Arbeitskreis Außereuropäische Geschichte (AAG), der Vorstand: Sebastian Dorsch (Erfurt), Barbara Mittler (Heidelberg), Achim von Oppen (Bayreuth), Anke Ortlepp (Kassel)

»Globalisierung« hat für viele Menschen derzeit eine neue Bedeutung erhalten. Kriege und Zerstörungen, individuelle wie kollektive Verfolgung und existenzielle Bedrohung veranlassen so viele Menschen wie seit langem nicht mehr, ihre Heimat zu verlassen und nach Europa zu fliehen. Die nun stattfindenden Begegnungen und Auseinandersetzungen bringen riesige Herausforderungen sowohl für die Ankommenden wie auch für die bereits Ansässigen mit sich. Bei vielen Europäerinnen und Europäern wachsen Zukunftssorgen und -ängste. Vielen scheint die raumzeitliche Idee Europas, die auf Stabilität, Fortschritt und Planbarkeit beruht, in Gefahr und nur durch Grenzziehungen, nicht zuletzt gegenüber »dem Islam«, zu retten zu sein.

Und doch kann die Situation auch als Chance der Bewährung gesehen werden, zur Erprobung bereits gewachsener »europäischer« Werte, zu denen Menschenrechte und speziell das Asylrecht gehören. Zahlreiche neue Perspektiven öffnen sich – von einer zivilgesellschaftlichen »Willkommenskultur« bis zum Ende des demografischen und möglicherweise ökonomischen Niedergangs. Speziell die Deutschen entdecken die Chance, ihr Image im In- und Ausland zu verändern: Etwa die Hälfte der Deutschen gab laut einer jüngsten Umfrage denn auch an, sich schon unterstützend eingebracht zu haben, die aktuelle Shell-Jugendstudie verweist auf ein deutlich zunehmendes gesellschaftliches und politisches Engagement. Ob kurzfristige Konjunkturen der öffentlichen Debatte auf diese Trends wirken, bleibt abzuwarten.

Als Historikerinnen und Historiker ist es uns ein großes Anliegen, daran zu erinnern, dass Europa nicht erst jetzt, sondern schon sehr lange ein Kontinent der Migration ist, der seit vielen Jahrhunderten sehr intensiv mit Menschen aller Weltregionen verbunden ist. Seit der Antike war die »Alte Welt« geprägt durch Migration, enge Kontakte und Auseinandersetzungen zwischen Europa, Asien und Afrika. Ab dem 15. Jahrhundert bedeuteten die »Entdeckung« und dann die Kolonialisierung »neuer Welten« rund um den Globus Reichtum und Macht, aber auch immer neue Herausforderungen für Europa. Das ius emigrandi des Augsburger Religionsfriedens (1555), also das Recht, sein Territorium bei Andersgläubigkeit des Fürsten zu verlassen, wurde zum Fundament individueller Grundrechte.

Seither und vermehrt im 19. und 20. Jahrhundert fanden Millionen von Europäerinnen und Europäern Zuflucht und eine neue Heimat in aller Welt. Zugleich wurde Europa selbst zum Einwanderungskontinent: Politisch oder religiös Verfolgte sowie Arbeitsmigranten – erzwungen oder »freiwillig« – kamen nun zunehmend auch aus anderen Teilen der Welt. Fast vergessen ist beispielsweise, dass schon im Ersten Weltkrieg Hundertausende afrikanischer, asiatischer und karibischer Soldaten und Arbeiter nach Europa geholt wurden. Ihnen folgten Flüchtende vor Bürgerkriegen, Diktaturen und fehlender Zukunftshoffnung im »globalen Süden«. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil daran hatten die extrem ungleichen Macht- und Austauschbeziehungen, die Europa in der Welt geschaffen hatte. Aber trotz allen Leids, von dem sie zeugten, haben globale Migrationsströme auf Dauer immer auch positive Impulse gegeben – nicht nur für die Wandernden selbst, sondern vor allem auch für die aufnehmenden Gesellschaften.

Aus diesem Wissen heraus unterstützen wir als Historikerinnen und Historiker nachdrücklich das zivilgesellschaftliche Engagement für die in Europa und Deutschland Schutzsuchenden. Dieses gab wichtige Impulse für die politischen Entscheidungen der letzten Monate. Wir rufen auf zu verantwortlichem und mitmenschlichem Handeln gegenüber den Menschen, die sich gezwungen sehen, unter widrigsten Umständen ihre Heimat aufzugeben; gegenüber denen, die sich bis an den Rand der Kräfte im Haupt- und Ehrenamt für die Ankommenden einsetzen; sowie gegenüber denjenigen, die Ängste um ihre Zukunft hegen und sich infolge wirtschaftlicher und sozialer Strukturen manchmal auch in Deutschland heimatlos fühlen.

Wir treten aber auch mit aller Entschiedenheit fremdenfeindlicher Gewalt entgegen und allen Versuchen, die gegenwärtigen Herausforderungen zu benutzen, um in unverantwortlicher Weise – in der Öffentlichkeit oder in der Politik – Ängste zu schüren, Gewalt zu säen, neue Zäune zu errichten, Menschen auszugrenzen und zu stigmatisieren.

http://www.historikerverband.de/arbeitsgruppen/ag-aussereuropaeische-geschichte.html

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