AutorInnen: Jürgen Bacia und Cornelia Wenzel

»Zur Zukunft der Archive von Protest-, Freiheits- und Emanzipationsbewegungen« – unter diesem Titel hat der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) im Frühjahr 2016 ein Positionspapier veröffentlicht, das sich mit den Überlieferungsdefiziten im Bereich der Neuen Sozialen Bewegungen beschäftigt. Erarbeitet hat dieses Papier der Arbeitskreis Überlieferungen der Neuen Sozialen Bewegungen im VdA. Mit dem Positionspapier möchte der VdA die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Quellen dieser Bewegungen lenken, weil sie Teil des kulturellen Erbes und damit für die Geschichtsschreibung und Gesellschaftsanalyse der Bundesrepublik Deutschland von großer Bedeutung sind – und weil diese Quellen in den traditionellen Archiven nicht in ausreichendem Maße überliefert werden. Entsprechend ausführlich widmet sich das Papier den Freien Archiven, die sich seit etwa 40 Jahren in den verschiedenen Oppositions- und Alternativbewegungen gebildet und damit dafür gesorgt haben, dass es eine Gegenüberlieferung zu den Materialien in den öffentlichen Archiven gibt.

Das Positionspapier beginnt mit den Sätzen: »Protest-, Freiheits- und Emanzipationsbewegungen haben die deutsche Gesellschaft seit 1945 nachhaltig geprägt. Dass die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nicht geschrieben werden kann, ohne den Einfluss sozialer Bewegungen und der Oppositionsbewegungen auf Politik, Sozialgeschichte, Alltagskulturen und Lebensformen zu berücksichtigen, ist in der zeitgeschichtlichen Forschung längst anerkannt. In eklatantem Widerspruch zu ihrer historischen Bedeutung stehen jedoch die Bedingungen, unter denen die Quellen dieser Protest-, Freiheits- und Emanzipationsbewegungen gesichert und überliefert werden.«[1]

Das Papier gliedert sich in eine kurze »Problemskizze«, eine umfangreiche »Bestandsaufnahme zur Überlieferungssituation« und »Schlussfolgerungen«. Im Anhang gibt es einen Überblick über die Geschichte der oppositionellen und gegenkulturellen Bewegungen in Ost- und Westdeutschland. Im Folgenden stellen wir die im Positionspapier angesprochene Problematik und die Schlussfolgerungen daraus vor.

Problemskizze

In der deutschen Geschichte gab es immer wieder soziale Bewegungen mit emanzipatorischem Gedankengut und dem Streben nach Freiheit: »Protest-, Widerstands- und Alternativ-/Gegenkulturbewegungen sind ein fester Bestandteil einer demokratisch verfassten Gesellschaft. Politisch gesehen ist die Demokratie ohne Protest, Widerstand und Utopie nicht zu verteidigen und zukunftsfähig zu erhalten. Die Demokratie lebt nicht allein von ihren Institutionen und Regeln, sie lebt insbesondere auch vom Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger außerhalb der Institutionen, Verbände und Parteien. Und sie lebt auch vom begrenzten Regelbruch und dem Ausprobieren neuer Ideen.«

Im Positionspapier wird betont, dass die Relevanz von sozialen Bewegungen vielfach erst im Nachhinein erkannt wird: »Solange diese bestehen, fehlt den offiziellen Gedächtnisinstitutionen die Motivation und auch die Möglichkeit, deren Aktivitäten zu überliefern. […] Auch Dokumente von Minderheiten, AussteigerInnen und QuerdenkerInnen gehören zur gesellschaftlichen Wirklichkeit und müssen angemessen überliefert werden.« Aber gerade hiermit tun sich öffentliche Archive schwer, denn bei ihnen finden sich zumeist Unterlagen, »die aus der Sicht derer angelegt wurden, die diesen Bewegungen zumeist kritisch gegenüberstanden«. Das Problem der lückenhaften Überlieferung verschärft sich aktuell dadurch, dass politische Aktivitäten zunehmend jenseits der traditionellen Verbände und Parteien stattfinden und die Dokumente dieser Arbeit nicht in den Archiven landen.

Fazit des VdA ist: »Für die zeitgeschichtliche Forschung, die politische Bildungsarbeit, aber auch für die Identitätsbildung und damit die Selbstvergewisserung unserer Gesellschaft sind authentische Quellen zur Emanzipations- und Freiheitsgeschichte unabdingbar. Es müssen also Wege gefunden werden, das bei den AkteurInnen dieser Bewegungen entstandene und an verschiedenen Stellen verstreute Material zu sichern und zugänglich zu halten.«

Bestandsaufnahme zur Überlieferungssituation

Die Hoffnung, in Stadt- und Kommunalarchiven könnten sich am ehesten Materialien der verschiedenen Alternativ- und Protestbewegungen finden, haben sich nach einer empirischen Erhebung im Jahr 2015 zerschlagen: von den knapp 1500 befragten Stadt- und Kommunalarchiven besaßen nur 335 derartige Materialien; nur rund 20 Archive besaßen Sammlungen im Umfang von mehr als 20 Regalmetern.[2]

Das ist nicht weiter verwunderlich, weil die Sammeltätigkeit zu den Neuen Sozialen Bewegungen in staatlichen und kommunalen Archiven zu den freiwilligen Aufgaben gehört und entsprechend nachrangig behandelt wird. Auch in Universitätsarchiven sind derlei Unterlagen nur in begrenztem Umfang zu finden.[3] Der VdA folgert daraus: »Es muss also konstatiert werden, dass die für die Archivierung zuständigen kommunalen, staatlichen und universitären Archive strukturell nicht in der Lage sind, eine Sicherung der vielfältigen Überlieferungen zu gewährleisten. Zum einen fehlt ihnen der geregelte Zugriff auf die vorhandenen und möglicherweise archivwürdigen Unterlagen, zum anderen ist die Neigung in sozialen Bewegungen erfahrungsgemäß – und verständlicherweise – gering, die Unterlagen in die Obhut eines traditionellen Archivs zu geben: zu groß ist die Distanz vieler dieser Initiativen und Personen zu diesen Institutionen.«

Freie Archive

Freie Archive[4] gehen auf die Oppositions- und Protestbewegungen seit den 1960er-Jahren zurück. Quasi unter der Hand entstanden bei vielen Gruppen und Initiativen dieser Bewegungen Archive (die zunächst bessere Handapparate waren), in denen die Dokumente der eigenen Arbeit und die Dokumente der Auseinandersetzung mit dem Staat und seinen Institutionen, mit Politik und Verwaltungen gesammelt wurden. Mittelfristig hatten sie die Funktion, sich der eigenen Geschichte, der eigenen politischen Identität vergewissern zu können. Klar war: Man wollte die Sicherung der Dokumente des eigenen Handelns nicht dem Staat und seinen Archiven überlassen.

Aktuell gibt es in Deutschland etwa 90 Freie Archive, die dem Umfeld der Oppositions- und Protestbewegungen der Bundesrepublik und der Bürgerrechtsbewegung der DDR zuzurechnen sind. Die größten Gruppen bilden die Frauenarchive (24), die unabhängigen Umweltbibliotheken und -archive (18), die linksalternativen Archive (15), die Archive von Geschichtswerkstätten (13) und die Eine-Welt-Archive (8).[5] Viele dieser Archive haben sehr umfangreiche Sammlungen zusammengetragen; wenn man die Bestände aller Freien Archive zusammenzählt, kommt man vorsichtig gerechnet auf mindestens 20 Regalkilometer. Die Bestände der Freien Archive übertreffen diejenigen in staatlichen und kommunalen Archiven um ein Vielfaches, qualitativ wie quantitativ.

Im Positionspapier wird beklagt, dass die zeitgeschichtliche Bedeutung dieser Bestände in krassem Gegensatz zu Ausstattung und Absicherung der Archive steht. Fast kein Freies Archive ist dauerhaft abgesichert, die meisten führen einen lang andauernden Kampf um staatliche oder kommunale Unterstützung. Aufgrund dieser prekären Lage können sie der eigentlich erforderlichen Sammel- und Erschließungstätigkeit nicht im erforderlichen Umfang nachgehen.

»Der professionelle Standard der Freien Archive bezüglich archiv- und bibliotheksfachlicher Arbeitsweise ist sehr unterschiedlich. Häufig leiden die Archive darunter, dass sie den Mangel verwalten müssen. Das fängt bei der sachgerechten Lagerung der Materialien an und endet bei den Personalkosten, denn kaum ein Archiv verfügt über feste Stellen. Fast alle MitarbeiterInnen haben autodidaktisch begonnen, viele haben sich fachlich weitergebildet. Trotz dieser Schwierigkeiten findet man in vielen Freien Archiven elektronische Kataloge, die zum Teil eine Online-Recherche erlauben. In größerem Umfang werden vor allem Zeitschriften und Broschüren katalogisiert (Graue Literatur), deutlich seltener werden Plakate und Fotos oder gar einzelne Artikel verzeichnet. Findbücher zu Archivbeständen bilden immer noch die Ausnahme.«

Dennoch werden Freie Archive zunehmend von der zeitgeschichtlichen Forschung wahrgenommen und genutzt, weil dort Dokumente vorhanden sind, die in öffentlichen Archiven fehlen.

Schlussfolgerungen

»Die Überlieferungen der sozialen Bewegungen gewähren Einblick in Strukturen, die sich jenseits des staatlichen Einflusses entwickelt haben. Sie sind Beleg und Ausdruck lebendiger demokratischer Kultur in Deutschland und bilden einen Teil der Identität der Bundesrepublik. Es gilt, sie flächendeckend zu erhalten, in ihrer Substanz zu bewahren und zugänglich zu machen. Mit dieser anspruchsvollen Aufgabe sind die zumeist von Projektförderung lebenden Freien Archive oder gar ehrenamtlich betriebenen Initiativen mit der jetzigen finanziellen Ausstattung auf Dauer überfordert. Die bundesrepublikanische Gesellschaft steht vor der Herausforderung, eine angemessene Überlieferung der einzigartigen Quellen sicherzustellen.«

Deshalb ruft der VdA dazu auf, Freie Archive zu stärken: »Die Absicherung der bestehenden und etablierten Freien Archive der sozialen Bewegungen durch eine dauerhafte institutionelle Förderung ist die optimale Lösung, da dies aus Sicht der NutzerInnen, der Initiativen und im Hinblick auf die jeweilige Identität der beste Weg ist.«

Zudem empfiehlt er die Errichtung einer zentralen Auffanginstitution, um die Bestände gewachsener Archive aus dem Umfeld der sozialen Bewegungen, die nicht mehr weitergeführt werden können, zu übernehmen und dauerhaft zu sichern.

Abschließend wird festgestellt, dass die Förderung der Freien Archive eine Herausforderung von bundesweiter Bedeutung ist. Auf dezentraler Ebene sollten Landkreise, Städte und Gemeinden »im Interesse der kulturellen Identität ihrer Kommune« in die Pflicht genommen werden. »Doch dürfen die Kommunen mit dieser Aufgabe nicht alleingelassen werden. Auch die einzelnen Bundesländer und der Bund stehen hier in der Pflicht. Da die Freien Archive nicht nur über alle Bundesländer verstreut sind, sondern ihre Aufgaben sehr oft landes- und bundesweit verstehen und erledigen, liegt es nahe, die Gemeinschaftsgremien bzw. -institutionen des Bundes und der Länder in die Verantwortung zu nehmen.«

Natürlich möchte der VdA es nicht bei diesem Positionspapier und seinem Appell belassen. Deshalb hat im März 2017 im Hamburger Institut für Sozialforschung ein Fachgespräch stattgefunden, bei dem Vertreterinnen und Vertreter aus Archivwesen, Forschung und Verwaltung Lösungsmöglichkeiten diskutiert haben. Der Stein der Weisen ist noch nicht gefunden, aber es konnten weitere Unterstützer und Unterstützerinnen für die Sache gewonnen werden. Unter Federführung des VdA wird aus diesem Kreis eine Arbeitsgruppe gebildet, die eine Machbarkeitsstudie mit einer detaillierten Bedarfsanalyse, konkreten Lösungsoptionen und deren Umsetzung entwickelt.

Jürgen Bacia ist Politikwissenschaftler und promovierte 1985 an der Freien Universität Berlin. 1985 war er Mitbegründer des Archivs für alternatives Schrifttum (afas) und ist seit 1986 dessen Leiter; 2009 Mitbegründer und seitdem Leiter des Arbeitskreises Überlieferungen der Neuen Sozialen Bewegungen im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare. Zusammen mit Cornelia Wenzel ist er seit vielen Jahren an der Vernetzung der Freien Archivszene bzw. der Frauenarchive beteiligt; beide veröffentlichten seit einigen Jahren diverse gemeinsame Aufsätze zu Freien Archiven und 2013 das Buch »Bewegung bewahren. Freie Archive und die Geschichte von unten«.

 

 

Cornelia Wenzel ist Wissenschaftliche Dokumentarin und seit 1983 am Auf- und Ausbau des Archivs der deutschen Frauenbewegung in Kassel beteiligt, bis 2016 im fünfköpfigen Leitungsteam, zurzeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Gestern virtuos, morgen virtuell: Erschließung und Digitalisierung von historischen Dokumenten der deutschen Frauenbewegung«. Sie veröffentlichte diverse Publikationen zur Frauenbewegungsgeschichte.

 

  1. [1] Alle Zitate stammen, wenn nicht anders angegeben, aus dem Positionspapier.
  2. [2] Jürgen Bacia, Anne Niezgodka, Claudia Spahn, Große Defizite bei Kommunalarchiven. Eine empirische Untersuchung zur Überlieferung Neuer sozialer Bewegungen, in: Archivar 68, H. 3 2015, S. 251–254.
  3. [3] Vgl. dazu Thomas Becker und Ute Schröder (Hg.): Die Studentenproteste der 60er Jahre. Archivführer – Chronik – Bibliographie, Köln u.a. 2000.
  4. [4] Siehe dazu auch Jürgen Bacia und Cornelia Wenzel, Bewegung bewahren. Freie Archive und die Geschichte von unten, Berlin 2013
  5. [5] Das aktuelle Verzeichnis der Freien Archive unter: http://afas-archiv.de/verzeichnis-freier-archive