für geschichtswissenschaftliches Arbeiten.

In einem späteren Arbeitsschritt des Projekts sind Vertiefungsinterviews mit Studierenden, Lehrenden, Forschenden und Dekanen zu führen. Studierende sollen beispielsweise nach den Gründen der Studienwahl und Berufsaussichten befragt werden. Die Interviews mit den Forschenden zielen auf genauere Einsichten in konkrete Forschungsvorhaben, -pläne und -methoden, Kooperationen am Institut und darüber hinaus, aber auch auf administrative Herausforderungen. Schließlich sind Gespräche mit ausgewählten Dekanen zu führen, die beispielsweise das Problem der Abwanderung sowie Rückkehraussichten von Wissenschaftlern und die Situierung geschichtswissenschaftlicher Abteilungen innerhalb des geisteswissenschaftlichen Fächerspektrums im Irak behandeln.

Blickwechsel durch Forschen, Schreiben und Lehren der Geschichte im Irak und in Deutschland

Ein erstes Treffen irakischer und deutscher Historikerinnen und Historiker an der Universität Heidelberg im Juli 2019 soll einem ersten Erfahrungs- und Informationsaustausch dienen. Zu erkunden sind die gegenseitigen Vorstellungen von möglichen Kooperationen in Forschung und Lehre in der gegenwärtigen Situation und in Zukunft. Gibt es in der Öffentlichkeit beider Länder Erwartungen an die Arbeit der Geschichtswissenschaft und wenn ja, welche? Gibt es aus Sicht der Forschenden Vergleichsmöglichkeiten in der jüngeren Geschichte beider Länder (postdiktatorische Situation und Nachkriegszeit, »Wiederaufbau«)? Könnten Probleme der Geschichtsbearbeitung und -vermittlung der jüngeren und jüngsten Geschichte beider Länder einen Ausgangspunkt grundlegender irakisch-deutscher Historikerdiskussionen bilden? Können Kontakte im Bereich der Lehre ausgestaltet werden und wenn ja, wie?

Auch die Einbeziehung früherer Epochen der reichen alten und mittelalterlichen Geschichte des Irak kann in verschiedener Hinsicht zu deutsch-irakischen Blickwechseln führen; sie wären nicht zuletzt auch didaktisch nutzbar zu machen. Die Berücksichtigung älterer Epochen der Menschheitsgeschichte ermöglichte, den Irak nicht allein als Land voller Gegenwartsprobleme zu klassifizieren. Die »Blütezeit« ältester und arabisch-islamischer Kulturen im Zweistromland lässt die Geschichte des Iraks, aber auch die europäische Geschichte dieser Zeiten in einem anderen Licht erscheinen. Von dieser komparativen Perspektive könnten auch deutsche Studierende und Lehrende profitieren.

Fußnoten

1 Sonja Hegasy, Die Bedeutung von Geschichtsbildern und Geschichtswissenschaft in Gesellschaften der arabischen Welt von heute, in: VHD Journal 2018, S. 23–27, online.

2 Zwischen Archäologen und Altorientalisten in Deutschland und dem Irak bestehen seit über 60 Jahren vielfältige, intensive und institutionell verankerte Kontakte. Aus diesem Grund wurden Abteilungen für Archäologie in die Bestandsaufnahme nicht einbezogen. Siehe z.B. die Arbeit des Deutschen Archäologischen Instituts unter der Leitung von Margarete van Ess (Außenstelle Bagdad) mit einer Vielzahl einschlägiger Projekte, beispielsweise der Eröffnung eines irakisch-deutschen archäologischen und assyrologischen Zentrums an der Universität Bagdad im Jahr 2017 (mehr) und einem Digitalisierungsprojekt irakischer Archive (mehr) u.v.m. Die Wertschätzung der Zusammenarbeit zeigt sich nicht zuletzt von irakischer Seite z.B. in der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Bagdad an den Assyrologen Stefan Maul (Heidelberg) und den Altorientalisten Walter Sommerfeld (Marburg).

3 Die Zuweisung der Forschungsgebiete der irakischen Geschichtswissenschaften zu denen der westlichen Geschichtswissenschaften – etwa Alte oder Neuere Geschichte – hat die deutsche Islamwissenschaft jüngst zur Diskussion gestellt (Thomas Bauer: Warum es kein islamisches Mittelalter gab. Das Erbe der Antike und der Orient, München 2018). Die irakischen Historikerinnen und Historiker nahmen sie in den Fragebögen selbst vor, wobei »Mittelalter« als Begriff nicht fiel, sondern in den Feldern der Dynastien- und islamischen Religionsgeschichte oder Regionengeschichte aufgegangen war.

Jenny Rahel Oesterle studierte Mittelalterliche Geschichte, Islamwissenschaft und Theologie in Gießen, Jerusalem und Münster. Sie war von 2006 bis 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Institut der TU Braunschweig, 2008–2014 Juniorprofessorin für die »Geschichte des Mittelmeerraums« an der Ruhr-Universität Bochum; seitdem leitet sie die Nachwuchsgruppe »Schutzgewähr in Phasen religiöser und politischer Expansion« an der Universität Heidelberg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte Europas, des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens im Mittelalter, insbesondere Flucht, Schutz und Migration, Religionskontakte und Kulturtransfer; Herrscherhöfe und Zeremoniell; Historiografie und Kartografie; Wissenschaftsgeschichte des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens. Sie ist Mitglied der Arab German Young Academy of Sciences and Humanities.

Bashar Ibrahim studierte Angewandte Mathematik in Mosul (Irak). Er war von 2005 bis 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bioinformatik der Universität Jena, 2008–2011 Projektleiter am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und hat 2013 seine Habilitation an der Universität Jena abgeschlossen. Anschließend war er bis 2015 Professor an der Universität Umm Al-Qura (Saudi-Arabien). 2016 kehrte er zurück nach Deutschland als Gastprofessor der Universität Bonn. Seit 2017 ist er an der Universität Jena und im Europäischen Virus-Bioinformatik-Zentrum beschäftigt. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Modellierung und Simulation biologischer Problemstellungen. Er ist Alumnus der Arab German Young Academy of Sciences and Humanities.

Bildnachweise

Al-Mustansiriya University in Bagdad (Ausschnitt, CPT Photo, Wikimedia Commons)

Karte und Tafeln: Sebastian Lehnert