Autorin: Vernessa Oberhansl

Eine Podiumsdiskussion mit Birgitta Wolff, Tilman Reitz, Ulrich Schüller, Martin Schulze Wessel, Peter Strohschneider, moderiert von Jan-Martin Wiarda

Der Bund setzt die Förderung der Spitzenforschung fort, auf die Exzellenzinitiative folgt die Exzellenzstrategie. Der neue Name ist nicht die einzige Veränderung. Umfasste das Förderprogramm mit Graduiertenschulen, Exzellenzclustern und Zukunftskonzepten der Universitäten zuvor drei große Förderlinien, wurden die Graduiertenschulen gestrichen. Die Exzellenzstrategie hat zwei Förderlinien: Exzellenzcluster und Exzellenzuniversitäten. Die Entscheidung trifft nicht auf ungeteilte Zustimmung. Ob die Veränderungen den Geisteswissenschaften nützen oder schaden und wie sie sich auf den wissenschaftlichen Nachwuchs auswirken, wurde am 5. Oktober 2016 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main im hochschulpolitischen Gespräch des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands diskutiert.

Von der Exzellenzinitiative zur Exzellenzstrategie

Kritische Stimmen aus der Wissenschaft bemängeln vor allem, wie die Exzellenzinitiative fortgesetzt wird. Eine solche kritische Stimme ist Prof. Dr. Tilman Reitz, Wissenssoziologe und Gesellschaftstheoretiker an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er hat gegen die Exzellenzstrategie eine Online-Petition initiiert, weil sie Mainstreamorientierung und »Pseudoprogramme« fördere. Reitz zufolge treibt die Hochschulpolitik die Wissenschaftler immer weiter in eine Dauerkonkurrenz um staatliche Mittel, statt für eine solide Grundfinanzierung zu sorgen. Bis Anfang Oktober hatten mehr als 3000 Personen die Petition unterzeichnet. Ulrich Schüller, Abteilungsleiter »Wissenschaftssystem« im Bundesministerium für Bildung und Forschung, kritisierte wiederum die Online-Petition: Wenn dort von der Schadensbegrenzung für die Geisteswissenschaften die Rede sei, dann sei schon das »Wording« problematisch. Gerade in der Wissenschaft müsse man doch um Argumente und Evidenzen ringen. Außerdem hätten sowohl die Politik als auch die Wissenschaft eine modifizierte Fortsetzung der Exzellenzinitiative für wünschenswert gehalten und die Verhandlungen über die Veränderungen hätten keineswegs hinter verschlossenen Türen, ohne Gespräche mit Hochschul- und Wissenschaftsvertretern, stattgefunden.

Der These von Reitz, dass viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit der Exzellenzstrategie unzufrieden seien, es aber nicht auszusprechen wagten, widersprach Prof. Dr. Martin Schulze Wessel, ehemaliger Vorsitzender des VHD. Eine solche Verlogenheit und fundamentale Opposition gebe es nicht. Auf dem Historikertag sei in öffentlichen Diskussionen und privaten Gesprächen debattiert worden, ob die Exzellenzstrategie so beschaffen sei, dass die Geisteswissenschaften und speziell die Geschichte weiterhin zum Zuge kämen.

Prof. Dr. Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Mediävist, wies darauf hin, dass Förderinstrumente, die an alle Wissenschaften adressiert seien, strukturell neutral sein müssten – was die Exzellenzinitiative sei. Die Exzellenzstrategie sei hinsichtlich der Formate, aber auch der Finanzierungsvolumina so flexibel wie nie zuvor und insofern eine wirklich bedeutsame Weiterentwicklung. Sie entlaste die Wissenschaft davon, ihre Projektformate den Finanzierungsformaten anpassen zu müssen. Schüller sagte, er sehe auch auf politischer Seite keine Vorliebe für ein bestimmtes Forschungsformat. Schulze Wessel widersprach Strohschneiders Beschreibung zunehmender Flexibilität, er habe eher den Eindruck, diese habe abgenommen. Die Mindestantragssumme ist mit der Exzellenzstrategie deutlich größer geworden – das sei für die Geisteswissenschaften ein Problem, da ihr Finanzbedarf nicht so groß sei, weil sie beispielsweise keine kostspieligen Apparate brauchten. Strohschneider bezeichnete solche Überlegungen als »Kränkungskommunikation« der Geisteswissenschaften.

Dabei stellte sich auch die grundsätzliche Frage nach der Bedeutung von Drittmitteln für die Forschung. Reitz wünscht sich, dass am Anfang jeder Forschung eine Idee oder Frage steht, dann die personelle Vernetzung folgt und schließlich – falls nötig – das Einwerben von Drittmitteln. In der Realität ist es ihm zufolge gerade anders herum: Mitteleinwerbung, Vernetzung, Projektmanagement – die Forschung kommt zum Schluss. Das stelle die Logik der Geistes- und Sozialwissenschaften auf den Kopf. Strohschneider bezeichnete diese Reihenfolge als dysfunktional. Die Risiken solcher Dysfunktionen gebe es im Wissenschaftssystem aber immer. Die Exzellenzinitiative ernte deshalb so viel Aufmerksamkeit und Kritik, weil sie grundsätzliche problematische Entwicklungen der Wissenschaft auf sich ziehe. Förderprogramme wie sie seien weniger Verursacher als Symptome einer wissenschaftspolitischen Entwicklung. Prof. Dr. Birgitta Wolff, Präsidentin der Goethe-Universität und Ökonomin, verglich den Druck, Drittmittel für die Finanzierung der Forschung und zur Subventionierung der Lehre einzuwerben, mit dem Lauf im Hamsterrad. Den Zustand könne man kritisieren, man könne aber auch fragen, wie viel Volatilität in der Forschungsfinanzierung das Optimum sei. Es gebe schließlich auch das Argument, dass gerade der Wettbewerb um Drittmittel wie in der Exzellenzinitiative die »akademische Sklerose« der Wissenschaft des vergangenen Jahrtausends geheilt habe.

Das Ende der Graduiertenschulen

Drittmittel haben auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs große Bedeutung. Schulze Wessel, selbst Sprecher einer Graduiertenschule an der LMU München, thematisierte das Ende dieser Förderlinie mit der Exzellenzstrategie: Die Imboden-Kommission habe ein Ende der Graduiertenschulen empfohlen, weil die Situation des akademischen Nachwuchses so prekär sei. Schüller widersprach dieser Lesart. Diese Überlegung habe in der politischen Debatte über die Graduiertenschulen keine Rolle gespielt. Die Frage sei eher gewesen, ob man jetzt ausreichend Zeit für die Bewältigung der Transaktionskosten der Einführung des Modells Graduiertenschule an den Universitäten gehabt habe. Dass die umfassende Promotionsbetreuung mit Betreuungsvereinbarungen, Mentoren und internationaler Vernetzung, wie sie in den Graduiertenschulen praktiziert worden sei, in Zukunft in die regulären Promotionsprogramme übergehe, bezeichnete Schulze Wessel als Illusion. Außerdem kritisierte er, dass der künftige Förderfokus auf Clustern und damit vorrangig auf Postdoc-Projekten die Konkurrenz nur verschiebe. Während es Promovierten noch möglich sei, eine außeruniversitäre Karriere zu verfolgen, sei das für Postdoktoranden anders. Die Nachwuchssituation würde so eher ver- als entschärft.

Strohschneider bezeichnete die Graduiertenschulen als wichtiges Thema, weil die Geisteswissenschaften in diesem Bereich weit überproportional Drittmittel einwerben würden. Man könne sich aber schon fragen, wie weit das System expandieren könne. Auf Nachfrage des Moderators Jan-Martin Wiarda bestätigte Strohschneider, dass Graduiertenkollegs, die sich über Forschungsprogramme und -fragen definieren, auch durch die Exzellenzstrategie gefördert werden können – sei es als Institute for Advanced Studies, als Sonderforschungsbereich oder als Cluster.

Die Ausdifferenzierung des Hochschulsystems

Nach der Öffnung der Diskussion für das Publikum stand zunächst die Ausdifferenzierung des Hochschulsystems im Vordergrund: Was bedeutet sie für Studierende, für die Breite und Qualität der Forschung? Welche Folgen hat es, wenn sich einzelne Universitäten mit bestimmten »Labels« schmücken? Ist die Ausdifferenzierung des Hochschulsystems überhaupt wünschenswert? Zuvor hatte Reitz vor Hierarchisierung und Monopolbildung gewarnt. So könnten einzelne Universitäten vorgeben, was etwa gute Soziologie oder Philosophie sei und dadurch »Vermainstreamungs«-Effekte auslösen. Als Beispiel führte er die Makroökonomik an, für die er weltweit eine Konzentrationsbewegung finanzieller Ressourcen, der Deutungsmacht und Publikationsstärke konstatierte. Strohschneider äußerte die Beobachtung, dass die deutschen Universitäten unter einer permanenten funktionalen, kapazitativen und symbolischen Überladung leiden. Diese dreifache Überlastung könne gerade nicht durch Hierarchisierung entlang eines einzelnen Differenzierungsparameters, sondern nur durch funktionale Differenzierung gelöst werden. Differenzierungsparameter könnten die Gewichtung von Forschung und Lehre, regionale Bezüge, Kapazitäten oder Fächerprofile sein. Die Frage sei, wann der Preis für die Differenzierung untragbar werde. Dem setzte Reitz eine andere Beobachtung entgegen: Der Trend in den USA zeige empirisch eindeutig vertikale Differenzierung, der Soziologe Niklas Luhmann habe in diesem Zusammenhang auf die vage Währung der Reputation verwiesen. Wenn man allein von funktionaler Differenzierung spreche, lüge man sich in die Tasche.

Chancen für Neueinsteiger

Birgitta Wolff widersprach der These, dass die Exzellenzstrategie die Entwicklung zum Mainstream forciere. Sie sprach von der Chance, neue Fragen zu stellen, entscheidend sei Risikofreudigkeit. Als Universitätspräsidentin verstehe sie sich als Moderatorin, die gute Ideen aufspüre und versuche, ihnen Chancen zu verschaffen. Dabei fokussiere sie sich nicht allein auf einen Wettbewerb. Was den Mut der Gutachter, sich auf neue Ideen einzulassen, angeht, äußerte sich Strohschneider zuversichtlich. Ihm zufolge ist es außerdem ein Vorteil der Exzellenzstrategie, dass man gewissermaßen die Reset-Taste gedrückt habe – alle starteten neu, alle starteten mit einer Skizzenphase beim Cluster und einer Vollantragsphase, es sei unerheblich, ob eine Universität in einem Feld bereits investiert habe oder nicht. Diesen Eindruck bestätigte Schüller: Die Exzellenzstrategie biete Neueinsteigern alle Chancen. Moderator Wiarda verstand das als Einladung zur Fortsetzung des Gesprächs in einigen Jahren; dann wisse man mehr.

 

Vernessa Oberhansl verfasste den Tagungsbericht zur Podiumsdiskussion zur Nachhaltigkeit der Exellenzinitiative für die Geistewsissenschaften
Vernessa Oberhansl

Vernessa Oberhansl studierte Geschichte, Anglistik und Germanistik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Nach dem Magister 2013 absolvierte sie mehrere Praktika, darunter im Campus Verlag sowie in der Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seit 2014 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte am Historischen Seminar der Goethe-Universität mit einem Dissertationsprojekt zu Wirtschaftskrisen und gesellschaftlicher Selbstbeschreibung in Deutschland und England im 19. Jahrhundert.