Liebe Frau Schlotheuber, im September 2016 auf dem Historikertag in Hamburg wurden Sie zur Vorsitzenden des VHD gewählt. Was ging Ihnen damals durch den Kopf?

Auf der Mitgliederversammlung ging es vor meiner Wahl ja recht turbulent zu, sodass ich dachte, hm – das wird sicher spannend!

Was hat Sie in der ersten Hälfte Ihrer Amtszeit angetrieben?

In den zurückliegenden zwei Jahren gab es einige »alte«, aber auch neue Anliegen, die den Verband und mich als Vorsitzende beschäftigt haben. Zu den zentralen alten Anliegen gehört die nach wie vor schwierige Situation des Nachwuchses im Fach. Diesem Problem möchten wir uns auch auf dem Historikertag in Münster mit einem neu konzipierten Nachwuchsforum zuwenden, in dem sich junge Forscherinnen und Forscher nicht nur vernetzen, sondern auch beruflich orientieren können. In einem gemeinsamen niederländischen-deutschen Panel werden die Forschungs- und Karrierebedingungen von (jungen) Historikern und Historikerinnen in Europa diskutiert. Zu meinen neuen Anliegen zählt, die systembedingt negativen Auswirkungen auf die Geisteswissenschaften einer parametergeleiteten und ökonomisierten Bewertung der Fächer zu analysieren und mögliche Alternativen zu diskutieren. Dafür haben wir im vergangenen Jahr gemeinsam mit den Soziologen einen Unterausschuss gegründet, der das Thema Ratings und Rankings im größeren Zusammenhang kritisch analysiert und eine Stellungnahme des Verbandes vorbereitet.

Daneben beschäftigt mich vor allem die Ausbildungssituation des Fachs. Hier müssen wir gleich an mehreren Punkten ansetzen: Einmal geht es darum, dass das Fach Geschichte in nennenswertem Umfang an den Gymnasien im Curriculum der Oberstufe erhalten bleibt. Damit zusammenhängend ist es ein großes Anliegen, dass die Kluft zwischen universitärer Spitzenforschung und dem Niveau der Bachelor- und Masterausbildung nicht weiter wächst. Das ist ein Problem, dem wir uns dringend stellen müssen. Im Grunde geht es um die Frage: Was macht ein Studium der Geschichtswissenschaft im 21. Jahrhundert aus? Hier ist – worauf wir ja auch im Grundsatzpapier 2016 verwiesen haben – die Fähigkeit zur Quellenkritik der Originalüberlieferung entscheidend. Und das bedeutet für uns heute im Zeitalter der digitalen Wende, dass wir Methoden zum kritischen Umgang mit digitalen Quellen aller Art, auch der sozialen Medien entwickeln und im Curriculum des Geschichtsstudiums verankern müssen.

Zuletzt hat sich der Verband kritisch mit der neuen Wahlordnung der DFG-Fachkollegien auseinandergesetzt. Unserem Protest haben sich erfreulicherweise zahlreiche, auch naturwissenschaftliche Fachgesellschaften angeschlossen. Der Ausgang der Verhandlungen ist noch offen, aber wir werden uns energisch für eine fachbezogene Auswahl der Kandidatinnen und Kandidaten der DFG-Fachkollegien einsetzen.

Welche Themen möchten Sie auch in den kommenden zwei Jahren verfolgen?

Wichtig wäre mir eine öffentliche Diskussion über die Auswirkungen einer zunehmenden Ökonomisierung der Fächer gerade auf die Geisteswissenschaften, die durch die Reduzierung von Forschungsleistung auf ökonomische Verwertbarkeit und messbare Parameter unnötig in die Defensive geraten. Die Geisteswissenschaften sind wichtige Impulsgeber für den gesellschaftlichen Diskurs und leisten immense Gedächtnis- und Integrationsarbeit. Vielleicht ist es notwendig, die eigene Rolle innerhalb der Gesellschaft neu zu fassen – auch weil sich mit der Wende zum digitalen Zeitalter viele Parameter im Fach und in der Gesellschaft verändern. Dieser Entwicklung müssen wir uns stellen und uns aktiv um eine zeitgerechte Antwort bemühen.

Der VHD wird bald 125 Jahre alt. Sie sind die erste Frau an der Spitze des Verbandes. Ist der Verband der Historiker und Historikerinnen ein konservativer Verband oder spiegelt sich hier wieder, dass Frauen in der Wissenschaft auf der professoralen Ebene nach wie vor unterrepräsentiert sind?

Der Historikerverband war lange ein konservativer Verband, der sich der gesellschaftlichen Verantwortung und »Autorität« der Geschichtswissenschaft sehr bewusst war. Die Verbandsgeschichte zeigt, dass da für Frauen nicht viel Platz war. Aber das hat sich doch sehr gewandelt. Auf den Historikertagen sind Frauen in den Sektionen leicht überproportional vertreten, die Hälfte der Ausschussmitglieder und die Hälfte des Vorstandes sind weiblich, worauf wir auch sehr achten. Insgesamt sind von den 3 200 Verbandsmitgliedern ca. 34 Prozent weiblich, die Tendenz ist steigend. Allerdings hängt die weitere Entwicklung unmittelbar mit der Nachwuchsförderung zusammen. Der zunehmende »Optimierungsdruck« des Lebenslaufs –, der sich nicht zuletzt an der Zahl der Auslandsaufenthalte, hochrangiger Stipendien, eigenständig eingeworbener Drittmittel und selbst organisierten Konferenzen misst, – verengt zunehmend für Frauen den Spielraum, Familie und Beruf miteinander verbinden zu können. Zusammen mit den unberechenbaren Karrierechancen liegt hier sicher auch ein Grund dafür, dass sich viele Frauen nach Abschluss der Promotion gegen eine weitere Karriere in der Wissenschaft entscheiden. Auf der professoralen Ebene, so mein persönlicher Eindruck, ist vielleicht auch deshalb der Anteil der Frauen in den letzten Jahren eher rückläufig.

Der Historikertag 2018 in Münster steht unter dem Motto »Gespaltene Gesellschaften«. Der Titel hat auch eine gegenwartsbezogene Dimension. Können Historiker und Historikerinnen zu einem besseren Verständnis der Problemlagen der Gegenwart beitragen?

Auf alle Fälle! Die historische Dimension ist sehr hilfreich, um Dynamiken einschätzen zu können, Abstand zu den aktuellen Debatten zu gewinnen und den Unterschied von systemimmanenten, handlungsbezogenen und medialen Faktoren zu erfassen. Ein Stück weit kann die historische Dimension vielleicht auch das Vertrauen in den Prozess stärken, denn das Phänomen der gespaltenen Gesellschaften hat die Geschichte der Menschheit von Anfang an begleitet.

Wie politisch sollten sich Historiker und Historikerinnen äußern?

Das ist keine einfache Frage. Es liegt eine gewisse Spannung darin, inhaltlich und methodisch reflektiert und mit gewissem Abstand historische Ereignisse zu analysieren und zu würdigen und zu aktuellen Sachverhalten politisch Stellung zu beziehen. Da ist es auch nicht immer einfach, den richtigen Ton zu finden – belehrt werden möchte niemand. Aber es ist dennoch wichtig, dass sich Historikerinnen und Historiker öffentlich zu Wort melden und aktuelle gesellschaftliche und kulturelle Prozesse reflektieren, um die Jetztzeit begreifbar zu machen. Die Geschichte kann und soll neue geistige Horizonte öffnen, in historischer Perspektive Entwicklungen kritisch hinterfragen und erklären und gleichsam einen gemeinsamen Erfahrungsraum im kulturellen Gedächtnis verankern. Darin liegt auch eine nicht zu unterschätzende Integrationskraft der Geschichtswissenschaft begründet. Ohne dieses Wissen müssten wir, wie gesagt, immer wieder »von vorne« anfangen. Die Geschichtswissenschaft kann und muss eine Stimme von eigenständigem Gewicht innerhalb der modernen Gesellschaft sein. Politisch Stellung zu beziehen, aber sich nicht politisch instrumentalisieren zu lassen – das ist eben die Gratwanderung.

Wenn sich Historiker und Historikerinnen zu Wort melden: Finden sie Gehör? Falls nicht – woran könnte das liegen?

Die »mediale Dichte« ist in der modernen Gesellschaft sehr hoch, da ist es für einzelne Stimmen insgesamt nicht leicht, sich Gehör zu verschaffen. Hinzu kommt, dass die Sachverhalte in der Regel komplexer sind als die Aufmerksamkeitsspanne einer informationsgesättigten Gesellschaft. Die Schwierigkeit besteht heute eher darin, die Informationsflut zu bewältigen, als an Informationen zu gelangen. Damit stellt sich auch die Vermittlungsaufgabe der Geschichtswissenschaft neu.

Das Partnerland werden diesmal die Niederlande sein, was gab den Ausschlag, die Niederlande als Partnerland zu wählen?

Die Niederlande sind in mehrfacher Hinsicht ein »naheliegender« Partner, zu dem lange und ausgezeichnete wissenschaftliche Kontakte bestehen. Die Verbindungen der Niederlande insbesondere zu Münster sind eng, hier gibt es mit dem Zentrum für Niederlande-Studien eine in Deutschland einzigartige universitäre Einrichtung, die sich in Lehre und Forschung interdisziplinär mit den Niederlanden und Deutschland sowie den Beziehungen zwischen diesen Ländern befasst. Das Zentrum im Hause der Niederlande wird auf dem Historikertag 2018 interessierten Besuchern offenstehen. Der VHD selbst kooperiert eng mit seinem niederländischen Partnerverband, der Koninklijk Nederlands Historisch Genootschap (KNHG).

Welche gemeinsamen Veranstaltungen planen Sie mit der KNHG?

Gerade auch die strukturellen Probleme und Nebenwirkungen einer neu ausgerichteten Universitätslandschaft verbinden uns, nicht zuletzt was die schwierige Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses betrifft. Hier können wir viel voneinander lernen und mit Gewinn gemeinsam Lösungen diskutieren. Deshalb wird es die oben schon erwähnte Joint Session zu den Arbeits- und Karrierebedingungen der »Young Historians« in europäischer Perspektive geben. In einer weiteren gemeinsamen Veranstaltung des VHD mit der KNHG zum Westfälischen Frieden 1648/2018 wird nach dessen Wirkmächtigkeit bis heute gefragt. Wir freuen uns auch sehr, dass wir neben dem Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble auch seine niederländische Kollegin Khadija Arib, Vorsitzende der Zweiten Kammer des niederländischen Parlaments, als Festrednerin für die feierliche Eröffnungsfeier gewinnen konnten!

Vielen Dank!

 

 

Eva Schlotheuber

Eva Schlotheuber ist Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie studierte in Göttingen und Kopenhagen, promovierte 1994 und habilitierte sich 2003 an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit der Arbeit »Klostereintritt und Bildung. Die Lebenswelt der Nonnen im späten Mittelalter. Mit einer Edition des õKonventstagebuchsã einer Zisterzienserin von Heilig-Kreuz bei Braunschweig (1484 – 1507)«. Von 2007 bis 2010 war sie Professorin für Mittelalterliche Geschichte und Hilfswissenschaften an der WWU Münster. Eva Schlotheuber ist Mitglied der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica, des Konstanzer Arbeitskreises sowie in zahlreichen Kommissionen und Beiräten und Mitherausgeberin der Reihe »Spätmittelalter, Humanismus, Reformation«. Seit September 2016 ist sie Vorsitzende des VHD.