Ein Interview mit Stefan Leder, Direktor des Orient-Instituts Beirut

Herr Leder, Sie sind seit 2007 Direktor des Orient-Instituts Beirut (OIB). Wie erleben Sie in Beirut den Bürgerkrieg in Syrien und die Fluchtbewegung in den Libanon?

Die konfessionelle Polarisierung und Militarisierung der Konfrontation zwischen Zivilgesellschaft und Staatsmacht wurde seit 2012 von externen Akteuren in der Region und vom syrischen Regime, für das extremistische Islamisten zugleich Legitimation und eine Waffe gegen die Opposition bedeuten, systematisch betrieben.

Viele – aber bis heute nicht alle – der Kräfte, die sich für Rechtsstaatlichkeit, politische Partizipation und soziale Gerechtigkeit einsetzten, begannen, das Land zu verlassen oder sich darauf vorzubereiten. Man konnte den aufziehenden Krieg schon damals ahnen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des OIB aber waren mit Syrien, mit Freunden, Familien und mit Kolleginnen und Kollegen dort zum Teil eng verbunden. Aufgrund der Erfahrung friedfertigen Zusammenlebens im Lande konnten wir uns das Ausmaß von Gewalt und Zerstörung, die das Land seither heimsuchen, nicht vorstellen.

Die Massenflucht aus weiten Teilen des Landes – bis heute sind einige Landesteile und Städte aber in einem einigermaßen funktionierenden Zustand – bezog Wohlhabende und Arme ein. Letztere bestimmen das Straßenbild bis heute mit, aber die meisten Hilfsbedürftigen, die sich keine Mieten leisten können, leben in Behelfsunterkünften und inoffiziellen Lagern, ungefähr 1.700 über das Land verteilt. Neben den 1,2 Millionen registrierten Flüchtlingen dürften sich mehrere Hunderttausende ohne Registrierung hier aufhalten.

Ein legaler Status ist seit Einführung einer kostenpflichtigen Aufenthaltsgenehmigung durch die libanesischen Behörden im letzten Jahr ohnehin für viele Syrer außer Reichweite. Versorgung, Unterbringung, Beschulung, Erwerbstätigkeit dieser Menschen bilden für staatliche Stellen und internationale Organisationen eine kaum zu bewältigende Herausforderung, zumal ein großer Teil der libanesischen Gesellschaft selbst unter prekären Lebensbedingungen an der Armutsgrenze leidet.

Hilfsmaßnahmen zur Beschulung und zum Aufbau von Erwerbstätigkeit, die international gefördert werden, beziehen die sozial schwachen libanesischen Bevölkerungsteile ein. So gesehen, kann die syrische Katastrophe auch einen Impuls für vernünftige Entwicklungspolitik im Libanon bieten, was in einigen Programmen genutzt wird. Dem stehen allerdings die vollkommen verfahrene politische Situation im Land, mit der die politische Elite immer noch ganz gut leben kann, und die Unzulänglichkeiten guten Regierens im Wege.

Haben viele Akademikerinnen und Akademiker aus Syrien Kontakt mit dem Orient-Institut Beirut aufgenommen? Welche Arbeits- und Forschungsmöglichkeiten bietet Ihr Institut? Welche Schwierigkeiten gibt es beim Versuch, eine Zusammenarbeit zu etablieren?

Das OIB kann da nur in ganz begrenztem Umfang einspringen, weil wir die zur Einstellung erforderlichen Arbeitsgenehmigungen für Syrerinnen und Syrer nur erhalten können, wenn nachweisbar ist, dass für dieselbe Tätigkeit keine Libanesen gefunden werden können. Im Ausnahmefall konnten wir uns durch andere Vertragsformen behelfen. Eine Hürde ist aber auch, dass Mitarbeit im Postdoc-Bereich am OIB im Hinblick auf Mehrsprachigkeit und Vertrautheit mit der internationalen Forschung Ansprüche stellt, die in der Regel nur von denjenigen erfüllt werden, die über akademische Auslandserfahrung verfügen und deswegen eher darauf abzielen, sich im westlichen Ausland eine permanente Perspektive zu erarbeiten.

Projektbezogenes Arbeiten von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an syrischen Universitäten, das für uns kompatibel ist und in unsere Programme passt, lässt sich nicht ohne Weiteres voraussetzen. Deshalb arbeitet das OIB in Beirut und Kairo ja auf Austausch und Kooperation hin. Grundsätzlich werden unsere Postdoc-Förderprogramme wie auch die Förderung von Doktoranden für einen Forschungsaufenthalt in der Region offen ausgeschrieben und syrische Staatsangehörige können sich wie andere auch bewerben – und müssen sich dann dem internationalen Wettbewerb stellen.

Würden Sie sich institutionelle Verbesserungen im Umgang mit geflüchteten Wissenschaftlern wünschen? Welche Akzente kann Deutschland hier setzen?

Zwei Hauptanliegen sind zu berücksichtigen. Erstens sollen promovierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Flucht, die in Syrien akademisch tätig waren, Gelegenheit haben, in ihrem Fachgebiet zu arbeiten. Dafür sprechen die Gesichtspunkte Austausch, Erhalt und Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Profils und Bewahrung der Rückkehrperspektive. Zweitens sollen junge Akademikerinnen und Akademiker am Anfang ihrer Karrieren Bildungs- und Vertiefungsangebote erhalten, zum Beispiel eine zweite Promotion in Deutschland, um das Forschungsprofil weiterzuentwickeln.

Die Philipp Schwartz-Initiative, die federführend von der Alexander von Humboldt-Stiftung aufgelegt wurde, bietet schon Möglichkeiten und weist in die richtige Richtung. Da wir es erwartungsgemäß mit ganz unterschiedlichen Fachprofilen und Fachkontexten zu tun haben, für die Fördermaßnahmen sinnvoll sind, ist ein dezentrales, an Universitäten lokalisiertes, gleichwohl gut vernetztes Programm der Sache dienlich. Aus unserer Sicht wäre vorteilhaft, wenn bei Veröffentlichungen (Druck- oder digitale Medien) die Muttersprache – gerade auch in Syrien ein wichtiger Aspekt – nicht unberücksichtigt bleibt, jedenfalls in den Fächern der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Sind Universities in Exile, die auf der Tagung »Wissen auf der Flucht« besprochen wurden, aus Ihrer Sicht ein gangbares, auf die heutige Zeit übertragbares Modell?

Der historische Kontext, in dem die University in Exile sich entfalten konnte, ist hier sicherlich nicht in vergleichbarer Weise gegeben, und es mag immer wieder schwierig erscheinen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Flucht in Forschung und Lehre in Deutschland zu integrieren. Um geeignete Formen der Anbindung zu entwickeln, brauchen Universitäten zusätzlich Mittel.

Es braucht aber auch den Mut und den Willen, neue Wege zu gehen, die nicht nur auf Integration als Einbahnstraße hinauslaufen, sondern eine Inklusion ermöglichen, in der von Anfang an die akademischen Herkunftsmilieus und die Verbindungen zurück mitgedacht sind. Daher bedarf die Ausgestaltung von Strategie und Fördermaßnahmen einer besonderen Expertise, die unbedingt mit den Teilnehmern an Förderprogrammen geprüft und weiterentwickelt werden sollte. Dabei kann dann auch sichergestellt werden, dass die Teilnehmer durch entsprechende Rahmentexte und Erfahrungsberichte etc. sich unterstützend an Bewerberinnen und Bewerber richten, um Anforderungen und Möglichkeiten darzulegen.

Welche Chancen ergeben sich im Austausch mit geflüchteten Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen für die Arbeit des Orient-Instituts Beirut und darüber hinaus?

Für das Orient-Institut Beirut ist die Arbeit in der Region und mit Kolleginnen und Kollegen vor Ort selbstverständlich. Die Bedingungen der Flucht, insbesondere die Faktoren, die Europa und Deutschland unschlagbar attraktiv erscheinen lassen, führen aber, wie oben bereits gesagt, am OIB eher vorbei. Die robusteste Kontaktgruppe unter den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hier hat in der Regel akademische Auslandserfahrung.

Man muss sich vor Pauschalisierung hüten, aber sehr oft gilt, dass Bildungswege und Forschungserträge, die sich allein an relativ isolierten, unterfinanzierten, vielleicht auch schlecht verwalteten lokalen Hochschulen entwickelt haben, mindestens eine Inkubationszeit und günstige Rahmenbedingungen benötigen, um Anschluss an die internationalen Standards akademischen Arbeitens zu finden. Mit diesen Verhältnissen ist das Orient-Institut natürlich gut vertraut. Man könnte die Erfahrung so zusammenfassen: Wer glaubt, gleiche Standards und vergleichbare Verhältnisse voraussetzen zu können, hat schon verloren.

Vielen Dank!

Bild: Orient-Institut Beirut, copyrigth Joe Kesrouani

Autorenporträt Stefan Leder
Stefan Leder (Copyright Irmgard Wagner)

Stefan Leder ist Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und seit 2007 Direktor des Orient-Instituts Beirut.