Ein Interview mit Martin Schulze Wessel

Herr Schulze Wessel, der 51. Deutsche Historikertag steht vor der Tür, und erstmals wird es ein Partnerland außerhalb Europas und Nordamerikas geben. Was gab den Ausschlag, Indien als Partnerland zu wählen?

Es gibt eine lange Tradition der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Indien in Deutschland, ich erwähne nur den bedeutenden Religionswissenschaftler und Indologen Friedrich Max Müller (1823 – 1900), der allerdings nicht in Deutschland, sondern seit 1850 in Oxford lehrte. Zudem gibt es ein aktuelles Interesse, das sich auch in den Initiativen der Deutschen Forschungsgemeinschaft und des BMBF widerspiegelt, große geisteswissenschaftliche Projekte in Kooperation mit indischen Fördereinrichtungen zu schaffen.

Schließlich war es einfach an der Zeit, erstmals ein außereuropäisches und nicht-westliches Land zum Partner eines Historikertags zu wählen. Übrigens ist diese Entscheidung in Indien sehr begrüßt worden. Egal mit wem ich bei meinem Besuch in Neu-Delhi Ende März sprach, ob mit Kollegen, Vertretern des Indian Council of Historical Research (ICHR) oder mit Beamten des indischen Wissenschaftsministeriums – , die Reaktion auf die Wahl Indiens als Partnerland war sehr positiv. In allen Fällen wurde daran die Erwartung einer langfristigen Kooperation zwischen unseren Geschichtswissenschaften geknüpft.

Das Partnerland wird auf dem Historikertag durch verschiedene Sektionen und Ausstellungen sehr präsent sein. Mehrere indische Delegationen haben sich angemeldet. Sie selbst haben kürzlich eine Reise nach Indien unternommen. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit des VHD mit dem Indian History Congress und Indian Council of Historical Research?

Die beiden Institutionen haben verschiedene Funktionen, der Indian History Congress hat ähnlich wie unser VHD die Funktion, Historikertage vorzubereiten. Der ICHR ist eine Förderinstitution und in dieser Hinsicht eher mit der DFG zu vergleichen, dabei aber eine staatliche Einrichtung. Es ist naheliegend, dass sich staatliche Geschichtspolitik mehr im ICHR als im Indian History Congress widerspiegelt. So sind alle hochrangigen Vertreter in den Gremien des ICHR nach dem Regierungswechsel ausgetauscht worden. Man muss aber betonen, dass die Kontakte mit dem ICHR bei meinem Besuch in Delhi freundlich waren und dass der ICHR schon zuvor mehrere deutsche Gastwissenschaftler, die sich in Indien zu Vortragsreisen aufhielten, sehr gut unterstützt hat.

Der VHD hat im vergangenen Jahr eine Tagung zum Thema »Wissen auf der Flucht« organisiert, bei der die politische Relevanz historischen Wissens deutlich wurde. Wie wird der Historikerverband dieses Thema auf dem Historikertag vertiefen?

Es wird ein Panel über »Flucht und Grenzen« geben, das als Dialog zwischen Geschichtswissenschaft und Politik angelegt ist. Bislang sind, soweit ich sehe, Repräsentanten der Politik auf Historikertagen nur zur Eröffnung eingeladen worden. Ich meine, dass wir in einem gewissen Maße den Historikertag auch als Chance zu einem vertieften Gespräch mit einzelnen Politikerinnen und Politikern nutzen sollten. Es gibt so viele Gegenwartsfragen, in die wir unsere fachwissenschaftliche Kompetenz einbringen können. Sinnvoll ist ein solcher Dialog natürlich nur dann, wenn die geschichtswissenschaftliche Reflexion tatsächlich eingebracht wird. Die allgegenwärtigen Talkshow-Debatten muss man auf dem Historikertag nicht reproduzieren.

Neben der Sektion zu »Flucht und Grenzen« sind weitere Sektionen des VHD zum Austausch zwischen Geschichtswissenschaft und Politik geplant. Warum nehmen Sie gerade die Beziehung Deutschlands zu den Supermächten Russland und Amerika in den Blick?

Die Beziehungen zu den USA und zu Russland sind sehr verschieden und haben eine unterschiedliche Geschichte. Aber sie berühren beide das Selbstverständnis der deutschen Öffentlichkeit und werden schnell emotional debattiert. Denken Sie in jüngster Vergangenheit nur an die Snowden-Geschichte, die NSA-Affäre sowie die russische Annexion der Krim und die Intervention in der Ostukraine. Das sind außenpolitische Fragen, mit denen in Deutschland politisch mobilisiert wurde, was in Fragen der internationalen Beziehungen bei uns nicht häufig vorkommt. Das Panel, an dem u. a. der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestags, Norbert Röttgen, und der Russland-Beauftragte der deutschen Bundesregierung, Gernot Erler, teilnehmen, wird zwei außenpolitische Beziehungen mit ihren innergesellschaftlichen Bedeutungen diskutieren.

Ihre vierjährige Amtszeit als Vorsitzender des VHD endet auf dem Hamburger Historikertag. Was waren die für Sie wichtigen Punkte Ihrer Amtszeit und wo sehen Sie weiterhin Baustellen?

Die wichtigen Punkte der Amtszeit sind sicher diejenigen, die im engen Interesse unseres Fachs liegen: Unsere – wie es ausschaut erfolgreiche – Intervention bei der Novellierung des Bundesarchivgesetzes, der Einspruch bei der Umwandlung der DFG-Sondersammelgebiete in Fachinformationsdienste und die Position, die wir zum Kerndatensatz Forschung des Wissenschaftsrats als erster Fachverband entwickelt haben.

Für mich war aber vor allem die Gründung der Deutsch-Ukrainischen Historikerkommission ein wichtiges Ergebnis. Die Gründung kam zum rechten Zeitpunkt und hatte ein riesiges Echo in der Ukraine und auch eine gute Resonanz in Deutschland und international. Ohne einen großen Fachverband wie den VHD wäre es kaum möglich gewesen, so schnell die nötigen organisatorischen Strukturen zu schaffen, mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen und die Kommission auf eine dauerhafte Förderung durch Drittmittelgeber umzustellen.

Es gibt noch einige Baustellen: So wäre es wichtig, ein Zentrum für digitale Geschichtswissenschaft, das für unsere Disziplin Beratungsleistungen erbringt und Standards setzt, einzurichten. Eine solche Gründung wurde vorangetrieben, braucht aber einen langen Atem.

Das gilt noch mehr für die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in unserem Fach. Wir haben das Thema aufgegriffen und konkrete Vorschläge für einen allmählichen Strukturwandel hin zu mehr Dauerstellen und zu einer besseren Planbarkeit von Beruf und Leben für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach der Promotionsphase gemacht. In einer Frage, welche die Struktur unseres Hochschulwesens betrifft, darf man nicht auf schnelle Ergebnisse hoffen.

Immerhin haben die Stellungnahmen unseres Verbands mit dazu beigetragen, dass das Thema wieder auf die politische Agenda gekommen ist und gewisse Verbesserungen durch die Gesetzgebung erzielt worden sind. Wie man die Novelle zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz und die Einrichtung einer bestimmten Zahl von Tenure-Track-Professuren auch bewerten mag, wichtig erscheint mir, dass über so grundlegende Fragen, die ja nicht nur den Nachwuchs, sondern die Wissenschaft insgesamt betreffen, überhaupt eine Selbstverständigung in unserem Fach stattfindet.

Vielen Dank!

Foto: Containerschiff mit Segler auf der Elbe, Fotograf: Olaf Pascheit

Porträt Martin Schulze Wessel
Prof. Dr. Martin Schulze Wessel

Martin Schulze Wessel wurde 2001 an der Universität Halle habilitiert und erhielt 2003 einen Ruf an die Ludwig-Maximilians-Universität München auf die Professur für Geschichte Osteuropas. Er ist Sprecher der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien und Erster Vorsitzender des Collegium Carolinum. Seit 2012 ist er Vorsitzender des VHD.