Von Christina von Hodenberg |

Die britischen Universitäten befinden sich in einem rasanten Wandel – und daran hat der bevorstehende Brexit noch gar keinen Anteil. Die Wissenschaftspolitik der letzten zehn Jahre, seit dem Antritt der konservativen Regierung Cameron im Jahr 2010, setzte auf eine stark wettbewerbs- und kennzahlenbasierte Reform. Die Universitäten sollten wie auf einem Markt um ihre Kunden, die Studenten, konkurrieren. Die Geisteswissenschaften traf dies besonders hart.

Mit der veränderten Finanzierung von Wissenschaft änderten sich auch die Strategien und Argumente, mit denen sich Historiker in Politik und Öffentlichkeit behaupten. Fachspezifische Rankings und das Abschneiden bei landesweiten excellence frameworks wurden immer wichtiger für das finanzielle Überleben. Das hat Auswirkungen bis hin in die Tagesabläufe und Forschungsplanung der Hochschuldozenten und Studenten.

Systemwechsel

Die Regierung Cameron entschied Ende 2010 über eine Verdreifachung der Studiengebühren, die Mitte 2012 in Kraft trat (ausgenommen Schottland). Ausgedehnte, teils gewalttätige Studentenproteste gegen die Anhebung versandeten. Seither zahlen britische Undergraduates, gleich welchen Fachs, 9000 Pfund jährlich (seit 2017: 9250 Pfund). Ein Abschluss in Geschichte, typischerweise auf drei Jahre begrenzt, kostet jetzt also 27 750 Pfund plus Lebenshaltungskosten. Allerdings gewährt die Regierung ausnahmslos allen Studenten eine Anleihe, die nach dem Abschluss (gewaltig verzinst) bei einem bestimmten Mindestgehalt in Raten zurückgezahlt werden muss. Für die Universitäten wurden die Studierenden so zu zahlenden Kunden. Regierungszuschüsse für die Lehre, die zuvor an die Universitäten gegangen und nach einem bestimmten Schlüssel (pro Kopf der Studierenden und Fach) verteilt worden waren, fielen für die Geisteswissenschaften komplett weg. Gleichzeitig wurden die Hochschulen ermuntert, miteinander um ihre »Kunden« zu konkurrieren.

Der Systemwechsel hatte sofortige Folgen. Die Bewerbungen sogenannter mature students (derjenigen, die sich nicht gleich nach dem Abitur bewerben) brachen weg. Die Master-Studiengänge, die nicht zur Anleihe berechtigten, schrumpften stark. Weniger Studierende wollten Geschichte, mehr Zahnmedizin studieren. Ein intensiver Wettlauf um die Anwerbung von Studienanfängern setzte zwischen den Hochschulen ein. Die Marketing-Abteilungen der Universitäten wuchsen stetig. Werbeplakate der Unis in der Londoner Tube und flotte Web-Anzeigen im Jugendjargon wurden die Regel, ebenso wie attraktive Tage der offenen Tür für Bewerber, ihre Eltern und Lehrer mit Campus-Führungen und Gratis-Bewirtung. Professoren und Dozenten wurden an Samstagen und Abenden dazu verpflichtet, für die Bewerber Vorträge, Probeseminare und persönliche Interviews abzuhalten. Bei diesen Begegnungen geht es weniger darum, die besten Kandidaten herauszufiltern, als darum, alle Bewerber vom eigenen Studiengang zu überzeugen.

Zudem bekommen inzwischen ein Drittel aller 18-jährigen Bewerber im Frühjahr vor der Einschreibung sogenannte unconditional offers, also eine feste Studienplatz-Zusage, bevor sie überhaupt ihre Abiturklausuren geschrieben haben – nur auf der Basis der von ihren Lehrern vorhergesagten Noten. Seit 2010 ereignete sich auch eine extreme Noteninflation (spiralling grade inflation) an den Unis, so die Chief executive des Office for Students, Nicola Dandridge, im Dezember 2018. Allein der Anteil der sogenannten first class honours degrees (also der Einserabschlüsse) verdoppelte sich in einem Jahrzehnt von 13 auf 26 Prozent. Denn diese Kennzahl ist Bestandteil der Formel, nach der Universitätsfach-Rankings berechnet werden, und damit wiederum wichtig für die Rekrutierung. Die besseren Abschlüsse sind sicherlich teils auch auf eine verbesserte Betreuung und Lehre zurückzuführen. Denn die Orientierung auf Lehre und persönliches Mentoring für den zahlenden Kunden ist in den letzten Jahren, auch auf Kosten der reinen Forschung, gestiegen, wie viele Kollegen im Fach berichten. Aber daran allein liegt es nicht. So drängen die Hochschulleitungen ihre Fakultäten, mehr Einsen zu geben, um den statistischen Rückstand gegenüber anderen Institutionen aufzuholen. Häufig wird schlicht die Berechnungsformel angepasst, mit der die Leistungen aus dem modularen Drei-Jahre-Studium zu einer Abschlussnote umgerechnet werden.

In der Tat ist es den Regierungen unter Cameron und May partiell gelungen, das akademische Geschehen einem angeblich logisch-rationalen Marktgeschehen anzunähern. Wer zahlt, wird intensiver betreut und bekommt bessere Noten – egal, wie sehr er oder sie sich anstrengt. Und Universitäten sowie Fächer, die nicht genug Interessenten anwerben können, sind von der Schließung bedroht. Dieses Jahr meldete jede vierte britische Hochschule ein Defizit, weil sie ihre Kurse nicht füllen konnte, darunter so angesehene Londoner Universitäten wie die School of Oriental and African Studies (SOAS), Birkbeck und Goldsmiths. Universitäten mit traditionellen Markennamen wie etwa King’s College London oder University College London profitierten dagegen. Sie heuerten seit 2010 zahlreiche Dozenten auf zumeist prekären und befristeten Verträgen an, um die gestiegene Zahl ihrer Bachelor-Studenten zu betreuen. Einzelne Hochschulen, etwa die University of Sussex in Brighton, kürzten ihr Angebot gerade der weniger nachgefragten Kurse in den Geistes-wissenschaften. Dort wurde 2010 die englische Geschichte vor 1700 und die europäische Geschichte vor 1900 schlicht gestrichen.

Rankings

Der Wettbewerb um die Studenten ist aber nur die eine Seite des Wandels. Die andere Seite ist die Einführung landesweiter Rankings, die die Qualität der an allen Hochschulen betriebenen Forschung und Lehre überprüfen sollen. Schon unter Margaret Thatcher wurde 1986 das Research Assessment Exercise (RAE) eingeführt, das seither in Abständen von drei bis sieben Jahren stattfindet. Seit 2014 trägt es den neuen Namen Research Excellence Framework oder REF. An die Ergebnisse dieser wissenschaftspolitischen Großmanöver ist ein Großteil des staatlichen Fördergeldes für die Forschung gebunden.

Bemerkenswerterweise orientiert sich das REF kaum an Statistiken von Drittmittelgeldern, Downloads oder Zitationshäufigkeiten von Publikationen. Stattdessen werden für alle Disziplinen Experten-Panels gebildet, die fachnah besetzt sind und alle eingereichten Veröffentlichungen lesen und benoten. Alle Dozenten können nur bis zu vier oder fünf ihrer besten Publikationen einreichen; inhaltliche Doppelungen und das Aufwärmen alter Ergebnisse führen zu schlechten Noten. Damit gelang es, die Veröffentlichungsspirale etwas einzudämmen. Auch führte das REF zu einem regen Wettbewerb der Universitäten um besonders produktive Forscher, die nun oft schneller befördert, besser entlohnt und aus dem Ausland rekrutiert wurden. Viele Departments gewährten auch großzügigere Freisemester, um die Fertigstellung wichtiger Publikationen vor der nächsten Frist zu ermöglichen. Zunächst wirkte sich das REF also positiv aus, weil es Qualität gegenüber Quantität der Forschung privilegierte und Anreize schuf, die Bedingungen für originelle Forschung zu verbessern.

Allerdings flossen mit der Zeit immer mehr forschungsfremde oder rein quantitative Faktoren in die Ergebnisse des REF und die darauf basierenden Universitätsrankings ein. Im Jahr 2014 mussten alle Abteilungen ihren impact, also messbare Auswirkungen ihrer Forschung außerhalb der Wissenschaft, nachweisen, um Höchstnoten zu erzielen. Zudem begannen die beteiligten Hochschulen mit Erfolg, ihre Eingaben zu manipulieren. Der nächste REF-Stichtag steht Ende 2020 ins Haus. Schon jetzt melden die Zeitungen, dass zahlreiche Unis Dozenten, die nicht genug vielversprechende Publikationen vorweisen können, entweder kündigen oder ihre Verträge zwangsweise auf Lehre ohne Forschung umstellen. Wer Bücher für ein breiteres Publikum, Datenbanken oder interdisziplinäre Studien vorlegt, läuft ein weit größeres Risiko, die REF-Kriterien nicht zu erfüllen; ebenso derjenige, dessen Beitrag in Warteschleifen festhängt oder deren Buch acht Jahre in Anspruch nimmt. Wer nicht das Richtige und vor allem nicht im richtigen Rhythmus produziert, dem wird die Forschungskarriere abgeschnitten.

Die Geschichtsabteilungen der forschungsstärksten britischen Universitäten durchlaufen derzeit bereits ihren dritten oder vierten arbeitsintensiven REF-Testlauf im Zyklus 2015-2021. Dabei lesen externe Gutachter, oft aber auch die eigenen Kollegen die vorgelegten Bücher und Aufsätze und klassifizieren sie nach dem Schema world-leading, internationally excellent, recognised internationally und recognised nationally. Publikationen, die in die letzten zwei Kategorien fallen, werden als wertlos angesehen, weil sie im REF-Finanzierungsschlüssel nicht berücksichtigt werden – und die Autoren finden ihre Karrieren in Frage gestellt. Dass solche internen Testläufe den Frieden im Kollegium stören können, ist offensichtlich. Nicht selten kollidieren dabei auch verschiedene Ansätze innerhalb der Disziplin, wenn beispielsweise ein Filmhistoriker eine Mediävistin benotet oder eine Wirtschaftshistorikerin einen Gender-Historiker.

Die britischen Historikerinnen und Historiker haben sich wohl oder übel dem REF und den zusätzlichen Arbeitsbelastungen gefügt, die ihr Einsatz bei der Anwerbung von Studenten und gegenseitigen Bewertung von Kollegen erfordert. Sie leisten nach wie vor beeindruckende Forschung, die sich auch im hohen Anteil der internationalen Drittmittel widerspiegelt, die weiterhin nach Großbritannien fließen. Aber die Stimmung ist nicht gut. Im Frühjahr 2018 streikten Professoren und Mittelbau wochenlang gemeinsam gegen die Kürzung ihrer künftigen Pensionen. Selbst unter den älteren Dozenten, die kaum von den Rentenkürzungen betroffen gewesen wären, fanden sich nur wenige Streikbrecher. Der Streik war auch eine Unmutsäußerung gegen die wachsenden Zumutungen des sich wandelnden Hochschulsystems.

Diese Botschaft ist bei den Wissenschaftspolitikern jedoch nicht angekommen. Sie sind gerade dabei, das REF durch zwei weitere landesweite Rankings zu ergänzen. Das übergeordnete Ziel, die Schaffung eines »kundengerechten« und stärker hierarchisierten Universitätsmarktes, bleibt dabei dasselbe. Parallel zum REF wurde 2017 das Teaching Excellence Framework (TEF) sowie 2019 das Knowledge Exchange Framework (KEF) aus der Taufe gehoben. Beide Rankings sind fast ausschließlich kennzahlengeleitet. So werden für das TEF vor allem Zahlen zur Zufriedenheit der Studenten (aus der jährlichen National Student Survey), Abbrecherzahlen und die Durchschnitts-Anfangsgehälter der Absolventen zusammengerechnet. Der Fachkontext und die Einordnung in lokale Gegebenheiten fehlen weitgehend, was zu teilweise absurden Ergebnissen führt. So schneiden Universitäten bei den Absolventengehältern vor allem dann gut ab, wenn sie in oder nahe an London liegen, ohne dass dies Rückschlüsse auf die Qualität der Lehre zuließe. Kein Wunder, dass das TEF von 90 Prozent der Hochschuldozenten abgelehnt wird, wie eine Umfrage der Dozentengewerkschaft University and College Union kürzlich zeigte. Statt gute Lehre zu belohnen, resultiere das System in mehr Bürokratie, mehr Kontrollen, einer zunehmenden Standardisierung von Leistungsnachweisen und knapperen Umschlagzeiten. Mancherorts wurden Lehrende unter Druck gesetzt, sämtliche Hausarbeiten all ihrer Kurse innerhalb von 14 Tagen benotet zurückzugeben. Von zusätzlichen Investitionen der Universitätsleitungen in die Lehre oder einer besseren Entlohnung der vielen befristeten teaching assistants wurde dagegen kaum berichtet.

Zudem finden in diesem Jahr die ersten Probeläufe für das neue KEF statt. Da es beim KEF um technology transfer und research commercialisation geht, werden Kennzahlen etwa für Folgendes abgefragt: universitäre Industriepartnerschaften, Zusammenarbeit mit Firmen, Unternehmensgründungen, Engagement für das lokale Umfeld, Kommerzialisierung geistigen Eigentums und so fort. Die Geschichtswissenschaftler werden sich freuen.

Der Blick nach England zeigt daher eindringlich, wohin Rankings und Kennzahlenlogik führen können, wenn sie mit neoliberalem Marktdenken gekoppelt werden. Der Trend in Deutschland mag in dieselbe Richtung gehen. Doch bislang hebt sich die deutsche Diskussion noch deutlich von der britischen ab, weil in ihr recht häufig die Wertschätzung von Bildung und Grundlagenforschung betont wird. Auch wird seltener eingefordert, die Studierenden hauptsächlich als Kunden, die Universitäten als Dienstleister und Wissenschaft als einen Markt zu verstehen.

Christina von Hodenberg ist seit 2006 Professorin für europäische Geschichte an der Queen Mary University of London und zugleich seit 2018 Direktorin des Deutschen Historischen Instituts London.

Bildnachweise

Universitäten als Marke – die Queen Mary Universität London. (Image courtesy of Queen Mary University of London)

Autorenportrait, Fotograf: Rob Haines