Autorin: Sonja Hegasy

Die arabische Welt kämpft derzeit im wahrsten Sinne des Wortes mit ihrem postkolonialen Erbe. Die mit dem Ende der europäischen Fremdherrschaft verbundenen Hoffnungen sind für viele Bürger spätestens seit der Jahrtausendwende aufgebraucht – ein Aspekt, der in der Berichterstattung über die andauernden kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region kaum angesprochen wird. Zu lange nutzte eine Riege autoritärer Herrscher die antikoloniale Legitimation und den Vertrauensvorschuss der Bevölkerung, um sich auf Dauer in zentralen Positionen des Staates festzusetzen und das Land wirtschaftlich auszubeuten. Mit ihrer postkolonialen Rhetorik und den ersten offensichtlichen Erfolgen der Befreiung von den europäischen Kolonialmächten Mitte des 20. Jahrhunderts konnten diese Systeme eine Machtbasis ausbauen, die jahrzehntelang nicht von breiten gesellschaftlichen Bewegungen infrage gestellt wurde. Um diese Entwicklungen zu verstehen, sollte man nicht vergessen, wie der europäische Kolonialismus auch in Nordafrika agierte: Unterbrochen durch den Ersten und Zweiten Weltkrieg, wurden hier willfährige Herrscher eingesetzt, politische Parallelstrukturen aufgebaut, gesellschaftliche Trennlinien eingeführt (wie zum Beispiel zwischen Juden und Muslimen), die bis dato fortwirken.

Heute, könnte man sagen, befinden wir uns in einer postpostkolonialen arabischen Welt: Die Rechtmäßigkeit der gegenwärtigen politischen und staatlichen Ordnungen wird in der gesamten Region infrage gestellt. Die Versprechungen der ehemaligen Nationalbewegungen wurden nicht annähernd realisiert. Die Bürger fragen nun nach den Ursachen für diese Fehlentwicklungen, und was in Wirklichkeit geschah. Damit fragen sie auch nach einer neuen Historiografie, die professionellen Zugang zu staatlichen sowie nichtstaatlichen Quellen bekommt. In einer Region, in der Diskurse über die Vergangenheit relativ stark von der Obrigkeit reguliert werden, hat die Frage nach freiem Zugang zu historischen Quellen in letzter Zeit sowohl von Menschenrechts- als auch von Bürgerrechtsaktivisten Aufmerksamkeit erhalten.

Dies liegt auch daran, dass die Geschichte politischer Verfolgung in der arabischen Welt so gut wie nicht aufgearbeitet ist. Politische Konflikte, Krisen und Attentate können aufgrund nicht zugänglicher Quellen noch immer nicht Gegenstand kritischer historischer Aufarbeitung sein. Daher ist die Geschichtswissenschaft heute ein eminent politisches Fach im Nahen Osten und in Nordafrika. Breite Teile der Gesellschaft möchten Aufklärung über den »trüben Teil« (»blurry past«) ihrer Geschichte, wie es der junge marokkanische Historiker Nabil Mouline[1] formulierte. Sie fühlen sich ihrer eigenen Geschichte entfremdet.

Selbstkritik der Historiker

In den postkolonialen arabischen Staaten wurden Erinnern und Vergessen fast immer durch staatliche Diskurse gelenkt mit dem Ziel, eine einheitliche Nationalgeschichte zu entwerfen, innerhalb der eine »neue« Gesellschaft auf einem möglichst homogenen und konfliktfreien Geschichtsbild entsteht. Die Geschichte wurde zu einem vereinfachenden Narrativ geglättet, welches alternative Erzählungen zur gewünschten Nationalgeschichte ausschließt.

Zum Teil ist die Selbstkritik von Wissenschaftlern über die fehlende akademische Geschichtsschreibung erstaunlich. So zieht der Doyen der marokkanischen Geschichtswissenschaft Mohamed Kenbib das Fazit, dass die 100 Jahre Geschichte seines Landes von 1912 bis 2012 de facto ausgeblendet werden. Wo Geschichte festgehalten wurde, waren es, nach Kenbib, Laienhistoriker, Journalisten, Stadtschreiber und Heimatforscher, die sich darum kümmerten, die Ereignisse niederzuschreiben und dazu unterschiedliche Quellen auszuwerten. Bis in die neunziger Jahre fanden Gegennarrative sowie Aussagen von Zeitzeugen kaum Platz in der öffentlichen Debatte. Seitdem finden sie ihren Weg vor allem durch Selbstzeugnisse in die Öffentlichkeit.

Nationale Zäsuren

Anlässlich des 40. Jahrestags des Krieges von 1973 (in Ägypten Oktoberkrieg, in Israel Jom-Kippur-Krieg genannt) kritisierte der ägyptische Historiker Khaled Fahmy 2013, dass diese Geschichte bislang nur aus israelischen Quellen geschrieben werden kann, obwohl der vierte arabisch-israelische Krieg zu den wichtigsten nationalen Ereignissen Ägyptens gehört. Er wird bis heute jährlich als Nationalfeiertag mit Militärparaden begangen und gilt nach ägyptischer Lesart als Erfolg, da die ägyptische und syrische Armee in den ersten Tagen zunächst überraschende Landgewinne auf dem Sinai und den Golanhöhen machen konnte. Trotz der anschließenden eindeutigen militärischen Niederlage wird der Oktoberkrieg in Ägypten gefeiert. Der Krieg gilt als Grundlage für das Camp-David-Abkommen und die schrittweise Rückgabe des Sinai zwischen 1982 und 1989 an Ägypten. Bis heute verfügt Ägypten jedoch nicht über die volle Souveränität über die Sinai-Halbinsel. Eine internationale Friedenstruppe, die Multinational Force and Observers, sichert die Einhaltung des Friedensvertrags zwischen Israel und Ägypten.

Mit Verweis auf die Geheimhaltung gibt es bislang keinen Zugang zu ägyptischen Militärakten zum Oktoberkrieg. Khaled Fahmy fragt, warum die Geschichte eines so zentralen Ereignisses nicht mit eigenen Quellen geschrieben werden könne, und fügt hinzu: Sollte die Geheimhaltung 40 Jahre alter militärischer Informationen heute allen Ernstes der nationalen Sicherheit dienen?

Die Absurdität, antiquierte Militärakten abzuschirmen, zeigt, wie paranoid Staaten agieren, deren Legitimität auch auf Fälschungen der Geschichte beruht. Eine Neubewertung der letzten 100 Jahre wird in vielen arabischen Ländern als Gefahr für die herrschenden Eliten angesehen. Die Übernahme der Regierung durch das ägyptische Militär 2014 beurteilt Fahmy daher als Katastrophe, da immer mehr Bereiche als »Staatsgeheimnis« angesehen werden:

This is a catastrophic turn of events. As I have always argued, the problem with the National Archive is not lax security, but an excess of security. It is draconian security measures that have effectively killed the Egyptian National Archives, an archival depository that supposedly contains millions of documents, but which is frequented by no more than a handful of visitors daily. The best way to protect the holdings of the National Archives from theft or negligence is to grant access to this rich and unrivalled collection. It is by allowing citizens to have access to the sources of their history that one can protect the national treasure.[2]

Schon vor der Machtübernahme durch das Militär wurden historische Quellen in ägyptischen Archiven und Museen häufig durch Offiziere bewacht. Fahmys Bemühungen um einen breiten Zugang zum Nationalarchiv unter anderem für Studierende und Forschende sind wichtiger Bestandteil der Auseinandersetzung um die Vergangenheit. Biografische Enzyklopädien sind ein gutes Mittel, um neue Zugänge zur Nationalgeschichtsschreibung zu eröffnen. Hier können Historiker bekannte Persönlichkeiten beforschen, aber auch die Namen bislang unbekannter oder explizit marginalisierter Personen einfließen lassen und ihnen damit eine neue Wertigkeit zuschreiben. Oppositionspolitiker stehen so plötzlich neben Staatsoberhäuptern. Ihre Rolle in der Geschichte des Landes wird dabei umdefiniert und aufgewertet.

Analog zur Kritik marokkanischer Historiker moniert Fahmy, dass nicht Wissenschaftler, sondern Journalisten die öffentliche Wahrnehmung historischer Ereignisse geprägt haben. Den Zustand der akademischen Geschichtsschreibung sieht er als Teil einer »Krise der Geisteswissenschaften« in einem politischen Umfeld, in dem alles zur nationalen Frage wird.

Gestohlene Vergangenheit

In allen arabischen Ländern wird der Ruf nach Aufklärung der »verdeckten« oder »gestohlenen« Vergangenheit laut. Gerade mit den Protestbewegungen in der arabischen Welt seit 2011 fragen die Bürger nach der offensichtlich bewusst weggelassenen Geschichte. Der Antagonismus der von oben verordneten Geschichtsnarrative, die zum Teil auf unverfrorene Weise den eigenen Erinnerungen widersprechen, hat den Debatten um Geschichtsbilder und die Geschichtswissenschaft eine eminent politische Dimension gegeben.

Die Bürger möchten heute wissen, warum ihr Land die Versprechungen der Unabhängigkeit nicht einlösen konnte oder sich in kostspielige Kriege stürzte. Sie möchten auch ganz konkret wissen, was aus ihren politischen Führern (auch Frauen!) der sechziger und siebziger Jahre wurde, die sich schon früh für die soziale Entwicklung einsetzten und mehr Mitspracherechte forderten, aber von heute auf morgen aus der Öffentlichkeit verschwanden. Während einige Oppositionelle nach ein bis zwei Jahrzehnten den Weg in die Freiheit fanden, ist das Schicksal vieler anderer bis heute ungeklärt. Darunter fallen so prominente Fälle wie Mehdi Ben Barka[3]3(Marokko), Jaballa Matar[4] oder Musa as-Sadr (Iran / Libanon). Ihre Familien haben die Suche nach ihren Angehörigen nicht aufgegeben und mobilisieren die Öffentlichkeit in den letzten Jahren verstärkt.

In der arabischen Welt beginnt eine schwierige und schwerwiegende Revidierung der großen postkolonialen Erzählungen von Freiheit, Selbstbestimmung und Gerechtigkeit.[5] Die Stimmen der Opfer, ihrer Familien, von Journalisten und Historikern sind heute für alle Bürger wichtig, um Aufklärung über die Vergangenheit zu erlangen, aber auch um das zukünftige Verhältnis von Staat und Gesellschaft zu bestimmen.

Das ist das Autorenporträt von Sonja Hegasy
Sonja Hegasy

Sonja Hegasy

Sonja Hegasy studierte Arabistik und Islamwissenschaft an der American University in Kairo, der Universität Witten / Herdecke, der Universität Bochum sowie an der Columbia University in New York. 1994 arbeitete sie als erste Programmreferentin in der Zentrale von Transparency International. Gleichzeitig promovierte sie im Fach Politikwissenschaft an der FU Berlin mit einer Arbeit über Staat und Zivilgesellschaft in Marokko. Von 1996 bis 1998 war sie Juniorexpertin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kairo. Seit 2008 ist sie Vize-Direktorin des Leibniz-Zentrums Moderner Orient in Berlin. 2017 erschien von ihr The Social Life of Memory: Violence, Trauma, and Testimony in Lebanon and Morocco, New York (hg. mit Saadi N. Nikro).

 

  1. [1]Nabil Mouline, Reconsiderung the Rif Revolt (1958 – 59), Jadaliyya, 28.1.2015, http://www.jadaliyya.com/pages/index/20664/reconsidering-the-rif-revolt-(1958-59), zuletzt abgerufen am 5.3.2018.
  2. [2] Khaled Fahmy, Who is afraid of the National Archives? In: Ahramonline vom 16.6.2013; verfügbar unter: http://english.ahram.org.eg/NewsContentP/4/74092/Opinion/ Who-is-afraid-of-the-National-Archives.aspx, zuletzt abgerufen am 5.3.2018.
  3. [3]Vgl. z. B. Bachir Ben Barka, Mehdi Ben Barka, 50 ans aprés. Paris 2015.
  4. [4]Literaturempfehlung: Hisham Mattar, Die Rückkehr: Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater, München 2017.
  5. [5]Omnia El Shakry, ‘History Without Documents’: The Vexed Archives of Decolonization in the Middle East, in: The American Historical Review 120, no. 3, pp. 920 – 934.