Ein Interview mit Eva-Maria Silies, Freie Universität Berlin

Frau Silies, Sie leiten das Team Forschungsförderung und -information der Freien Universität Berlin. Zuvor waren Sie in diesem Team dafür zuständig, die geisteswissenschaftlichen Fachbereiche der FU bei der Einwerbung von EU-Fördermitteln zu beraten. Welche Fördermöglichkeiten kommen in diesem Bereich für Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler in Betracht?

Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler können sich auf EU-Forschungsgelder im Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 genauso bewerben wie jeder andere wissenschaftliche Bereich. Interessant ist unter anderem die Mobilitätsförderung, also zum Beispiel die Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen, bei denen Einzelwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler einen bis zu zweijährigen Forschungsaufenthalt im Ausland beantragen können. Oder die sogenannten Innovative Training Networks (ITN), eine Art europaweites Graduiertenkolleg mit Partnern aus verschiedenen Ländern. Sehr renommiert, auch in den Geisteswissenschaften, ist ein Grant des Europäischen Forschungsrates (ERC), mit dem exzellente Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit einer herausragenden neuen Projektidee ausgezeichnet werden – und das in unterschiedlichen Karriere- und Erfahrungsstufen. Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sind auch in den EU-Verbundprojekten immer wieder angesprochen. Dort schließt man sich mit verschiedenen europäischen Partnern zusammen. Allerdings sind die Themen hier von der EU relativ eng vorgegeben, während die Themenauswahl bei den Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen und dem ERC vollkommen der Wissenschaftlerin bzw. dem Wissenschaftler überlassen ist!

Wie können Universitäten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beim Zugang zu den Fördermitteln unterstützen?

Eigentlich jede Universität oder Forschungseinrichtung hat eine Forschungsabteilung, ein EU-Büro oder eine entsprechende Stabsstelle, die zu den einzelnen Formaten und Bedingungen berät und Projektideen oder Antragsentwürfe mit den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen diskutiert. Unterstützt wird auch bei der Budgetkalkulation oder anderen formalen Vorgaben – wobei die Antragstellung bei der EU in den meisten Formaten lange nicht (mehr) so kompliziert ist wie oft befürchtet wird. Manche Einrichtungen helfen auch bei der Suche nach geeigneten Partnern in Verbundprojekten oder vermitteln Kontakte nach Brüssel, wenn das für eine Projektidee hilfreich sein kann. Es gilt: Je eher die unterstützende Stelle und der Wissenschaftler bzw. die Wissenschaftlerin ins Gespräch kommen, desto intensiver und besser kann der Austausch sein.

Welche Chancen ergeben sich für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Rahmen eines von der EU geförderten Forschungsprojektes – jenseits der Projektgelder?

EU-Projekte sind immer auch ein idealer Rahmen, um Netzwerke in die wissenschaftliche community jenseits der nationalen Grenzen zu spannen oder diese zu erweitern. Gerade die Verbundprojekte bieten die Möglichkeit, neue Partner oder Einrichtungen kennenzulernen und sich über Ideen auszutauschen – um vielleicht gemeinsam das nächste Projekte zu beantragen, bei dem man dann schon einen gemeinsamen Erfahrungsvorsprung hat.

Können Sie etwas zu den Erfolgsaussichten sagen: Wie sind die Erfolgsquoten allgemein und wie stellen sie sich für die Geisteswissenschaften dar? Sehen Sie eine Verschlechterung der Situation für die Geistes- und Sozialwissenschaften im aktuellen EU-Rahmenprogramm Horizon 2020 gegenüber dem vorangegangenen siebten Forschungsrahmenprogramm, wie sie die European Alliance for Social Sciences and Humanities (EASSH) konstatiert?[1]

Leider sind die Erfolgsquoten von Horizon 2020 allgemein nicht besonders gut – meist liegen sie zwischen zehn und 20 Prozent. Die Geistes- und Sozialwissenschaften sind unterrepräsentiert, wenn es um die europäische Verbundforschung geht – da trifft das Fazit der EASSH zu. Das liegt daran, dass die Themen, die hier erforscht werden, von der EU vorgegeben werden und man hier von der Forschung Antworten auf sehr konkrete technische und gesellschaftliche Probleme erhofft. Das sind oft Themengebiete, in die vor allem Geisteswissenschaften kaum integriert werden können. Die EU versucht, dieser Unterrepräsentation dadurch zu begegnen, dass eine Einbindung der Geistes- und Sozialwissenschaften systematischer in den Ausschreibungen gefordert wird. Es zeigt sich aber, dass das bei der Auswahl der geförderten Projekte dann zu wenig berücksichtigt wird.

Da ist es natürlich verständlich, wenn man sich überlegt, ob man überhaupt einen Antrag stellen soll. Ich empfehle aber, sich nicht zu sehr abschrecken zu lassen – gemeinsam mit der Forschungsabteilung kann man überlegen, ob es ein Förderformat gibt, in dem eine Projektidee gute Chancen hat und was man tun kann, damit der Antrag optimal wird.

Im Bereich der Mobilität und da vor allem den Marie Skłodowska-Curie Individual Fellowships sind die Chancen grundsätzlich etwas höher. Ein solches Fellowship ist gerade für Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler interessant, weil ein Auslandsaufenthalt eine gute Basis für die Weiterentwicklung der Karriere, das Knüpfen von neuen Kontakten und den Gewinn von wissenschaftlichen Impulsen ist.

Im Bereich des ERC schwanken die Förderquoten zwischen zehn und 15 Prozent, allerdings gilt hier mittlerweile auch für Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler: Wer hier erfolgreich ist, verschafft sich eine sehr gute Ausgangsvoraussetzung für interessante Positionen an Forschungseinrichtungen europa- und weltweit, weil der ERC einen hervorragenden Ruf genießt. Und tatsächlich sind in den letzten Jahren hier auch Historikerinnen und Historiker erfolgreich gewesen, beispielsweise Rebekka von Mallinckrodt von der Uni Bremen mit einem ERC Consolidator Grant zur Erforschung der Verschleppung von Menschen im Alten Reich oder Philipp W. Stockhammer von der LMU München mit einem ERC Starting Grant zur Transformation von Essen im östlichen Mittelmeerraum der späten Bronzezeit – übrigens als Ur- und Frühhistoriker ein gutes Beispiel dafür, dass auch kleine Fächer eine Chance haben, mit innovativen Projekten erfolgreich zu sein. Michael Borgolte erhielt für sein Projekt »FOUNDMED. Foundations in medieval societies. Cross-cultural Comparisons« den Advanced Grant des European Research Council, so wie jüngst auch Sitta von Reden, Professorin für Alte Geschichte an der Universität Freiburg, für ihr Projekt »Jenseits der Seidenstraße«. Mit einem internationalen und fächerübergreifenden Forschungsteam wird sie mit dieser Förderung ein umfassendes Modell des Austauschs zwischen den Imperien in der Antike entwickeln.

Diese Art der Förderung und die themenoffene Bewerbung kommen der grundlegenden Arbeitsweise der Geisteswissenschaften sehr entgegen – daher kann ich alle Geisteswissenschaftler und -wissenschaftlerinnen nur ermutigen, sich über diese Fördermaßnahmen zu informieren!

Vielen Dank!

1 http://www.eassh.eu/

 

Eva-Maria Silies in einem Interview zu den Chancen der EU-Förderung und Geisteswissenschaften
Eva-Maria Silies

Eva-Maria Silies leitet das Team Forschungsförderung und -information der Abteilung Forschung an der Freien Universität Berlin. Sie studierte Mittlere und Neuere Geschichte, Politikwissenschaft sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften in Mainz, Tours und Göttingen und wurde 2010 an der Georg-August-Universität Göttingen im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs »Generationengeschichte« mit einer Arbeit zur Geschichte der Pille promoviert. Vor ihrer Tätigkeit an der FU Berlin war sie an der Universität Hamburg und der Leuphana Universität Lüneburg als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt.

  1. [1]http://www.eassh.eu/