Ein Interview mit Barbara Sheldon, Alexander von Humboldt-Stiftung

Frau Sheldon, die Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH) hat die Philipp Schwartz-Initiative zur Unterstützung verfolgter Wissenschaftler gestartet. Was waren die Motive der Stiftung, eine solche Initiative einzurichten?

Die aktuelle Flüchtlingssituation verdeckt den Blick darauf, dass politische Verfolgung weltweit in vielen Ländern ein Problem und meist kein Massenphänomen ist. Vielmehr werden gerade Wissenschaftler oft ihr Opfer, die durch Faktenorientierung, Freiheitsliebe, aber auch durch ihre Position als Multiplikatoren an Hochschulen ins Visier geraten. Ein Hilfssystem für diese Menschen, ob aus Syrien, Simbabwe oder der Türkei, zu etablieren, ist Ziel der gemeinsam von AvH und Auswärtigem Amt ins Leben gerufenen Philipp Schwartz-Initiative, die Mitte Dezember 2015 ausgeschrieben wurde.

Welche Institutionen beteiligen sich an dem Förderprogramm?

Die Philipp Schwartz-Initiative ist eine Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung, unterstützt durch das Auswärtige Amt sowie die folgenden privaten Stiftungen: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung; Fritz Thyssen Stiftung; Gerda Henkel Stiftung; Robert Bosch Stiftung; Klaus Tschira Stiftung und die Stiftung Mercator.

Warum die Alexander von Humboldt-Stiftung Philipp Schwartz als Namensgeber der Initiative gewählt?

Das Auswärtige Amt hat diesen Namen vorgeschlagen, dem wir uns gut anschließen konnten. Gemeinsam war es uns ein Anliegen, eine Person zu finden, die die zentralen Ideen des Programms verkörpert und einen Bezug zu Deutschland hat. Philipp Schwartz war Pathologe und Anatom jüdischen Glaubens. Er war Professor an der Universität Frankfurt und floh 1933 unter dem nationalsozialistischen System nach Zürich. Interessant ist, was Schwartz als Nächstes tat: Im Bewusstsein der bedrohlichen Lage, die neben ihm auch zahlreiche weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland betraf, begründete er dort die spätere Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland, die bis 1946 mehr als 2.000 Forscherinnen und Forscher ins Ausland vermitteln konnte.

Er selbst erhielt – so wie zahlreiche andere Forscher mit seiner Hilfe – einen Lehrstuhl in der Türkei, von wo aus er sich weiter für die Unterstützung geflohener Forscher einsetzte. Trotz seines wissenschaftlichen Renommees und seiner wiederholten Bemühungen konnte er auch nach Kriegsende nicht nach Deutschland zurückkehren, sodass er 1952 in die USA ging, wo er die Leitung einer Forschungsanstalt übernahm und 1977 verstarb. Vor etwa zwei Jahren hat die Universität Frankfurt Philipp Schwartz mit einer Stele gewürdigt.

Bitte geben Sie uns einen kurzen Einblick in das Programm: Welche Form hat die Förderung? Gibt es neben der finanziellen auch eine ideelle Förderung?

Das ideelle Ziel der Förderung ist es, Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland für das Thema zu sensibilisieren sowie die Rolle von gefährdeten Forschenden als »Mahner« für Werte wie die Freiheit von Forschung und Lehre zu betonen. Das darunter liegende konkretere Ziel ist, Gasteinrichtungen in Deutschland, also Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu unterstützen, die sich ihrerseits für gefährdete Forschende einsetzen. Wir wollen Strukturen fördern, die eine Gastgeberschaft möglich machen.

Zwar haben Gasteinrichtungen viel Erfahrung im Umgang mit international mobilen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Der Umgang mit gefährdeten Personen bringt aber neue Themen auf, auf die die Hochschulen nicht unbedingt vorbereitet sind. Ich denke dabei zum Beispiel an Traumatisierungen. Es gibt also Gelder für den Aufbau entsprechender Strukturen sowie für Philipp Schwartz-Stipendien. Wichtig ist, dass diese Stipendien von den Hochschulen selbst vergeben werden. Wir denken, dass das Programm dann besonders erfolgreich sein wird, wenn eine Hochschule ein besonderes Interesse an der Gastgeberschaft für eine konkrete Person hat.

Mittels eines Begleitprogramms wird die AvH darüber hinaus eine Plattform für den Austausch zum Thema der gefährdeten Forschenden bei Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland organisieren und dabei mit erfahrenen Organisationen wie dem Scholars at Risk Network, dem Scholar Rescue Fund und The Council for At-Risk Academics zusammenarbeiten. Das Scholars at Risk-Netzwerk ist eine seit ca. 15 Jahren bestehende Einrichtung, die ein internationales Netzwerk von Einrichtungen geschaffen hat, die gefährdete Forschende unterstützen. Wir hoffen, mittels der Philipp Schwartz-Initiative auch zur Gründung einer deutschen Sparte dieses Netzwerks beitragen zu können.

Wer kommt für eine Förderung in Frage und wie kann man sich bewerben?

Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland können Mittel für Stipendien und für den Aufbau von Kompetenz für dieses Aufgabengebiet erhalten. Ein Antrag besteht aus: erstens einem Konzept für den Umgang der Einrichtung mit geförderten Personen; zweitens konkreten Profilen der zu fördernden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Darstellung des »fachlichen Fit« der Personen; drittens Nachweis der Gefährdung.

Welche Hürden und Schwierigkeiten gibt es für die geflüchteten Wissenschaftler, die für eine Förderung in Frage kämen? Wie können sie zum Beispiel von der Schwartz-Initiative erfahren?

In der Philipp Schwartz-Initiative sind die gefährdeten Forschenden selbst keine Antragsteller. Diese Rolle übernimmt die potenzielle Gasteinrichtung, also die Hochschule oder Forschungseinrichtung in Deutschland. Die potenziellen Gasteinrichtungen haben wir breit informiert. Aus bisherigen Gesprächen mit den Gasteinrichtungen haben wir erfahren, dass es offenbar drei Wege der Kontaktanbahnung gibt.

Erstens: Gasteinrichtungen haben bereits einen Kontakt zu einer Person, für die nun eine Gefährdungssituation entsteht; zweitens: Gasteinrichtungen werden von einem Forschenden angesprochen, der sich über das Internet informiert hat; drittens: Gasteinrichtungen möchten einen Forschenden aufnehmen, haben aber keinen Kontakt. In diesem Fall verweisen wir auf unsere Partnerorganisationen, das Scholars at Risk Network, den Scholar Rescue Fund und Cara, die ihrerseits über Listen von Personen verfügen, die eine Platzierung suchen.

Was bedeutet »Gefährdung« und wie kann sie nachgewiesen werden?

Das ist ein sehr schwieriges Feld. Weder die Humboldt-Stiftung noch die meisten Hochschulen in Deutschland besitzen hier Expertise. Aus diesem Grund arbeiten wir mit schon mehrfach genannten Partnerorganisationen zusammen, die seit vielen Jahren mit der Ermittlung des Status »gefährdet« befasst sind. Die Organisationen haben ihre eigenen Systeme der Ermittlung von Gefährdung, die umfangreiche Recherchen umfassen. Im Rahmen der Philipp Schwartz-Initiative betrachten wir eine Person als gefährdet, wenn zum Beispiel ein Nachweis einer der genannten Organisationen beigefügt wird.

Wie wird das Programm bisher angenommen, und beabsichtigt die Humboldt-Stiftung, das Programm über die erste Förderrunde hinaus fortzusetzen?

Wir haben zahlreiche Interessensbekundungen aus den Hochschulen erhalten und sind begeistert, welche Bereitschaft an Unterstützung erkennbar ist. Bis zum Antragsschluss am 31. März gingen 38 Anträge mit 62 Nominierungen ein. Nach aktuellem Stand planen wir eine zweite Ausschreibungsrunde in 2016 mit Förderbeginn in 2017.

Vielen Dank!

Bild: Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn, Fotograf: Michael Jordan

Autorenporträt Barbara Sheldon
Barbara Sheldon, Alexander von Humboldt-Stiftung

Barbara Sheldon leitet das Referat für Strategische Planung in der Alexander von Humboldt-Stiftung. Ihre Aufgaben umfassen u.a. die Entwicklung und Umsetzung neuer Programme, aktuell der Philipp Schwartz-Initiative. Die Alexander von Humboldt-Stiftung fördert herausragend qualifizierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und bindet sie lebenslang in ein weltweit operierendes Exzellenznetzwerk ein. Diese »Humboldt-Familie« verbindet Leistungseliten weltweit mit Deutschland.