Autor: Robert Kretzschmar

Im Oktober 2016 startete das Projekt »Südwestdeutsche Archivalienkunde«, das federführend vom Landesarchiv Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Tübingen durchgeführt wird. Gefördert wird es vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg im Rahmen der »Landesinitiative Kleine Fächer«. Diese zielt auf eine Stärkung strukturprekärer Disziplinen, zu denen auch die Historischen Grundwissenschaften gerechnet werden können.

Im Projektantrag war das Ziel des Vorhabens wie folgt skizziert: »Es soll den Erhalt wie auch die Weiterentwicklung der Wissensbestände und wissenschaftlichen Kompetenzen auf dem Feld der archivalischen Quellenkunde und der Historischen Grundwissenschaften kontinuierlich sichern. Erreicht werden soll dies durch die Schaffung eines nachhaltig vom Landesarchiv gepflegten Moduls im landeskundlichen Informationssystem LEO-BW – Landeskunde entdecken online. Dieses Modul soll auf den südwestdeutschen Raum bezogen sein, zugleich aber über Vernetzungen, die darüber hinaus gehen, einen allgemeinen Beitrag zur Sicherung und Weiterentwicklung der Quellenkunde wie auch der Historischen Grundwissenschaften insgesamt leisten.«

Vom Frühmittelalter bis in das digitale Zeitalter

Die aktuelle Relevanz des Vorhabens konnte im Projektantrag »mit der bundesweit prekären Situation der traditionellen Historischen Grundwissenschaften« begründet werden, »die mit ihrer […] Fokussierung auf das Mittelalter und die Frühe Neuzeit bei der historischen Forschung vor dem Hintergrund vielfältigster neuer Fragestellungen und Methoden während der zurückliegenden Jahrzehnte an Resonanz verloren haben und deren Lehrstühle in der Folge an den Hochschulen abgebaut wurden«. Verwiesen werden konnte dazu auf das kurz zuvor im VHD Journal veröffentlichte Positionspapier »Quellenkritik im digitalen Zeitalter. Die Historischen Grundwissenschaften als zentrale Kompetenz der Geschichtswissenschaft und benachbarter Fächer« von Eva Schlotheuber und Frank Böschund die breite Diskussion darüber auf HsozKult. 

Kollaborative Informationsplattform im Netz

Kern des Projekts sind Artikel zu einzelnen archivalischen Quellengattungen und -typen, deren Bandbreite vom Frühmittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart reicht. Das Beschreibungsraster ist orientiert an dem Band »Serielle Quellen in Südwestdeutschen Archiven« von Christian Keitel und Regina Keyler, der 2005 erschienen ist[1] und einen Ausgangspunkt des Vorhabens darstellt. Der zweite Ausgangspunkt war das Ziel, die Historischen Grundwissenschaften weiterzuentwickeln und die archivalische Quellenkunde bis in das digitale Zeitalter fortzuschreiben. [2] Der Verfasser hatte daher schon seit Langem mit Christian Keitel Überlegungen zu einem entsprechenden Projekt angestellt, die relativ ausgereift waren. [3] Die Ausschreibung des neu geschaffenen »Strukturfonds Kleine Fächer« im Rahmen der Landesinitiative bot nun die Möglichkeit, es mit Drittmitteln zu realisieren.

Denn die Einrichtung des Strukturfonds sollte zur Stärkung strukturprekärer Disziplinen »Anreize schaffen für die Erarbeitung und Erprobung von exemplarischen, zukunftsweisenden Instrumenten, Maßnahmen und Strukturmodellen«. Dass dies mit der »Südwestdeutschen Archivalienkunde« erreicht werden kann, ist im Projektantrag erläutert: »Die angedachte Informationsplattform würde nachhaltig der kollaborativen Weiterentwicklung dienen und eine Struktur für die Ergebnissicherung darstellen, auf die überörtlich in der Lehre zurückgegriffen werden könnte. Sie würde […] den Austausch zwischen Archiven und historischer Forschung wie auch innerhalb der Forschung erleichtern und die Lehre instrumental unterstützen.«

Die Verortung als Modul im landeskundlichen Informationssystem LEO-BW (http://www.leo-bw.de/) bot sich an, weil dort bereits zahlreiche Gedächtnisinstitutionen und Einrichtungen (es sind derzeit 33) ihre Daten und Digitalisate zusammenführen – auf den Südwesten bezogen, epochenübergreifend und kollaborativ. [4] Damit sind perspektivisch gute Bedingungen für Verknüpfungen mit anderen quellenkundlichen Angeboten gegeben, vor allem der Museen und Bibliotheken. Es gibt auch durchaus schon Überlegungen, weitere grundwissenschaftliche Module – so etwa zur Numismatik – in LEO-BW einzurichten. Die archivalische Quellenkunde kann ja nur gewinnen, wenn spartenübergreifend weite Horizonte für die Reflexion über Entstehungskontexte und Auswertungsmöglichkeiten sowie konkrete Verbindungen zwischen Archiv-, Bibliotheks- und Museumsgut – wie sie schon über die Provenienz bestehen können – sichtbar werden.

Zudem kann man über LEO-BW das Online-Informationssystem des Landesarchivs als Zugang zu digitalen Beständeübersichten und Findmitteln[5] mit dem quellenkundlichen Modul verlinken und Verknüpfungen zwischen Erschließungsdaten zu Archivgut und quellenkundlichen Informationen vornehmen.

Die Zielgruppe der Südwestdeutschen Archivalienkunde ist beschrieben mit »jeder Interessierte« und »alle Nutzer von Archiven«, letztere insbesondere aus Kreisen der historischen Forschung und speziell der Grundwissenschaften, nicht zuletzt auch alle Lehrenden und Lernenden. Die Artikel sollen wissenschaftliche Anforderungen erfüllen, aber konzise und gut lesbar verfasst sein. Sie sollen sich nicht im Detail verlieren, sondern zur Vertiefung weiterführende Hinweise geben.

Zentrale Punkte der Artikel sind die Definition der Unterlagen, ihre Genese im Entstehungskontext, der Quellenwert und Auswertungsmöglichkeiten.

Da sich das Modul an alle Interessierten richtet und damit auch an solche ohne Vorkenntnisse, wird eine wichtige Funktion darin bestehen, durch Verlinkungen grundwissenschaftliche Angebote im Netz zusammenzuführen, um sie bekannt und über eine Einstiegsseite zugänglich zu machen. Verwiesen sei hierzu nur auf »Grotefend online«, die neue »Digitale Schriftkunde«der Staatlichen Archive Bayerns und die »Archivwissenschaftliche Terminologie« auf der Website der Archivschule Marburg.

Nachhaltig soll auch eine Kommentarfunktion eingerichtet werden, denn jede Anmerkung, Anregung und Ergänzung ist willkommen, um den Diskurs anzuregen.

Stand der Umsetzung: 181 zugesagte Beiträge

Die erste Phase des Vorhabens war auf die Gewinnung von Verfassern einzelner Artikel ausgerichtet. Nachdem das Projekt von Anfang an auf große Resonanz gestoßen war, fand am 24. Februar 2017 in Tübingen ein Workshop statt, an dem 48 Autorinnen und Autoren teilnahmen. Der Begrüßung durch Sigrid Hirbodian (Institut für Geschichtliche Landeskunde, Tübingen) und einführenden Referaten aus dem Landesarchiv von Robert Kretzschmar (»Das Projekt«), Christian Keitel (»Aktueller Sachstand«), Andreas Neuburger (»Archivalische Quellenkunde in LEO-BW — Erste Überlegungen«) sowie Anna Aurast (»Formale Richtlinien — Artikelraster, Umfang, Fristen«) schloss sich ein zweistündiger Austausch an, der sich als überaus fruchtbar erwies und die Liste der geplanten Artikel nochmals wesentlich erweitern konnte. Sie umfasste danach 181 zugesagte Beiträge von 89 Autorinnen und Autoren.

Der größte Teil bezieht sich naturgemäß auf einzelne Quellengattungen und -typen; gerade auch für jüngere und jüngste Überlieferungen bis in die Gegenwart ließen sich viele Verfasser gewinnen. [6] Vorgesehen sind auch Überblicksartikel wie etwa »Digitale Archivalien« und problemorientierte Querschnittsartikel (»Blicköffnende Exkurse«) wie zum Beispiel »Spurenhaftigkeit – Überlieferungschance und -zufall im deutschen Südwesten«. Die Verfasser kommen aus dem Landesarchiv, aus anderen Archiven wie Kommunal-, Universitäts- und Kirchenarchiven oder dem Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, aber auch aus Historischen Seminaren verschiedener Universitäten und Einrichtungen anderer Art, an denen Historikerinnen und Historiker beschäftigt sind.

Schon durch die breite und vielfältige Zusammensetzung der Beteiligten wird das Ziel erreicht, der Archivalienkunde neue Beachtung zu verschaffen, ihre Fortentwicklung bis ins digitale Zeitalter kollaborativ zu realisieren und mit dem epochenübergreifenden Projekt einen konkreten Beitrag zur Stärkung der Historischen Grundwissenschaften zu leisten.

Das Modul Südwestdeutsche Archivalienkunde (SWA) in LEO-BW wird voraussichtlich am 20. Februar 2018 im Hauptstaatsarchiv Stuttgart vorgestellt und freigeschaltet werden.

 

Robert Kretzschmar beschreibt das Projekt Südwestdeutsche Archivalienkunde und seine Bedeutung für die Historischen Grundwissenschaften
Robert Kretzschmar

Robert Kretzschmar ist Präsident des Landesarchivs Baden-Württemberg und Honorarprofessor am Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Tübingen. In Veranstaltungen auf dem Deutschen Historikertag wirkt er regelmäßig mit. Auf dem 48. Deutschen Historikertag 2010 in Berlin hat er Überlegungen zu einer »zukünftigen archivalischen Quellenkunde« vorgestellt. Beteiligt war er auch im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare am »Arbeitskreis Aktenkunde des 20. und 21. Jahrhunderts«, der 2016 den Band »Moderne Aktenkunde« publizierte.

 

 

 

  1. [1] Christian Keitel und Regina Keyler (Hg.), Serielle Quellen in südwestdeutschen Archiven, Stuttgart 2005; auch online unter http://www.boa-bw.de/jspview/downloads/frei/bsz306616858/0/index.html
  2. [2] Verwiesen sei hier nur auf Robert Kretzschmar, Hilflose Historikerinnen und Historiker in den Archiven? Zur Bedeutung einer zukünftigen archivalischen Quellenkunde für die universitäre Forschung, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 147, 2011, S. 133–147; vgl. dazu auch den Bericht von Janina Fuge, in: Gabriele Metzler und Michael Wildt (Hg.), Über Grenzen. 48. Deutscher Historikertag in Berlin 2010. Berichtsband, Göttingen 2012, S. 174–177.
  3. [3] Der Verfasser und Christian Keitel nehmen auch gemeinsam die Projektleitung wahr.
  4. [4] Daniel Fähle und Andreas Neuburger, Landesgeschichte im digitalen Wandel: das landeskundliche Informationssystem LEO-BW, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 150, 2014, S. 559–568.
  5. [5] https://www.landesarchiv-bw.de/web//web/46734
  6. [6] Zum Forschungsstand vgl. jetzt auch Holger Berwinkel, Robert Kretzschmar, Karsten Uhde (Hg.), Moderne Aktenkunde, Marburg 2016.