Ein Interview mit Wolfgang Schwentker |

Welche Stellung hat die Geschichtswissenschaft in Japan und inwiefern hat sich diese seit Ihrer Zeit dort gewandelt?

Japan ist ein Land mit einem ausgeprägten kulturellen Sonderbewusstsein. Der Stolz auf die eigene Geschichte spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Historische Themen sind in der Öffentlichkeit fortlaufend präsent, und so ist es auch keine Überraschung, dass sich die Geschichtswissenschaft ebenfalls eines großen Interesses erfreut und sich, im Vergleich zu anderen Kulturwissenschaften, in den Universitäten gegenüber den Angriffen der Ministerialbürokratie auf die Geisteswissenschaften im Juni 2015 vergleichsweise gut behauptet hat.

Lassen Sie mich kurz festhalten, was sich überhaupt nicht verändert hat. In den japanischen Universitäten ist die Geschichtswissenschaft institutionell ganz anders organisiert als etwa in Deutschland. Die historischen Institute bestehen in der Regel aus drei großen Abteilungen: den Instituten für japanische Geschichte, für asiatische Geschichte und für westliche Geschichte. Innerhalb dieser Abteilungen folgt die Arbeitsteilung der im Westen bekannten chronologischen Gliederung. Darüber hinaus gibt es aber noch zahlreiche historische Institute, die den einzelnen Fakultäten zugeordnet sind. Das Fach ist also innerhalb der Universitäten stark fragmentiert. Diese Tendenz zur Spezialisierung und Gruppenbildung setzt sich auch im nationalen Rahmen fort. Es gibt hier keinen »Verband der Historiker und Historikerinnen Japans«. Stattdessen geben methodisch-theoretische Zugangsweisen, politische Orientierungen, thematische Interessen und regionale Traditionen vor, wie sich die Historikerinnen und Historiker jeweils organisieren. Diese fragmentierten Organisationsstrukturen des Fachs innerhalb und außerhalb des Universitätsbetriebs haben bis heute eine große Beharrungskraft bewiesen.

Gleichwohl hat sich die Geschichtswissenschaft in den vergangenen beiden Jahrzehnten stark gewandelt, wenn man beispielsweise die Forschungsthemen in den Blick nimmt. Ich nenne in diesem Zusammenhang fünf Punkte:

1. Der ältere Antagonismus von konservativ-positivistischen Ansätzen auf der einen Seite und marxistischen auf der anderen schlägt nicht mehr so deutlich durch; vielmehr spielen heute epistemologische Fragen nach den Voraussetzungen für die Generierung historischen Wissens eine größere Rolle.

2. Die Fokussierung auf den Staat und seine zentralen Organe hat einer Orientierung hin zu den regionalen Peripherien und sozialen Randgruppen Platz gemacht. Hier hat insbesondere die Mediävistik im Anschluss an den Historiker Yoshihiko Amino Bahnbrechendes geleistet.

3. Die Geschichte Japans wird heute deutlich stärker als früher in den Rahmen der ostasiatischen Geschichte hineingestellt, bedingt nicht zuletzt durch den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas und – mit Blick auf die Nachkriegszeit – erzwungen durch eine fragwürdige »Geschichtspolitik«, die von revisionistischen und nationalistischen Tendenzen gekennzeichnet ist und die seit den 1980er-Jahren immer wieder Anlass zu diplomatischen Auseinandersetzungen zwischen Japan und seinen Nachbarn gegeben hat.

4. Die Globalgeschichte hat auch in Japan ein großes Interesse gefunden. Sie ist institutionell in der Regel den Abteilungen für westliche Geschichte zugeordnet. Dort allerdings ist man geneigt, die westliche Globalgeschichtsschreibung unter Ideologieverdacht zu stellen und ihr in Verkennung dessen, was Globalgeschichte eigentlich will, eine asiatische Sichtweise entgegenzusetzen.

5. Schließlich müssen die innovativen Ansätze im Bereich der Umweltgeschichte genannt werden – ein Themenbereich, dem aufgrund der Erfahrungen mit Naturkatastrophen in diesem Land eine besondere Bedeutung zukommt.

Sie arbeiten seit 17 Jahren an der Universität in Osaka / Japan. Ihnen ist aber auch das deutsche Wissenschaftssystem bekannt. Auf den Punkt gebracht, wie grundlegend unterscheiden sich diese Systeme voneinander? Haben sie sich in den letzten Jahrzehnten, etwa unter dem Eindruck von Digitalisierung und Globalisierung, angenähert?

Selbstverständlich gibt es als Folge von Digitalisierung und Globalisierung Tendenzen der Angleichung und Vernetzung. Ich denke dabei an die Einbindung in globale Rankings oder den stark gestiegenen Anteil von ausländischen Studierenden an den Universitäten, sowohl in Deutschland als auch in Japan. Mit Blick auf das Wissenschaftssystem als solches haben wir es in Japan allerdings mit ganz anderen Voraussetzungen zu tun. Es gibt hier zurzeit 86 nationale Universitäten, an deren Spitze die sieben ehemals kaiserlichen Universitäten stehen. Die Universität Tokyo nimmt in der japanischen Rangordnung seit der Meiji-Zeit die unangefochtene Führungsposition ein. Hinzu kommen 90 Universitäten, die von den Präfekturen und Kommunen betrieben werden. Den Hauptanteil stellen aber die privaten Universitäten, von denen es etwas mehr als 600 gibt; einige davon verfügen in Japan und international über einen sehr guten Ruf, wie etwa die Waseda Universität oder die Keio Universität in Tokyo.

Ein zweiter gewichtiger Unterschied zum deutschen System ist, dass es in Japan keinen institutionalisierten Mittelbau gibt. Postdocstellen sind rar, und die Beschäftigungsverhältnisse junger Wissenschaftler sind ausgesprochen prekär. Die Zahl befristeter Assistentenstellen ist verschwindend gering; dieses Personal fehlt bei der methodischen Grundausbildung und der Betreuung der Studierenden in den ersten Semestern. Die von den Professoren eingeworbenen Drittmittel reichen in den meisten Fällen nicht aus, um jungen Historikerinnen und Historikern für eine auch nur befristete Zeit eine angemessene Anstellung anzubieten. Viel wird hier in Form von »Teilzeitjobs« geleistet, für die sich das vom Deutschen abgeleitete Wort »Arubaito« eingebürgert hat. Nach der Promotion muss sich der Nachwuchs in der Regel mit Lehraufträgen für die Intensivkurse in den Semesterferien durchschlagen. Ein langfristiges Forschungsvorhaben lässt sich auf dieser Basis mit jungen Wissenschaftlern kaum realisieren. Stattdessen wird der Verbund- und Gruppenforschung der Professoren untereinander ein großer Stellenwert eingeräumt.

Inwiefern hat sich durch Ihre Tätigkeit in Japan Ihr Blick auf die deutsche Wissenschaftslandschaft verändert?

Je länger ich in Japan bin, desto eher bin ich geneigt, die Situation in Deutschland, so wie ich sie einmal kennengelernt habe, zu idealisieren. Ich treffe hier in meinen Lehrveranstaltungen ständig auf Studierende aus Deutschland und aus dem europäischen Ausland und kann in den Chor der Kulturpessimisten nicht einstimmen. Die Studierenden, die an einer deutschen Universität eine Grundausbildung erhalten haben, können sich hier nicht nur im Vergleich zu ihren japanischen Kommilitonen, sondern auch in der Konkurrenz zu den Studenten aus anderen europäischen Ländern und aus den USA gut bis sehr gut behaupten. Im rückblickenden Vergleich finde ich auch die Art und Weise, wie in Deutschland der akademische Nachwuchs rekrutiert wird und wie die Auswahl für die Professorenstellen erfolgt, aufgrund ihrer doch im Vergleich zu Japan deutlich höheren Transparenz und ihres zum Teil öffentlichen Charakters durchaus überzeugend. An den staatlichen Universitäten hier erfolgt die Stellenbesetzung auf Empfehlung einer sehr kleinen Auswahlkommission. Die Vorstellung der Kandidaten ist nicht öffentlich. Der schmale Mittelbau und die Studierenden haben keine Mitspracherechte. Listen werden nicht erstellt. Die Fakultät entscheidet einzig und allein auf der Basis der Empfehlung einer Kommission über nur einen Kandidaten (seltener: über eine Kandidatin).

Zu einer ausbalancierteren Einschätzung gelangt, wer die Vorteile des japanischen »Wissenschaftssystems«, wie Sie es nennen, herausstellt. Ausländische Professoren an japanischen Universitäten nennen übereinstimmend drei Faktoren: die Bereitstellung eines substanziellen persönlichen Budgets für Lehre und Forschung, das kurzzeitige Reisen in Archive oder zu Bibliotheken, die Teilnahme an Kongressen im In- und Ausland und die Anschaffung von Literatur und Geräten für den Eigenbedarf auch ohne gesonderte Antragstellung ermöglicht; die ausgezeichneten Studienbedingungen für Studierende im Master- oder Doktorstudiengang; und schließlich der ausgesprochen kollegiale Umgang innerhalb einer Fakultät.

Im deutschen Wissenschaftssystem haben sich seit einigen Jahren Kennzahlen als Steuerungsinstrumente der Wissenschaftspolitik fest etabliert. Davon sind auch die einer quantitativen Bewertung oft querlaufenden Geisteswissenschaften betroffen. Wie wird in Japan über den »Erfolg« und die »Qualität« in Forschung und Lehre befunden?

Die Forschungsleistungen werden zweimal pro Jahr in Erhebungsbögen erfasst, wobei die Anzahl der aufgelisteten Veröffentlichungen zählt, nicht ihre Qualität. Ob eine Historikerin oder ein Historiker ein Buch schreibt, einen Aufsatz oder eine Rezension, spielt für das Ergebnis eine nur untergeordnete Rolle. Alle paar Jahre gibt es auch ein externes Begutachtungsverfahren für Lehre und Forschung; indes wählen sich die betreffenden Professuren ihre Gutachter häufig selbst aus. – Im Bereich der Lehre dürfen die Studierenden eine Lehrveranstaltung im Verlauf eines Semesters drei Mal evaluieren – mit dem schönen Ergebnis, dass den für die grafische Zusammenstellung der Daten zuständigen Verwaltungsbeamten die Arbeit nie ausgeht. Die japanische Liebe zum Detail gelangt hier, im Zuge der diversen Evaluierungsverfahren, zu einer gleichsam vollkommenen Entfaltung.

Für Deutschland lässt sich ein gewisses Anpassungsverhalten auf die Kennzahlenlogik in Lehre, Forschung und Publikationsverhalten feststellen. So hat sich etwa in der Forschung die Höhe der eingeworbenen Drittmittel als Maßstab der Forschungsqualität verankert. Welche Bedeutung hat dies für Sie als Wissenschaftler?

Die Anpassungszwänge an die Kennzahlenlogik würde ich für den japanischen Fall eher gering einschätzen, da die persönliche Grundausstattung eines Professors oder einer Professorin diese gegenüber dem Zwang zu Drittmitteleinwerbungen zumindest teilweise immunisiert. Zwar werden seit der Umwandlung der staatlichen Universitäten in Körperschaften im Jahre 2004 die Mittel fortlaufend gekürzt, doch gefährden diese Reduktionen noch nicht das Alltagsgeschäft. Es gibt allerdings vonseiten der Universitätsleitungen, deren Macht gegenüber den Fakultäten in den vergangen zehn Jahren zugenommen hat, einen politischen Druck, weil in der Summe die für eine Universität bewilligten Drittmittel mit über das Ranking der Institution entscheiden. Für die Durchführung eines größeren Forschungsvorhabens kommt man sowieso nicht um die Einwerbung von Drittmitteln herum. Es werden heutzutage deutlich mehr Anträge für Drittmittel gestellt als noch vor zehn oder 15 Jahren. Sind Kolleginnen oder Kollegen mit einem Antrag erfolgreich, wird dies in der Fakultätssitzung ausführlich gewürdigt.

In eine ähnliche Richtung weisen Rating- und Rankingsysteme zur Qualitätsbewertung von Fächern. Wie reagieren Geschichtsstudenten und historische Institute in Japan auf diese Ratings / Rankings?

Das Rating einzelner Fächer – mit Blick auf Forschung und Lehre – spielt weder im Arbeitsalltag der Universitäten noch bei der Entscheidung der Studierenden für einen Studienort eine Rolle. Entscheidend ist in Japan die Rangordnung der Universitäten. Für die Geschichtsstudenten ist es zudem sehr viel wichtiger, dass ihre persönliche Betreuung durch die Professorin oder den Professor, denen sie zugeordnet werden, gewährleistet ist. Die Reaktionen auf die Ergebnisse der internationalen Rankings hier in Japan, wie vermutlich auch anderswo, erscheinen mir allerdings nur allzu menschlich: Sind die Ratings gut, redet jeder darüber; sind sie schlecht, spricht man lieber über etwas anderes.

Vielen Dank!

Das Interview fand im Februar 2019 statt.

Wolfgang Schwentker ist seit 2002 Professor für vergleichende Kultur- und Ideengeschichte an der Universität Osaka und Mitherausgeber der »Neuen Fischer Weltgeschichte«. Zu seinen neueren Veröffentlichungen zählen: Geschichtsdenken im modernen Japan. Eine kommentierte Quellensammlung, München 2015 (als Mitherausgeber); Was heißt in Japan »Nachkriegszeit«? In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung 14,2 (2017), S. 157 – 170; Die Samurai. 4., verbesserte und aktualisierte Ausgabe, München 2019.

Bildnachweis

Akamon – Das 1827 errichtete Tor befindet sich heute auf dem Campus der Universität von Tokyo. (Wei-Te Wong, Wikimedia Commons)