Werner Plumpe

Derzeit wird wieder einmal über die Lage des Nachwuchses an den Universitäten diskutiert und wieder wird nicht über das eigentliche Problem geredet, sondern so getan, als gehe es um soziale Fragen. Doch ist das im Kern unzutreffend, weil im Fall der Universitäten akademische Probleme vorrangig sind. Worum geht es? Gemessen an der Zahl verfügbarer Dauerstellen für wissenschaftlich qualifiziertes Personal gibt es zu viele (potenzielle) Bewerber. Die Anzahl der nicht auf Dauerstellen beschäftigten Menschen ist daher hoch; die Wartezeiten, bis eine Entscheidung über eine Dauerbeschäftigung endgültig getroffen ist, sind lang. Beide Befunde sind unschön, sind aber das Ergebnis von Reformen zugunsten des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Früher (bis in die 1960er Jahre) war es üblich, Bewerber nur zur Habilitation zuzulassen, wenn eine Stelle mehr oder weniger sicher war. Die Zulassung zum Verfahren war daher so gut wie eine Stellenzusage. Das wurde als Ausdruck einer unerträglichen Ordinarienherrschaft (die ja über die Habilitation entschieden) abgelehnt, Habilitation und Karrierechancen folgerichtig seit den 1970er Jahren entkoppelt. Die Habilitation war jetzt keine Garantie für eine Hochschulkarriere mehr, sondern wurde zur Bedingung ihrer Möglichkeit, über die in Berufungsverfahren entschieden wurde. In denen stauten (und stauen) sich indes jetzt die zumeist befristet beschäftigten Privatdozenten, deren Zahl ebenso wie die der promovierten Wissenschaftler durch den Ausbau der Drittmittelforschung stark zugenommen hat.

Das derzeit so gepriesene Tenure-Verfahren, also die bedingte frühzeitige Stellenzusage, bedeutet nun de facto eine Rückkehr in die ältere Zeit. Denn das Tenure-Verfahren würde das Nachwuchsproblem dadurch lösen, dass eine kleine Zahl von Menschen frühzeitig auserwählt, eine große Zahl von potenziellen Kandidaten aber ebenso frühzeitig von einer wissenschaftlichen Karriere ferngehalten würde. Die Drittmittelforschung (ebenfalls seit den 1970er Jahren als Mittel zur Expansion der Hochschulen vehement begrüßt) bräche schnell zusammen, da selbst bei erfolgreicher wissenschaftlicher Arbeit für die Mehrzahl der Graduierten keine realistischen Karrierechancen mehr existierten. Kurz: Mit dem Tenure-Verfahren würde schlicht die Bewerberzahl reduziert; der Rest an Auserwählten käme unter direkte Aufsicht.

Das kann man wollen, aber die Konsequenzen für das deutsche Wissenschaftssystem, insbesondere in den Geisteswissenschaften, wären verheerend. Nicht jede Drittmittelforschung ist sinnvoll, aber die durch sie ermöglichte Vielfalt der Wege zu einer akademischen Karriere ist begrüßenswert. Die Reformen der 1970er Jahre, die Habilitation und Karriere entkoppelten, waren ja durchaus sinnvoll, auch wenn sie das Risiko für die potenziellen Bewerber erhöhten. Sie beseitigten die Willkür der Stelleninhaber, ihren eigenen Nachwuchs zu kooptieren zwar nicht völlig, schufen aber wirksame Kontrollmöglichkeiten und gaben vielen jungen Forschern eine Karrierechance, auch wenn sie nicht in die »vorgeheizten Kamine« der Stelleninhaber passten.

Die derzeit offene Situation an den Hochschulen würde mit Einführung des Tenure-Verfahrens untergehen. Mit ihm würde es eine kleine begünstigte, aber wiederum sehr abhängige Gruppe von Nachwuchskandidaten geben. Für die Masse des möglichen Nachwuchses hieße es hingegen, spätestens nach dem Magisterexamen von den Universitäten Abschied zu nehmen, denn ohne Aussicht auf eine spätere akademische Beschäftigung ist die Erarbeitung einer Dissertation reine Zeitverschwendung. Um wenige zu begünstigen, würde man viele bestrafen oder doch daran hindern, zumindest eine Karriere zu versuchen. Abgesehen davon, dass die Vorstellung naiv ist, man könne frühzeitig eine sichere Aussage über die spätere akademische Leistungsfähigkeit eines Bewerbers treffen, steckt hierin auch eine gehörige Portion Bevormundung. Wer das Risiko einer akademischen Karriere auf sich nehmen möchte, weiß, worum es geht. Er kann für sich selbst entscheiden.

Ob es ratsam ist, Entscheidungen über die zukünftige wissenschaftliche Leistungsfähigkeit einer Person so früh und so radikal zu treffen, wird von der Tenure-Lobby viel zu wenig bedacht. Es wird einfach dem aktuellen Nachwuchs, der gern Dauerstellen hätte, Honig ums Maul geschmiert. Ein Honig freilich, der manchem vermeintlichen Nutznießer noch bitter schmecken wird. Denn um in den Kreis der Auserwählten zu gelangen, werden die jungen Graduierten auf gute Beziehungen angewiesen sein. Die gelegentlich fatale Abhängigkeit der Prätendenten von den Beurteilungen derjenigen, die über ihre Dauerbeschäftigung zu entscheiden haben, wäre jedenfalls wieder da. Aber das ist nur eine der möglichen Konsequenzen.

Was machen eigentlich diejenigen, die das Tenure-Verfahren nicht erfolgreich bestehen? Was machen diejenigen, die vielleicht direkt nach Studienabschluss sich nicht sofort auf eine Doktorarbeit stürzen, sondern Umwege gehen? Was machen Quereinsteiger? Heute ist vieles möglich, was ja auch der eigentliche Grund für die Vielzahl an Nachwuchswissenschaftlern ist. Der Preis für diesen breiten Zugang in akademische Karrieren ist der hohe Anteil von befristeten Beschäftigungsverhältnissen und eine lange Wartezeit. Aber immerhin entscheidet der Nachwuchs selbst, ob er die Strapazen auf sich nehmen will. Will man dies nicht, stehen andere Wege außerhalb der Universität offen. – Werner Plumpe

 

Porträtbild von Werner Plumpe
Werner Plumpe

Werner Plumpe habilitierte sich im Jahr 1994 an der Ruhr-Universität Bochum im Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Nach einer Gastdozentur an der Keio-Universität Tokio ist er seit 1999 ordentlicher Professor an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.