Ein Artikel von Lutz Raphael

 

»Die meisten von uns dürfen zwar von sich behaupten, dass sie gute Arbeiter waren. Aber waren wir auch immer gute Staatsbürger?«[1] (Marc Bloch)

Die Debatte darüber, ob Historiker sich mehr in die öffentlichen Debatten einmischen sollen, ist ein Evergreen. Die Frage entsteht angesichts anhaltender Politikdistanz, ja -abstinenz der meisten Fachvertreter; dass sie vor allem unter uns diskutiert wird, verweist wiederum auf eine eher geringe Nachfrage in der politischen Öffentlichkeit nach irgendwelchen historischen Kontroversen mit Aktualitätsbezug. Nur ein kleiner Kreis von Publizisten lebt eigentlich davon, wenigstens dann und wann etwas politische Schärfe in solche Vergangenheitsdebatten zu bringen. In vieler Hinsicht ist dieser Eindruck apolitischer Debattenferne die notwendige Begleiterscheinung der hohen öffentlichen Wertschätzung, die das Fach und wir als seine Vertreter bislang in Deutschland genießen. Indikatoren dieser Wertschätzung sind die Fördermittel, die historische Forschungsprojekte von öffentlichen und privaten Förderern jenseits von DFG, Leibniz-Gemeinschaft und Universitäten erhalten. Indikatoren sind aber auch die öffentliche und private Förderung von Museen, Gedenkstätten und geschichtskulturellen Projekten aller Art. Drittens spricht auch die Selbstverständlichkeit des Geschichtsunterrichts in den schulischen Curricula für diese Einschätzung: Historikerinnen und Historiker sind fest verankert in der öffentlichen Infrastruktur unserer demokratischen Geschichtskultur. Die Vergangenheitspolitik der demokratischen Institutionen und ihrer gewählten Vertreter sucht den Rückhalt fachlicher Expertise, zumal wenn es um nationalgeschichtlich sensible Themen geht. Die rechtsradikale Leugnung der nationalsozialistischen Verbrechen und ihre Umdeutung in Akte legitimer Selbstverteidigung hat eine lange, ungebrochene Tradition seit dem Zusammenbruch des NS-Regimes bis heute und sie mit allen verfügbaren Mitteln historisch-politischer Bildungsarbeit zu widerlegen, gehört zu den quasi vorpolitischen Alltagsaufgaben, die ein nicht unerheblicher Teil von uns Zeithistorikern als elementare Bestandteile der eigenen beruflichen Expertise erledigt.

Neu ist in diesem Zusammenhang nur, dass in jüngster Zeit Denkfiguren und Sprache des völkischen Nationalismus im Anschluss an den nationalsozialistischen Jargon, aber auch an die älteren Traditionen von vor 1933 wiederbelebt werden. Hier sieht sich der Experte des Nationalsozialismus mit Recht herausgefordert, die politischen Traditionslinien und die antidemokratischen, rassistischen und gewalttätigen Nebenfolgen bzw. Implikationen völkischer Denkfiguren von Volk und Gemeinschaft in aktualisierender Perspektive klar zu beleuchten, wie dies jüngst etwa Michael Wildt getan hat.[2]

Die Fachwelt eint zurzeit eine unausgesprochene Distanzverpflichtung gegenüber nationalzentrierten, gar nationalistischen Positionen. Die Motivlagen und Begründungen für diese Form intellektueller Hygiene sind durchaus unterschiedlich, sie reichen von apolitischem Lächeln angesichts solcher Zumutungen über liberale bzw. linke Nationalismuskritik bis hin zu nationalkonservativer Zurückhaltung. Die nationalistischen Selbstmobilisierungen deutscher Historiker früherer Zeiten spielen eine nicht unwichtige Rolle bei dieser kollektiven Zurückhaltung. Wir sind durch die Geschichte unseres Faches zu selbstkritischer Sensibilität gegenüber den (un)beabsichtigten Nebenfolgen solcher Formen politischer Indienstnahme erzogen worden.

Jenseits der politisch-moralischen Grundpositionen in der Deutung der NS-Diktatur bestehen in der Geschichtswissenschaft wie in der politischen Öffentlichkeit vielfältige Deutungsangebote zur Geschichte Deutschlands, Europas oder der Welt, ohne dass dieser Pluralismus hinreichend Stoff geliefert hätte für politisierte Debatten nach Art des Historikerstreits 1986/87. Dies galt selbst für die Kontroversen um die Julikrise 1914, die hierzulande im Erinnerungsjahr 2014 eben nicht zu einem neuen politisch-moralischen Streit um die »Kriegsschuldfrage« geführt haben. Anders als in den 1960er-Jahren haben diese Deutungsdifferenzen unter Fachhistorikern wenig Echo im politischen Meinungsfeld gefunden.

Solchen Beobachtungen struktureller Stabilität werden gern Analysen entgegengehalten, welche die Erosion historischer Kenntnisse, genereller der Anerkennung fachlicher Expertise in Sachen Vergangenheit thematisieren. Die Grenzen zwischen bloßen Meinungen und gesicherten Fakten würden in der öffentlichen Kommunikation immer unschärfer und dies mache auch vor den historischen Sachverhalten nicht halt. Das klare Wort der Historikerin scheint in Zeiten von Identitätspolitik weniger zu gelten, vor allem in der Zeitgeschichte hat zudem eine Mischung aus medialer Abnutzung altbekannter »Vergangenheitsbewältigung« und verbreiteter Ignoranz elementarer historischer Ereigniszusammenhänge dazu geführt, dass die Wissensgrundlagen unserer Geschichtskultur bedroht scheinen. Die Unverbindlichkeit radikaler moralischer Urteile über Taten und Menschen der Vergangenheit und die schlichte Ignoranz historischer Fakten und Zusammenhänge in einer breiteren Öffentlichkeit ergänzen sich wechselseitig. Profiteure dieser Situation sind – so die Sorge – all jene, die eine direkte Instrumentalisierung der Vergangenheit für ihre politischen Ziele in der Gegenwart anstreben und dabei den breiten Konsens einer Vergangenheitspolitik und Geschichtskultur aufkündigen, der die deutsche Demokratie über die Zäsur von 1990 hinweg gekennzeichnet hat.

Gibt es also gute Gründe dafür, die eingespielten Routinen medial eher unauffälliger, aber institutionell umso stabilerer Fachexpertise zu verlassen und sich stärker in die politischen Debatten einzumischen? Drei Antworten drängen sich auf.

Die erste Antwort betrifft den Stand unserer öffentlichen Debatten. Sind wir als Historikerinnen und Historiker zufrieden mit den Debatten um Nation, Europa, den »Westen« und den »Kapitalismus«, um Flucht und Zuwanderung? Hegen wir die Hoffnung, unsere eigenen Einsichten in die historische Dimension aller dieser politischen Gestaltungsaufgaben würden die öffentliche Debatte und eventuell sogar die konkreten politischen Programme unserer Parteien oder gar der Regierung verändern? Während wir unter uns vermutlich rasch einen Konsens erzielen könnten darüber, dass die Verteidigung des oben genannten Minimalprogramms unserer demokratischen Geschichtskultur unabdingbarer Teil unserer Berufsaufgabe sei, sehe ich in all diesen Fragen keinerlei fachspezifischen Konsens. Weder sind wir uns einig darüber, ob sich diese Einmischung überhaupt lohnen würde, noch, welche guten Gründe wir vorbringen könnten, die historische Tiefendimension all dieser Themen als besonderes Thema in die politische Debatte einzubringen. Lehren der Geschichte? Beispiele guter politischer Praxis? Faktoren langer Dauer? Über alle drei Fragen müssten wir als Historiker erst wieder untereinander ernsthafter diskutieren, wenn wir irgendetwas Aufschlussreiches in die öffentliche Debatte einbringen wollten. Wenn wir damit anfangen, wird die politische Öffentlichkeit von sich aus aufmerksam werden und mehr erfahren wollen. Dem Sog einer solchen Politisierung wollte sich wohl keiner von uns entziehen wollen. Das Fach, so lautet meine These, ist zur Zeit nur schlecht vorbereitet auf eine intellektuelle Situation, in der unsere Beschäftigung mit der Vergangenheit als Beiträge zur Bewältigung von Gegenwartsproblemen gelesen würden. Vielmehr hat sich die große Mehrheit von uns in der sicheren Zone des liberalen akademischen Konsenses eingerichtet, der in unterschiedlichen politischen Pastelltönen schwarz, blau, rot und grün schimmert. Zur politischen Debattenfähigkeit gehört zuallererst, dass wir selbst von der politischen Relevanz unseres Faches überzeugt sind und dies auch öffentlich artikulieren wollen.

Die zweite Antwort lautet: Die Medien öffentlicher Interventionen verändern sich rascher, als es die etablierten Aufmerksamkeitsregeln in unserem Fach registrieren. Ist eine in FAZ, Zeit, Welt und SZ geführte Historikerdebatte 2018 noch genauso wirksam wie vor gut 30 Jahren? Wie viele Blogs oder Internetforen mit dezidiert politischem Gegenwartsbezug werden unter maßgeblicher Beteiligung von Historikern betrieben? Meines Wissens zwei – in Hamburg und Zürich.[3] Eine stärkere Politisierung muss die Verschiebungen ernst nehmen, die sich zurzeit im Feld der politischen Kommunikation vollziehen und hier geht es ebenso sehr um Formate wie um Inhalte. Wer also A sagt, muss auch B sagen wollen.

Eine dritte Antwort lautet mit Blick auf internationale Entwicklungen: Angesichts wachsender Vereinnahmung von historischer Expertise für die Ziele geschichtspolitischer Opfer- und Identitätsdiskurse sind Distanz und Autonomie wichtige Ressourcen unseres Faches in solchen politisch-kulturellen Kämpfen.[4] Die schlichte Lieferung herrschaftskritischer wie demokratiekompatibler Authentizitätsbeweise von Unterdrückungs- und Gewalterfahrungen reicht nicht mehr aus, um heute als Historikerin politische Aufklärungsarbeit zu leisten. Längst sind ursprünglich subversiv gedachte postkoloniale Denkfiguren Bestandteil geschichtspolitischer Argumente geworden, die gegenwärtige Statusansprüche und Machtpositionen rechtfertigen. Damit muss politisch-intellektuelles Engagement meines Erachtens aber zugleich auch die eigene Unabhängigkeit und Kritikfähigkeit gegenüber gruppenspezifischen Identitätsbedürfnissen unter Beweis stellen. Dies setzt jedoch voraus, dass wir bereit sind, die Chancen unserer wissenschaftlichen Autonomie zu verteidigen, um im Ernstfall wirklich effektiv in die politischen Debatten eingreifen zu können.

 

Autorenproträt von Lutz Raphael
Lutz Raphael

Lutz Raphael

Lutz Raphael lehrt seit 1996 als Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Trier. 1999, 2003 und 2010 war er Gastprofessor an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris, 2005 Gastprofessor an der Universität Paris VII – Denis Didérot, 2010/11 Fellow am IGK Global labour an der HU Berlin, 2011/12 am St Antony’s College in Oxford, 2015/16 Gerda-Henkel-Gastprofessor an der London School of Economics und dem DHI London. Raphael ist Mitglied des Arbeitskreises für Moderne Sozialgeschichte, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz sowie der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Von 2007 bis 2013 war er Mitglied der wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrats, 2013 erhielt er den Förderpreis für deutsche Wissenschaftler im Gottfried Wilhelm Leibniz-Programm der DFG.

  1. [1]Marc Bloch, Die seltsame Niederlage: Frankreich 1940; der Historiker als Zeuge, Frankfurt am Main 1992, S. 229.
  2. [2]Michael Wildt, Volk, Volksgemeinschaft, AfD, Hamburg 2017
  3. [3]https://soziopolis.de/; http://geschichte dergegenwart.ch/
  4. [4]Vgl. als Überblick Berber Bevernage/Nico Wouters (Hg.), The Palgrave Handbook of State-sponsored History since 1945, London 2018.