Auf Twitter haben Sie 2013 täglich die Geschehnisse rund um die Reichspogromnacht nachgezeichnet und 2015 »Heute vor 70 Jahren« jeden Tag Ereignisse des Kriegsendes 1945 getwittert. Die Idee des täglichen historischen Tweets wurde mittlerweile zum Beispiel auch vom Karl-Marx-Haus Trier aufgegriffen. Kann man mit 140 bzw. nun 280 Zeichen Geschichte erklären oder erfahrbar machen?

MH – Uns war von Anfang an bewusst, dass so kurze Texthäppchen, auch wenn sie in hoher Frequenz gesendet werden, natürlich keine seriöse Erklärung von historischen Ereignissen liefern können. Was so eine Chronik liefert, ist letztlich ein von uns kuratierter und erzählter Ausschnitt reiner Ereignisgeschichte. Deswegen haben wir auch immer Begleitinformationen und Kontext geliefert, mal in Blog-, mal in Buchform. Das Format kann andere Formen der Begegnung mit Geschichte sicher nicht ersetzen, aber es kann Neugier wecken und Interesse aktivieren. Das war immer unser Ziel.

CJ – Und das geht meines Erachtens auch auf. Diese beiden Twitter-Projekte 2013 und 2015 zeigen mir, dass ein geschichtliches Interesse vorhanden ist und dass Geschichte für viele Interessierte auch an ihre Lebensumstände und ihren Wohnort gebunden ist. Für beinahe jeden Tweet mit Ortsangabe meldete sich jemand, der heute dort wohnt und diesen Teil der Lokalgeschichte noch nicht kannte.

Welches Publikum erreichen Sie mit Ihren Twitter-Projekten? Auch Menschen, die eigentlich nicht so geschichtsinteressiert sind? Ist Twitter ein Medium, mit dem vor allem junge Menschen erreicht werden?

CJ – Das Publikum auf Twitter schätze ich in Fragen des Alters eher divers ein, zumindest gemessen an unseren Interaktionen mit Nutzerinnen und Nutzern. Dazu kommt, dass Twitter in Deutschland zumindest zu einem Teil ein Elitenmedium ist − nach Digitalstaatsministerin Dorothee Bär besteht es aus Politikern, Journalisten und Psychopathen. Ganz so schematisch ist es natürlich nicht, aber ein repräsentativer Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung findet sich dort sicher nicht. Aber nicht nur dieses akademische Metropolenpublikum haben wir erreicht, denn das Projekt wurde ja über Twitter hinaus wahrgenommen. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist das Forum der Plattform »Kleiderkreisel«,einem eher unerwarteten Ort für den Austausch über die Geschichte der Novemberpogrome.

MH – Der Kleiderkreisel war tatsächlich eine positive Überraschung, genauso aber auch Verlinkungen aus Computerspielforen. Was mich persönlich immer besonders motiviert hat, war, wenn Laien bei uns nachfragten, wo sie anfangen sollen, ihre Lokal- oder Familiengeschichte zu erforschen. Wir haben dafür dann einen kurzen Leitfaden mit Grundlagenliteratur geschrieben und betont, dass niemand Angst vor Archiven haben muss. Wenn von 1 000 Mitlesenden nur eine Person danach angefangen hat, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, hat es sich eigentlich schon gelohnt.

Nimmt die universitäre Geschichtswissenschaft Ihre Projekte zur Kenntnis und nutzt ebenfalls die neuen Medien, um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen?

CJ – Ich habe seit drei Jahren kein Seminar an der Universität mehr besucht, von daher kann ich nur bedingt sagen wie es an »meinem« Institut heute aussieht. 2013 bekam der eine oder die andere von den Dozenten das Projekt schon mit. Richtig aufmerksam wurde man aber erst, als @9Nov38 mit dem dpa Newstalent Award ausgezeichnet wurde. Ich habe das Projekt danach in einem Seminar vorgestellt, das sich mit Egodokumenten beschäftigte. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass meine Kommilitonen dem Ganzen eher skeptisch gegenüber standen. Das ist der eine Blickpunkt; der andere ist die Vielzahl universitärer Historikerinnen und Historiker auf Twitter. Viele von ihnen sind Doktoranden, Post-Docs, eher wenige Universitätsprofessoren. Die haben das Projekt natürlich mitbekommen und sehr wohlwollend begleitet. Und die geschichtswissenschaftliche Community auf Twitter wächst und vernetzt sich auch. Zum Teil geht es dann von der virtuellen auch wieder in die analoge Welt zurück: Der Verein OpenHistory e.V. ist aus einer Twitterdiskussion entstanden. Ich würde mir allerdings wünschen, dass derlei Aktivitäten weniger kritisch beäugt werden. Gelegentlich habe ich das Gefühl, dafür belächelt zu werden.

MH – Wie bei den meisten neuen Ansätzen funktioniert Anerkennung in erster Linie über den Erfolg − wie Charlotte sagte: Präsenz in internationalen Zeitungen und Fernsehen sowie Preise erhöhen die Neugier auf das, was der Nachwuchs da treibt. Der Zweig der Public History ist meiner Erfahrung nach immer sehr aufgeschlossen, an anderen Stellen überwiegt vielleicht die Furcht, sich in unbekanntes Territorium zu wagen oder, ganz banal, noch mehr Arbeit neben der eigentlichen Forschung zu bekommen. Genau das ist ja auch ein Grund, warum ich als freier Historiker solche Projekte anbiete: Nur weil Digitalisierung jetzt endlich in aller Munde ist, muss nicht jeder selbst digitaler Public Historian sein.

Wie politisch sollten Historiker und Historikerinnen in gesellschaftspolitischen Debatten und in Bezug auf aktuelle Politik sein? Werden sie in der Öffentlichkeit gehört?

MH – Ich glaube, es kommt da immer auf den Einzelfall und die Selbstpositionierung an. Möchte ich mich als Historiker, also als Experte, äußern? Möchte ich mir eine Rolle als »Public Intellectual« anmaßen? Bin ich schlicht ein politisch interessierter Bürger? Die Grenzen sind da natürlich fließend, aber gerade bei den in den letzten Jahren öffentlich stark wahrnehmbaren Historikern habe ich oft das Gefühl, dass eher die Weltanschauung die Wortmeldung steuert als der wissenschaftliche Erkenntnisprozess. Das ist insofern schade, dass wir zu den drängenden Themen unserer Zeit, von Migration über den Wandel der Arbeit bis Osteuropa sicher viele Expertinnen und Experten zu bieten hätten, die uns Befindlichkeiten, Verhaltensmuster und Konflikte erklären könnten, die aber nicht in den Notizbüchern der Redaktionen stehen. Auch da kann die Demokratisierung der Massenmedien durch das Internet sicher helfen − ein tiefgehendes, gut lesbares und substanzielles Blog wird immer gerne gelesen.

CJ – Ich sehe das ähnlich, man positioniert sich öffentlich und macht sich insofern auch angreifbarer. Hinzu kommt, dass sich auch immer die Frage stellt, wie man den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess so wiedergibt, dass er einem breiten Publikum auch verständlich ist. Wie sehr kann man vereinfachen? Wie differenziert muss man bleiben? Ich würde mir allerdings auch wünschen, dass Historikerinnen und Historiker mehr zu gesellschaftspolitischen Debatten beitragen würden. Denn dort, wo ich die Debatte oft oberflächlich erlebe, könnten sie sie meiner Meinung nach wieder vertiefen. Es ist aber auch nicht so, dass Historikerinnen und Historiker gar nicht gehört werden – die Zeit, in der sie regelmäßig zu Gast in Talkshows sind, geht aus meiner Sicht aber langsam vorbei.

Wo wünschen Sie sich mehr Lautstärke?

MH – Generell stelle ich in letzter Zeit fest, dass nicht nur, aber gerade auch von der AfD der Versuch gemacht wird, sehr wuchtige Umwälzungen in der Geschichtspolitik und dem erinnerungskulturellen Konsens der Bundesrepublik durchzusetzen. Als Alexander Gauland unter lauter Zustimmung forderte, auf die Leistung deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen stolz sein zu dürfen, habe ich zwar viel Entrüstung gehört, aber keinerlei wahrnehmbare Stimmen aus der Geschichtswissenschaft, die Gaulands Wählerinnen und Wählern erklärt hätten, warum wir uns von einem solchen Stolz aus guten Gründen seit längerer Zeit ferngehalten haben.

CJ – Ich stimme dem, was Moritz gesagt hat, zu, habe aber auch noch einen anderen Wunsch. Ich würde mich nicht unbedingt über Lautstärke freuen. Vielmehr wünsche ich mir, dass Historikerinnen und Historiker unabhängig von ihren akademischen Abschlüssen miteinander diskutieren. Ich erlebe die Zunft zum Teil noch sehr hierarchisch. Wer bis zur Professur noch als »Akademischer Nachwuchs« bezeichnet wird, wird in meinen Augen nicht immer ganz ernst genommen. Es gibt Initiativen, die diese Strukturen auflockern möchten – wie zum Beispiel das histocamp. Es würde mich freuen, wenn alle mehr miteinander reden würden.

Geschichte wird von europäischen Populistinnen und Populisten genutzt, um zum Teil rechtsradikale Weltanschauungen und -politik zu legitimieren. In einem Tweet haben Sie, Herr Hoffmann, eine Rede von Bernd Höcke auseinandergenommen und auf Fakten gecheckt. Wie war die Resonanz? Glauben Sie, dass Sie damit rechten Populismus in breiteren gesellschaftlichen Schichten entlarven konnten, vielleicht sogar bei den AfD-Anhängerinnen und -Anhängern selbst?

MH – Rein quantitativ war die Resonanz mit weit über 600 000 erreichten Twitter-Nutzerinnen und Nutzern schon überwältigend, ich habe neben zahlreichen Unflätigkeiten bis hin zu Morddrohungen auch viel Zuspruch bekommen. Letztlich spannender waren aber jene, die sich zwar kritisch bis beleidigend äußerten, aber wenigstens auf eine Diskussion einließen. Einige haben nach einer Weile gemerkt, dass ich mir die Dinge nicht ausdenke, sondern mich auf die fundierte Forschung beispielsweise der Dresdner Historikerkommission stützte. Dass es trotz eines so aufgeladenen Themas wie der Bombardierung Dresdens 1945 mitunter noch möglich war, in inhaltlichen Austausch zu treten, war eine durchaus positive Erfahrung in emotional anstrengenden Tagen.

CJ – Ich habe 2017 für die Facebook-Seite von ZDF info Geschichts-»Fakes« kommentiert. Das ging von Hitler-Ufos bis zu der angeblichen Stasi-Tätigkeit Angela Merkels. Neben positiven Kommentaren gab es natürlich auch die üblichen persönlichen Angriffe, die Frage danach, an welcher »linksgrün-versifften Universität« ich studiert hätte und mit welcher Legitimation ich überhaupt auftreten würde. Es gab fundierte Gegenrede und es wurde diskutiert, ich glaube allerdings auch, dass man die überzeugten Anhänger derartiger Verschwörungstheorien über eine Kommentarspalte nicht erreicht. Aber das muss es auch nicht unbedingt, wichtig ist in meinen Augen, dass nicht alles unwidersprochen stehen bleibt.

Vielen Dank!

 

 

Charlotte Jahnz, in Farbe
Charlotte Jahnz

Charlotte Jahnz

Charlotte Jahnz (29) studierte Geschichte und Medienkommunikation in Bonn. In ihrer Masterarbeit beschäftigte sie sich mit Geschlechterrollen in deutschen Frauenzeitschriften zwischen 1941 und 1955. Sie war im Community Management des geisteswissenschaftlichen Blogportals de.hypotheses.org tätig und für den Social-Media-Auftritt der Max Weber Stiftung mit verantwortlich. Seit 2016 organisiert sie für die Stiftung die Diskussionsreihe »Geisteswissenschaft im Dialog«. Darüber hinaus engagiert sie sich im Vorstand des Vereins Open History, der sich für eine aktive und öffentliche Geschichtswissenschaft einsetzt.

Autorenporträt Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann

Moritz Hoffmann

Moritz Hoffmann (34) studierte Geschichte und Musikwissenschaft in Bonn und Heidelberg und arbeitete danach als akademischer Mitarbeiter an der Heidelberger Professur für Public History. Seit 2016 gestaltet er als freier Historiker Projekte der digitalen Geschichtsvermittlung und berät Forschungseinrichtungen bei ihren Onlineauftritten. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945, der Alltagsgeschichte des »Dritten Reiches« sowie den Formen extremistischer Geschichtspolitik.