Der VHD protestierte gegen die Gesetzesänderung der Regierung Orbán, die die Existenz der CEU bedroht

Der VHD protestierte am 3. April 2017 gegen die umstrittene Änderung des ungarischen Hochschulgesetzes, die das Bestehen der Central European University (CEU) bedroht. Sie wurde am 4. April 2017 vom ungarischen Parlament verabschiedet. Ungeachtet aller internationalen Proteste zeigt sich die Regierung Orbán unbeeindruckt und scheint ihre fremdenfeindliche Rhetorik zu verstärken.

Presseerklärung des VHD vom 3. April 2017

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands e.V. (VHD) protestiert gegen die geplante Gesetzesänderung der Regierung Orbán in Ungarn, die die Existenz der Central European University (CEU) in Ungarn bedroht.

Mit großer Sorge beobachtet der VHD den gegen die CEU gerichteten Gesetzesentwurf der ungarischen Regierung, der noch in dieser Woche im Parlament verabschiedet werden soll. Er sieht vor, dass ausländische Universitäten, deren Trägerinstitution außerhalb des EWR-Raumes angesiedelt ist, nur dann einen Lehrbetrieb in Ungarn unterhalten und Diplome vergeben dürfen, wenn das Herkunftsland der Universität und das Zielland darüber einen Staatsvertrag abschließen und die betreffende Institution auch in ihrem Herkunftsland einen Hochschulbetrieb unterhält. Diese neuen Bedingungen richten sich eindeutig und ausschließlich gegen die Central European University.

Die CEU zählt mit ihren international führenden Forschern zu den besten Universitäten Ostmitteleuropas. Die Forschungen der Geschichtswissenschaften an der CEU wurden mit renommierten Preisen ausgezeichnet. Mit dem Open Society Archive verfügt sie über herausragende Sammlungsbestände von höchster Relevanz für die Zeitgeschichte Osteuropas (unter anderem das Archiv des ehemaligen Radio Free Europe). Da sie PhD-Studierende auch aus Nachbarländern wie Rumänien und der Ukraine in einen Dialog bringt, ist sie derzeit eine von wenigen Hochschulen in Ungarn, die einen Gegenakzent zur immer weiter fortschreitenden nationalen Engführung der Wissenschaft und Umformulierung der eigenen Geschichte setzt. Die CEU zieht nicht zuletzt mit ihrer Summer University viele Studierende auch aus Deutschland an, die dort Verständnis für die ungarische Geschichte und ihre wichtige Rolle in Europa und der Welt gewinnen und diese Erkenntnis gesellschaftlich weitertragen.

Viele internationale Institutionen und namhafte Forscherinnen und Forscher haben sich bereits für die CEU eingesetzt und solidarisch erklärt (https://www.ceu.edu/istandwithCEU/support-statements). Selbst das US-State Department hat inzwischen seine Besorgnis ausgedrückt; auch staatliche Bildungseinrichtungen Ungarns wie zum Beispiel die Ungarische Akademie der Wissenschaften stellen sich hinter die CEU.

Der Verband der Historiker und Historikerinnen protestiert entschieden gegen eine diskriminierende Gesetzgebung, die sich gegen eine gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften herausragende Universität richtet. Der Verband fordert politische Entscheidungsträger in Deutschland dazu auf, Einfluss auf die Regierung Viktor Orbáns zu nehmen, um eine Gesetzgebung zu stoppen, die zur Schließung der CEU in Ungarn führen kann. Für ein gemeinsames Europa ist es unerlässlich, dass junge Menschen in Ostmitteleuropa die Chance haben, sich einen international orientierten Bildungshorizont anzueignen.

 

Offener Brief zur drohenden Schließung der Central European University in Budapest

von Daniel Ziemann, Associate Professor, Department of Medieval Studies

Die am 4. April vom ungarischen Parlament beschlossene und am 10. April 2017 von Präsident János Áder unterschriebene Gesetzesänderung bedeutet faktisch, dass die Arbeit der Central European University in Budapest nicht fortgesetzt werden kann. Bei der gegenwärtigen Gesetzeslage wäre es ab Januar 2018 nicht mehr möglich, neue Studierende aufzunehmen. Die Gesetzesänderungen treffen auch zwei historisch orientierte Departments, das Department of History und das Department of Medieval Studies, dem auch ich angehöre. Wie die Universität als Ganzes, so erfährt auch das Department of Medieval Studies einen ungeheuren Zuspruch aus allen Teilen der Welt, darunter auch vom Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. Dafür möchte ich mich auch im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen ganz herzlich bedanken.

Das Department of Medieval Studies wurde 1993 gegründet und ist damit fast genauso alt wie die Central European University. Es ist ein essenzieller Bestandteil der Universität und blickt auf eine erfolgreiche Vergangenheit zurück. Unser Department ist seit seiner Gründung stetig gewachsen und deckt den Zeitraum von der Spätantike bis zur frühen Neuzeit ab. Wir betreiben, wie andere Universitäten auf der ganzen Welt auch, Forschung und Lehre, und dies auf einem international anerkannten, hohen Niveau. Diese Einschätzung wird von regelmäßigen Evaluierungen bestätigt. Umso schwerer ist das Verhalten der ungarischen Regierung zu verstehen. Die Maßnahmen, durch die unsere Universität in ihrem Bestand gefährdet wird, wirken destruktiv und sinnlos, denn sie zerstören kein Refugium oppositioneller Politiker oder aus dem Ausland gesteuerter Verschwörer, sondern einen Ort der Wissenschaft und des Denkens.

Natürlich ist die Mediävistik ebenso wie die Geschichtswissenschaft eingebunden in den politischen und sozialen Kontext der Gegenwart. Mehr noch als in Deutschland ist in Mittelosteuropa das Mittelalter ein wichtiger Bestandteil nationaler Selbstidentifikation. Umso wichtiger ist es, dass die geschichtswissenschaftliche Forschung und Lehre frei bleibt von der Einflussnahme politischer Gruppierungen. Ein freier demokratischer Staat braucht eine freie Geschichtswissenschaft und umgekehrt. Es ist daher ein Merkmal autoritärer Regime, Einfluss zu nehmen, Geschichte neu zu interpretieren, umzuschreiben und den eigenen Blick auf die Geschichte zu monopolisieren. Geschichte war und ist an vielen Orten der Welt ein Machtinstrument. Die drohende Schließung der CEU ist daher auch im Kontext zunehmender Einflussnahme auf Lehre und Forschung in Ungarn im Allgemeinen zu sehen.

Mit der Schließung oder Vertreibung der Universität werden zugleich wichtige internationale Netzwerke zerstört. Fast alle an unserem Department Lehrenden arbeiten in internationalen Projekten, viele von ihnen werden mit Partneruniversitäten aus Deutschland durchgeführt. Regelmäßig kommen Gäste aus der ganzen Welt zu uns, um Vorträge oder Seminare abzuhalten. Bei der Beurteilung der Magisterarbeiten und Dissertationen vertrauen wir stets auch auf das Urteil externer Gutachterinnen und Gutachter. Die Verteidigung der Magisterarbeiten und Dissertationen erfolgt durch eine international zusammengesetzte Kommission. Die Studierenden kommen so frühzeitig in Kontakt mit Spezialisten aus allen Teilen der Welt.

Eine überaus enge Zusammenarbeit besteht aber auch mit ungarischen Hochschulen und der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die sich erst kürzlich öffentlich für einen Fortbestand der CEU ausgesprochen hat. Viele unserer Kolleginnen und Kollegen unterrichten teilweise auch an ungarischen Universitäten, zahlreiche Projekte werden zusammen mit Partnerinstitutionen in Ungarn durchgeführt. Studierende der Eötvös-Loránd-Universität Budapest nutzen gemeinsam mit unseren Studierenden unsere Bibliotheken. Diese intensive Kooperation, sowohl auf internationaler als auch nationaler Ebene, wird ohne erkennbaren Grund zerschlagen.

Neben den an der CEU Beschäftigten und ihren Familien werden vor allem die Studierenden die Leidtragenden sein. Unsere Studierenden kommen aus der ganzen Welt, viele von ihnen aus Ungarn, aus Mittel- und Osteuropa, aus Nord- und Südamerika, Asien, Neuseeland und Afrika. Bei der Auswahl der Studierenden, die in unsere Programme aufgenommen werden, stellt die Qualität der Bewerbung das entscheidende Kriterium dar. Der überwiegende Teil der Studierenden studiert mithilfe von Stipendien. Viele Studierende, die zu uns kommen, könnten sich ohne die von der CEU gewährten Stipendien kein Studium im Ausland leisten. Eine Schließung der Universität bedeutet daher, vielen Studierenden der Geschichte und der Mediävistik die Möglichkeit zu nehmen, ein Studium im Ausland aufzunehmen.

Bei einer Schließung der Universität und damit auch unseres Departments in Budapest wird es nur Verlierer geben, neben Lehrenden, Studierenden und Mitarbeitern auch das gesamte akademische Umfeld in Ungarn und die zahlreichen Partner der CEU in Ungarn und im Ausland. Es ist zu hoffen, dass diese Entwicklung noch abgewendet werden kann.

Mit herzlichen Grüßen

Daniel Ziemann, CENTRAL EUROPEAN UNIVERSITY

Logo der CEU