Von Eva Schlotheuber |

Das deutsche Wissenschaftssystem, so scheint es, ist in einem ständigen Reformprozess begriffen. Ein Pakt nach dem anderen wird geschmiedet, um Defizite auszugleichen oder neue Prozesse anzustoßen, weil sich alte Steuerungsversuche als falsch oder unwirksam erwiesen haben.

Eine der zentralen strukturellen Bedingungen, die seit einigen Jahren zunehmend wirksam werden, ist das Steuerungsinstrument der Kennzahlen, auf das die Wissenschaftspolitik und die Universitätsleitungen gleichermaßen zurückgreifen, um lenkend in das System einzugreifen. Kennzahlen erwecken den Eindruck von rationaler Nachprüfbarkeit. Ihre Interpretation und Instrumentalisierung sind jedoch abhängig von den jeweils angesetzten Parametern. Vor allem folgen sowohl die Kennzahlen als auch die damit verbundenen Anreizsysteme der inhärenten Logik »je mehr, desto besser«. Diese Kennzahlenlogik fördert damit eine quantitative Bewertung gegenüber einer qualitativen, wobei die scheinbar höchste zu erreichende Stufe im Bewertungssystem die von nur wenigen zu erreichende »Exzellenz« darstellt. Diese Entwicklung – als ein Mosaikstein von vielen anderen im aktuellen Wissenschaftssystem – wirft die grundsätzliche Frage auf, ob die Geschichtswissenschaft in der universitären Forschung und Lehre mit ihren verschiedenen Aufgabenbereichen unter den gegenwärtigen strukturellen Bedingungen und Anreizsystemen noch funktional und vital ist.

Strukturelle Vorgaben und quantitativ funktionierende Anreizsysteme haben die Rahmenbedingungen des Fachs nachhaltig verändert. Zudem hat sich der Arbeitsmarkt, an dem sich das Ausbildungsziel universitärer Lehre orientieren muss, nicht zuletzt durch den digitalen Wandel grundlegend verändert. Deshalb ist es wichtig und notwendig, dass sich die Geschichtswissenschaft nicht nur rezeptiv den gewandelten Bedingungen anpasst, sondern die Entwicklungen aus der fachlichen Perspektive heraus diskutiert und reflektiert. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sie die Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre aktiv mitgestalten und sinnvoll weiterentwickeln kann. Analyse und kritische Würdigung der Strukturveränderungen und ihrer Auswirkungen sind bislang nur ansatzweise in Angriff genommen worden, weshalb für eine eigenständige Positionsbestimmung und die notwendige Neuausrichtung des Fachs die Basis fehlt.

Für das Fach Geschichte lassen sich folgende Kernthesen formulieren:

1. Ratings von Fächern, wie das des Wissenschaftsrats oder das auf wenig validen Kriterien fußende CHE-Ranking, haben sich für die Geisteswissenschaften als sehr problematisch erwiesen. Die Qualitätsbewertung in den Geisteswissenschaften ist ein offenes Problem, das dringend gelöst werden muss, sehen sich diese Fächer doch einem erheblichen Druck nationaler und internationaler Bewertungsindizes ausgesetzt.

2. Es lässt sich ein Anpassungsverhalten an die Steuerungsinstrumente und Kennzahlenlogik in Lehre, Forschung und Publikationsverhalten feststellen. Dies bedroht die Funktionalität und die fachinterne Standardsicherung.

Lehre: Die Kombination der Zielvorgaben von möglichst hohen Studienanfängerzahlen, einer geringen Abbrecherquote und einem schnellen Studium hat den erkennbaren Effekt, dass die Anforderungen an die Studierenden im universitären Alltag nach unten korrigiert werden. Eine qualitativ gute Ausbildung ist bei den genannten Zielvorgaben als Kriterium guter Lehre gar nicht vorgesehen. Die Situation wird dadurch zusätzlich verschärft, dass die Studienbewerber mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und insgesamt abnehmenden Kenntnissen an die Universität kommen.

Forschung: Die Höhe der Drittmittel als Maßstab für Forschungsqualität bedarf eines Korrektivs und einer kritischen Diskussion innerhalb des Fachs und möglichst auf internationaler Basis. Die Logik »je mehr, desto besser« lässt wichtige fachliche Parameter in den Hintergrund treten: Sowohl die Betreuungsrelation und die wissenschaftliche Begleitung als auch die fachlich adäquate Besetzung der mithilfe von Projekten eingeworbenen Stellen spielen eine Rolle für die Qualität der Ergebnisse, die eigentlich die Basis für die Bemessung der Forschungsqualität und eine zukunftsweisende Entwicklung des Fachs sein müssen.
Diese quantitative Logik hat einen weiteren negativen Effekt auf das Wissenschaftssystem: Die projektförmige Forschung nimmt nicht zuletzt aufgrund der Anreizsysteme immer größeren Raum ein, die Karriereaussichten außerhalb des »Projektmarktes« wachsen aber nicht mit, sondern schrumpfen eher. Dieses Ungleichgewicht hat bereits erkennbar negative Rückwirkungen auf die Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die nach Auslaufen der Projekte keine verstetigten Berufsaussichten im Wissenschaftssystem haben.1

Publikationsverhalten: Insbesondere für die Publikation der Forschungen stellt ein »je mehr, desto besser« eine gefährliche Entwicklung dar, da sich die kaum noch überschaubare Menge der Publikationen zunehmend selbst »entwertet«. Auf der Strecke bleiben dabei die Würdigung der Ergebnisse durch die Fachcommunity, bisweilen sogar die bloße Zurkenntnisnahme sowie der interne Diskurs des Fachs über Methoden und Qualitätsstandards.

Kennzahlen können ein Instrument sein, um den Ist-Zustand zu erfassen und sich über Tendenzen zu orientieren. Allerdings ist sehr genau auf eine fachnahe Erhebung und Würdigung zu achten. Qualitative Kriterien müssen wo immer möglich als Korrektiv hinzutreten. Als alleinige oder letztlich ausschlaggebende Steuerungsinstrumente der universitären Fächer eignen sich Kennzahlen nicht. Es bedarf zunächst einer kritischen Begutachtung, damit anderen Faktoren wie der Fächerkultur und den Qualitätskriterien auch auf dieser Ebene ein fester Platz gesichert werden kann.

Den verschiedenen, einander teilweise widersprechenden Steuerungsprozessen hat sich das Fach lange Zeit vor allem angepasst. Schlussfolgernd aus diesen Thesen muss nun aber die Frage gestellt werden, ob die Geschichtswissenschaft unter den aktuellen strukturellen Rahmenbedingungen noch funktional ist, oder ob wir uns unbemerkt in einen »rasenden Stillstand« gearbeitet haben, der uns den notwendigen Spielraum nimmt, um auf die großen Herausforderungen der Gegenwart zu reagieren.

Die Geschichtswissenschaft kann und muss auf die gewandelten Rahmenbedingungen reagieren, die eine große Herausforderung für das Fach darstellen. Sie erforscht kritisch das kulturelle Gedächtnis der Gesellschaft und damit den gemeinsamen Erfahrungsraum, auf dessen Basis wir die aktuellen politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen bewerten und einordnen. Diese integrative, forschende und korrigierende Aufgabe kann die Geschichtswissenschaft jedoch nur als vitales Fach erfüllen.

Aber auch über die Rolle und Aufgabe der Geschichtswissenschaft in der modernen Gesellschaft muss sich das Fach neu verständigen. Ist die skizzierte Rollenzuschreibung für das Fach Konsens in der heutigen Zeit, in der Wissen zwar leicht verfügbar ist, aber die Bewertung und die Bewältigung von Wissensvielfalt und Ausdifferenzierung die eigentliche Herausforderung darstellen? Damit eng verknüpft ist die Frage, wofür wir angesichts einer Arbeitswelt ausbilden, in der sich nicht nur der Zuschnitt der Berufe, sondern auch die Anforderungen rasant verändern.

Für eine Diskussion im Fach wird eine Internetplattform eröffnet. Im kommenden Jahr soll ein Workshop stattfinden, der die zentralen Aspekte zur Diskussion stellt.

Fußnote

1 Siehe die Kampagne »Frist ist Frust – Entfristungspakt 2019«: http://frististfrust.net/, zuletzt abgerufen am 28.5.2019.

Eva Schlotheuber ist Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie studierte in Göttingen und Kopenhagen, promovierte 1994 und habilitierte sich 2003 an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit der Arbeit »Klostereintritt und Bildung. Die Lebenswelt der Nonnen im späten Mittelalter. Mit einer Edition des ›Konventstagebuchs‹ einer Zisterzienserin von Heilig-Kreuz bei Braunschweig (1484 – 1507)«. Von 2007 bis 2010 war sie Professorin für Mittelalterliche Geschichte und Hilfswissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Eva Schlotheuber ist Mitglied der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica, des Konstanzer Arbeitskreises sowie in zahlreichen Kommissionen und Beiräten und Mitherausgeberin der Reihe »Spätmittelalter, Humanismus, Reformation«. Seit September 2016 ist sie Vorsitzende des VHD.

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