Pro und Contra

Pro »Inhalte stehen nicht zur Disposition.«
Ein Interview mit Ralph Erbar

In mehreren Bundesländern, so nun auch in Rheinland-Pfalz, liegen den neuen Lehrplänen für das Fach Geschichte Kompetenzmodelle zugrunde. Der Unterricht soll zum Erwerb mehrerer unter- und übergeordneter Kompetenzen beitragen (allgemeine Kompetenzen, Fachkompetenzen und Leitkompetenzen). Sie haben an dem neuen Fachlehrplan Geschichte mitgearbeitet. Welche Überlegungen führten zu dieser Neuorientierung im Lehrplan?

Der alte Lehrplan für die Sekundarstufe I (Klasse 7–10) war über 15 Jahre alt und entsprach wissenschaftlich, didaktisch und methodisch nicht mehr dem aktuellen Stand. Es wurde eine Reihe von Neuerungen auf mehreren Ebenen durchgeführt, auf die hier nicht alle eingegangen werden kann. Neu ist unter anderem die Kompetenzorientierung. Dies war eine der wenigen Vorgaben des Bildungsministeriums. Es blieb allerdings der Fachdidaktischen Kommission (FDK) überlassen, wie die Kompetenzen benannt und gefüllt werden sollten. Als schwierig erwies sich, dass für die drei gesellschaftswissenschaftlichen Fächer Erdkunde (ab Klasse 5), Geschichte (ab Klasse 7) und Sozialkunde (ab Klasse 9) ein gemeinsames Kompetenzmodell entwickelt werden musste, das der Erziehung zum mündigen Staatsbürger verpflichtet ist. Innerhalb dieses gemeinsamen Kompetenzmodells behielt aber jedes Fach die Möglichkeit, fachspezifische Fragestellungen und Methoden zu schärfen. Bei der Ausarbeitung des Lehrplans orientierte man sich unter anderem am Kompetenzmodell des Geschichtslehrerverbandes VGD, das dieser 2006 und 2010 vorlegte. Leider gilt der neue Lehrplan Geschichte nur für die Sekundarstufe I der Gymnasien und der »Realschulen plus«, nicht für die Integrierten Gesamtschulen, wo die Fächer Erdkunde, Geschichte und Sozialkunde in der Sekundarstufe I zu einem Einheitsfach »Gesellschaftslehre« aufgelöst wurden. Dies stellt mittelfristig die Studierfähigkeit der Schüler und Schülerinnen in Frage.

Wie ist der neue Lehrplan aufgebaut? In welchem Verhältnis stehen Inhalte und Kompetenzen zueinander und wie kann das im Unterricht praktisch umgesetzt werden?

Der neue Lehrplan ist chronologisch-genetisch aufgebaut. Keine Epoche wird ausgelassen. Damit soll den Schülern ein Grundgerüst vermittelt werden, auf das der eher längsschnittartig orientierte Lehrplan der Oberstufe aufbaut.

Die Bandschnitte wurden deutlich nach vorne verlegt: Bis zum Ende der Jahrgangsstufe 8 müssen die Schüler die Reichsgründung 1871, bis zum Abschluss der 9 das Kriegsende 1945 erreichen. Damit ist die Klasse 10 ganz für die Nachkriegsgeschichte vorgesehen. Der neue Lehrplan trägt damit dem Befund Rechnung, dass immer noch nur eine Minderheit der Schüler im Unterricht etwas über die Vergangenheit des eigenen Staatswesens lernt. Den katastrophalen Befund hat nicht nur die Schroeder-Studie aus dem Jahre 2006 aufgezeigt. Hier soll gewährleistet werden, dass die Lerngruppen die Einheit und ihre Folgen behandeln. Zugegeben, der neue Lehrplan möchte hier erzieherisch wirken.

Auf jede Epoche wird mit vier immer wiederkehrenden Kategorien zugegriffen, die Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens aufwerfen und nach den Antworten der jeweiligen Epoche suchen. Auch darin liegt schon ein Stück Kompetenzorientierung. Die Kategorien heißen »Herrschaft«, »Gesellschaft«, »Wirtschaft« und »Weltdeutungen«. Fragen, die in der vorangegangenen Epoche bereits besprochen wurden, werden erneut aufgegriffen und es wird nach den Veränderungen gefragt. Diese – natürlich nicht ganz trennscharfe – Kategorisierung möchte etwas mehr Ordnung in die Köpfe der Schüler und der Lehrer bringen. Der alte Lehrplan wirkte in seinem Zugriff auf die Vergangenheit etwas beliebig, fast schon anarchisch. Die neuen Schulbücher für Rheinland-Pfalz haben diese Kategorisierung mehr oder weniger konsequent umgesetzt.

Innerhalb der Kategorien werden in der linken Spalte zuerst die anzustrebenden Kompetenzen, in der rechten Spalte die dazu passenden Inhalte ausgewiesen, die nach verpflichtenden Basisinhalten sowie fakultativen Erweiterungs- und Vertiefungsinhalten differenziert sind. Für die praktische Umsetzung im Unterricht gibt der Lehrplan didaktisch-methodische Empfehlungen, die auch Hinweise auf fächerverbindendes Arbeiten und den Besuch außerschulischer Lernorte enthalten. Zudem sind drei Längsschnitte verpflichtend.

Sehen Sie die von den Kritikern angesprochenen Gefahren, dass Inhalte gegen Kompetenzen ausgespielt werden und chronologische Zusammenhänge verloren gehen?

Diese Gefahr wurde gesehen und daher im Falle des neuen rheinland-pfälzischen Lehrplans berücksichtigt. Inhalte standen nie zur Disposition. Die Lehrer müssen auf nichts, was ihnen wichtig erscheint, verzichten, aber sie müssen die Relevanz der Themen und Inhalte (vor sich selbst und anderen) rechtfertigen können.

Die Kompetenzen, so wie sie hier verstanden werden, stellen die Sinnfrage an die Auswahl der historischen Inhalte. Oder anders gesagt: Sie hinterfragen die Inhalte in Bezug auf ihren Mehrwert für die Schüler. Was lässt sich am jeweiligen Inhalt lernen, was lässt sich daran aufzeigen? Allein daran wird schon deutlich, dass Kompetenzen und Inhalte kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig ergänzen (müssen). Indem totem Kanonwissen eine Absage erteilt und das historische Denken geschult werden soll, soll die Kompetenzorientierung ihren Beitrag zur Weiterentwicklung des Faches Geschichte vom Pauk- zum Denkfach leisten. Dieser Prozess ist noch immer im Gange und wird noch eine Zeitlang dauern.

Welche historische Bildung sollte ein Abiturient erworben haben, um als (zukünftiger) mündiger Bürger handeln zu können, und sehen Sie dieses Ziel mit dem aktuellen Lehrplan erreichbar?

Nur ein kleiner Teil der Abiturienten wird später Geschichte studieren. Aber alle sollten mit einer historischen Grundbildung ausgerüstet sein. Dazu zählen die Orientierung in Zeit und Raum, eine grundlegende Kenntnis historischer Entwicklungen und Zusammenhänge, ein hinreichendes Methodenrepertoire und – heute wichtiger denn je – eine kritische Medienkompetenz, damit sich Schüler und Schülerinnen im modernen Informationszeitalter orientieren können. Die fachdidaktische Zentralkategorie des »Geschichtsbewusstseins« umschreibt diese Kompetenzen wohl am ehesten. Der neue Lehrplan der Sekundarstufe I möchte seinen Beitrag leisten, dass diese Ziele erreicht werden. Ich halte das für durchaus realistisch.

Herr Erbar, Kompetenzmodelle im Curriculum bedrohen also nicht den Geschichtsunterricht; aber liegt davon abgesehen der Geschichtsunterricht im Argen? Mit welchen Problemen hat der Geschichtsunterricht zu kämpfen?

Die Probleme, mit denen der Geschichtsunterricht konfrontiert wird, rühren kaum aus der Kompetenzorientierung. Richtig verstandene Kompetenzorientierung will das Fach, seine Methoden und Erkenntnisse ja gerade stärken. Im Übrigen hat die Kompetenzdebatte in den Schulen nie die Schärfe der Diskussionen in der wissenschaftlichen Literatur und an den Universitäten erreicht. Als besonders lautstark erwiesen sich jene praxisfernen Theoretiker, die sich mit der vermeintlichen Originalität ihrer Modelle gegenseitig zu übertrumpfen versuchten.

Die Gefahren lauern an ganz anderer Stelle, vor allem an der Kürzung des Geschichtsunterrichts in den Bundesländern bei gleichzeitiger Überfrachtung der Lehrpläne bis hin zum völligen Verschwinden des Faches in der Sekundarstufe I der Gesamtschulen.

Die drei Fachverbände Erdkunde, Geschichte und Politik/Sozialkunde haben auf diese Entwicklung mit der gemeinsamen »Erklärung von Hannover« vom 3. Juli 2015 reagiert, der sich der VHD auf dem Historikertag in Hamburg 2016 dankenswerterweise anschloss. Hier wird deutlich gegen die Zusammenlegung der drei Fächer zu Einheitsfächern Stellung bezogen. Umgekehrt wird die Forderung erhoben, dass der Geschichtsunterricht auf allen Klassenstufen der Sekundarstufe I mit zwei Stunden durch ausgebildete Fachlehrkräfte unterrichtet werden sollte. In diese Richtung gilt es weiterzudenken und die zuständigen Ministerien in den einzelnen Bundesländern in die Pflicht zu nehmen. Noch haben zu wenige verstanden, dass wir alle in einem Boot sitzen (müssen).

Vielen Dank!

Ralph Erbar

Ralph Erbar in einem Interview positiv zum Thema Kompetenzorientiere Lehrpläne im Schulfach Geschichte
Ralph Erbar

Ralph Erbar, geboren 1960 in Koblenz, ist Historiker und Pädagoge. Er studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie in Mainz und ist als Fachleiter für Geschichte am Staatlichen Studienseminar in Bad Kreuznach und als Lehrer an der privaten Hildegardisschule in Bingen tätig. Zudem ist er Dozent im Arbeitsbereich Geschichtsdidaktik am Historischen Seminar der Universität Mainz. Er ist Landesvorsitzender des rheinland-pfälzischen Geschichtslehrerverbandes (seit 2001) und Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstandes des VGD (seit 2006). Er hat zur deutschen und europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sowie zur Fachdidaktik publiziert und ist Mitbegründer und Chefredakteur der Zeitschrift »Geschichte für heute« (seit 2008).