Ein Interview mit Jill Bepler, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Im Rahmen des von EU-Partnern geförderten Programms HERA – Humanities in the European Research Area »Cultural Encounters« werden insgesamt 18 Vorhaben finanziert, darunter eins mit Wolfenbütteler Beteiligung. Frau Bepler, bitte skizzieren Sie uns den Weg von der ersten Idee zur Förderung.

Unser Projekt »Marrying Cultures« lief von Oktober 2013 bis September 2016. Der Vorschlag, sich für das Programm zu bewerben, kam von meiner Kollegin Professor Dr. Helen Watanabe-O’Kelly, einer Germanistin aus Oxford. Helen ist eine renommierte Frühe-Neuzeit-Forscherin mit großer Erfahrung in der Leitung von kollaborativen Projekten. Ich betone das, weil das HERA-Format die sehr enge Zusammenarbeit einer relativ kleinen Gruppe eigenständiger Köpfe voraussetzt, die dennoch über ziemliche Distanzen zusammengehalten werden muss. Die Frage, welche Thematik wir für unseren Projektantrag wählen sollten, war leicht beantwortet, denn wir hatten beide über die Jahre immer wieder zu Aspekten des kulturellen Wirkens von Fürstinnen in der Frühen Neuzeit gearbeitet und wollten das Thema jetzt entsprechend den Vorgaben des Programms »Cultural Encounters« in den europäischen Kontext ausweiten. Es war uns auch klar, dass wir uns nicht mit den relativ gut erforschten Dynastien und Höfen Italiens oder Frankreichs befassen, sondern zunächst eher die dynastischen Verbindungen zu den östlichen und nördlichen Ländern in den Fokus rücken wollten. Daher kamen wir schnell darauf, Almut Bues vom Deutschen Historischen Institut in Warschau als Expertin für die Dynastie der Jagiellonen zu fragen, ob sie Interesse hätte sich zu beteiligen. Auch Almut war uns beiden schon bekannt. Unseren vierten Partner kannten wir nur von seinen Publikationen her – den schwedischen Historiker Svante Norrhem (Lund), der zur Diplomatie- und Gendergeschichte forscht und gerade ein Buch über Magnatenfrauen in Schweden publiziert hatte. Dank der Tatsache, dass die Universität Oxford seed funding für Antragsvorbereitungen gewährt, konnten wir uns im März 2012 zu einem Workshop treffen, bei dem wir den Vorantrag inhaltlich und strukturell gründlich diskutiert haben. Wir haben beschlossen, unsere Kerngruppe um zwei Postdoktoranden- und zwei Promotionsstellen zu erweitern. Als wir im Sommer in die Endrunde kamen, haben wir bei einem zweiten Workshop den Vollantrag vorbereitet. Das Oxforder seed funding reichte sogar aus, um nach Bekanntgabe der positiven Entscheidung ein weiteres Vorbereitungstreffen abzuhalten, damit wir gleich nach Förderbeginn mit der inhaltlichen Arbeit beginnen konnten.

Was wurde in Ihrem Projekt von der Forschergruppe untersucht, und in welcher Form teilen Sie Ihre Forschungsergebnisse mit der Öffentlichkeit?

Bei grenzüberschreitenden dynastischen Eheschließungen in der Frühen Neuzeit eröffneten sich Möglichkeiten des Wissens- und Kulturtransfers auf höchster Ebene. Das Projekt »Marrying Cultures« befasst sich mit den Dynamiken, die entstanden, als Prinzessinnen an einen fremden Ort zogen und sich in einer unbekannten Umgebung zu behaupten suchten. Es geht dabei um bislang weniger erforschte, nichtregierende Fürstinnen und Königinnen, die sich neben dem Regenten in die Rolle der Consort einfinden mussten. Oft sind die Grenzen, die diese meist jungen Frauen bei ihren Hochzeiten überschritten, nicht die, die das heutige Europa kennzeichnen, und ihr Heimatgefühl bezog sich vielfach nicht auf eine Nation, sondern auf ein Geschlecht, ein »Haus«, dem sie sich weiterhin verpflichtet fühlten. Sie brachten Personen und Gegenstände in die neue Heimat, die an ihre Herkunftsdynastie erinnerten oder das kulturelle Potenzial ihres Heimatlandes symbolisierten. Teilweise wurden sie durch von ihnen veranlasste Importe oder ihre dauerhaften Beziehungen zur alten Heimat zu wichtigen Katalysatoren für neue Moden und ein verändertes Konsumverhalten in der neuen Umgebung. Die Möglichkeiten, sich fremd oder heimisch zu fühlen, hingen mit ganz unterschiedlichen, nicht zuletzt politischen, kulturellen und konfessionellen Faktoren zusammen. Das differenzierte Bewusstsein für frühere Fremdheitserfahrungen und regionale Identitäten zu schärfen, war eins der Projektziele. Es wurde auch nach den langfristigen Auswirkungen der Präsenz »fremder Fürstinnen« für die Kultur ihrer neuen Heimat gefragt und nach den Bedingungen für das Gelingen oder Scheitern ihrer Akzeptanz als Teil nationaler Erinnerungskultur, die bis heute Auswirkungen auf museale Präsentationen und Schulbücher hat. Diese Themen haben wir in vier internationalen Tagungen behandelt, deren Ergebnisse in insgesamt drei von den Projektmitarbeitern herausgegebenen Sammelbänden eingeflossen sind. Daneben entstanden mehrere Aufsatzpublikationen und Ausstellungsbeiträge der einzelnen Projektmitglieder. Die Webseite des Projektes publizierte unter der Rubrik »Items of Interest« kleinere Archivfunde und Objektbeschreibungen.

Eine der Forderungen an die HERA-Projekte ist die öffentlichkeitswirksame Vermittlung ihrer Inhalte, die Marrying Cultures über seine Webseite http://www.marryingcultures.eu/ einzulösen versucht. Ein Eckpfeiler des Projekts bestand in der anhaltenden Diskussion mit Museumspartnern in London (Victoria & Albert Museum, Kensington Palace, National Portrait Gallery), Stockholm (Livrustkammaren) und Warschau (Schlossmuseum) über die Sichtbarkeit fürstlicher Frauen innerhalb nationaler Narrative und im heutigen populären Bewusstsein. Im Projektverlauf ergaben sich zudem Kontakte zu Ausstellungsprojekten in Berlin und eine Beteiligung an der Neukonzeption von Dauerausstellungen in Stockholm (Livrustkammaren) und Lund (Privatmuseum der Grafen von Schwerin in Skahult). In Warschau wurde am Rande der dritten internationalen Marrying-Cultures-Tagung eine Tafelausstellung im Schlossinnenhof eröffnet und ein Kunstwettbewerb für Schüler und Schülerinnen polnischer Grundschulen ausgerichtet, für den es mehr als 1000 Einsendungen gab. Die prämierten Bilder sind auf der Projektseite zu sehen. Das deutsche Teilprojekt leistete darüber hinaus einen eigenen kulturellen Beitrag zum Gesamtprojekt, indem die Doktorandin Maria Skiba, eine Musikwissenschaftlerin und Sopranistin, ihr eigenes, im Rahmen des Projektes konzipiertes öffentliches Konzert, Musik für die Fürstin/Music for the Consort, unter Begleitung eines Ensembles Alte Musik im Juni 2016 in Wolfenbüttel aufführen konnte.

Können Sie kurz das Förderprogramm HERA charakterisieren? Was ist HERA und wie umfassend ist eine Förderung?

Das transnationale HERA-Programm richtet sich ausschließlich an die Geisteswissenschaften und wird von einer Anzahl EU-Ländern (inzwischen 23) getragen. Im dreijährigen Turnus werden sehr unterschiedliche Projekte unter einem Dachthema gefördert. Der neue Zyklus ab 2016 heißt »Uses of the Past«. Antragsberechtigt sind nur Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus den beteiligten Ländern. Der Richtwert für den Gesamtumfang der Einzelprojekte in unserem Zyklus war etwas unter einer Million Euro. Die Antragsteller entscheiden selbst über den Zuschnitt, den sie dem Gesamtprojekt geben, und wie sie den geplanten Mitteleinsatz gewichten möchten. In unserem Falle waren Archivreisen und Tagungen ein sehr wichtiger Posten. Alle Finanzpläne müssen mit den Bestimmungen der jeweiligen Sitzländer konform sein, die teilweise sehr unterschiedlich sind. In Großbritannien ist full economic costing unabdingbar, in Deutschland gelten die Ausgabenbestimmungen des BMBF.

Welche Chancen ergeben sich für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Rahmen eines von der EU geförderten Forschungsprojektes – jenseits der Projektgelder?

Ich habe das Programm als wunderbare Chance gesehen, mit einer kleinen Gruppe von Kollegen und Kolleginnen aus unterschiedlichen Ländern und unterschiedlichen Bereichen, etwa aus Museen, über einen längeren Zeitraum zusammenzuarbeiten. Daraus sind für uns alle neue Kontakte erwachsen, die auch zu weiteren Kooperationsangeboten und Vernetzungen geführt haben. Für unsere Postdocs war die Teilnahme am Projekt eindeutig karrierefördernd. Ich kann das Programm unbedingt empfehlen.

Können Sie etwas zu den Erfolgsaussichten sagen: Wie hoch sind die (geschätzten) Ablehnungsquoten von HERA?

In unserer Runde gab es 593 Bewerbungen, 69 Projektgruppen wurden gebeten, full proposals einzureichen, von denen schließlich 18 gefördert wurden. Bislang gehörten die Briten zu den erfolgreichsten Bewerbern um diese Mittel. Dies hängt sicher mit der sehr professionellen Antragsberatung, die an den Universitäten stattfindet, und mit solchen Unterstützungen wie seed funding zusammen, die den Antragsstellern im Vorfeld eine intensive Projektentwicklung ermöglichen.

Vielen Dank!

Jill Bepler im Interview zur EU-Förderung. Sie stellt ein gefördertes HERA Projekt vor
Jill Bepler

Die britisch-deutsche Wissenschaftlerin hat in Bristol Germanistik studiert und wurde dort mit einer Arbeit über Reisen und Sammeln im 17. Jahrhundert promoviert. Seit 1990 leitet sie die Stipendienprogramme der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören neben adeligem Sammeln und Reisen die Funeralpublizistik der Frühen Neuzeit, Fürstinnenbibliotheken und die kulturellen Rollen dynastischer Frauen am Hof sowie die Wolfenbütteler Sammlungsgeschichte.