Gerhard A. Ritter als Vorsitzender des Historikerverbandes (1976 bis 1980)

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Autor: Jens Thiel

Ausgesprochen positiv – wie auch sonst? – bilanzierte Gerhard A. Ritter auf dem 32. Historikertag 1978 in Hamburg die erste Hälfte seiner Amtszeit als Vorsitzender des Verbandes der Historiker Deutschlands (VHD): »Die Umwandlung unseres Verbandes von einer Vereinigung, die ihre Hauptaufgabe in der Vorbereitung von Historikertagen sieht, zu einer Organisation, die sich die umfassende Vertretung des Faches Geschichte gegenüber der Öffentlichkeit und staatlichen Stellen sowie die Zusammenarbeit mit der Geschichtswissenschaft des Auslandes zum Ziel gesetzt hat, ist auch in den letzten zwei Jahren weiter fortgeschritten.«[2]

Ritter hatte die Leitung des 1895 ins Leben gerufenen und 1949 wieder gegründeten deutschen Historikerverbandes[3] zwei Jahre zuvor, auf dem Mannheimer Historikertag, zu einem Zeitpunkt übernommen, als sich Fach wie Verband in einer Umbruchphase befanden. Zwar hatte Ritter die »viel beschworene Krise der Geschichtswissenschaft«[4] für überwunden erklärt. Doch diese Einschätzung war reichlich (zweck-)optimistisch. Die schulpolitischen Debatten um Eigenwert und Stellung des Geschichtsunterrichts, die Lage der universitären Geschichtswissenschaft, die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses – all das waren Probleme, die den Historikerverband nach wie vor beschäftigten. Hinzu kamen Herausforderungen aus dem Fach selbst, vor allem intensiv, ja konfrontativ geführte Grundlagen- und Methodendiskussionen, insbesondere zwischen den Vertretern des Fachs, die sich stärker den herkömmlichen, oft als historistisch gebrandmarkten Methoden verpflichtet fühlten, und zumeist jüngeren Sozialhistorikern. Zudem griffen die Medien die akademische Deutungshoheit über die Geschichte zunehmend an. Und nicht zuletzt beeinflussten die Bildungs- und Hochschulreform um 1970 sowie die veränderten politischen Rahmenbedingungen, etwa die internationale Entspannungspolitik, der Helsinki-Prozess, die »neue Ostpolitik« Willy Brandts oder die Folgen der gesellschaftlichen Veränderungen, die unter der Chiffre »1968« gefasst werden können, die Verbandsarbeit, freilich in unterschiedlicher Intensität. Dieser Umbruchprozess war für den VHD jedoch nicht durch einen radikalen Bruch mit seinen Traditionen und denen der Zunft gekennzeichnet. Es handelte sich vielmehr um einen insgesamt moderat verlaufenden Modernisierungsprozess. [5] Gerhard A. Ritter hat ihn insbesondere in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre wesentlich mitgeprägt.

Die Wahl zum Vorsitzenden

Ritter gehörte bereits 1972, nach dem Ende der Amtszeit Theodor Schieders, zum engsten Kreis der Nachfolgekandidaten für den Verbandsvorsitz. Obwohl vergleichsweise jung, galt der damalige Münsteraner Ordinarius für Neuere Geschichte als einer der profiliertesten Vertreter der neueren Sozialgeschichte. Er und Werner Conze waren aus Sicht der damaligen Verbandsführung die beiden einzigen Historiker, die sowohl für die älteren als auch für die jüngeren Mitglieder als konsensfähig galten. Doch Ritter lehnte die ihm von der Verbandsspitze um Schieder gemachte Offerte »strikt« ab. [6] So fiel die Entscheidung zugunsten von Conze, der den Vorsitz für die nächsten vier Jahre übernahm und erste Weichen in Richtung Modernisierung und Öffnung des Verbandes stellte. Ritter war daran als Ausschussmitglied (schon seit 1964) aktiv beteiligt. Augenfälligster Ausdruck für die Öffnung des Verbandes war die Begrüßungsansprache von Bundespräsident Walter Scheel in Mannheim 1976 – der erste Auftritt eines deutschen Staatsoberhaupts auf einem Historikertag überhaupt. [7]

Als 1976 wiederum die Wahl des Verbandsvorsitzenden anstand, gehörte Ritter erneut zu den aussichtsreichsten Anwärtern. Dieses Mal lehnte er, inzwischen Lehrstuhlinhaber für Neuere und Neueste Geschichte in München, nicht ab. Angesichts der schwelenden Konflikte innerhalb des Verbandes war seine Wahl alles andere als eine Formsache. Sie zeigte jedoch, dass Ritter aufgrund seiner unbestrittenen fachlichen Reputation und seiner ausgleichenden, aber durchaus ziel- und machtbewussten Art das Vertrauen einer breiten Mehrheit der Mitglieder besaß. [8]

Generationswechsel

Ritters Wahl markiert einen Generationswechsel an der Spitze des Historikerverbandes. Mit 47 Jahren war er der jüngste Verbandsvorsitzende seit 1949. Erstmals übernahm ein Vertreter der um 1930 geborenen und dann so einflussreichen Historikergeneration – Ritter war Jahrgang 1929 – die Führung des VHD. Ritters Amtszeit leitete einen »Stilwandel« ein, der mit den habituellen, antipatriarchalischen Veränderungen an den Universitäten seit den 1960er-Jahren zu vergleichen ist. Der nachholende Charakter dieses Wandlungsprozesses wie auch mancher spätere Rückschlag verweisen einerseits auf die wirkmächtigen Traditionen des Verbandes, andererseits aber auch auf die spezifische Rolle, die Ritter dabei spielte. [9]

Als Verbandsvorsitzender verstand sich Ritter zugleich als Modernisierer und als Brückenbauer. Dabei verfolgte er zwei Strategien. Zum einen sprach er sich für die Kontinuität der Verbandsarbeit aus. Zum anderen war er gewillt, von ihm als notwendig erachtete und von jüngeren Verbandsmitgliedern wiederholt angemahnte Reformen energisch anzugehen. [10] Auf organisatorischer Ebene gehörten dazu die Erweiterung des Ausschusses, um die verbandsinterne Demokratie zu stärken und die Möglichkeit, fördernde Mitglieder für den Verband zu gewinnen. Dies vor allem, um den finanziellen Spielraum des Verbandes zu vergrößern. [11] Aber auch die schon angesprochenen Probleme des Geschichtsunterrichts und des Geschichtsstudiums, die Nachwuchskrise und die drohende Umwidmung historischer Lehrstühle erforderten zupackendes verbandspolitisches Handeln und neue Lösungsansätze. Diese waren nicht immer von Erfolg gekrönt. So scheiterte der Versuch, Vertrauensleute des Verbandes als hochschulpolitisches »Frühwarnsystem« an den Hochschulen und Universitäten zu installieren. [12]

Die Historikertage

Dreh- und Angelpunkt der Verbandsarbeit blieben die Historikertage. Ihre Vorbereitung und Durchführung gehörte zu den traditionellen Hauptaufgaben des Verbandsvorsitzenden. Die Historikertage boten aber seit jeher auch Anlass zur Kritik. So nährten anschwellende Teilnehmerzahlen – in Ritters Amtszeit von 1500 auf 1800 – bei manchem den Verdacht, die Historikertage würden ihren Charakter als Arbeitstagung verlieren und in reine Massenveranstaltungen ausarten. Auch die ersten Reden eines Bundespräsidenten (Walter Scheel 1976) bzw. eines Bundeskanzlers (Helmut Schmidt 1978) auf Historikertagen riefen widersprüchliche Reaktionen hervor. Standen sie für die einen, auch wegen ihrer medialen Beachtung, für die wachsende Akzeptanz von Fach und Verband, warnten die anderen vor einer möglichen politischen Indienstnahme.

Ritter hat die Institution der Historikertage stets gegen ihre Kritiker verteidigt und dabei insbesondere ihre integrative Bedeutung für die Geschichtswissenschaft hervorgehoben. Sie boten, so Ritter 1982, die beste Möglichkeit, »das gesamte Fach in Wissenschaft und Unterricht zusammenzuhalten«.[13] Ritter lag viel daran, eine möglichst breite interessierte Öffentlichkeit zu erreichen. Dazu trug neben den bereits etablierten öffentlichen Podiumsdiskussionen auch eine effektivere Pressearbeit bei. Zudem profilierte er die Historikertage nicht nur als Orte des fachinternen, sondern auch des interdisziplinären Austauschs. Inhaltlich rückten neue Themen nach vorn, etwa die lange vernachlässigte Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, die auf dem Historikertag 1978 erstmals prominent vertreten war. [14]

Solche Akzentsetzungen waren von Ritters Leitmotiv bestimmt: dem mehrfach postulierten »Kampf gegen jeden Provinzialismus«.[15] Diesen focht er auf verschiedenen Ebenen aus. Zentrale Anliegen waren ihm die internationale Ausrichtung der Verbandsarbeit sowie die Stärkung der außereuropäischen Geschichte insgesamt. Das ging zum Teil deutlich über die bisher amtsübliche Pflege der Kontakte zu anderen geschichtswissenschaftlichen Einrichtungen und Verbänden hinaus: Themen wurden neu gesetzt, entschlossene Resolutionen verabschiedet oder – auf dem Historikertag 1978 – eine Kommission »zur Förderung der außereuropäischen Geschichte an den Universitäten der Bundesrepublik« gebildet. [16] Gemeinsam mit den früheren Verbandsvorsitzenden Werner Conze und Karl Dietrich Erdmann intervenierte Ritter bei den Kultusministerien, um einschlägige Lehrstühle oder Institute zu begründen. Im Rückblick mögen die Erfolge als bescheiden, die Aktivitäten als verspätet, der Zugang als begrenzt erscheinen. Auf lange Sicht trugen sie jedoch nicht unerheblich dazu bei, der noch immer stark nationalgeschichtlich geprägten, bestenfalls europäisch ausgerichteten deutschen Geschichtswissenschaft eine zusätzliche außereuropäische, globale Perspektive zu eröffnen.

Ein erfolgreicher Vorsitzender?

Hatte Ritter als Verbandsvorsitzender die »unendlich schwere Aufgabe« gemeistert, einen, wie Hans Mommsen 1978 meinte, »als Honoratiorenverband gegründeten Zusammenschluss in die Nähe einer modernen Interessenvertretung zu führen«?[17] Spektakuläre Erfolge konnte er am Ende seiner Amtszeit 1980 nicht aufweisen. Auch Rückschläge und Misserfolge blieben ihm nicht erspart. Dennoch erwies sich der Modernisierungsprozess, den Ritter vorangetrieben, teilweise überhaupt erst eingeleitet hatte, als unumkehrbar. Als »behutsamer Erneuerer«[18] stand Ritter mit seiner ganzen Person, wie selbst kritische Beobachter ihm zubilligten, für einen »Aufbruch aus der Krise«[19] von Verband und Zunft. In einer schwierigen Phase der Verbandsgeschichte, in der anfangs sogar Gerüchte um eine Verbandsspaltung die Runde gemacht hatten, [20] gelang es Ritter dank seines integrativen Führungsanspruchs letztlich, »die Zunft, ganz oben sozusagen, zusammenzuhalten«[21] und die polarisierenden verbandsinternen Konflikte einzuhegen. Angesichts der Traditionen und Strukturen, die er bei seinem Amtsantritt vorfand, der institutionellen Binnenlogik, der er sich nicht entziehen konnte, sowie der knappen Ressourcen, über die er verfügte, sind das alles andere als geringe Verdienste.

 

Jens Thiel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Im Rahmen eines von der DFG geförderten Teilprojekts zur Entwicklung des VHD seit 1949 arbeitet er gemeinsam mit Matthias Berg, Olaf Blaschke, Martin Sabrow und Krijn Thijs an einer Gesamtstudie zur Geschichte der deutschen Historikerverbände.

  1. [1]Gekürzte und überarbeitete Fassung eines Vortrags auf dem Symposium der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands zum Gedenken an Gerhard A. Ritter, 6./7.10.2016 in Berlin. Alle Angaben stützen sich, wenn nicht anders ausgewiesen, auf die Akten des VHD im Bundesarchiv Koblenz (BArch, B 510, bes. 42–49, 66 und 144–159).
  2. [2]Bericht über die 32. Versammlung deutscher Historiker in Hamburg, 4. bis 8. Oktober 1978, Stuttgart 1979, S. 269–273, S. 269.
  3. [3]Matthias Berg, »Eine große Fachvereinigung«? Überlegungen zu einer Geschichte des Verbandes Deutscher Historiker zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 3/4, 2013, S. 153–163 sowie ders., Institutionelle Erbschaften? Zur Wiedergründung des deutschen Historikerverbandes nach 1945, in: Jürgen Elvert (Hg.), Geschichte jenseits der Universität. Netzwerke und Organisationen in der frühen Bundesrepublik, Stuttgart 2016, S. 53–72.
  4. [4]Bericht über die 31. Versammlung deutscher Historiker in Mannheim, 22. bis 26. September 1976, Stuttgart 1977, o.S. (Ansprache Ritter)
  5. [5]Olaf Blaschke, Der Verband im Umbruch? Herausforderungen und Konflikte um 1970, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht H. 3/4, 2013, S. 164–173.
  6. [6]Heinrich Bodensieck an Theodor Schieder, 3.7.1972, BArch Koblenz, N 1188, 99.
  7. [7][Walter Scheel], Ansprache, in: Berichtsheft 1976, Stuttgart 1977, S. 12–19.
  8. [8] Berichtsheft 1976, S. 176f. Siehe auch: Interview mit Jürgen Kocka, in: INDES 2014, 3, S. 95–107, S. 107.
  9. [9] Mit ausdrücklicher Bezugnahme auf Ritter: Wolfgang Hardtwig, Geschichtswissenschaft als Demokratietheorie. Gerhard A. Ritter zur Ehrenpromotion, in: Hans Meyer (Hg.), Vorträge anläßlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Gerhard A. Ritter, 2. Juli 1999, Berlin 1999, S. 3–16, bes. S. 4–7.
  10. [10]Rundbrief Ritters, Anfang Januar 1977, BArch Koblenz, N 1188, 98.
  11. [11]Berichtsheft 1978, S. 269–273, S. 273.
  12. [12]Ebd., S. 270.
  13. [13]Bericht über die 33. Versammlung deutscher Historiker in Münster/Westf., 6. bis 10. Oktober 1982, S. 189.
  14. [14] Gerhard Baader, 32. Deutscher Historikertag in Hamburg, 4.–8. Oktober 1978, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 3, H. 3/4, 1980, S. 188–192 sowie Berichtsheft 1978.
  15. [15] Berichtsheft 1978, o.S. (Ansprache Ritter) und Berichtsheft 1980, S. 13.
  16. [16]Ebd., S. 273f.
  17. [17] Hans Mommsen an Gerhard A. Ritter, 19.10.1978, BArch Koblenz, B 510, 153.
  18. [18]Für die Geschichtswissenschaft insgesamt: Jürgen Kocka, Behutsamer Erneuerer. Gerhard A. Ritter und die Sozialgeschichte in der Bundesrepublik, in: Geschichte und Gesellschaft 42, 2016, S. 669–684. Siehe auch Margit Szöllösi-Janze, Gerhard A. Ritter (1929–2015), in: Historische Zeitschrift 302, 2016, S. 277-289.
  19. [19]Karl-Heinz Janßen, Aufbruch aus der Krise, in: DIE ZEIT vom 13.10.1978.
  20. [20]Werner Conze an Otmar Freiherr von Aretin, 31.8.1976, BArch Koblenz, B 510, 42.
  21. [21]Klaus Hildebrand, Laudatio auf Gerhard A. Ritter, in: Historische Zeitschrift 286, H. 2, 2008, S. 281–288, S. 288.