Autorin: Nora Hilgert

»Something is rotten in the state of Denmark« – mehr als 300 Jahre, nachdem der shakespearesche Hamlet über den Zustand Dänemarks klagte, fragen nicht wenige von uns beim Blick auf die Förderung der Geistes- und Sozialwissenschaften, ob heute nicht etwas in der Europäischen Union falsch läuft. Bis zum Ende dieses Jahres muss das EU-Förderprogramm Horizon 2020 zwischenevaluiert werden. Sowohl die Mitgliedsstaaten als auch die Wissenschaftseinrichtungen der einzelnen Länder haben die Möglichkeit, sich an diesem Prozess zu beteiligen. Dies wurde vonseiten der Bundesregierung, des BMBF, einiger Bundesländer, aber auch großer deutscher Förderorganisationen wahrgenommen. EU-weit lassen sich ebenfalls namhafte Institutionen aufführen, die das Programm für ihr jeweiliges Fach oder Land bewerten. Für die Geistes- und Sozialwissenschaften, insbesondere die deutsche Geschichtswissenschaft, sind der Bericht der Bundesregierung und die Stellungnahme der erst kürzlich gegründeten European Alliance for Social Sciences and Humanities (EASSH) besonders interessant. Dass hier nur zwei Berichte näher in den Blick genommen werden, soll indes nicht als Vereinfachung verstanden werden. Dies ist vielmehr dem Umstand geschuldet, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften zwar oft mitgedacht werden, es aber nur wenige spezifische Interessenvertretungen gibt, sodass sie in diesem Prozess praktisch keine Stimme haben.

Beiden Papieren ist der Grundtenor gemein, dass es eine nur geringe Förderung der Geistes- und damit auch der Geschichtswissenschaften gebe. Und das nimmt nicht wunder. Doch bevor die Gründe im Einzelnen dargelegt und die für unser Fach möglichen Schlüsse gezogen werden, sei ein kurzer Exkurs auf die Förderlinien der Europäischen Union für die Geistes- und Sozialwissenschaften gestattet. Denn die bestehenden Förderlinien, das macht auch Dr. Eva-Maria Silies in ihrem Interview in diesem Heft deutlich, haben nicht nur unterschiedliche Bewilligungsquoten, sie sind auch sehr unterschiedlich in ihrer Passgenauigkeit für die Geisteswissenschaften. Während das Marie-Skłodowska-Curie-Programm zur Mobilitätsunterstützung und die Grants des European Research Council für einzelne Forschungsprojekte durchaus einen hohen Mehrwert haben, sind die inhaltlichen Vorgaben von Horizon 2020 häufig ein großes Problem für Historikerinnen und Historiker, gleich aus welchem EU-Land.[1] Woran liegt das?

Horizon 2020 lief als Förderprogramm im Jahre 2014 mit dem Ziel an, die »wissenschaftliche und technologische Basis Europas [zu] stärken und ihren Nutzen für die Gesellschaft [zu] fördern«, wie es im Zwischenbericht der Bundesregierung heißt. Bereits hier wäre die Frage zu stellen, ob die EU-Kommission die Geisteswissenschaften von vornherein ausreichend mitgedacht hat. Um das Ziel zu erreichen, wurden sieben gesellschaftliche Herausforderungen formuliert und die entsprechenden Abteilungen geschaffen, um selbstständige Förderaufrufe zu starten. Neben Gesundheit, Energie, Verkehr und Sicherheit widmet sich unter anderem eine Abteilung den »Integrativen, innovativen und reflektierenden Gesellschaften«, also dem sozialen Zusammenhalt in Europa, der Teilhabe von Menschen, Organisationen und Unternehmen an Innovationsprozessen sowie dem kulturellen Erbe Europas. Die Geistes- und Sozialwissenschaften scheinen hier einen originären Platz zu haben, während die anderen gesellschaftlichen Herausforderungen Problembereiche beschreiben, die wohl nur im Verbund vieler Disziplinen zu bearbeiten sind. Ein Monitoring im Jahr 2015 kam zu dem Ergebnis, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften tatsächlich vorwiegend in dieser einen Abteilung gefördert würden. Eine stärkere »Ausflaggung« geistes- und sozialwissenschaftlicher Anteile in den Ausschreibungen der anderen Abteilungen sollte Abhilfe schaffen.[2] Nun, weitere eineinhalb Jahre später, zeigt ein Blick auf die vorliegenden Stellungnahmen, dass es mitnichten gelungen ist, die Förderung der Geistes- und Sozialwissenschaften zu erhöhen. Im Gegenteil, sie ist sogar zurückgegangen.

Inhaltliche Ausrichtung

Dass die von der EU benannten Kernbereiche kongruent zu den Herausforderungen unserer Zeit liegen, steht außer Frage. Und dass diese Herausforderungen nur im Verbund der einzelnen Wissenschaftsdisziplinen, zum Teil zusammen mit privaten Organisationen und der Wirtschaft angegangen werden können, ist ebenfalls unstrittig. Dennoch scheint die fundamentale Bedeutung des Wissens um die Vergangenheit und seiner komplexen Deutungsmöglichkeiten, wie es die Geschichtswissenschaft bereitstellen kann, immer stärker aus dem Blick zu geraten. Einem Historiker und einer Historikerin muss dies nicht auseinandergesetzt werden, aber gerade in der Politik sowie in der Gesellschaft verliert historisches Orientierungswissen zunehmend an Bedeutung. Dies wird nicht zuletzt an den einfachen, nicht nur von Populisten geäußerten Antworten auf unsere komplexen Weltzusammenhänge ersichtlich. Auch Geschichtsbilder werden je nach Zusammenhang ausgedeutet und instrumentalisiert.

Dem kann nur mit einer soliden Bildung entgegengetreten werden, die auch die Fähigkeit zur Reflexion vermittelt, zur Verknüpfung von Wissensbeständen und, ganz wichtig, die Fähigkeit, mit konkurrierenden Ansichten umgehen zu können – wobei sie sich nicht nur auf den Schulunterricht beschränkt, sondern alle gesellschaftlichen Bereiche berührt. Bildung muss allerdings immer aktuell bleiben und ist daher auf die Wissenschaft angewiesen, die neue Erkenntnisse hervorbringt. Der Konnex zwischen Wissenschaft und dem Transfer ist also entscheidend, um die in Europa gelebte Demokratie zu erhalten. Schließlich bildet diese den Rahmen, in dem die von der EU-Kommission benannten gesellschaftlichen Herausforderungen angegangen werden. Es bedarf daher bereits in den Ausschreibungen von Horizon 2020 genügend Sachverstand und Fingerspitzengefühl, die Geistes- und Sozialwissenschaften adäquat einzubinden und entsprechend ihrem Anteil auszuflaggen. Die Konstruktion der Calls ist jedoch nur die eine Seite.

Gutachter

Die Begutachtung der Anträge ist die andere. Mit Start von Horizon 2020 hat die Kommission das System geändert und die Gutachterdatenbank, die zuvor nur in der Verwaltung gepflegt wurde, geöffnet, sodass sich Experten nun selbst nominieren können. Ein CV sowie die Benennung von fünf Schlüsselbereichen genügen für eine erste Aufnahme. Inwieweit die Kommission oder Expertengruppen Neueingänge qualitativ prüfen, konnte nicht eruiert werden. Fakt ist jedoch, dass vielen Gutachtern ein geistes- oder sozialwissenschaftlicher Hintergrund fehlt. Wie die EASSH in ihrer Stellungnahme ausführt, sind die Expertengruppen für den Bereich der »Reflektierten Gesellschaften« zwar entsprechend ausgewiesen, hingegen in den anderen Abteilungen eher unterpräsentiert.[3] Warum Gutachter nicht von einer Abteilung in eine andere übernommen werden, könnte eine Frage sein. Eine andere ist, warum die Kommission zwar den Anteil geistes- und sozialwissenschaftlicher Projekte bzw. deren Forschungsbeteiligung erhöht, aber anscheinend wenig Bewusstsein dafür hat, geeignete Gutachter einzusetzen, die den hohen Mehrwert der aus diesen Fächern vorgelegten, innovativen Forschung korrekt einschätzen können.

Antragsverfahren

Doch bevor Anträge überhaupt begutachtet werden, ist für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein längerer Antragsprozess zu durchlaufen, der sehr viel mehr fordert als beispielsweise ein DFG-Antrag. Zwar hat die Kommission nach dem ersten Monitoring versucht, ihre bürokratischen Hürden herunterzusetzen, doch sie sind nach wie vor hoch. Unter Forscherinnen und Forschern hält sich daher hartnäckig die Annahme, dass ein Antrag bei der EU nicht nur aufgrund der niedrigen Bewilligungsquoten, sondern auch wegen des großen Aufwandes nicht lohne. Beides sind fatale Signale, wenn die Kommission ihr Mission Statement ernst nimmt, gemeinsam mit der Wissenschaft gesellschaftliche Herausforderungen anzunehmen.

Denn welcher Historiker, welche Historikerin vermag es im regulären Arbeitsalltag, der neben der Lehre die Betreuung von Studierenden und Qualifikationsarbeiten gleich welcher Stufe, eigene Forschung auf internationalem Niveau, universitäre Selbstverwaltung und die Einwerbung nationaler Drittmittel vorsieht, auch noch einen EU-Antrag zu stemmen, wenn eine Kosten-Nutzen-Abwägung dagegen zu sprechen scheint? Sicherlich helfen die Universitäten mit eigens hierfür geschaffenen Abteilungen, und auch das BMBF hat mit nationalen Kontaktstellen Beratungsangebote geschaffen, doch die Zeit, die der Einzelne am Ende des Tages zur Verfügung hat, bleibt gleich. Und auch nicht jeder Historiker oder jede Historikerin, die ein EU-Projekt starten möchte, ist an einer großen Institution mit entsprechend ausgestatteter Verwaltung tätig. Nicht alle können auf Beratungsprogramme zurückgreifen, die jedoch dringend nötig scheinen.

Das Ringen um exzellente Köpfe ist ein großes Dilemma, denn diese Köpfe brauchen Zeit zu forschen und Zeit zu denken, nur so werden sie so gut, dass sie den Problemen unserer Zeit entgegentreten und Lösungen entwickeln können. Im derzeitigen System, und das ist nicht nur eine Kritik an der EU-Kommission, sondern bezieht sich auch auf das deutsche Forschungsförderwesen, ist dies jedoch eine kaum lösbare Aufgabe geworden. Egal ob universitär angestellt oder auf dem freien Markt tätig, egal auf welcher Qualifikationsstufe, es gibt sie kaum noch: Die Zeit fürs Denken.

Sicherlich, qualitativ hochwertige Forschung braucht ein gutes Qualitätsmanagement von Beginn an bis zum Ende. Doch mündet dies in ein System der Gesamtüberforderung, leidet alles darunter. Es kann nicht oft genug wiederholt werden, dass die Grundfinanzierung deutscher Universitäten nicht immer stärker gekürzt werden darf, damit das Hamsterrad der Drittmittelakquise sich nicht weiter beschleunigt. Zudem braucht es eine andere Lastenverteilung von genuinen Verwaltungsaufgaben, Managementaufgaben mit inhaltlichen Anteilen und reinen Forschungs- und Lehraufgaben.

Die Umstrukturierung der Verwaltung von Anträgen sowie die Verteilung der Mittel ließe sich durchaus auf den großen Tanker EU anwenden. Das BMBF schlägt beispielsweise eine Reduktion von Ausschreibungen vor, eine Verkürzung der Bearbeitungszeiten von Anträgen und die schnellere Aufnahme von zugesagten Projekten. Selbstverständlich ist es nicht einfach, auf der Grundlage der Zwischenberichte und -evaluationen, die einigen Verbesserungsbedarf aufzeigen, einen Konsens in 27 Mitgliedstaaten zu finden. Doch im Angesicht der vor uns stehenden Herausforderungen, die weit über Gesundheit, Verkehr und Klima hinausgehen, sollte dies im besten Sinne des europäischen Gedanken möglich sein: der Einheit. Und dann würde vielleicht auch Hamlet nicht mehr als Stichwortgeber für aktuelle Zustände herhalten müssen.

Nora Hilgert schreibt zum EU-Forschungsförderungsprogramm Horizon 2020 und dessen Implikationen für die Geisteswissenschaften
Nora Hilgert ®Olaf Pascheit

Nora Hilgert studierte zwischen 2001 und 2007 an der Universität Hamburg Geschichtswissenschaften, Neuere deutsche Literatur und Medienkultur. 2011 wurde sie promoviert. Seit Oktober 2009 ist sie Geschäftsführerin des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V.

 

 

 

  1. [1]Die nachfolgenden Ausführungen gelten in ihrer Bewertung zwar für die Geistes- und Sozialwissenschaften EU-weit, doch konzentrieren sie sich in erster Linie auf die Situation für deutschsprachige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Ein Überblick über alle Forschungsfördermaßnahmen der EU findet sich u.a. im Horizon-2020-Prospekt des BMBF: https://www.bmbf.de/pub/horizont_2020_im_blick.pdf, zuletzt abgerufen am 29.3.2017.
  2. [2]https://ec.europa.eu/research/social-sciences/pdf/other_pubs/integration_ssh_h2020.pdf, zuletzt abgerufen am 29.3.2017
  3. [3]EASSH position on Evaluation in H2020 Societal Challenges, S. 2; online unter: http://www.eassh.eu/PDF/EASSH%20POSITION%20Evaluation%20in%20H2020%20Societal%20Challenges.pdf, zuletzt abgerufen am 4.5.2017.