Von Susanne Rau |

Die Diagnose, die dem Positionspapier von Eva Schlotheuber zu entnehmen ist, lautet, dass das Wissenschaftssystem sich in einem permanenten Kreislauf von Reformen und Reförmchen befindet.1 Die Zustands-beschreibung könnte auch lauten: Wir sind alle »außer Atem«, da wir – nicht beabsichtigt, aber als Mitglieder des Systems – Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Wettlaufs nach »je mehr, desto besser« sind – mehr Studierende, mehr Drittmittel, mehr Publikationen.

Wandel im Wissenschaftssystem

Wachstumsorientierung, so wurde für wirtschaftliche Zusammenhänge behauptet und für längere Zeiträume belegt, ist ein Attribut moderner Gesellschaften.2 Wissenschaft, so zumindest die Theorie, strebt eher nach (mehr) Erkenntnis. Hier stellen sich zugleich die Frage der Messbarkeit und die Frage der Vergleichbarkeit dieser beiden gesellschaftlichen Teilbereiche. Geht es (jeweils) um Quantität oder um Qualität? Geht es um Zahlen oder um Güte? Darf man das eine aus dem anderen ableiten? Das sind die nach wie vor umstrittenen Fragen. Auch wenn Steuerungsinstrumente wie Kennzahlen und Rankings im Wissenschaftssystem längst angewendet werden, so gibt es immer wieder Stimmen einzelner Forscherinnen und Forscher, die betonen, dass man sich der Systemlogik nicht unterwerfen müsse.

In Zahlen ausgedrückt, zeichnet sich das Wissenschaftssystem seit dem Zweiten Weltkrieg durchaus durch Wachstum aus, aber eben auch durch Ausdifferenzierung, durch Veränderungen der Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft, etwa im Hinblick auf Anwendbarkeit, Öffentlichkeitsbezug und nicht zuletzt auch durch Wettbewerb (um Güte wie um Ressourcen), wozu quasi systeminhärent die Prekarität gehört: Dort, wohin Mittel fließen, können auch Stellen geschaffen werden; aber nur dort, wohin Mittel permanent bzw. langfristig fließen, können auch mehr als nur Projektstellen von kurzer Dauer, können Strukturen geschaffen werden.

Was ist eigentlich das Ziel?

Im Jahr 2010 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) eine Initiative »für mehr Qualität statt Quantität in der Wissenschaft und im Wissenschaftsbetrieb« gestartet, wonach Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihren Anträgen nur noch maximal zehn Publikationen aufführen dürfen. Sind zehn Artikel besser als 20? Oder 20 besser als zehn? Was gut oder schlecht ist, ist freilich auch immer eine Frage der Perspektive. Sind zehn Doktoranden besser als fünf? Sind sie (oder ihre Betreuerinnen und Betreuer) besser, weil sie schneller, in weniger als drei Jahren fertig geworden sind? Ist drittmittelfinanzierte Forschung besser als Forschung, die wenig kostet bzw. aus Grundmitteln finanziert werden kann? All dies muss radikal in Frage gestellt werden dürfen, damit man in einem zweiten Schritt sieht, inwiefern diese Zahlen – auf das Ziel bezogen – sinnvoll sind und inwiefern man individuelle Abweichungen zulassen sollte, weil sie die Systemgeschwindigkeit vielleicht bremsen, aber nicht unbedingt deren Qualität beeinträchtigen. Wie sieht denn überhaupt das Ziel aus, auf welches hin man mit Hilfe von Zahlen steuert? Ist es höhere Bildung für alle? Orientieren wir uns an dem Modell der angloamerikanischen Eliteuniversität? Ist die deutsche Exzellenzuniversität das Ziel? Oder setzen wir auf die Planbarkeit von Karrierewegen und frühere Entfristungen (in der die Chance langfristiger Planungen in Forschung und Lehre liegt), wie dies noch in Frankreich zu finden ist? Oder wollen wir ein neues Modell entwickeln?

Man könnte auf jeden dieser Punkte tiefer eingehen, hier greife ich jedoch insbesondere zwei Punkte im Hinblick auf Steuerung heraus:

1. Wissenschaft lässt sich schlecht steuern. Wer sie überreguliert, läuft Gefahr, Tempo und Quantität mit Qualität zu verwechseln. Anreize können geschaffen, Unterstützung gegeben, Ermutigungen ausgesprochen und Leistungen anerkannt werden, indem man sie honoriert, kritisch und würdevoll diskutiert oder gemeinsam feiert. Doch am besten entwickelt sie sich oft dann, wenn sie in Ruhe gelassen wird und Vertrauen in die Individuen oder Gruppen herrscht, die sie betreiben. Vertrauen heißt auch: Risiken eingehen und Hypothesen falsifizieren zu dürfen, Ausgangshypothesen zu verändern, weil im Prozess Überraschungen oder zufällige Beobachtungen auftauchten.

2. Wenn Forschung trotzdem gesteuert werden soll, fällt dies nicht zuletzt deshalb so schwer, weil es nicht nur einen Steuermann bzw. eine Steuerfrau und eine auf ihn bzw. sie hörende Besatzung des Schiffes namens Wissenschaft gibt, sondern mehrere: Förderinstitutionen wie die DFG, Wissenschaftsminister des Bundes und der Länder, Direktorate von Forschungsinstituten und Hochschulleitungen (denen i. d. R. Männer mit einem Altersdurchschnitt von 59 Jahren vorsitzen), die nicht alle unbedingt am selben Strang ziehen. Die Steuerungsinstrumente, die sie entwerfen, widersprechen sich manchmal unabsichtlich – da in unterschiedlichen politischen oder kulturellen Kontexten entstanden –, manchmal absichtlich aufgrund erwünschter Konkurrenzen.

Exemplarisch seien hier die Ziel- und Leistungsvereinbarungen (ZLV) angeführt, die es zwischen Wissenschaftsministerien und Hochschulen einerseits, zwischen Hochschulen und ihren Fakultäten oder Instituten andererseits gibt. Viele Länder und viele Hochschulleitungen streben hohe Studierendenzahlen an, weil sie dafür Mittel vom Bund erhalten, stellen aber nicht überall das notwendige Personal zur Verfügung bzw. vermögen die Studierendenwelle, sind die Schleusen erst einmal geöffnet, nicht mehr zu kanalisieren. Solche Situationen schaffen in den Universitäten kurzfristig Unmut und Konflikte, aber auch Stress und zusätzliche Arbeit – und genau in solchen Situationen spürt man »das System« geradezu körperlich.

»Hier mehr, dort weniger«

Gleichzeitig aber wünschen sich Landespolitikerinnen und Landespolitiker, dass »ihre« Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Drittmittel generieren oder in der Exzellenzstrategie erfolgreich sind. Auch dafür fließen auf Basis der ZLV meist zusätzliche Mittel an die Hochschulen, die sie intern weiterverteilen. Aber wie sollen mehr Studierende bewältigt und gleichzeitig mehr Forschungsanträge gestellt bzw. sinnvolle Strategien entwickelt werden? Anders sieht es aus, wenn an Hochschulen die Drittmittel höher boniert werden als die Studierendenzahlen. Ist ein Fach in der Drittmitteleinwerbung weniger erfolgreich, beispielsweise weil es sich stärker für gute Lehre und Mentoring der Studierenden einsetzt, werden die Studierenden früher oder später mit schlechteren Studienbedingungen »bestraft«. Es gibt dann irgendwann nicht mehr ausreichend Geld für Tutorien, Exkursionen, Bücher etc. Überall mehr zu wollen, geht nicht bzw. geht an die Substanz derer, die dort arbeiten: der Forschenden und Lehrenden ebenso wie des Verwaltungspersonals. Eher müsste es heißen: »hier mehr, dort weniger« oder umgekehrt.

Dass alle nach Drittmitteln der DFG, der wichtigsten deutschen Forschungsförderorganisation, streben, liegt gewiss nicht (nur) an den Boni, die Forschende von ihren Unis bzw. diese wiederum von den Ländern erhalten, sondern dass sich aus den eingeworbenen Mitteln Stellen finanzieren lassen, an welchen es den meisten Universitäten mangelt. Mit der Änderung des Art. 91b Grundgesetz (GG) wurden die Kooperationsmöglichkeiten zwischen Bund und Ländern erheblich erweitert. Doch immer noch ist der Anteil der projektfinanzierten (und stets befristeten) Stellen gegenüber den Haushaltsstellen viel zu hoch. Zu hoch schlicht deshalb, weil die Grundausstattungen an den Universitäten in der Regel nicht mehr reichen, um die »grundlegende« Arbeit – zu der per definitionem nicht nur die Lehre, sondern auch die Selbstverwaltung und die Forschung gehören – zu erledigen. Im Alltag werden studentische Hilfskräfte angestellt, um Teile der Selbstverwaltung oder Korrekturberge zu bewältigen. Mehr und mehr Tätigkeiten werden über Werkverträge »outgesourct«, was manche Freiberuflerinnen und Freiberufler freuen mag, was jedoch auch zur Desintegration einer Hochschule beiträgt, die eigentlich durch Zusammenarbeit sowie durch Austausch von Wissen und Kompetenzen charakterisiert sein sollte. Nicht um »frei« zu forschen, mit Neugier und Offenheit einem neuen Thema nachzugehen, sondern um überhaupt zu forschen, stellen wir dann Anträge bei Forschungsförderinstitutionen. Dies aber tun wir alle – jedenfalls viele von uns – und dies führt dann dazu, dass viel zu viele Anträge abgelehnt werden müssen, nachdem in den ganzen Antragsprozess von der Projektentwicklung über die Begutachtung bis zur Entscheidung ebenfalls viel Zeit und Arbeit hineingeflossen sind, die – statistisch betrachtet – besser anderswo investiert gewesen wären. Im Grunde müsste ein großer Anteil der rund sieben Milliarden Euro jährlicher Drittmittel (von denen drei von der DFG nach ihren Verfahren verteilt werden) direkt an die Hochschulen fließen, die dadurch vielleicht wieder zu ihren für Forschung und Lehre adäquaten Grundausstattungen kämen.

Auch die zehn bis 15 Prozent Hochschulpakt-Mittel, über die viele Hochschulen mit hohen Studierendenzahlen verfügen, sollten dauerhaft verstetigt werden. Auf einer solchen Grundlage müsste dann ein Personalentwicklungsmodell für die sukzessive Einrichtung von mehr Dauerstellen im Wissenschafts- und Lehrbereich eingeführt werden. Man könnte sich am Nachbarland Frankreich orientieren, wo es ab der Postdoc-Ebene nicht nur die Maître-de-conférences-Stellen, sondern auch Ingénieurs d’études / de recherche gibt, die die Forschung in vielen Bereichen unterstützen. Auch in der Schweiz gibt es Universitäten, die in allen Bereichen interne Aufstiegsmöglichkeiten, teils im Career-Track-Verfahren, für ihr Personal vorsehen. Im Moment jedenfalls ist der Finanzbedarf deutscher Universitäten ein deutlich anderer als der, der sich aus dem wettbewerblich orientierten Verteilungsverfahren ergibt, das einen hohen Anteil an Befristungen generiert.

Auch Kennzahlen können zur Qualitätsverbesserung beitragen

Kennzahlen können zur Qualitätsverbesserung beitragen und im Idealfall dient die Dokumentation der Selbstreflexion. Das haben viele andere Fächer (z. B. die Medizin) schon gezeigt. Aber auch wir könnten die Art unserer Kennzahlen überprüfen, das heißt Kennzahlen, Ratings und Rankings weniger quantitativ fassen, sondern sehr viel diverser: etwa das Scheitern von Anträgen oder Projekten dokumentieren und auch solche Prozesse evaluieren, um es beim nächsten Mal dann besser zu machen; Absolventenbefragungen und Verbleibstudien durchführen und Rückschlüsse auf unser Lehrangebot ziehen, um die Studierenden besser auf die Welt von morgen vorzubereiten; die »Resonanz« auf unsere schriftlichen Produkte beobachten und vieles mehr. Insbesondere im Forschungsbereich werden viele solcher Möglichkeiten fast nur im Privaten genutzt. Dies sollte geändert werden und in Richtung Systemreflexion weiterentwickelt werden. An ihr müssen alle Akteure bzw. Akteursgruppen des Systems beteiligt werden, nicht nur die Politik, die Hochschulleitungen und eventuell noch das Wissenschaftsmanagement, sondern auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst, wenigstens in Form von Vertretungen oder – eben darum geht es hier – aus den einzelnen Fächern heraus. Die Beteiligung eröffnet nicht nur die Chance der Mitgestaltung, sondern auch die der Festlegung von Entscheidungsverfahren, der Definition und der Selbstpositionierung des Faches im Unterschied zu anderen Fächern. Damit ließen sich auch die Unterwerfungsgesten als Folge von beobachtbaren Anpassungen an ein vermeintlich machtvolleres System vermeiden.

Die Rolle der Geschichtswissenschaft

Erst wenn wir selbst wissen, was wir sind und worin wir gut sind, können wir die besten Rahmenbedingungen entwickeln für Inhalte und damit für die Entfaltung intelligenter Gedanken und innovativer Ideen. Wir sollten Möglichkeitsräume schaffen, um einen »Impact« für die Gesellschaft zu liefern – aber eben nicht nur das, weil es unilinear wäre und weil es für die Geisteswissenschaften letztlich eine Überforderung darstellen würde, immer nur Antworten auf gesellschaftliche Fragen zu geben, wie es Peter Strohschneider einmal formulierte.3 Auch als Geschichtswissenschaftlerinnen und Geschichtswissenschaftler sollten wir deshalb darauf bestehen, dass wir mehr tun und anderes tun und auf gesellschaftliche Fragen letztlich nur indirekt reagieren können. Die historisch orientierten Geistes- und Kulturwissenschaften können doch vor allem zeigen, dass es noch andere Wirklichkeitsweisen gibt (als die sichtbare Realität und das, was sich aus Statistiken ergibt). Mit anderen Worten: Wir können zeigen, was zu fremder Zeit an anderem Ort denkbar und möglich war, wir können versuchen, Weisen des Weltverhältnisses zu rekonstruieren und zeigen, dass die Dinge nicht notwendigerweise so sein müssen, wie sie heute sind. Ferner sollten wir darauf bestehen, dass die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft nicht nur in der Entdeckung von etwas Neuem bestehen, sondern auch und möglicherweise vor allem in einem Zugewinn an Komplexität, die sich schlecht zählen und nur äußerst selten in Patente verpacken lässt. Durch Erinnerung und Erzählung, durch Vergleich und Reflexion kann jedoch auch die Geschichtswissenschaft an der Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft mitwirken.

Dies ist meine eigene Ansicht zur Rolle des Fachs in der Gesellschaft, die ich jedoch nicht in Kennzahlen übersetzen könnte. Wichtiger, als eine gemeinsame Position zu finden, scheint mir, über Rollen und Aufgaben des Faches im 21. Jahrhundert zu diskutieren und im Hinblick auf Steuerung zunächst einmal die Probleme von Kennzahlen und Rankings zu analysieren, konfligierende Interessen und Zielvorstellungen zwischen verschiedenen Rankings und Widersprüche innerhalb von Kriterienkatalogen offenzulegen, damit wir uns in einem nächsten Schritt dann darüber verständigen, wie eine fachadäquate Evaluation aussehen könnte. Denn wir können uns noch so sehr vor Ratings und Rankings verschließen, evaluiert werden wir immer werden – wenn nicht entlang von Kriterienkatalogen, dann in Form von Beobachtung und Beurteilung durch Studierende, Kolleginnen und Kollegen, Mitbürgerinnen und Mitbürger.4

Fußnoten

1 Eva Schlotheuber: »Weiter so« der Geschichtswissenschaften? Zu Situation, Rolle und Aufgaben des Faches im aktuellen Wissenschaftssystem, in: VHD-Journal 2019, S. 4-6, online.

2 Vgl. dazu die Arbeiten des Wirtschaftshistorikers Joel Mokyr, zuletzt: A culture of growth. THe origins of the modern economy, Princeton 2007.

3 Vortrag bei der Abschlusstagung des SFB 804 »Transzendenz und Gemeinsinn« an der TU Dresden, 16. Mai 2014.

4 Für die intensive Diskussion eines ersten Entwurfs dieses Textes danke ich Wolfgang Kaiser, Prof. em. Paris 1 Panthéon-Sorbonne & ÉHESS.

Susanne Rau hat seit 2009 eine Professur für Geschichte und Kulturen der Räume in der Neuzeit an der Universität Erfurt inne, zunächst als Heisenberg-Professur der DFG gefördert. Von 2014 bis 2017 war sie, ebenfalls an der Universität Erfurt, Vizepräsidentin für Forschung und Nachwuchsförderung. Seit 2018 ist sie (zusammen mit Jörg Rüpke) Sprecherin der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe 2779 »Religion und Urbanität: wechselseitige Formierungen«.