Autorinnen: Jessica Kreutz und Sitta von Reden

Das Freiburger Tandemkonzept

Seit dem Wintersemester 2015/16 bieten die Pädagogische Hochschule Freiburg und das Historische Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg gemeinsame Hauptseminare an, die Studierende frühzeitig an den Zusammenhang von Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik heranführen sollen. Die zweisemestrigen »Tandemseminare« werden von je einem Dozierenden der Pädagogischen Hochschule und der Universität kollegial veranstaltet und von Studierenden beider Hochschulen besucht. Im ersten Semester wird ein fachwissenschaftliches Seminar zu einem schulrelevanten Thema gehalten. Bereits bei der Auswahl der Inhalte und der Lektüre spielen fachdidaktische Gesichtspunkte eine Rolle, die im Verlauf des Semesters immer wieder eingeflochten werden. Darauf aufbauend, werden im zweiten Semester innovative Ansätze zum Thema aufgegriffen und durch die Konzeption von Unterrichtsentwürfen didaktisch reflektiert. Am Ende dieses zweiten Semesters werden zudem ausgewählte Unterrichtsentwürfe an lokalen Schulen umgesetzt. Dieses Lehrkonzept strebt die Integration von Wissenschaft, Fachdidaktik und Schulpraxis an, die alle an der Ausbildung zukünftiger Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer beteiligten Institutionen in einem kohärenten Gesamtkonzept zusammenführt.

Fallbeispiel »Migration und Kolonisation« im schulischen Unterricht

Migration ist ein zentrales Thema der Gegenwart und war es schon vor der Migrationswelle 2015. Menschen mit Migrationshintergrund waren und sind prägend für unsere europäische Gesellschaft. Nach dem Bildungswissenschaftler Wolfgang Klafki gehört das Thema zu den didaktischen Schlüsselproblemen, den Themen mit fortwährender gesellschaftlicher Relevanz: Unterricht vermittelt ein Bewusstsein von zentralen Problemen der Gegenwart und der Zukunft, verbunden mit der Einsicht in die Mitverantwortlichkeit aller, an ihrer Bewältigung mitzuwirken.[1] Als Schlüsselproblem ist das Thema »Migration und Kolonisation« (unter dem Aspekt der Globalgeschichte bzw. Globalisierungsgeschichte) fester Bestandteil des Lehrplans: »[Es gibt] ›Fenster zur WeltÜ, die in beziehungsgeschichtlicher Perspektive Vorformen globaler Vernetzungen in der Geschichte verfolgen. Sie eröffnen einen Blick auf Formen großräumiger Integration, die bereits vor dem Beginn der eigentlichen Globalisierung im engeren Sinne bestanden haben. Das können zum Beispiel Imperien […], Religionen […] oder Fernhandelsbeziehungen […] sein.«[2] Migration und Kolonisation sind daher Kern des Tandemseminars zur Alten Geschichte, das im Folgenden vorgestellt wird.

In den Schulbüchern verschiedener Schulformen ist das Thema »Migration und Kolonisation in der Griechischen Antike« dennoch unzureichend vertreten. Während in den unteren Schulstufen die Thematik unter vornehmlich historisch-geografischen Gesichtspunkten zum Zweck der methodischen Einführung in die Kartenarbeit behandelt wird, fehlt diese im Hinblick auf eine historische Kontextualisierung in den höheren Stufen nahezu gänzlich. Positiv hervorzuheben ist hingegen, dass in den Schulbüchern, die dem aktuellen Bildungsplan entsprechen, zumeist Transfermöglichkeiten angeboten werden, mit denen solche historischen Ereignisse in den modernen Kontext eingeordnet werden können. Diese Methodik zielt auf die Förderung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins als zentrales Anliegen der Geschichtsdidaktik. Dies geht von der Erkenntnis aus, dass Geschichte sich zwar auf die Vergangenheit bezieht, aber keineswegs die Vergangenheit ist, da sie zur Gegenwart gehört und aus ihr hervorgeht.[3] Wünschenswert wäre daher, dass das Thema »Migration und Kolonisation« als Charakteristikum der griechischen und römischen Antike sowohl in eine europäische als auch in eine außereuropäische Darstellung im Sinne einer historisch-politischen Bildung eingebettet werden würde.

Geschichtsdidaktik verstanden als eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft lässt sich nicht nur auf eine reine »Übersetzungslehre der Geschichtswissenschaft« beschränken. Dem historischen Denken und Lernen liegen Prinzipien zugrunde, die durchaus in Zusammenhang mit Methoden der Geschichtswissenschaft zu bringen sind: »Die Schülerinnen und Schüler lernen den Gegenstand und elementare methodische Grundprinzipien der Historiker kennen.«[4] Diese beziehen sich auf die Art und Weise, wie Themen und Inhalte dargestellt und erarbeitet werden.[5] Mit Hilfe dieser Prinzipien kann das Erkenntnispotenzial von Themen im Einzelnen bestimmt werden.

Antike Migration und Kolonisation in Lehre und Forschung

Die »große griechische Kolonisation« (7. und 6. Jahrhundert v. Chr.) ist ein Basisthema der antiken griechischen Geschichte. Im Zentrum der Lehre stehen die griechischen Berichte über vertriebene politische Gruppen bestimmter Poleis, den Leistungen ihrer Anführer, den Gründern der neuen Siedlungen sowie das enge Verhältnis von Mutterstädten und Kolonien noch Jahrhunderte später. Studierende lernen mit den wichtigsten schriftlichen Quellen umzugehen, Datierungen kritisch zu hinterfragen und einzelne Narrative quellenkritisch zu betrachten. Zentral ist ferner der methodische Umgang mit archäologischen Quellen, soweit sie für Studierende gut aufgearbeitet sind.

Ein Wandel in der Forschung geht von der lokalen archäologischen Forschung aus, die etwa von spanischen, italienischen und russischen Forschungsteams unternommen wird. Diese Forschung wirft ein ganz neues Licht auf die Interaktion zwischen lokalen Bevölkerungen und griechischen Migranten, die Präsenz lokaler Bevölkerungen in und um den griechischen Siedlungsraum und die Transformation griechischer materieller Kultur vor Ort. Aus theoretischer Perspektive regen postkoloniale Ansätze zu neuem Nachdenken über die große griechische Kolonisation an. In einem jüngst erschienen Überblickswerk liest sich die Migrationswelle im archaischen Mittelmeerraum deswegen ganz anders als noch vor 20 Jahren: »Die materiellen Relikte vermitteln den Eindruck, dass kleine, ethnisch heterogene Gruppen von Griechen nach und nach in die Region immigrierten und sich dort niederließen. Bei den Zuwanderern handelte es sich vorrangig zunächst um Händler, Wanderhandwerker und Exilanten, um ein bunt gemischtes Völkchen von Abenteurern, die sich auf eigene Faust auf Erkundungsfahrt begaben.« Sie trafen auf »gut entwickelte indigene Kulturen« und bildeten in den »multikulturellen Siedlungen […] eher […] die […] Minderheit«.[6]

Trotz gelungener Versuche, hellenozentrische und von der europäischen Kolonisation geprägte Darstellungen der »großen griechischen Kolonisation« zu relativieren, ist es bis zu ihrer Umsetzung in der universitären Lehre noch ein weiter Weg. Studierenden der Geschichte fehlen oft Sprachkenntnisse und die methodischen Grundlagen, um lokale archäologische Forschung und komplexe archäologische Quellen einbeziehen zu können. Der an der Auswertung von Primärquellen orientierte universitäre Unterricht steht daher vor Herausforderungen, die auch die Lehrenden erst einmal bewältigen müssen. Oft fehlt es allerdings auch an der Bereitschaft, die griechische Kolonisation innovativ in eine globale Geschichte der Migration und Siedlungsgeschichte einzubetten. Wenn sie da ist, kann ein gut vorbereiteter universitärer Unterricht Studierenden an einzelnen Fällen die Untersuchung auch postkolonialer Problemstellungen ermöglichen. Das Tandemkonzept hat in Freiburg zu einer Aktualisierung der Fragen, die an die griechische Migration herangetragen wurden, entscheidend beigetragen. Es machte den Studierenden und Lehrenden aber deutlich, dass höhere methodische Anforderungen, insbesondere der archäologischen Quelleninterpretation, von ihnen und später auch von den Schülern verlangt werden, wenn weiterhin der Umgang mit Primärquellen im Mittelpunkt der Geschichtsvermittlung stehen soll.

Fachwissenschaft und Fachdidaktik im Dialog

Im Seminar ergaben sich fachwissenschaftliche Einschätzungen, die von den Studierenden selbst in einen konkreten thematischen Zusammenhang mit den fachdidaktischen Prinzipien gebracht wurden.[7] Zuerst lässt sich der »Gegenwartsbezug als Sinnzusammenhang« nennen: »Verführerisch scheint es zu sein, einen Gegenwartsbezug zur momentanen Massenimmigration nach Europa zu ziehen. Das Thema ›MigrationÜ ist zu allen Zeiten der Menschheit ein Thema gewesen.«[8] Hierbei kann es bei allen Schulstufen darum gehen, historische Modelle, Denkweisen, Erfahrungen etc. zunächst zu rekonstruieren und dann auf die Gegenwart zu beziehen. Die fachwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema bietet noch weitere Anknüpfungspunkte an die Fachdidaktik. Im Zentrum schulischer Arbeit kann gerade in den unteren Schulstufen die Förderung von »Alteritätserfahrung und Fremdverstehen« stehen: »Durch die Kolonisation in bereits besiedelte Gebiete sind auch da schon Menschen aufeinandergetroffen, die ihre Andersartigkeit wahrgenommen haben.« Hingegen lassen sich die erwähnten unterschiedlichen modernen Forschungsperspektiven unter dem Prinzip »Multiperspektivität und Kontroversität« besonders in der Sekundarstufe II für historisches Denken gewinnbringend thematisieren. Durch die Offenlegung der verschiedenen (nationalen) Konzepte erkennen die Lernenden, dass jede historische Narration eine Konstruktion ist und aus den jeweiligen gegenwärtigen Perspektiven heraus resultiert. Gleiches gilt für die Zusammenschau der zum Teil fragmentarisch überlieferten Quellen der Antike: »Sowohl die Sicht der griechischen Siedler als auch die der indigenen Bevölkerung müssen auf geschichtswissenschaftlicher Ebene betrachtet werden. Nur durch die eingehende Beschäftigung mit Quellen sowohl von der einen als auch von der anderen Seite kann ein elaboriertes und sinnhaftes Bild der Kolonialisierung in der Schule entstehen.«

Wie kommt das Tandemkonzept bei den Studierenden an?

An den Freiburger Tandemseminaren haben bisher 44 Studierende teilgenommen. Die Ausbildung in der Fachdidaktik wird von der Mehrheit der Befragten als zentraler Bestandteil Ihres Studiums positiv gewertet (86 Prozent). Diese Wertschätzung der Fachdidaktik schließt aber eine ebenso intensive Ausbildung in der Fachwissenschaft nicht aus (70 Prozent). Hieraus erklärt sich das Bedürfnis der Studierenden, Fachwissenschaft und Fachdidaktik disziplinenübergreifend zu lernen (67 Prozent). 47,5 Prozent schätzen den Mehrwert des Konzeptes für eine professionsorientierte Ausbildung als sehr gut und 37,5 Prozent als gut ein. 76 Prozent gaben an, dass sie gern mehr Seminare besuchen würden, die speziell auf ihr Berufsbild zugeschnitten sind: »Angehende Lehrer und Lehrerinnen profitieren sehr von der Verzahnung fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Kenntnisse und Methoden an der Universität, also im Vorfeld von Referendariat und Schuldienst. Schließlich ist es genau das, was der spätere Lehrberuf als Expertise von den angehenden Lehrkörpern einfordert.«

Und abschließend

Die Überfrachtung des Masters of Education mit pädagogischen Inhalten wird von den Autorinnen dieses Beitrags als weiterhin außerordentlich problematisch angesehen. Studierenden mit immer geringeren Schulkenntnissen wird immer weniger Zeit gelassen, historisches Wissen und wissenschaftliche Methoden an der Universität zu erwerben, und dies bei wachsender Komplexität historischer Forschung. Indes zeigt sich das Tandemkonzept als sinnvolle Erweiterung des Lehrangebots in der Lehrerausbildung. Es erreicht eine hohe Anwendungsorientierung der wissenschaftlichen Lehrveranstaltungen und setzt gerade auch die althistorische Wissensvermittlung unter Aktualisierungsdruck. Es zeigt aber auch die Unverzichtbarkeit historischer Kernkompetenzen für den Lehrerberuf. Und zwar gerade dann, wenn er innovativ sein soll. Zu beachten ist, dass die Verknüpfung von wissenschaftlicher und fachdidaktischer Lehre, deren Ziel die altersgerechte Aufbereitung komplexer Gegenstände ist, Auswirkungen auf den fachwissenschaftlichen Diskurs in Haupt- oder Masterseminaren hat. Insofern gilt die Empfehlung, Tandemseminare als eigenständigen Veranstaltungstyp anzubieten.

Jessica Kreutz und Sitta von Reden machen gemeinsam ein Tandemseminar zur Migration in der Antike, in dem Geschichtsdidaktik und Geschichtswissenschaft im Dialog sind; für Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
Jessica Kreutz

Seit 2015 ist Jessica Kreutz an der Pädagogischen Hochschule Freiburg wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik; seit 2016 ist sie dort unter anderem im vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Kooperationsprojekt »Qualitätsoffensive Lehrerbildung« zwischen der Albert-Ludwigs-Universität und der Pädagogischen Hochschule Freiburg tätig. Kreutz hat in Greifswald und Potsdam Latein, Geschichte, Erziehungswissenschaften sowie Deutsch als Fremdsprache studiert und in Lateinischer Philologie des Mittelalters und der Neuzeit in Göttingen promoviert. Nach der Promotion war sie bis 2015 Studienreferendarin am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Freiburg.

 

 

 

Sitta von Reden

Sitta von Reden ist Professorin für Alte Geschichte an der Universität Freiburg. Sie hat 17 Jahre an britischen Universitäten gelehrt und geforscht. In Deutschland unterrichtete sie an den Universitäten München, Augsburg und Münster sowie am University College Freiburg. Sie war von 2012 bis 2016 stellvertretende Vorsitzende des VHD und ist seitdem Schatzmeisterin des Verbandes.

 

  1. [1]Vgl. Wolfgang Klafki, Allgemeinbildung heute. Grundzüge internationaler Erziehung, in: Pädagogisches Forum 1, 1993, S. 21–28, S. 22.
  2. [2]Bildungsplan 2016, Allgemeinbildendes Gymnasium. Geschichte, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hg.), Stuttgart 2016, S. 8.
  3. [3]Vgl. Hans-Jürgen Pandel, Geschichtsdidaktik. Eine Theorie für die Praxis, Schwalbach/Ts. 2013, S. 123f.
  4. [4]Bildungsplan 2016, S. 9.
  5. [5]Vgl. Pandel, S. 331.
  6. [6]Elke Stein-Hölkeskamp, Das archaische Griechenland. Die Stadt und das Meer, München 2015, S. 117f.
  7. [7]Vgl. Michael Sauer, Geschichte unterrichten. Eine Einführung in die Didaktik und Methodik, Seelze-Velber 2010, S. 76–93.
  8. [8]Dieses und die folgenden Zitate stammen aus Evaluationen 2016–17.