Autorin: Nora Hilgert  – Geschäftsführerin VHD

Die Dienstreise an und für sich gehört für uns alle zum Berufsleben. Kurzstrecke, Langstrecke, Auto, Bus, Bahn oder gar das Flugzeug. Herausforderungen unseres mobilen Lebens. Die Arbeitsroutine bei Vorstand, Ausschuss und mir als Geschäftsführerin des VHD ist davon nicht ausgenommen, speziell nicht, wenn es gilt, internationale Termine wahrzunehmen. Im Oktober 2017 war der VHD als Mitglied des CISH zur routinemäßigen Generalversammlung eingeladen worden. Der Internationale Historikerverband lädt seine Mitglieder, die nationalen Verbände und internationalen Gesellschaften in einem Fünfjahreszeitraum zweimal zu großen Versammlungen ein. Zum einen auf den Internationalen Historikertag selbst und ein weiteres Mal jeweils zwei Jahre nach dem Kongress, um den kommenden vorzubereiten. So wie der VHD ist das CISH in erster Linie dafür zuständig, die Kongresse zu organisieren. Der kommende Internationale Historikertag findet vom 23. bis 29. August 2020 in Poznań statt.

Die internationale Gremienarbeit im CISH führte die VHD-Vorsitzende Eva Schlotheuber und mich dieses Mal nach Moskau. Während Eva Schlotheuber bereits mit den zum Teil harschen Einreiseroutinen des Landes vertraut war, bereiste ich Russland zum ersten Mal. Die Abläufe beim Ankommen an großen internationalen Flughäfen sind weltweit zwar fast so verlässlich wie der Geschmack des Kaffees global agierender Kaffeehausketten, aber dennoch bin ich immer wieder überrascht, welche Behandlung Einreisende erfahren können. Als das sehr viel größere Abenteuer der ersten Stunden erwies sich allerdings nicht das Zeigen der akkurat beantragten Visa, sondern die Fahrt in den öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Dichte der Großstadt, die endlosen U-Bahn-Schächte und die kyrillischen Buchstaben. Anders als das Flughafenpersonal waren die umstehenden Pendler jedoch mehr als hilfsbereit und alsbald lag das Hotel vor uns. Ankommen, auspacken, auch hier Routine, die Reiseabläufe erleichtert.

Bevor die fast zweitägige Sitzung des CISH begann, hatten Eva Schlotheuber und ich die wunderbare Gelegenheit einer privaten Stadtführung durch Michail Bojcov, Professor für Mediävistik an der National Research University Higher School of Economics. Er zeigte uns abseits der ausgetretenen Touristenpfade, die ich später auch noch erkunden sollte, eine Stadt mit vielen Gesichtern. Für einen obligatorischen, aber dadurch nicht weniger eindrucksvollen Ballettbesuch und einen Abstecher in die berühmte Tretjakow-Galerie mit einer Fülle atemberaubender Bilder russischer Expressionisten fanden wir ebenfalls Zeit.

Ballettaufführung im Staatlichen Kremlpalast.
Während einer Ballettaufführung im Staatlichen Kremlpalast.

 

Die Mitarbeit des VHD in den Gremien des CISH ist für den Verband seit der Gründung des internationalen Verbandes eine Selbstverständlichkeit. Entsprechend fahren Vertreter des Vorstands und die Geschäftsführung zu den Treffen. Mitarbeit heißt in diesem Falle jedoch nicht das bloße Abnicken der vom Vorstand getroffenen Entscheidungen, sondern vielmehr die kritische Auseinandersetzung mit der Organisation und Arbeit des CISH. In Moskau empfing uns das National Committe of Russian Historians im President Hotel, einer der ersten Adressen am Platze. Erwartungsgemäß wurden wir, die etwa 80 Teilnehmenden, politisch hochrangig von unseren Gastgebern begrüßt. Selbst die Presse war zahlreich vertreten. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass Geschichte und denjenigen, die sie erforschen, in Russland ein hoher Stellenwert beigemessen wird. Dies ist sicherlich unbestritten, wenn es darum geht, bestimmte, der Regierung genehme Geschichtsbilder zu produzieren. Ob es speziell die Arbeit des CISH war, die hier interessierte, sei zu bezweifeln.

Der Verlauf der Sitzung war durchzogen von üblichen Berichten und Aussprachen, aber auch zum Teil heftigen Diskussionen. Einige Mitglieder, darunter die Vereinigten Staaten, die Niederlande, Schweden und der deutsche Verband, sahen nicht nur die Entscheidungsfindung zur inhaltlichen Gestaltung von Poznań 2020 kritisch. Auch die Struktur des CISH stand laut zur Debatte, und einmal mehr wurde deutlich, wie unterschiedlich die Auffassungen und Gesprächskulturen im Ländervergleich sind. Die genannten und weitere Mitglieder konnten sich mit zwei Resolutionen durchsetzen: zum einen, dass der Auswahlprozess der Sektionen für den Internationalen Historikertag transparenter werden muss, und zum anderen, dass eine Kommission einzusetzen ist, die die Strukturen des CISH einer kritischen Prüfung unterzieht. Moniert wurden unter anderem die mangelnde Vorbereitung der Sitzung, das Fehlen effizienter Strukturen zur Verwaltung der Mitglieder, die Kommunikation des CISH mit seinen Mitgliedern und ihre Vernetzung untereinander. Unterstützung könnte der Vorstand mit der Einrichtung einer Geschäftsstelle erfahren, aber dies bleibt der weiteren Prüfung vorbehalten. Die Kasse des CISH wurde durch den Schatzmeister einwandfrei geführt, wie ich als ad hoc gewählte Kassenprüferin sehen konnte.

Bild von der Generalversammlung des CISH: Vorstand begrüßt die Delegierten
Der Vorstand des CISH begrüßt die Delegierten.

 

Eva Schlotheuber und ich sind mit etwas gemischten Gefühlen aus der langen Sitzung gegangen, da die Arbeit des CISH und seine Existenz an sich nicht überschätzt werden kann. Das CISH ist das Sprachrohr der Geschichtswissenschaft auf globaler Ebene und es könnte seine Stellung aus meiner Sicht noch gewinnbringender einsetzen. Leider hindern die zuweilen ineffizienten Strukturen und auch manch komplizierter Abstimmungsprozess das CISH an schnellen Reaktionen. Die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit, wie sie in vielen Ländern um sich greift, würde dies jedoch notwendig machen. Auch auf universitärer Ebene, das haben die Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen gezeigt, sind die Problemlagen ähnlich. Doch eine gemeinsame Stimme haben wir selten – vielleicht, weil die länderspezifischen Interessen doch zu unterschiedlich sind. Dies ist mitunter nachvollziehbar, aber nicht immer akzeptabel. Es wäre daher wünschenswert, wenn das CISH die Diskussionen produktiv aufnimmt und wir in zwei Jahren strukturelle Änderungen beschließen könnten. Wir sehen jedenfalls gespannt der Ausrichtung des nächsten Internationalen Kongresses entgegen, das Ortskomitee hat bereits eine eindrucksvolle Vorarbeit präsentiert.

Nach Beendigung des offiziellen Programms durfte ich noch weitere eineinhalb Tage die Stadt erkunden, die mitunter überwältigenden Bauten über- und unterirdisch bestaunen, aber auch erkennen, dass Moskaus Innenstadt eine fast blanke, geruchlose Stadt ist. Es scheint, als versuche Russland ein besonders aufgeräumtes Bild seiner Hauptstadt abzugeben: kein Müll, keine Obdachlosen, kein Verkehrschaos. Alles war zum Zeitpunkt meiner Reise in fast erschreckender Ordnung. Einzig die Ordnungskräfte des Kreml, die mit Stöcken jeden Touristen wieder auf die klar begrenzten Pfade zurückschoben, der sie verlassen hatte, gaben einen Einblick in die dunklen Seiten der Stadt und des Landes.

Mariä-Verkündigungs--Kathedrale im Kreml, Foto von Nora Hilgert, während der Reise nach Moskau 2017 zur Generalversammlung des CISH
Mariä-Verkündigungs-Kathedrale im Kreml.