Wie wichtig ist Geschichte für unsere Demokratie aus Ihrer Sicht als Journalistin?

Es ist – egal ob als Journalistin oder Bürgerin – vor allem wichtig, sich diese Frage überhaupt zu stellen, um sich die Historizität demokratischer Prozesse immer wieder zu vergegenwärtigen. Dafür braucht es natürlich die Geschichtswissenschaft, die in ihrer Forschung die politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Kontexte sichtbar macht, die Demokratie in der Vergangenheit und Gegenwart verhindert oder ermöglicht haben. Und es braucht Schulen, die dieses Wissen für relevant erachten. Aber natürlich ist die Vorstellung, eine solcherart an der Demokratie arbeitende »Zunft« zu sein, ihrerseits ein Narrativ. Die freie Forschung und Lehre an den Universitäten ist ein bedeutender Baustein jeder Demokratiegeschichte, des demokratischen Selbstverständnisses also.

Nehmen Sie die deutsche Geschichtswissenschaft, wie sie sich unter anderem auf den Historikertagen präsentiert, als politisch wahr? Kontrovers und streitbar nach außen und auch innerhalb der Profession?

Ich nehme sie wahr als eine Disziplin, die am politischen Diskurs der Gegenwart interessiert teilhat, und zwar deutlich entschlossener als andere geisteswissenschaftliche Fächer. Übrigens gilt das auch auf wissenschaftspolitischer Ebene, wo der Historikerverband selbstbewusst als Akteur der Hochschullandschaft auftritt. Interessant finde ich die Frage, woraus sich in der öffentlichen Wahrnehmung eigentlich das Kontroverse oder Streitbare eines Faches speist, das in sich ja keineswegs homogen ist. Das sind meist einzelne Personen, die sich außerhalb eines akademischen Rahmens politisch äußern oder als Expertinnen und Experten tagesaktuelle Sachverhalte historisch beleuchten. Ich finde es sehr wichtig, dass ein Fach auf diese Weise buchstäblich in der Öffentlichkeit verkörpert wird – und würde mir wünschen, dass vor allem die jüngeren Historikerinnen und Historiker noch mutiger nach vorne treten. Sie stehen für neue Fragen und Forschungsperspektiven und verankern ein Fach, das naturgemäß immer mit einem Bein tief in der Vergangenheit steht, in der Gegenwart. Die Historikertage sind hierfür ein tolles Forum, auch für die Selbstvergewisserung nach innen. Welche These wirklich »kontrovers« ist, Widerspruch hervorruft oder etablierte Annahmen infrage stellt, ist schließlich auch Ergebnis einer Aushandlung mit Kollegen und Kolleginnen.

Wie politisch sollten Historiker und Historikerinnen sein in gesellschaftspolitischen Debatten, in Bezug auf aktuelle Politik und auf gesellschaftliche Strömungen?

Diese Frage kann man nicht normativ beantworten, »Politisiertheit« ist schließlich nicht messbar. Vielleicht wird umgekehrt ein Schuh draus: Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler, die sich dezidiert von tagesaktuellen Debatten abwenden, lösen bei mir großes Unbehagen aus. Weil sie damit ein Vorurteil bedienen, das ohnehin kursiert, dass nämlich »die Wissenschaft« und »die Gesellschaft« zwei getrennte Sphären sind. Wissenschaft aber ist Gesellschaft – was in der Akademie geschieht, mag eigenen Besonderheiten und Regeln folgen, unterliegt aber den sozialen Dynamiken dieses Landes und prägt diese zugleich. Eine politische Historikerin zu sein muss natürlich nicht heißen, sich zu jeder parteipolitischen Volte äußern oder eine Aktivistin sein zu müssen. Sondern in der eigenen Arbeit – zum Beispiel in der Lehre, gegenüber den Studierenden – sehr deutlich zu markieren, wo der eigene Forschungsgegenstand sich mit den Bedingungen unseres gegenwärtigen Lebens berührt. Und es bedeutet auch, sich als gestaltende Akteurin des wissenschaftspolitischen Systems zu begreifen, das den Rahmen setzt, in dem hierzulande geforscht und gelehrt werden kann.

Eines Ihrer journalistischen Kernthemen ist Geschlechterpolitik und Feminismus. Welche Aufgabe haben Historiker und Historikerinnen Ihrer Meinung nach in Bezug auf die Gleichstellung?

Ich bin nicht legitimiert, irgendwem irgendwelche Hausaufgaben aufzugeben. Es ist so: Ich selbst habe schon als Studentin Arbeiten zur Geschlechtergeschichte mit stetig wachsendem Interesse verschlungen. Karin Hausens Aufsatz über die »Polarisierung der ›Geschlechtscharaktere‹« etwa; oder Joan W. Scotts Artikel über Geschlecht als epistemologische Kategorie historischer Analysen; gerade habe ich Falko Schnickes Dissertation über »Die männliche Disziplin« gelesen. Solche Arbeiten geben meinem Blick Tiefenschärfe, sie verkomplizieren das vermeintlich Gewusste. Und sie zeigen, dass man die Geschlechterfrage niemals von sozialen, ökonomischen oder kulturellen Themen entkoppeln kann, natürlich auch nicht von Wissenschaftspolitik, über die ich als Journalistin schreibe. Ein Bewusstsein für die Historizität der Geschlechter zu haben, dies in Forschungsarbeiten zu integrieren und intersektional zu denken, wünsche ich mir von Vertreterinnen und Vertretern der Geschichtswissenschaft besonders. Und ich wünsche mir auch, dass sie widersprechen, wenn Geschlechterbilder enthistorisiert werden, wenn der Feminismus zur Ideologie verzerrt wird – wie das etwa die Neuen Rechten tun. Sie nutzen die Delegitimierung feministischer Emanzipationsgeschichte systematisch zur Unterminierung demokratischer Werte. Wer aber könnte besser an den Zusammenhang von Frauen- und Bürgerrechten erinnern als Historikerinnen und Historiker?

Finden Geschichtswissenschaftler und Geschichtswissenschaftlerinnen Gehör in der deutschen Öffentlichkeit? Wirkt die Geschichtswissenschaft als Orientierungswissenschaft oder vermittelt sie eher Spezialwissen?

Es gibt in der deutschen Medienlandschaft ein großes Interesse an historischer Expertise. Aus meiner Sicht ist es tatsächlich das fundierte Spezialwissen, das hier nachgefragt ist, weil es ein spezifisches Ereignis aus der tagesaktuellen Nähe abrücken und – idealerweise: globalgeschichtlich, also in maximaler Distanz – einordnen kann. Wo Geschichtswissenschaftler kein Gehör finden, sollten sie es sich übrigens verschaffen. Auf seine Person und Forschung aufmerksam zu machen, sich mit Medienvertreterinnen zu vernetzen, war nie leichter als heute, in Zeiten sozialer Medien. Dass man einen solch kommunikativen Strukturwandel nicht fürchten muss, habe ich übrigens von Historikerinnen und Historikern auf Twitter gelernt.

Vielen Dank!

Anna-Lena Scholz

Porträtbild von Anna-Lena Scholz, Redakteurin bei DIE ZEIT
Anna-Lena Scholz

Anna-Lena Scholz, Jahrgang 1984, ist Redakteurin im Chancen-Ressort der Wochenzeitung Die Zeit und schreibt dort über Hochschulpolitik und Geisteswissenschaften. Sie hat in Bonn, Oxford und Berkeley Germanistik und evangelische Theologie studiert und wurde an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über die Rezeptionsgeschichte Heinrich von Kleists und Franz Kafkas promoviert.