Ein Artikel von Io Josefine Geib

Ich studiere Geschichte mit Begeisterung. Denn die Auseinandersetzung mit Geschichte bedeutet genau das Gegenteil von Stillstand: Bewegung. Geschichtswissenschaft zu betreiben bedeutet für mich, immer wieder neue Fragen an das Vergangene zu stellen. Geschichte verläuft nicht linear, Geschichte ist voller Bewegung und unser Blick auf das, was Geschichte ist, ändert sich permanent: Neue Entwicklungen bedürfen neuer Perspektiven auf Geschichte. Das Verhältnis von Geschichte und Gesellschaft konstituiert sich für mich in einer Wechselwirkung. Wie sehr die Geschichtswissenschaft Teil gesellschaftlicher Verhältnisse ist, lässt sich beispielsweise am inhaltlichen Schwerpunkt meines Geschichtsstudiums an der Goethe-Universität Frankfurt, der Holocaustforschung, zeigen. Die ersten Nachkriegsjahrzehnte in der Bundesrepublik waren geprägt von einem gesellschaftlichen Schweigen über den Nationalsozialismus und insbesondere den Holocaust.

Dies spiegelt sich in der deutschen Geschichtswissenschaft dieser Zeit mit Deutlichkeit wider: Während insbesondere die US-amerikanische und die israelische Forschung sich bereits intensiver mit der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden befassten, lag der Fokus in der deutschen Geschichtswissenschaft maßgeblich auf der Suche nach einem vermeintlichen »Führerbefehl« und der Erforschung des deutschen Widerstands.[1] Besonders deutlich wird dieser Aspekt in Anbetracht dessen, dass sich mit Blick auf die deutsche Forschung erst ab der 2000er-Jahre, dank des umfassenden Werks von Saul Friedländer, von einer integrierten Geschichte des Holocaust sprechen lässt, die auch die Perspektiven der Opfer anerkennt und einbezieht.[2] In diesem Zusammenhang steht auch die späte deutsche Übersetzung des für die Holocaustforschung so bedeutenden Werks des US-amerikanischen Historikers Raul Hilberg, The Destruction of the European Jews, das 1961 veröffentlicht wurde, und, weil sich viele renommierte Verlage einer Übertragung verweigerten, in der Bundesrepublik erst Anfang der 1980er Jahre in einem Kleinverlag erschien. Einem breiten Publikum wurde das Werk sogar erst 1990, mit der im Fischer-Verlag erschienenen Taschenbuchausgabe, zugänglich.[3] Dass diese Verzögerung unter anderem auch mit NS-belasteten deutschen Historikern zusammenhing, war erst im vergangenen Oktober Gegenstand einer Debatte.[4]

Zu wenig Wissen über den Holocaust

Wie wichtig gerade in diesem Zusammenhang die Verteidigung historischer Fakten gegen Geschichtsrevisionismus ist, zeigt sich aktuell an Positionen wie sie von der Alternative für Deutschland (AfD) vertreten werden: seien es Äußerungen wie die des Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke zum Holocaustmahnmal in Berlin[5] oder die Holocaustleugner in ihren Reihen.[6] Wo die deutsche Geschichte zu politisch rechtsradikalen Zwecken umgedeutet wird, sehe ich die Geschichtswissenschaft und insbesondere die Holocaustforschung in der Pflicht einzugreifen. Wie sehr die Gesellschaft die Geschichtswissenschaft und vor allem die Holocaustforschung braucht, wird auch anhand einer Studie der Körber-Stiftung aus dem Jahr 2017 deutlich: Nur 59 Prozent der deutschen Schülerinnen und Schüler ab dem Alter von 14 Jahren wissen, dass Auschwitz-Birkenau ein Vernichtungslager war, nur vier von zehn Schülerinnen und Schülern kennen überhaupt den Namen.[7] Diese Ergebnisse haben mich insofern nicht überrascht, als ich in Gesprächen mit Kommilitonen und Kommilitoninnen häufig der Aussage begegne, in der Schule hätte der Geschichtsunterricht immer nur aus »Nazis, Nazis, Nazis« bestanden und man wüsste jetzt ja schon alles darüber. In Seminaren offenbart sich dann schnell, wie gering das Wissen vieler Studierender tatsächlich ausfällt.

Das ist sicherlich nicht einem bloßen Desinteresse an der Thematik geschuldet, sondern liegt auch in einem Geschichtsunterricht begründet, der im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus oft beim Einstudieren von Rahmendaten und -fakten verbleibt, und die großen Fragen, die auch viele Schülerinnen und Schüler beschäftigt – wie konnte so etwas geschehen? – nicht ins Zentrum rückt. So war zumindest meine Schulerfahrung und die vieler Kommilitonen, mit denen ich darüber sprach: Mein Wissen über den Nationalsozialismus habe ich mir vor dem Studium wesentlich selbst angelesen. Der aktuell zu verzeichnende Abbau des Schulfachs Geschichte in einigen Bundesländern, mit dem sich das letzte Journal des VHD ja umfassend beschäftigte, ist in diesem Zusammenhang als ganz besonders problematisch zu betrachten. Umso dankbarer war ich im Studium über das an der Goethe-Uni angesiedelte Fritz Bauer Institut, dessen Arbeit man in der Holocaustforschung gar nicht hoch genug schätzen kann. Es waren vor allem Veranstaltungen in diesem Kontext, die einen Studienschwerpunkt auf die Holocaustforschung anregten und ermöglichten.

Genese des Antisemitismus

Dass ich mich darauf fokussieren möchte, hat viel mit den eingangs beschriebenen neuen Perspektiven auf Geschichte zu tun: Ich sehe in der Holocaustforschung noch viel Potenzial, neuen Fragen nachzugehen. Denn neben der Holocaustforschung habe ich mich während meines Studiums auch intensiv mit der Genese des Antisemitismus befasst. Dabei habe ich schnell festgestellt, dass ich in der Lehre – und leider explizit in der zum Nationalsozialismus – einen klaren Antisemitismusbegriff vermisse. Denn Antisemitismus wird häufig als eine Unterform von Rassismus verstanden. Jede Form von Rassismus besteht in einer Machtzuschreibung, in einer Angst vor dem Fremden, die man als Angst von oben nach unten bezeichnen kann. Die rassistisch zugeschriebene Macht ist immer konkret. Der zentrale Aspekt, der Antisemitismus von Rassismus unterscheidet, ist, dass die »dem Juden« zugeschriebene Macht größer ist und »nicht nur als potenziell, sondern als tatsächlich wahrgenommen«[8] wird. Im Vergleich zum Rassismus ist das eine Angst von unten nach oben, weil »der Jude« als über allem stehende Macht begriffen wird, die abstrakt und universal ist. »Die Juden« stehen für eine gewaltige, unfassbare internationale Verschwörung.

Diesem modernen Antisemitismus, wie er sich auch aktuell und beispielsweise gegen Israel gerichtet zeigt, kommt daher eine Welterklärungsfunktion bei.[9] Dies und den Antisemitismus in seiner Genese zu analysieren, halte ich in der Lehre für unverzichtbar. Nicht nur, weil es den Blick dafür schärft, was die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus ermöglichte, sondern auch, weil es dazu beitragen kann, bei Studierenden ein Bewusstsein dafür zu wecken, in welcher Form dieser Antisemitismus bis heute fortwirkt. An historischer Forschungsliteratur dazu mangelt es nicht, weshalb diese aber, nach meiner Erfahrung, so wenig Anwendung in Seminaren erfährt, ist mir ein Rätsel. Gerade das Jahr 2018 bietet für eine solche Befassung mit Antisemitismus Anlass, jährt sich doch der Beginn der Achtundsechzigerbewegung. Diese Bewegung – und die Geschichte der gesellschaftlichen Linken überhaupt – im Hinblick auf Antisemitismus historisch kritisch zu betrachten, scheint mir dringend notwendig. Denn während es erklärtes Ziel der 68er war, das Schweigen der Tätergeneration über den Nationalsozialismus aufzubrechen, findet sich im für diese Zeit prägenden Antiimperialismus eben jene beschriebene Welterklärungsfunktion des modernen Antisemitismus.

Doch nicht nur die mangelnde Auseinandersetzung mit einem Antisemitismusbegriff betrachte ich mit Blick auf die Lehre mit Sorge, sondern auch die Unterrepräsentanz von Veranstaltungen zum Nationalsozialismus und insbesondere zum Holocaust. Mit dem Standort Frankfurt kann ich mich in dieser Hinsicht weniger beschweren, erfreulicherweise gibt es hier nun sogar den bundesweit ersten Lehrstuhl für Holocaustforschung. Doch was hier gut abgedeckt ist, entspricht keineswegs dem Standard: Im Jahr 2017 brachte eine Studie hervor, dass pro Semester an 79 untersuchten Hochschulen im Durchschnitt lediglich 1,5 Veranstaltungen zum Holocaust und 1,7 zum Nationalsozialismus angeboten werden.[10] Von einer strukturellen Verankerung der Auseinandersetzung mit dem Holocaust im Studium lässt sich also kaum sprechen. Eine solche wäre aber gerade in Anbetracht einer auch durch die AfD neu erstarkten gesellschaftlichen Plattform für Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus unbedingt wünschenswert.

 

 

Autorenportrait Io Josefine Geib, Studentin an der Goethe-Universität
Io Josefine Geib

Io Josefine Geib

Io Josefine Geib studiert im Master Geschichte an der Goethe-Universität Frankfurt am Main mit Schwerpunkt Holocaustforschung. Zuvor studierte sie dort im Bachelor Germanistik mit Nebenfach Geschichte.

 

 

Foto von Io Josefine Geib, Gedenktafel vor Goethe-Universität
Das Hauptgebäude der Goethe-Universität in Frankfurt, an der die Autorin studiert, ist der ehemalige Hauptsitz des IG Farben-Konzerns, der das Zyklon B für die Gaskammern produzierte und mit Buna-Monowitz / Auschwitz II ein eigenes Arbeitslager betrieb. Die Gedenkplatte vor dem Gebäude erinnert an seine Geschichte und die Worte des Auschwitz-Überlebenden Jean Améry mahnen an das Bewusstsein über die Gegenwärtigkeit des Vergangenen.

 

 

  1. [1]Vgl. Ulrich Herbert, Holocaust-Forschung in Deutschland, in: Frank Bajohr / Andrea Löw (Hg.), Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung, Frankfurt am Main 2015, S. 31 – 79. Herbert führt hierzu u. a. aus, dass die enormen Wissensbestände der deutschen Justiz in Bezug auf alles den Holocaust Betreffende in den 1990er-Jahren »von den Historikern zunächst überwiegend nicht oder nur sehr zögerlich« genutzt wurden, s. ebd., S.43.
  2. [2]Vgl. Saul Friedländer, Den Holocaust beschreiben. Auf dem Weg zu einer integrierten Geschichte, in: Jena Center. Geschichte des 20. Jahrhunderts / 20th Century History (Hg.), Vorträge und Kolloquien, Bd. 2, Weimar 2007.
  3. [3]Vgl. Frank Bajohr /Andrea Löw, Tendenzen und Probleme der neueren Holocaust-Forschung: Eine Einführung, in: dies. (Hg.), Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung, Frankfurt am Main 2015, S. 9 – 30.
  4. [4] Ausdruck der Debatte um die verspätete Anerkennung Raul Hilbergs Werks im deutschsprachigen Raum ist beispielsweise dieser Artikel im Tagesspiegel: Bernhard Schulz, Der Holocaust in der Geschichtsschreibung. Keiner wollte es wissen, in: Der Tagesspiegel, https://www.tagesspiegel.de/kultur/der-holocaust-in-der-geschichtsschreibung-keiner-wollte-es-wissen/20483630.html, zuletzt abgerufen am 17. April 2018.
  5. [5]Anfang 2017 bezeichnete Höcke das Holocaustmahnmal als »Denkmal der Schande« und bezog sich dabei nicht etwa auf das, wofür es steht, sondern auf die Existenz des Mahnmals selbst, s. bspw. in: Focus: Skandal in Dresden: AfD-Mann Höcke kritisiert Holocaust-Mahnmal als »Schande«, https://www.focus.de/panorama/videos/skandal-in-dresden-afd-mann-hoecke-kritisiert-holocaust-mahnmal-als-schande_id_6513062.html, zuletzt abgerufen am 17.4.2018.
  6. [6]So bezeichnete zum Beispiel das niedersächsische AfD-Vorstandsmitglied Wilhelm von Gottberg den Holocaust als »Mythos«, s. Gunars Reichenbachs, Wilhelm von Gottberg: Niedersächsischer AfD-Politiker leugnet Holocaust, in: Nordwest Zeitung, https://www.nwzonline.de/politik/niedersachsen/afd-politiker-nennt-holocaust- mythos_a_31,2,2711559586.html, zuletzt abgerufen am 17.4.2018.
  7. [7]Körber-Stiftung, Deutsche wollen aus Geschichte lernen (Pressemeldung 28.09.2017), https://www.koerber-stiftung.de/pressemeldungen-fotos-journalistenservice/deutsche- wollen-aus-geschichte-lernen-1143, zuletzt abgerufen am 17.4.2018.
  8. [8]Vgl. Moishe Postone, Deutschland, die Linke und der Holocaust, Freiburg im Breisgau 2015, S. 178.
  9. [9]Vgl. Moishe Postone, Deutschland, die Linke und der Holocaust, Freiburg im Breisgau 2015, S. 178.
  10. [10]Vgl. Verena Nägel und Lena Kahle, Die universitäre Lehre über den Holocaust in Deutschland. Gefördert von The Conference on Jewish Material Claims Against Germany und der Freien Universität Berlin, https://edocs.fu-berlin.de/docs/servlets/ MCRFileNodeServlet/FUDOCS_derivate_000000009389/Naegel_Kahle_ DiexuniversitaerexLehrexxberxdenxHolocaustxinxDeutschland.pdf;jsessionid= 50B965539C211DB70E0347B73A0DBB78?hosts=, zuletzt abgerufen am 17.4.2018.