Gregor Horstkemper

Zu den Herausforderungen des wissenschaftlichen Alltags gehört es, in Zeiten stagnierender oder schrumpfender Bibliotheksetats möglichst schnellen Zugang zu den für die Forschung und Lehre relevanten Veröffentlichungen zu bekommen. Nur ein Bruchteil der eigentlich als anschaffenswert betrachteten Monografien und Sammelbände kann an der eigenen Instituts- oder Universitätsbibliothek erworben werden, Zeitschriftenabonnements werden gestrichen, Fachdatenbanken werden an der eigenen Institution nicht lizenziert oder abbestellt.

Von Sondersammelgebieten zu Fachinformationsdiensten: Ziele und Zwischenergebnisse der Reform

Für solche Situationen war nach dem Zweiten Weltkrieg ein System der überregionalen Literaturversorgung eingeführt worden, in dem Dutzende Bibliotheken bestimmte Sondersammelgebiete aller Wissenschaftsbereiche pflegten, um aus ihren möglichst umfassenden Beständen die Lücken des lokalen Literaturangebots zu schließen. Oft funktionierte dieses System, ohne dass sich Wissenschaftler der Tatsache bewusst wurden, dass über Fernleihe, Dokumentlieferung oder nationale Lizenzen für Fachdatenbanken die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Sondersammelgebietsbibliotheken ihre Arbeit unterstützen.

Die beteiligten Forschungsbibliotheken stellten spezielle, oft nur an diesen Sammelzentren vorhandene Fachliteratur für die überregionale Nutzung zur Verfügung, und die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützte dieses koordinierte Serviceangebot durch die jährliche Bereitstellung beträchtlicher Fördermittel. Eine tiefgreifende Reform dieses Systems hat zur Einrichtung einer neuen Förderlinie namens »Fachinformationsdienste für die Wissenschaft« geführt, die das Konzept des vorausschauenden, möglichst vollständigen Sammelns von Forschungspublikationen nicht weiter verfolgt.

Der neue Ansatz stellt auf die Abdeckung des aktuellen Informationsbedarfs der Fachcommunity ab, räumt dem wachsenden Angebot an digitalen Veröffentlichungsformen größeren Raum ein und eröffnet bislang nicht vorhandene Möglichkeiten für den Aufbau datenbasierter Dienste für die Forschung. Bis Ende 2015 bewilligte die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen dieser neuen Förderlinie rund 30 solcher Fachinformationsdienste (FID), und zwar für einen Förderzeitraum von jeweils drei Jahren.

In den Jahren 2013 bis 2015 wurden in einem gestaffelten Verfahren drei Beantragungsrunden durchgeführt, wobei die geschichtswissenschaftlich relevanten Fachinformationsdienste in die dritte Runde des Jahres 2015 einbezogen wurden. In den ersten beiden Antragsrunden lag die Bewilligungsquote bei etwa 40 Prozent – eine für den Bereich der direkten Forschungsförderung durchaus hohe Zahl, die jedoch für das auf Nachhaltigkeit und auf vollständige Abdeckung aller Wissenschaftsbereiche angelegte System der Sondersammelgebiete einen tiefen und schmerzhaften Einschnitt bedeutete. Zudem wurde die Projektförmigkeit der Förderung, die im Gegensatz zur bisherigen, langfristig angelegten Infrastrukturförderung stand, als bedrohlich für die Nachhaltigkeit der Informationsversorgung betrachtet. Entsprechend groß waren die Sorgen insbesondere im Bereich der historisch orientierten Geisteswissenschaften, die in besonderem Maße auf Sammlungen spezieller Forschungsliteratur angewiesen sind.

Daher hat der VHD im Rahmen des Göttinger Historikertags am 25. September 2014 eine Resolution verabschiedet, in der die Wichtigkeit einer vorausschauenden und nachhaltigen Sammlung auch spezieller Forschungsliteratur in einer großen Bandbreite an Sprachen betont wurde.1 Diese Positionierung dürfte mit dazu beigetragen haben, dass die Ende 2015 mitgeteilten Entscheidungen der dritten Antragsrunde ein für die Geisteswissenschaften im Allgemeinen und für die Geschichtswissenschaft im Besonderen durchaus erfreuliches Gesamtbild ergeben. In den Grundzügen lässt sich nach Abschluss der drei Beantragungsrunden Folgendes konstatieren:

  • Die nach den ersten beiden Antragsrunden befürchtete Entstehung großer Versorgungslücken blieb aus, da in der dritten Antragsrunde nur vier von 25 FID-Anträgen abgelehnt wurden.
  • Die Förderung einer weiterhin umfassenden Sammeltätigkeit wurde zwar nicht erreicht, doch kann in vielen Fällen ein eingeschränkt vorsorgender Bestandsaufbau realisiert werden, bei dem eine sorgfältige Profilschärfung in enger Abstimmung mit der Fachcommunity erfolgt.
  • Mit der neu in die Förderung aufgenommenen Option zum Aufbau von datenbasierten Diensten können innovative Angebote für die Forschung entwickelt werden.
  • Die überregionale Literatur- und Informationsversorgung wurde durch die Reduzierung der Zahl der beteiligten Institutionen und durch die Zusammenlegung oft kleinteilig strukturierter Sammelgebiete deutlich verschlankt.
  • Die Fachinformationsdienste sind im Unterschied zu den Sondersammelgebieten nicht dauerhaft fixiert, sondern sollen in einem mittelfristigen Zeithorizont von einigen Jahren evaluiert und bei Bedarf angepasst werden.

Trotz mancher Einschnitte und trotz der Unsicherheit der langfristigen Perspektiven lässt sich festhalten, dass aufgrund dieser Förderentscheidungen zumindest für die nächsten Jahre die überregionale Literaturversorgung auf einem für die meisten Fälle ausreichenden Niveau weitergeführt werden kann. Zudem eröffnet die nunmehr mögliche Beantragung von Personalmitteln die Entwicklung bedarfsorientierter Dienste, die die Qualität der Informationsversorgung weiter steigern können.

Geschichtswissenschaftlich relevante Fachinformationsdienste

Das System der Sondersammelgebiete deckte nicht nur alle wissenschaftlichen Fachgebiete ab, sondern führte als zweites Organisationsprinzip die Informationsversorgung für bestimmte Regionen ein. Damit wurde der Tatsache Rechnung getragen, dass insbesondere im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften die Erforschung regionaler Strukturen – gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, politischer, sprachlicher, kultureller oder religiöser Art – sowie ihre historische Entwicklung ein hohes Maß an Interdisziplinarität erfordert. Im Zuge der Etablierung der Fachinformationsdienste wurde zunächst erwogen, die Informationsversorgung für solche area studies nur für wenige außereuropäische Großregionen fortzuführen.2 Letztlich wurden jedoch auch Fachinformationsdienste für einige europäische Regionen bewilligt, sodass in dieser Hinsicht eine weitgehende Kontinuität zum vorhergehenden System erreicht werden konnte. Die Zahl der für europäische Regionen zuständigen Bibliotheken wurde von sieben auf vier reduziert, sodass auch in dieser Hinsicht eine deutliche Verschlankung eintritt.

Ein weiteres Kontinuitätselement gegenüber den Sondersammelgebieten stellt die separate Behandlung der alten Geschichte dar. Wie in der Vergangenheit wird sie in den Kontext der Altertumswissenschaften gestellt und mit Fächern wie der Vor- und Frühgeschichte, der Klassischen Archäologie und den Altphilologien zusammengefasst. Die anderen Epochen sowie das Fach Geschichte an sich wird im Rahmen des Fachinformationsdienstes Geschichtswissenschaft abgedeckt. Neu ist hier, dass das vorher separat von der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden gepflegte Sammelgebiet der Technikgeschichte nun in den allgemeinen Geschichts-Fachinformationsdienst integriert ist. Während die Bayerische Staatsbibliothek ihre früheren Sammelaufgaben für die allgemeine Geschichtswissenschaft im neuen Fachinformationsdienst auf neuer Grundlage weiterführt, wird die Bibliothek des Deutschen Museums mit ihrer umfassenden Kompetenz im Bereich der Technikgeschichte diesen Bereich im Rahmen des gemeinsam betriebenen FID Geschichtswissenschaft betreuen.

Um die Gefahr von unerwünschten Überschneidungen zu vermeiden und um Synergieeffekte zu ermöglichen, werden die Betreiber des FID Geschichtswissenschaft sowie der Regional-Fachinformationsdienste mit Europabezug künftig eng kooperieren. Durch die Festlegung gemeinsamer Grundsätze für die Erwerbung von Fachliteratur sowie durch die Zusammenführung bestimmter Datenbestände in einem Rechercheportal zur europäischen Geschichte soll eine möglichst enge Verzahnung von fachlichen und regionalen Angeboten erreicht werden.

Angebote der Fachinformationsdienste

Zu den Unterschieden gegenüber dem früheren Sondersammelgebietssystem zählt der Verzicht auf einen Pflichtkatalog für bestimmte Angebotsformen, wie er zum Beispiel für die Ende der 1990er Jahre etablierten »virtuellen Fachbibliotheken« existierte. Daher werden die Dienste und Arbeitsgebiete der geschichtswissenschaftlich relevanten Fachinformationsdienste jeweils an den konkreten Bedürfnissen der jeweiligen Fachcommunity ausgerichtet und können sich deshalb beträchtlich unterscheiden. Zu den Kernangeboten gehören im Regelfall weiterhin die Erwerbung von Spezialliteratur und ihre komfortable Bereitstellung für die Forschung. Rechercheportale sollen so weiterentwickelt werden, dass auf der Basis eines klaren inhaltlichen Profils möglichst alle einschlägigen Datenquellen integriert und die Zugriffsoptionen auf relevante Publikationen vereinfacht werden können.

In den meisten Fällen werden auch neuartige Zugangsmöglichkeiten für digitale Ressourcen angeboten werden, die auf der Grundlage von FID-Lizenzen den jeweiligen Zielgruppen die Nutzung von Volltextangeboten ermöglichen. In dieser Hinsicht stellen sich den Fachinformationsdiensten besondere Herausforderungen, da einerseits möglichst vielen Interessenten der Zugang eröffnet werden soll, andererseits aber bezahlbare Preise für solche FID-Lizenzen ausgehandelt werden müssen. Lösungen für diese Aufgaben werden von den einzelnen Fachinformationsdiensten in Abstimmung mit der jeweiligen Fachcommunity und den entsprechenden Fachgesellschaften angestrebt.

Abschließend sei ein gravierendes Problem der geschichtswissenschaftlichen Fachinformation in Deutschland angesprochen, das sich mit der Auflösung der AHF und dem Auslaufen der Kommission der Jahresberichte für deutsche Geschichte der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft ergeben hat: Während es bis 2013 noch zwei nationale historische Bibliografien mit unterschiedlichem Berichtsprofil gab, ist Anfang 2016 die Dokumentation von Fachpublikationen zur deutschen Geschichte bzw. der deutschen Geschichtswissenschaft vollständig weggebrochen. Da zuverlässige bibliografische Daten die Grundlage für eine leistungsfähige Informationsversorgung darstellen, wird im Rahmen des FID Geschichtswissenschaft ein neues Konzept zur Weiterführung und Neuorganisation der fachbibliografischen Arbeit umgesetzt. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, das Institut für Zeitgeschichte, das Deutsche Museum und die Bayerische Staatsbibliothek gehören zu den Gründungseinrichtungen dieses Neuansatzes.

Detailliertere Informationen zu den künftigen Angeboten werden die einzelnen Fachinformationsdienste den Mitgliedern ihrer Fachcommunitys vermitteln. Im Rahmen des diesjährigen Historikertags wird am 23. September 2016 die Gelegenheit bestehen, in zwei Podiumsdiskussionen über die gegenwärtigen und zukünftigen Fachinformationsbedürfnisse der Geschichtswissenschaft zu diskutieren und sich über die Angebote der Fachinformationsdienste zu informieren.

1 Siehe www.historikerverband.de/presse/pressemitteilungen/resolution-fid.html

2 Siehe hierzu die Dokumenation des von der DFG eigens zu diesem Thema durchgeführten Rundgesprächs vom 26.03.2014, www.dfg.de/download/pdf/foerderung/programme/lis/140623_rundgespraech-fid.pdf

Gregor Horstkemper
Gregor Horstkemper

Gregor Horstkemper ist seit 2001 Mitarbeiter der Bayerischen Staatsbibliothek, wo er 2008 die Leitung des Zentrums für Elektronisches Publizieren und der Fachinformation für die Geschichtswissenschaft übernahm. Seit 2016 koordiniert er den Aufbau des FID Geschichtswissenschaft.