Ein Interview mit Maike Sophia Baader. Die Fragen stellte Juliette Heinikel

Wenn von sozialer Ungleichheit und Chancengleichheit gesprochen wird, haben wir zunächst Hartz-IV-Familien vor Augen, denen die notwendigen finanziellen Mittel zur Förderung und Unterstützung ihrer Kinder fehlen und Arbeiterkinder, denen Bildungschancen aus verschiedenen Gründen verwehrt bleiben. Als Gegenteil kann vielleicht der Begriff der Helikoptereltern angesehen werden. Insbesondere Eltern aus Mittel- und Oberschicht wird zum Teil eine Überbehütung im Erziehungsstil nachgesagt. Wie würden Sie den Begriff der Helikoptereltern fassen?

Helikoptereltern sind Eltern, die ihre Kinder kaum aus dem Auge lassen und sie auf all ihren Wegen begleiten, um sie zu beschützen und gegebenenfalls für das Kind zu sprechen. Es sind vor allem Eltern aus der Mittel- oder Oberschicht, Sie haben es angesprochen, die überfürsorglich sind und ihre Kinder (zu) stark beschützen wollen, da spricht man dann auch von Overprotection. Die Sorge um das Wohl des Kindes, ob es ihm gut geht, ob andere gut mit ihm umgehen, ist dabei leitend, aber eben auch stets zu wissen, was das Kind gerade macht und wie es ihm dabei gerade geht. Die andere Seite der Medaille ist wenig Vertrauen in die Selbständigkeit des Kindes, eine starke Kontrolle und ein hohes Sicherheitsbedürfnis. Für die Frage nach der Angemessenheit dieses Verhaltens spielt das Alter der Kinder selbstverständlich eine Rolle. Wenn Eltern bei mir als Hochschullehrerin anrufen und sagen, dass ihr Sohn leider die Seminararbeit wegen eines Magen-Darm-Virus nicht rechtzeitig abgeben konnte oder Mütter mit in die Sprechstunde wollen, dann ist das ein Fall von Unangemessenheit in der Begleitung ihrer Kinder, die ja in der Regel über 18 Jahre alt sind. Da würde ich dann tatsächlich von Helikoptereltern sprechen.

Neuere Forschungen haben gezeigt, dass sich das Verhalten von Helikoptereltern nachteilig auf die Entwicklung ihrer Kinder auswirkt und deren Entwicklung zur Selbständigkeit behindert. Notwendige Ablösungsprozesse von den Eltern, eine Entwicklungsaufgabe der Adoleszenz, werden dadurch erschwert. In Frankreich wird gerade ein Buch diskutiert, das den Titel „L´art de decevoir ses parents“ (Michael Bordt), also „Die Kunst, seine Eltern zu enttäuschen“, trägt. Es geht dabei auch um die Notwendigkeit, Komfortzonen und das „Hotel Mama“ zu verlassen, um seinen eigenen Weg zu gehen und herauszufinden, was einem selbst wichtig ist und gegebenenfalls auch Entscheidungen, z.B. in der Wahl von Bildungswegen, zu treffen, die nicht den Erwartungen oder dem Druck der Eltern entsprechen. Bordt spricht vom Mut, den es braucht, ein eigenständiges, authentisches Leben zu führen. Dabei geht es auch um Erwachsenwerden. Erwachsensein ist aber in einer Gesellschaft und Kultur des Jugendlichkeitsideals nicht unbedingt attraktiv, warum also sollte man erwachsen werden? Die Philosophin Susan Neiman hat darüber 2015 ein Buch geschrieben: „Warum erwachsen werden? Philosophische Ermutigungen“.

Von der antiautoritären Erziehung der 68er Bewegung zur Erziehung der Helikoptereltern – sind Helikoptereltern ein Phänomen der Nachwendezeit? Wo sehen Sie die Ursprünge bzw. Gründe für die Entwicklung sogenannter Helikoptereltern?

Aus meiner Sicht gibt es mehrere Gründe, die da zusammenspielen. Zum einen hat dies mit einer Entwicklung zu tun, die auch mit der niedrigen Geburtenrate, dem demographischen Wandel,  Geburtenplanung und Reproduktionstechnologien sowie später Elternschaft zusammenhängt. Seit den 1990er Jahren lässt sich beobachten, dass das einzelne Kind, jedenfalls in der sogenannten Mittelschicht, zum Projekt der Eltern wird. Es gibt da zum Beispiel Geburtsratgeber, ich habe mich einmal etwas genauer mit deren Analyse befasst, da wird den Eltern geraten, den Zeitpunkt der Zeugung so zu planen, dass dies dann zu den Daten des Schuleintritts passt. Damit ist diese Projektförmigkeit des Kindes vielleicht ganz gut beschrieben. Ein weiterer Aspekt sind akademisch gut ausgebildete Mütter, die z.B. Ausbildungen im erzieherischen oder sozialen Bereich haben und in der Erziehung ihrer Kinder perfekt sein wollen. Die Forschung spricht da von „intensive mothering“.  Mütter aus der Mittelschicht setzten sich intensiv dafür ein, ihre Kinder so viel wie möglich zu fördern und ihnen bereits sehr früh möglichst viele Bildungsgelegenheiten zu verschaffen.

Zum anderen hat das Phänomen der Helikoptereltern aus meiner Sicht auch etwas mit der Digitalisierung zu tun, denn diese macht es möglich, dass Eltern über Handy oder Skype mit ihren Kindern in einem engen Kontakt, manchmal eben auch Dauerkontakt, stehen. Beobachten lässt sich insgesamt ein hohes gesellschaftliches Sicherheitsbedürfnis, die Soziologie spricht ja auch von der „Kontroll- und Sicherheitsgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ als Reflex auf gesellschaftliche Ängste. Und viertens dürfte ein Phänomen eine Rolle spielen, das der Soziologe Heinz Bude in einem Buch aus dem Jahre 2011 als „Bildungspanik“ beschrieben hat.

Welche Verbindungen sehen Sie zwischen den Begriffen Helikoptereltern, sozialer Ungleichheit und Angst vor sozialem Abstieg?

Helikoptereltern sind eher in der Mittel- und Oberschicht vertreten und sie kümmern und sorgen sich insbesondere auch um die Bildungskarrieren ihrer Kinder. Dies geschieht vor dem Hintergrund der Sorge um die Bildungsabschlüsse der Kinder, denn wir wissen, dass in unserer Gesellschaft Bildungsabschlüsse einen zentralen Schlüssel für die soziale Platzierung, das Einkommen, den Status, die Anerkennung und die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe darstellen. Seit ein paar Jahren funktioniert ein wichtiges Prinzip der Nachkriegsgesellschaft nicht mehr, nämlich dass Eltern fast selbstverständlich davon ausgehen können, dass die nachfolgende Generation materiell besser gestellt ist als sie. Dies versetzt Mittelstandseltern in Abstiegsängste und Stress und aktiviert sie, möglichst viel für die Bildungskarrieren ihrer eigenen Kinder zu tun. Das heißt dann, dass sie beispielsweise auf Privatschulen geschickt werden oder ihnen ein Studium im Ausland ermöglicht wird, um sich von den vielen anderen, die höhere Bildungsabschlüsse haben, zu unterscheiden. Diese Möglichkeiten, sowohl in finanzieller Hinsicht als auch, was das Wissen und die sozialen Kontakte, also das soziale Kapital, angeht, haben einkommensschwächere Eltern nicht. Ich habe unlängst eine MA-Prüfung mit einer Studierenden durchgeführt, die mir nach der bestandenen Prüfung erzählte, dass sie als Kind mit ihrer Mutter durch eine Universitätsstadt gegangen sei und nach einem Gebäude gefragt habe. Die Antwort ihrer Mutter lautete: „Das ist eine Universität, da kommen Leute wie wir nicht rein.“ Der Vorteil, den Kinder haben, deren Eltern in Princeton oder Harvard studiert haben, und die ihre Kinder in allen Bildungsfragen beraten können, gegenüber einem Kind aus der Arbeiterschicht und mit dieser Exklusionserfahrung, wie sie in dem Beispiel beschrieben wird, ist immens und kaum aufzuholen.

Was heißt Bildung für unsere Gesellschaft heute und was in den vergangenen Jahrzehnten? Gab es schon immer einen Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Ungleichheit, wie wir ihn heute sehen? Welchen Einfluss hatten und haben der private Sektor auf Bildung, welchen die Politik? Gab es hier in den vergangenen Jahrzehnten eine Verschiebung?

Der Zusammenhang von Bildung und sozialer Ungleichheit prägte auch schon das Bildungssystem des 19. Jahrhunderts, das ja das mehrgliedrige Schulsystem und die damit verbundenen Selektionsprozesse, die wir in Deutschland heute immer noch haben, hervorgebracht hat und das in dieser Form weltweit recht einzigartig ist. Aber heute nehmen Bildungsabschlüsse eine Schlüsselstellung ein, sie sind die Eintrittskarte für gesellschaftliche Partizipation. Wer nicht über höhere Bildungsabschlüsse verfügt, ist in stärkerem Maße von Exklusion betroffen, denn die Anerkennung für Berufe, die kein akademisches Studium voraussetzen, geht verloren, und damit auch der Stolz, der teilweise zu klassischen Arbeiter- oder Handwerksberufen und den damit verbundenen Milieus gehörte. Dies trägt zu Prozessen der sozialen Spaltung bei, die ja das Thema des Kongresses ist und auch zu einem Hass auf die sogenannten Eliten. Im Konkurrenzkampf um die Bildung können wir in den letzten Jahren einen verstärkten Trend zur Privatisierung feststellen. Dies hat sowohl mit der Nachfrage zu tun als auch mit der verstärkten Herausbildung eines privaten Marktes, etwa von Anbietern von Bildungssoftware.

Die Politik packt das Thema der Chancengleichheit nur zögerlich an, es gibt aktuell in der Rhetorik auch Verschiebungen von der Chancengleichheit zur Diversität, bei der dann aber wenig über soziale Klassen und Lebenslagen gesprochen wird. Mindestens ist das eine Gefahr bei der Rhetorik der Diversität. Manche Bildungsforscher*innen beobachten einen Abschied vom Begriff der Chancengleichheit hin zur Bildungsgerechtigkeit. Mit dem Begriff der Bildungsgerechtigkeit werden die Leistung und das meritokratische Prinzip stärker akzentuiert. Ich habe mich aus historischer Perspektive viel mit den 1970er Jahren und der Zeit der Bildungsreformen befasst. Dort stand das Thema der Chancengleichheit und was Bildungspolitik tun kann, deutlich stärker auf der Agenda als heute, wenn auch stets umkämpft und auch mit einigen Illusionen behaftet, etwa was den Vorsprung der Eliten betrifft. Heute gehören Leistungsstärke und Exzellenz und die Suche nach den „besten Köpfen“ zur Dauerrhetorik im Bildungssystem. Der letzte Bildungsbericht der OECD hat gezeigt, dass sich in Deutschland am Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungsabschlüssen wenig bewegt. Die Kräfte, die wollen, dass das so bleibt, auch die der privilegierten Eltern, sind stark. Dies ist in der Bildungspanik und ihrer eigenen Angst vor sozialem Abstieg begründet. Insgesamt haben wir es mit einer wachsenden Heterogenität im Bildungssystem zu tun, auch bezogen auf Migration und Einwanderung, das erleben wir auch an den Universitäten. Diese Heterogenität braucht jedoch insgesamt bessere Betreuungsrelationen. Wenn wir zunehmend Studierende ohne Abitur haben und Studierende, die nicht gut Deutsch sprechen, dann brauchen wir eben andere Betreuungsrelationen, um entsprechende Unterstützung anzubieten und Ungleichheiten auszugleichen. In Deutschland wird, auch im Vergleich zu anderen EU und OECD Staaten, zu wenig von öffentlicher Seite in Bildung investiert. Schweden, Norwegen, Dänemark, Frankreich, die Schweiz, Österreich, die USA, Polen und Portugal beispielsweise geben, gemessen am prozentualen Anteil des Bruttosozialproduktes, der in Bildung fließt,  mehr für Bildung aus. Die staatliche Bildungsinvestition ist in Deutschland mäßig, flankiert von überdurchschnittlich hohen privaten Ausgaben. Unterfinanziert sind vor allem der Bereich der Elementar- und Primarbildung sowie der Hochschulbereich. Auch hat Bildung,  politisch gesehen, keine gute Lobby und wenig politische Macht.

Warum hören wir nur wenig von solchen Eltern aus anderen Schichten als der Mittel- und Oberschicht?

Dies hat auch mit den Foren zu tun, über die Eltern aus der Mittel- und Oberschicht verfügen, um ihre Interessen zu artikulieren. Der Faktor Zeit spielt m. E. dabei auch eine große Rolle, um sich für die Bildungsbelange der Kinder einsetzen zu können. Das wissen wir z. B. aus Forschungen zum Engagement von Eltern in Kindertageseinrichtungen. Eltern aus dem akademischen Milieu investieren mehr Zeit in die Bildungsbegleitung ihrer Kinder. Sie kennen sich auch in rechtlichen Fragen oft gut aus und klagen einen Inklusionsbegleiter oder einen Studienplatz auch eher ein. Wenn wir an das andere Ende des sozialen Spektrums blicken, Eltern, die sich etwa die Teilnahme an einem Ausflug, einer Exkursion oder einem Schüleraustausch mit dem Ausland nicht leisten können, werden dies möglicherweise eher sprachlos tun. Auch deshalb hören wir darüber weniger. Armut, so wissen wir aus der Armutsforschung, und das Beziehen von Hartz IV ist häufig mit Scham besetzt und hat grundsätzliche Abkoppelungsprozesse zur Folge. Kinderarmut etwa weist viele Dimensionen auf, Kinder aus armen Familien haben nicht nur weniger Geld, sondern weisen auch häufiger psychische Auffälligkeiten auf, sind dickleibiger, bewegen sich weniger, machen häufiger Gewalterfahrungen, leben in einer lauteren Umgebung und werden vom Bildungssystem nicht mitgenommen, das heißt sie schneiden dort deutlich schlechter ab und werden auch stigmatisiert. Bei Sportvereinen, Musizieren, Kino und Nachhilfe beispielsweise sind sie außen vor. Die Zahl der Kinder in Hartz IV Familien ist in den letzten Jahren auf über 2 Millionen gestiegen. Eine breitere gesellschaftliche Debatte darüber gibt es nicht und insgesamt gibt es wenige oder schlecht greifende politische Maßnahmen. Die mediale Berichterstattung konzentriert sich auf bestimmte Anlässe, etwas das Erscheinen des Armutsberichts der Bundesregierung, und packt sonst das Thema auch wenig an.

Welche langfristigen Folgen für die Gesellschaft sehen Sie, wenn der Ablösungsprozess von den Eltern erst verspätet stattfindet und junge Erwachsene zu Unselbstständigen und gar nicht „widerstandsfähigen“ Menschen erzogen werden?

Dies hat wenig Eigenverantwortung zur Folge, das ständige Einklagen von Betreuung, ein hohes Einfordern von Aufmerksamkeit und Begleitung und vor allem eine geringe Toleranz gegenüber Kritik. An den Universitäten können wir das teilweise schon deutlich beobachten. Meine Befürchtung ist, dass demokratische Errungenschaften wenig verteidigt werden. So können wir seit ein paar Jahren zum Beispiel beobachten, dass das Engagement von Studierenden in Gremien und für studentische Politik deutlich rückläufig ist. Zu befürchten ist auch, dass autoritäre Strukturen und autoritär agierende Führungspersonen, die falsche Sicherheitsversprechungen und klare Vorgaben machen, wo es lang zu gehen hat, wer mitgenommen und wer exkludiert wird, verstärkt Zulauf bekommen. Welche Ängste hier mobilisiert werden, das bedarf einer guten Analyse. Aber wieviel diese Entwicklungen auch mit den Helikoptereltern zu tun haben, das wissen wir bislang nicht. Vielleicht sollten wir sie auch nicht überschätzen. Bedeutsamer für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wird es sein, wie gut es gelingt, „Migrantenkids“ zu integrieren.

Meike Sophia Baader ist Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Hildesheim. Sie nimmt mit einem Beitrag teil an der Sektion Helikoptereltern, Hartz-IV-Familien, Migrantenkids. Zum Zusammenhang von Kindheit und sozialer Ungleichheit in der Geschichte der Bundesrepublik auf dem 52. Deutschen Historikertag in Münster.