Von Gerd Schwerhoff |

Ich möchte bei der Reflexion über die Rolle der Geschichtswissenschaft im Wissenschaftssystem von drei persönlichen Erfahrungen ausgehen.

Eine Sitzung mit der Hochschulleitung, in der über das Times Higher Education Ranking diskutiert wird: Ein Pilotprojekt hat evaluiert, wie man die Platzierung deutscher Universitäten verbessern könnte. Nebenbei gibt der Projektbericht interessante Einblicke in den Maschinenraum derartiger Rankings. Der Historiker weist darauf hin, wie wenig die Parameter seiner Fachkultur im Ranking abgebildet sind. In die bibliometrische Datenbasis (Web of Science) gehen keine Monografien ein, sondern nur »gelistete« Zeitschriften, darunter kaum deutschsprachige; der Indikator »internationale Ko-Autorschaften« mag für naturwissenschaftliche Forschungsteams aussagekräftig sein, für die Geschichtswissenschaft dagegen kaum. Noch schlimmer steht es um die Reputationsdaten, die in einem sehr undurchsichtigen Verfahren erhoben werden; »unsere« Peers sind dort kaum repräsentiert. Außerdem fragt der Historiker kritisch, ob man kommerziellen Anbietern (damals: Thomson Reuters; jetzt: Elsevier!) wirklich so viel Deutungsmacht über das Wissenschaftssystem zugestehen wolle. Alle, die sich zu Wort melden, stimmen der Kritik im Prinzip zu und fügen an, dass dies zum Teil auch für die eigenen Fächer gelte. Aber eine prinzipielle Verweigerung könne keine Handlungsoption sein, Gesellschaft und Politik verlangten nach handhabbaren Vergleichsindikatoren.

Eine Runde von Institutsvertretern unter Vorsitz des Prorektors zur Vorbereitung des CHE-Rankings: Nacheinander erklären Ingenieure und Naturwissenschaftler, sie hielten das hinter dem Ranking stehende Gütersloher Unternehmen für kaum aussagekräftig. Der Prorektor insistiert, dass eine Beteiligung trotz aller bekannten Probleme unvermeidlich sei. Die Betroffenen resümieren mit grimmiger Resignation, dann komme es wohl darauf an, möglichst vorteilhafte Fassaden zu bauen. Großer Neid der Kollegen, als der Historiker erklärt, sein Fachverband lehne das CHE-Ranking ab und empfehle seinen Mitgliedern die Nichtteilnahme; noch größerer Neid, als der Prorektor konzediert, der Studiengang Geschichte könne auf dieser Grundlage von der Teilnahmepflicht ausgenommen werden.

Kundgebung des March of Science in der Innenstadt: Studierende, Lehrende und Forschende demonstrieren mit Slogans wie »Wissenschaft ist divers, Fakten nicht« oder »There is no alternative to facts!« gegen Fake News und Wissenschaftsfeindlichkeit. Der Historiker erinnert in seinem kurzen Statement bei der Abschlusskundgebung an die Vielstimmigkeit gerade der Geisteswissenschaften und an ihre Lust, absolute Wahrheiten zu dekonstruieren. Es sei vor allem der methodische (natürlich faktenbasierte!) Streit, der die Wissenschaftlichkeit ausmache. Im Anschluss erfährt er Zustimmung und Aufmunterung gerade aus den Reihen der harten Sciences: Diese Erinnerung sei aus ihrer Sicht angesichts der grassierenden Fakteneuphorie sehr wichtig gewesen; im Übrigen gelte auch für die »harten« Naturwissenschaften, dass nicht pure Fakten, sondern die methodengeleitete Kontroverse ihren Wesenskern ausmache.

Soweit drei Schlaglichter aus dem wissenschaftlichen Alltag, episodisch und kaum repräsentativ sicherlich, aber doch geeignet, um den aktuellen Erfahrungshorizont eines Historikers in der Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Umwelt zu veranschaulichen. Seine Gefühlslage ist, wohl generationstypisch, von Skepsis geprägt. Entwicklungen im Wissenschaftssystem, die zur Sorge Anlass geben und zur Kritik einladen, gibt es übergenug. Die Glaubwürdigkeit des gesamten Systems kann Schaden nehmen, wenn Standardisierung und Kennzahlenfetischismus, Marketing und die Pflege glänzender Außenfassaden wissenschaftsgetriebene Forschungsprozesse zu überwuchern drohen oder sogar die Forschung von innen aushöhlen. Denn was sagt die Zahl der Publikationen (oder erst recht der Ko-Autorschaften) tatsächlich über die Qualität eines Forschers aus? Speziell die Geschichtswissenschaft ist gefordert, die eigenen, seit Langem bewährten Maßstäbe in der Forschung, in der Lehre und im Dialog mit der Gesellschaft zu verteidigen und weiterzuentwickeln. Sie kann das, so meine These, durchaus mit Selbstbewusstsein tun, denn ihre Position ist nicht so schwach, wie es ihre Vertreter manchmal unterstellen. Sie darf sich dabei natürlich nicht auf die bloße Verteidigung von vermeintlich Bewährtem beschränken, sondern muss produktiv auf neue Herausforderungen reagieren.

Beispiel Publikationskultur: Die Entwertung der wissenschaftlichen Monografie, wie sie sich zum Beispiel in beginnenden Debatten um kumulative Dissertationen niederschlägt, ist für das Fach ebenso bedrohlich wie die Geringschätzung von Texten in deutscher Sprache (und anderen Wissenschaftssprachen außer dem Englischen!) überhaupt. Differenzierte Analysen und Argumentationen können am besten in der Muttersprache entwickelt werden. Und die gesellschaftliche Interventionsfähigkeit der Geschichtswissenschaft hängt auch daran, dass sie von ihrer Umwelt gelesen und verstanden werden kann. Wer diese Standards verteidigt, setzt sich nicht in einen Gegensatz zu den gültigen Maßstäben der Wissenschaft, sondern der streitet für die Pluralität des gesamten Wissenschaftssystems und gegen seine drohende Verarmung. Freilich sind mehr englischsprachige Publikationen und folglich eine größere internationale Sichtbarkeit der deutschen Geschichtswissenschaft ohne Zweifel wünschenswert und widersprechen dem eben Gesagten nicht. Und eine Stärkung der Zeitschriftenpublikationen gegenüber einer zwischenzeitlichen Inflationierung von Sammelbänden (die allerdings auch das Ergebnis wissenschaftspolitischer Weichenstellungen waren!) entspricht ebenfalls den wohlverstandenen Maßstäben des eigenen Faches.

Beispiel Digitalisierung: Über die Veränderungen, die sie für unsere Publikationskultur mit sich bringt, wird viel gestritten, aber andere Baustellen sind ebenso wichtig, vor allem die akademische Lehre. Der Wille zur Lektüre längerer Texte und die Fähigkeit zu ihrer hermeneutischen Durchdringung nehmen offenkundig unter den Studierenden dramatisch ab. Gegen eine digitale Kultur des schnellen, oberflächlichen Zugriffs auf kürzere Buchstabenhäppchen müssen wir die Beschäftigung mit gedruckten Büchern nicht nur verteidigen, sondern oft erst einmal herstellen. Dazu bedarf es allerdings einer neuen Arbeitsteilung zwischen der Arbeit mit digitalen Ressourcen, die es – gerade im Grundstudium! – zu systematisieren gilt (wo bleiben die breit angelegten internetbasierten Einführungen in das Studium der Geschichtswissenschaft?), und der intensiven Arbeit mit gedruckten Texten sowie natürlich mit Archivalien. Gerade der Frühneuzeitler weiß, wie sehr eine Medienrevolution die wissenschaftliche Praxis grundlegend verändert. Aber zu einer kritischen Nutzung der neuen Möglichkeiten gehört eben auch die Reflexion darüber, wo sie zu einer neuen Selektivität von Informationen führen können: Angesichts der Überfülle von Angeboten drohen solche Quellen und Forschungen aus dem Blick zu geraten, die nicht bequem mit ein, zwei Mausklicks erreichbar sind.

Beispiel Forschungskooperationen und Interdisziplinarität: Hier ist das Fach bzw. sind viele seiner Vertreterinnen und Vertreter nach meinem Eindruck durchaus überdurchschnittlich erfolgreich, obwohl (oder weil?) rein formale Kriterien wie internationale Ko-Autorschaft keine gängige Münze der Bewertung darstellen. Die Grundlage dafür ist einmal ein großes disziplinäres (Selbst-)Bewusstsein der Historiker-»Zunft« (!). Immer noch und gegen eine drohende Inflation transdisziplinärer Hybride wird weithin der Grundsatz akzeptiert, dass die Grundlage guter interdisziplinärer Arbeit eine solide disziplinäre Verankerung ist. Eine weitere Grundlage für den Erfolg scheint mir in einer Kultur der Wertschätzung innerhalb einer Geschichtswissenschaft zu liegen, die sich durch eine große interne Pluralität von Epochen, Ansätzen und Methoden auszeichnet. Diese Pluralität wird zum Beispiel in gegenseitigen Evaluationen in der Regel anerkannt und scheint von keinerlei hegemonialen Bestrebungen einer »Schule« oder Forschungsrichtung gefährdet – vielleicht liegen Gefahren sogar eher in einer gewissen Unverbindlichkeit und Streitvermeidung. Jedenfalls macht dieses Charakteristikum das Fach interdisziplinär gut anschlussfähig und zu einem begehrten Kooperationspartner, der oft eine allgemeine Brückenfunktion zwischen den Disziplinen wahrnimmt.

Beispiel Historikerverband: Diese Kultur der Pluralität der Anerkennung und der Wertschätzung kennzeichnet meines Erachtens – jenseits der Turbulenzen um die Resolution von Münster – das Verbandsleben und macht ihn auf zentralen Feldern handlungsfähig. Mit dem VHD im Rücken dem CHE-Ranking die Stirn bieten zu können, das war eine sehr ermutigende Erfahrung! Nicht immer sind Historiker mit ihren Argumenten und Mahnungen erfolgreich, wie die Diskussion um das THE-Ranking zeigt. Aber sie sind damit keineswegs allein, wie der Zuspruch aus den anderen Disziplinen belegt. Es lohnt sich, nicht allein für bessere Rankings und Ratings zu streiten, sondern darüber hinaus darauf zu insistieren, dass viele Dimensionen von Wissenschaft kaum fachübergreifend »gemessen« werden können und dass es fachintern sehr feine, allerdings qualitative Instrumente der Qualitätsmessung gibt.

Die gegenwärtige Rolle der Geschichtswissenschaft im System der Wissenschaft ist, unter dem Strich, durch die schwierige Wanderung auf einem schmalen Grat gekennzeichnet. Sie muss die Einhaltung unverzichtbarer Standards anmahnen, darf sich aber nicht in die Rolle einer kritiklosen Verteidigung traditioneller Bastionen erschöpfen. Diese Gratwanderung wird durch den zermürbenden akademischen Dauermarathon an Begutachtungen, Studienreformen und Exzellenzstrategien sowie der Zunahme administrativer Belastungen nicht einfacher. Zu Skepsis und Kritik besteht also durchaus Anlass, aber extensives Jammern oder gar resignierte Flucht in die akademische Nischenexistenz scheint der Situation nicht angemessen. Die Geschichtswissenschaft ist kein Außenseiter im Wissenschaftssystem, sondern dessen wichtiger und unverzichtbarer Exponent. Als Reflexionswissenschaft mit dem Wissen um vergangene Erfahrungsräume und langfristige Entwicklungen besitzt sie ein breites Fundament für die kritische Würdigung aktueller Herausforderungen, die sie nutzen sollte. Und dass quellenkritische Expertise im Zeitalter von Fake News so unverzichtbar ist wie nie, dürfte auch Nichthistorikern einleuchten.

Gerd Schwerhoff (* 1957 in Köln) studierte in Köln und Bielefeld Geschichte, Soziologie und Pädagogik. Nach der Promotion 1989 und der Habilitation 1996 sowie mehreren Lehrstuhlvertretungen war er Heisenberg-Stipendiat der DFG, bevor er 2000 einen Ruf der TU Dresden auf eine Professur für die Geschichte der Frühen Neuzeit annahm. 2007 bis 2011 war er Mitglied de Fachkollegiums »Geschichtswissenschaft« der DFG. Seit 2015 ist er Mitglied des Hochschulrates der TU Dresden, seit 2017 Sprecher des Sonderforschungsbereichs 1285 »Invektivität. Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung« (www.invectivity.com).

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Autorenportrait: Robert Jentzsch