Sie kennen politische Reden aus zwei Blickwinkeln – dem des Journalisten und dem des Planungsstabs. Wie wichtig ist Geschichte als Argument in politischen Reden?

Die klassische Form der Verwendung von Geschichte in politischen Reden hat etwas Ermüdendes. Da wird, nahezu beliebig, irgendein halbwegs runder Jahrestag bemüht und dann ein pathetischer Bezug zur Gegenwart gedrechselt. Das klingt dann etwa so: »Gerade heute, 100 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, dürfen wir Fragen von Krieg und Frieden nicht mit Gleichmut begegnen.« Eigentlich gilt die Aussage unabhängig davon, ob der Erste Weltkrieg 100, 30 oder fünfeinhalb Jahre her ist. Manches davon ist rhetorische Effekthascherei. Man erhebt sich mit seinem Konversationswissen über das alltäglich Politische, und man reklamiert Tiefgang ohne große gedankliche Mühe. Hans Ulrich Gumbrecht hat kürzlich die »ins unendliche gehende Zahl von Gedenktagen« kritisiert und uns eine zusehends »ästhetische« Beziehung zur Vergangenheit vorgeworfen. Die Geschichte wird in dieser Weise als bildungsbürgerlicher Zierrat eingesetzt, vielleicht aber auch zur Ersatzreligion für unsere weitestgehend säkularisierte Gesellschaft ausgerufen. Es mag einer Sehnsucht nach Sinnstiftung geschuldet sein, dass historische Jahrestage heute mit einer Inbrunst politisch zelebriert werden wie früher nur hohe kirchliche Feiertage.

Das klingt, als wehrten Sie sich gegen die Verwendung von Geschichte in politischen Reden.

Überhaupt nicht. Es geht mir nur darum, die Spreu vom Weizen zu trennen. Winston Churchill hat einmal gesagt, je weiter wir in die Geschichte zurückblicken, desto weiter können wir vorausschauen. Historische Analyse kann Politikern enorm helfen, die Gegenwart zu verstehen und Vorschläge für die Zukunft zu entwickeln. Solche Ausflüge in die Geschichte nicht nur für die eigene Meinungsbildung zu unternehmen, sondern auch die Zuhörer auf diese Reise mitzunehmen, ist eine faszinierende Aufgabe. Geschichte war schon immer Gegenstand politischer Reden. Sie werden kaum eine große politische Rede nachlesen, die nicht mittels historischer Bezüge versucht, die Zuhörer auf eine gemeinsame Grundlage zu bringen – von der aus man die vom Redner gewünschte Richtung einschlägt.

Dafür gibt es in der Tat viele Beispiele. Die SPD bezieht sich auf ihren Widerstand im Nationalsozialismus, die CDU auf die Leistungen Adenauers bei der Westbindung. Dient Geschichte der Identitätsstiftung?

Natürlich. Schauen Sie sich an, wie Putin versuchte, das 100. Jubiläum der Oktoberrevolution totzuschweigen, weil es nicht in seine großrussische Erzählung passt. Oder wie China seinen Aufstieg mit der Rückkehr zum historischen Anspruch untermauert, »Alles unter dem Himmel« zu verkörpern. Der amerikanische Exzeptionalismus gründet genauso auf der Geschichte wie die deutsche außenpolitische Zurückhaltung seit 1945. Ohne gemeinsame Erinnerung fällt es schwer, den Konsens einer Gemeinschaft zu wahren. Umgekehrt sorgt nichts zuverlässiger für Streit in einer Gesellschaft oder zwischen Nationen als ein Dissens über die Geschichte. Nehmen Sie die Auseinandersetzung über die Frage, ob die Türken im Ersten Weltkrieg einen Völkermord an den Armeniern verübten oder nicht. Oder die Frage, ob ein Land sich Mazedonien nennen darf.

Einige Ihrer Beispiele belegen, dass vor allem autoritäre Politiker versuchen, ihren Kurs mit autoritären Geschichtsentwürfen zu untermauern.

Wie gesagt, das machen alle, die Guten und die Bösen. Das nennt man heute den Kampf der Narrative. In unseren Geschichtsbüchern steht, dass sich mit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Freiheit der Völker Richtung Osten ausgebreitet hat. Putin spricht von denselben Ereignissen als der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts und erzählt von einer räuberischen Landnahme durch den skrupellosen und wortbrüchigen Westen.

Müssen demokratische Politiker dem stärker entgegentreten und das Geschichtsbewusstsein stärken?

»Geschichtsbewusstsein« ist ein schönes Wort, aber leider würden die meisten Autokraten, von denen wir eben sprachen, genau das für sich in Anspruch nehmen. Sie haben nur andere Vorstellungen davon, was die relevanten Fakten sind und wie man sie interpretiert. Insofern reicht es nicht, die »richtigen« Daten zu erinnern, sondern sich ihrer politischen Instrumentalisierung bewusst zu sein. Das ist die Aufgabe demokratischer Politiker, wenn Sie so wollen. Weder sollte man der Versuchung erliegen, die eigene Wahrheit als die einzige zu verkaufen, noch sollte man müde werden, einer entgegenläufigen Geschichtsdeutung entgegenzutreten. Nehmen Sie doch die Frage, warum 2010 ein polnisches Flugzeug abstürzte, das den Präsidenten und zahlreiche wichtige Regierungsvertreter an Bord hatte. Politiker der heute regierenden PiS glauben hartnäckig an ein Attentat auf den Präsidenten, bleiben aber Beweise schuldig. Manchmal ist der Übergang vom Geschichtsbewusstsein zur Verschwörungstheorie fließend. Und wie der bulgarische Intellektuelle Ivan Krastev formuliert, können Politiker mittels Verschwörungstheorien herrschen, eben genau, weil sie eine Glaubensfrage stellen: Glaubst du unserer Auslegung der Geschichte oder nicht? So kann man ein ganzes Land spalten.

Wie wehren Demokratien sich dagegen?

So pathetisch es klingt: Aufklärung. Die Gegenargumentationen müssen aber nicht nur richtig sein, sondern auch griffig. Im Kampf der Narrative darf man die guten Schlagzeilen und Bilder nicht den anderen überlassen und sich selbst in Differenzierungen flüchten. Das ist eine große Herausforderung an Politiker und Redenschreiber.

Der damalige Außenminister Steinmeier hat auf dem Historikertag 2016 in Hamburg den Westfälischen Frieden als Denkmodell für die Lösung des Syrienkonfliktes beschrieben. Ist die Geschichte wirklich eine Lehrmeisterin der Politik oder wollte der Minister nur den Historikern seine Reverenz erweisen?

Natürlich hätte er eine solche Rede nicht auf dem Apothekertag gehalten. Er hat vielmehr den Historikertag für eine geeignete Gelegenheit gehalten, über ein Thema zu reden, das ihn ohnehin umtreibt. Deswegen hat er auch an dem Termin festgehalten, obwohl er wegen der aktuellen Lage nach New York musste; die Rede wurde dann per Satellit ins Hamburger Rathaus übertragen. Um per Grußwort die Historikerzunft zu ehren, wäre das vielleicht etwas übertrieben gewesen.

Steinmeier hatte schon seit längerer Zeit an der Frage gearbeitet. Anstoß war ein Gespräch mit Intellektuellen im saudischen Dschidda. Einer von ihnen hatte ihn gefragt, ob der Westfälische Frieden nicht ein Modell für Syrien sein könnte. Danach hat das Auswärtige Amt Kontakt zu einem ähnlich angelegten Projekt in Cambridge und zur Körber-Stiftung gesucht. Der Minister hat in Hamburg gewissermaßen die ersten Früchte einer tatsächlichen Arbeit präsentiert, und nicht bloß ein paar historische Anekdoten in seine Rede gesprenkelt. Der historische Vergleich, so seine Botschaft, kann der Politik in zweierlei Hinsicht nützen: Er ermöglicht ein besseres Verständnis für die Bedingungen erfolgreicher Politik und für die Folgen von bestimmten Handlungen. Steinmeier hat dazu die kanadische Historikerin Margaret MacMillan zitiert: »Wenn wir sie sorgfältig anwenden, kann die Geschichte uns Alternativen bieten, sie kann uns helfen, die Fragen zu formulieren, die wir an die Gegenwart stellen, und sie kann uns davor warnen, was schiefgehen könnte.«

Und, funktioniert das?

Es gibt immer wieder Historiker, die das kritisieren oder für bloße Inszenierung halten; aber die würde ich gerne fragen, ob sie es sich in ihrem Elfenbeinturm nicht etwas zu bequem eingerichtet haben. Natürlich sind Vergleiche, Anleihen und Analogieschlüsse nie ohne Risiko, aber oft die Anstrengung wert. Geschichte kann der Verbesserung der Urteilskraft dienen. Der britische Historiker Niall Ferguson schildert in seiner Biografie von Henry Kissinger, wie dieser gezielt die Geschichte studierte: Kissinger versuchte damit, den Schritt ins Ungewisse, den jede politische Entscheidung mit sich bringt, ein wenig kalkulierbarer zu machen. Geschichte lehre per Analogie, nicht per Identität, so Kissinger.

Gibt es bestimmte historische Epochen und Ereignisse, auf die in Reden besonders gern zurückgegriffen wird?

Da gilt das Gleiche wie für die Geschichtsschreibung: Jede Generation hat ihre eigenen Sichtweisen. In Deutschland spielt der Bezug auf den Holocaust natürlich dauerhaft eine wichtige Rolle. Seit vier Jahren boomt hierzulande der Bezug auf den Ersten Weltkrieg. Das Gedenken ist gewissermaßen um 100 Jahre versetzt den Frontverläufen von damals gefolgt. Verdun, Gallipoli, Afrika, in diesem Jahr kommt der Waffenstillstand, danach bald Versailles. Dieses Jahr kehrt natürlich der Dreißigjährige Krieg mit Macht zurück, wieder wegen eines Jahrestages. Spannender aber finde ich andere Bezüge, die die außenpolitische Community umtreiben. Der Aufstieg Chinas beispielsweise lockt viele Politiker in die Buchhandlung. Graham Allisons »Destined for War« über die sogenannte Thukydides-Falle ist gegenwärtig in der Politikszene eine recht beliebte Lektüre. Ausgehend vom Peloponnesischen Krieg untersucht Allison historische Konflikte zwischen Hegemon und Aufsteiger: Sparta versus Athen, Frankreich versus Preußen, USA versus Japan. Ziel der Übung ist es, Risiken und Nebenwirkungen des heraufziehenden Konflikts zwischen den USA und China mittels historischer Reflexion verständlicher zu machen.

Ist das politische Tagesgeschäft ein Betätigungsfeld für Historiker? Können sie dort beratende Funktionen einnehmen?

Allison, den ich eben zitierte, fordert einen Historikerbeirat für den US-Präsidenten, aber das kann ich mir gegenwärtig nicht vorstellen. Immerhin gibt es reichlich studierte Historiker in den Bürokratien von Regierung und Parlament. In Berlin haben sich manche sogar zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, wo sie mit akademischen Historikern über deren Arbeit diskutieren. Das ist für viele von uns eine bereichernde Erfahrung, und auch die Professoren finden es spannend, sich den Fragen der Praktiker zu stellen. Ich persönlich würde bei ansonsten gleicher Eignung einen Historiker oder eine Historikerin bevorzugen, wenn ich eine Stelle zu besetzen habe. Historische Reflexionsfähigkeit erweitert den Horizont der politischen Urteilsfähigkeit.

Gute Historikerinnen und Historiker bringen Erkenntnisse und Erfahrungen aus anderen Zeiten und Kontexten mit bzw. können sich diese methodisch sauber und rasch aneignen. Sie können diese in aktuelle Bezüge einordnen, ohne in Ehrfurcht vor der Vergangenheit ins bloße Rezitieren zu geraten. Und vor allem: Sie können vergleichen, ohne gleichzusetzen. Das ist die vielleicht wichtigste Voraussetzung, um historische Erkenntnis für die Politik nützlich anzuwenden.

Vielen Dank!

 

 

Ralf Beste

Ralf Beste ist Leiter des Planungsstabs des Auswärtigen Amts. Zuvor war er von Juni 2016 bis Januar 2017 Beauftragter für Strategische Kommunikation. Anfang 2014 war er als stellvertretender Leiter des Planungsstabs ins Ministerium gekommen. Vorher hatte er fast 20 Jahre als Parlamentskorrespondent beim Spiegel und bei der Berliner Zeitung gearbeitet, zunächst in Bonn und später in Berlin. Seine journalistische Karriere begann er 1992 bei den Dortmunder Ruhr Nachrichten, zwischenzeitlich arbeitete er für zwei Jahre als Pressesprecher im Finanzministerium Rheinland-Pfalz. Ralf Beste wurde 1966 geboren und hat sein Studium der Geschichte mit einem Master of Arts der Johns Hopkins University, Baltimore, USA, sowie einem Magister der Universität Bielefeld abgeschlossen.