Wie wichtig ist Geschichte für unsere Demokratie aus Ihrer Sicht als Journalist?

Geschichte ist das Bild, das sich eine Gesellschaft von ihrer eigenen Vergangenheit macht – deshalb übrigens ist Geschichte volatil, während Vergangenheit selbstverständlich statisch ist. Für die Identität, das Selbstverständnis jeder Gesellschaft ist Geschichte deshalb schlechterdings essenziell, auch wenn natürlich andere Faktoren hinzukommen, die gemeinschaftsprägend sind. Unsere Gesellschaft ist demokratisch; dazu gehört die historisch gewachsene Wertschätzung für das sicher oft anstrengende und manchmal sogar frustrierende politische Geschäft. Weil aber Demokratie keineswegs eine Selbstverständlichkeit ist, sondern im Gegenteil eine stets mehr oder weniger gefährdete Gratwanderung, ist es so wichtig, um die in der vergangenen Wirklichkeit erkennbaren Irrwege zu wissen. Gegenwärtig habe ich große Sorgen, dass unsere Mitbürger den Wert der Demokratie nicht mehr ausreichend zu würdigen wissen.

Wie nehmen Sie das Verhältnis Geschichtswissenschaft und Journalismus wahr – gibt es Berührungsängste?

Es gibt inzwischen auch unter akademischen Historikern erfreulich oft Kolleginnen und Kollegen, die mit dem Arbeitsgebiet Public History etwas anfangen können. Das ist ein deutlicher Fortschritt gegenüber den Zeiten etwa des Konstanzer Historikertages 2006, als auf einer Sektion unfassbare Häme über den Kollegen Michael Kloft von Spiegel-TV ausgeschüttet wurde. Diese Sektion war, ebenso wie die meist völlig überzogene Kritik am langjährigen ZDF-Abteilungsleiter Guido Knopp, der als »Geschichtspornograf« geschmäht wurde, keine Glanzleistung des Faches. Inzwischen stelle ich eine deutliche Verbesserung fest: Viele jüngere Historiker haben ein positives Verhältnis zum Geschichtsjournalismus und zu Medien gewonnen – auch wenn es nach wie vor arrogante und abgehobene Vertreter der Elfenbeinturm-Wissenschaft gibt. Die Berührungsängste haben abgenommen, auch wenn natürlich jede Zusammenarbeit immer noch verbessert werden kann.

Geschichte im Elfenbeinturm
Ist die Frage berechtigt, ob die Historiker/- innen sich – wie der Philosoph in diesem Gemälde von Rembrandt – in einem Elfenbeinturm eingerichtet haben und mehr zu aktuellen politischen Debatten beizutragen hätten? (Rembrandt van Rijn, „Der Philosoph“ (1633) – Darstellung eines Innenraums des Elfenbeinturms)

Ist die deutsche Geschichtswissenschaft, wie sie sich unter anderem auf den Historikertagen präsentiert, politisch genug?

Meiner Ansicht nach nicht genug. Gemeint ist natürlich nicht »politisch« im Sinne von »parteipolitisch« – die Sektion auf dem 51. Hamburger Historikertag 2016 in Hamburg über »Flucht und Grenzen« war genau der falsche Weg. Dabei bekam eine Parteipolitikerin die Gelegenheit, ihre Sichtweise vorzustellen, während historische Grundlagen oder gar Gegenentwürfe – zum Beispiel zur friedenstiftenden Kraft sicherer Grenzen – marginalisiert, teilweise entrüstet verweigert wurden. Manche Teilnehmer behaupteten, Beispiele für gelungene Integration in der Geschichte zu liefern, sei nicht Aufgabe der Wissenschaft. Mein Kollege Berthold Seewald hat das so zusammengefasst: »Statt Expertise war Meinung in der Gegenwart angesagt.«

Was wäre Ihrer Ansicht nach ein besserer Weg?

Das Fach sollte natürlich aktiv die Debatten der Gesellschaft aufgreifen – aber mit seinen Möglichkeiten. Ein Historikertag ist mehr als ein willkommener Resonanzkörper für normale politische Diskussion. Hier müssen immer die historische Erkenntnis und die Schlüsse daraus im Mittelpunkt stehen. Dafür könnte das Fach deutlich mehr tun, vor allem natürlich die Zeitgeschichte. Ein Beispiel: Ebenfalls beim Hamburger Historikertag fand gerade einmal eine, dann allerdings völlig überlaufene Podiumsdiskussion zum Thema Hitler und »Mein Kampf« statt – und das in dem Jahr, in dem die Edition von Hitlers Hetzschrift wochenlang in den Bestsellerlisten stand. Wer anders als der Historikerverband wäre berufen, mit seinen Ressourcen an Experten der Gesellschaft hier Deutungsangebote zu machen? Das hätte auch Resonanz der Öffentlichkeit gefunden, keine Frage. Vor solchen Angeboten sollte die Wissenschaft keine Angst haben, denn Mitwirkung an der Meinungsbildung heißt ja nicht, dass man dem Publikum etwas vorgibt, was es zu glauben hätte. Sondern man stellt idealerweise verschiedene Sichtweisen vor und gibt in großen Veranstaltungen im Zuge des Kongresses dem nichtwissenschaftlichen Publikum die Möglichkeit, in Auseinandersetzung mit solchen Deutungen die eigene Meinung weiterzuentwickeln.

Wie könnte man das organisieren?

Der Verband könnte für den nächsten Historikertag in Münster eine Reihe flexibler Sektionen über aktuelle politische Themen bereithalten. Man könnte erst mal ein wichtiges, historisch wie aktuell relevantes Thema vorbereiten, etwa die Frage »Wie schließt man Frieden?« aus Anlass des 100. Jahrestages von 1918. Den dafür angesprochenen potenziellen Teilnehmern muss man natürlich sagen, dass es kurzfristig noch Veränderungen geben kann; nicht anders agieren die Redaktionen der zahlreichen Talkshows im deutschen Fernsehen. Drei kompetente Historiker aus dem VHD für jede derartige Sektion könnten zusammen mit einem Journalisten als Moderator solche öffentliche Veranstaltungen auf ein solides Niveau heben. Aktive Politiker aber haben auf solchen Podien nichts zu suchen – es geht ja um Antworten der Wissenschaft auf politische Fragen, nicht um den Austausch von Allgemeinplätzen. Wenn sich dann aus Gründen aktueller Entwicklungen kurzfristig eine Änderung ergibt, dann ändert man eben das Thema.

Ist das noch die Aufgabe von Wissenschaftlern?

Ja! Ich meine sogar, dass solche Angebote zur grundsätzlichen Aufgabe der Geschichtswissenschaft gehören. Denn die Gesellschaft verlangt ja gar nicht vor allem einfache Erklärungen; begründete Argumentationen zu jeweils gerade brennenden Themen können professionelle Kenner der Vergangenheit oft beisteuern. Potenzielle Podiumsteilnehmer werden sich immer finden, es kommen genügend interessante Menschen auf die Historikertage.

Ist das wirklich die Aufgabe von wissenschaftlichen Kongressen?

So spannend es ist, Ergebnisse aktueller Forschungen vorzutragen – wichtiger schiene es mir doch, auf Historikertagen über allgemeine Fragen des Faches mehr zu diskutieren und zu streiten. Denken Sie an die exzellenten Diskussionen über die NS-Vergangenheit bedeutender bundesdeutscher Historiker wie Conze, Schieder, Erdmann oder Broszat auf dem Historikertag in Frankfurt am Main 1998. Es muss aber nicht immer um solche Themen gehen. Natürlich gibt es innerhalb des Faches gewisse Moden. Die müssen mir nicht immer alle gefallen, aber man muss sie auch nicht glattbügeln; man sollte allerdings öfter darüber streiten. Mehr Sektionen, in denen über Moden und Entwicklungen innerhalb des Faches diskutiert wird, schienen mir ebenfalls wichtig.

Wie politisch sollten Historiker und Historikerinnen sein in gesellschaftspolitischen Debatten, in Bezug auf aktuelle Politik und auf gesellschaftliche Strömungen?

Historikerinnen und Historiker sind Bürger; als solche haben sie das Recht und durch ihre Qualifikation sowie ihre Tätigkeit im öffentlichen Dienst zumindest zum Teil auch eine gewisse Verpflichtung, sich zu bestimmten aktuellen Fragen aus geschichtswissenschaftlicher Sicht zu äußern. Also mitzuwirken an der gesellschaftlichen Meinungsbildung und kluge Gedanken beizusteuern. Viele tun das ja auch, ich sprach davon schon; es könnten freilich noch mehr werden. Geschichtswissenschaftliche Forschung findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist Teil der Gesellschaft.

Finden Geschichtswissenschaftler und Geschichtswissenschaftlerinnen Gehör in der deutschen Öffentlichkeit? Wirkt die Geschichtswissenschaft als Orientierungswissenschaft oder vermittelt sie eher Spezialwissen?

Die gesellschaftliche Relevanz des Faches Geschichtswissenschaften hat in der Zeit, die ich einigermaßen überblicke, also seit etwa 1994, abgenommen. Gleichzeitig ist das Interesse an Geschichte in der Öffentlichkeit bis etwa 2005 stetig gewachsen und verstetigt sich seitdem auf sehr hohen Niveau. Gedenkstätten und Geschichtsmuseen haben insgesamt stark steigende Besucherzahlen – aber das spielt in der Fachwissenschaft, so wie ich sie wahrnehme, eine viel zu geringe Rolle. Die Öffentlichkeit ist der wichtigste Adressat der Geschichtswissenschaft, wenn sie denn ihre frühere Rolle als Orientierungsdisziplin zurückgewinnen will. Geschichtsbewusstsein und damit Identität sind in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts wichtiger denn je. Hier sehe ich Potenzial für die Geschichtswissenschaft, verlorenes Terrain zurückzugewinnen.

Vielen Dank!

 

Sven Felix Kellerhoff

Sven Felix Kellerhoff, geb. 1971 in Stuttgart, ist in West-Berlin aufgewachsen. Nach dem Studium der Geschichtswissenschaft und des Medienrechts vorwiegend an der Freien Universität Berlin 1990 – 1994 war er Mitarbeiter am Lehrstuhl für Spätantike von Prof. Dr. Alexander Demandt. Seit 1993 ist er als Journalist tätig, seit 1995 hauptberuflich. Er ist Absolvent der Berliner Journalisten-Schule. Seit 1997 arbeitet er für Die Welt, seit 2003 als Leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte, seit 2012 als Leiter des Channels WELTGeschichte (www.welt.de/geschichte), der zu den meistgelesenen Geschichtsportalen im deutschsprachigen Internet zählt. Seit 2002 erschienen von Kellerhoff 24 Bücher vorwiegend zur deutschen Geschichte im 20.Jahrhundert, zuletzt zu »Mein Kampf« und zur Geschichte der NSDAP.