Claus-Dieter Krohn

Vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingsbewegung nach Deutschland konzentrieren sich nachfolgende Ausführungen auf die Aufnahmebedingungen von Vertriebenen aus dem NS-Staat in den USA. Die USA waren das klassische Einwandererland und nahmen trotz rigider Einreisebestimmungen den größten Teil der Flüchtlinge aus Deutschland auf – etwa ein Viertel der rund 500.000 Personen. Von den rund 3.000 allein aus Deutschland vertriebenen Wissenschaftlern fanden etwa zwei Drittel in den USA Aufnahme.

Charakteristisch ist, dass die USA vor dem Hintergrund ihrer im 19. Jahrhundert offenen Grenzen, die nahezu jedem die Einreise bei nur schrittweise eingeführten partiellen Beschränkungen erlaubt hatten, erst im Zuge ihres isolationistischen Rückzugs von der internationalen Bühne nach dem Ersten Weltkrieg ein numerisch rigides, national basiertes Quotensysten eingeführt hatten. Es schloss künftige Einwanderung nicht aus, regulierte sie aber streng, wobei das Eigeninteresse des Landes zentral war:

  • a) es privilegierte Einwanderer aus den mittel- und westeuropäischen Ländern, die die Vorherrschaft der amerikanischen White Anglo-Saxon Protestants (WASPs) sichern sollten,
  • b) es differenzierte nicht nach Flüchtlingen, Ethnien etc., sondern kannte nur immigrants,
  • c) es nahm besonders gesuchte Fachleute außerhalb der Quoten auf. Dazu gehörten etwa die Wissenschaftler, wenn sie ein Arbeitsplatzangebot aus den USA nachwiesen.

Gerade diese schlichte Eindeutigkeit bot die Grundlage für philanthropische Engagements der Flüchtlingshilfe, die in der klassischen amerikanischen Tradition dem privaten Sektor überlassen blieben und unter den staatlichen Rahmenbedingungen frei agieren konnten.

Dies zeigte sich beispielsweise in den spontanen Aktivitäten zur Rettung der in Deutschland nach dem »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933 von den Hochschulen vertriebenen Gelehrten. Rahmenbedingungen dafür waren die zu jener Zeit noch relativ abgeschlossenen nationalen Wissenschaftskulturen; der internationale Austausch stand erst in den Anfängen. Dem widerspricht nicht die Wertschätzung der Amerikaner für die Wissenschaften in Deutschland, viele hatten dort studiert und promoviert, Humboldts Bildungskonzept war Vorbild bei vielen amerikanische Universitätsgründungen gewesen. Jene Initiativen, die in Deutschland freigesetzten Kollegen zu gewinnen, passten in diesen Rahmen. Anderseits waren die USA für die vertriebenen deutschen Gelehrten zunächst nicht die erste Präferenz gewesen, galt das Land doch als point of no return. Aber die Möglichkeit, die Karriere nahezu bruchlos fortsetzen zu können, war ebenfalls verlockend.

Kurz: Im Unterschied zur Lage Deutschlands heute zeigte die amerikanische Einwanderungspolitik nach 1918 bzw. 1933 ein klares Bild souveräner, interessengeleiteter Politik, die Hilfen für Bedürftige aber nicht ausschloss. Während die xenophobe amerikanische Öffentlichkeit den Flüchtlingen weitgehend skeptisch bis ablehnend gegenüberstand, sahen weiterblickende Intellektuelle 1933 also die Chancen, die die deutschen refugees boten. Der vorherrschende Isolationismus war umso gravierender, als den Vereinigten Staaten in den 1930er Jahren von der Weltöffentlichkeit allein wegen ihrer ökonomischen Reserven eine Vorbildfunktion für die anderen Länder und eine Schlüsselrolle bei möglichen internationalen Hilfsmaßnahmen zugeschrieben wurden. Das wurde etwa deutlich, als nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 und der darauf folgenden zweiten großen Flüchtlingswelle eine internationale Flüchtlingskonferenz in Evian am Genfer See zusammengekommen war – die einzige, die es je gegeben hatte. Dort lehnten alle Staaten eine Öffnung ihrer Grenzen unter Hinweis auf die Krise und auf die unveränderte, jetzt als restriktiv wahrgenommene Immigrationspolitik der USA ab.

University in Exile

Umso bemerkenswerter waren die amerikanischen Aktivitäten außerhalb der Quoten zugunsten der Intellektuellen. Vom Direktor des Institute of International Education an der New York University war sogleich nach Bekanntwerden der Entlassungen in Deutschland ein Emergency Committee in Aid of Displaced German Scholars gegründet worden, das zusammen mit der Rockefeller Foundation die Platzierung von mehreren Hundert Wissenschaftlern aus Deutschland und später aus anderen europäischen Ländern ermöglichte. Um amerikanischen Wissenschaftlern, zumal in der Weltwirtschaftskrise, nicht die Berufschancen zu nehmen, übernahmen diese beiden Institutionen je zur Hälfte die Gehälter der Flüchtlinge für einige Jahre, wenn sich die Universitäten bereiterklärten, die von ihnen gewählten Gelehrten später in ihr Budget zu übernehmen.

Darüber hinaus hat die Rockefeller Foundation noch ihr eigenes Hilfsprogramm mit insgesamt 120 Millionen Dollar (in heutiger Kaufkraft) entwickelt. Diese Stiftung kann überhaupt als wichtigste Agentur zur Gewinnung der refugee scholars angesehen werden. 1911 war sie für medizinische und naturwissenschaftliche Forschungsförderung gegründet worden, zu denen vor dem Hintergrund der weltweit ungelösten sozialen und wirtschaftlichen Probleme nach dem Ersten Weltkrieg in den 1920er Jahren die Sozialwissenschaften hinzutraten. Durch ihre international ausgerichtete Förderung hatte die Stiftung mit ihrem Pariser Büro einen genauen Überblick über den Standard der Wissenschaften in Europa, und sie kannte nahezu alle Wissenschaftler in den einzelnen Ländern persönlich. Mit diesen Kenntnissen gelang es ihr, unter den Flüchtlingen gezielt die bedeutenden und von ihr meistens schon vor 1933 Geförderten für die USA zu gewinnen. Das waren allein mehr als 300 Professoren.

In New York hatte der Direktor der New School for Social Research, einer kleinen – nach dem Kriegseintritt der USA 1917 gegründeten – akademischen Weiterbildungsstätte für Berufstätige, in kurzer Zeit die funds zusammengebracht, um noch im Sommer 1933 gleich eine ganze Exiluniversität zu gründen. Als engagierter New Dealer suchte er diejenigen Deutschen zu gewinnen, von denen er einen Beitrag zur theoretischen Fundierung des Rooseveltschen Programms zur Bekämpfung der Weltwirtschaftskrise – den New Deal – erwartete, und damit auch das Prestige seiner Institution zu erhöhen.

Bis 1945 sollten an dieser einzigartigen University in Exile mehr als 170 Wissenschaftler aus Deutschland und Europa lehren; viele fanden von hier aus den Absprung zu anderen Universitäten. Charakteristisch ist, dass die aus Deutschland vertriebenen Sozialwissenschaftler meistens nicht nur wegen ihrer jüdischen Herkunft, sondern auch aus politischen Gründen ihre Universitätspositionen verloren hatten. 1940 wurde unter dem Dach dieser Einrichtung noch eine französische Exiluniversität gegründet, deren Angehörige aus der France-Libre-Bewegung von Charles de Gaulle kamen, die jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg nach Frankreich zurückgingen.

Eine ähnliche Funktion wie die Exiluniversität hatte das ebenfalls 1933 gegründete Black Mountain College bei Asheville, N.C., das für geflohene Künstler, insbesondere aus dem Umfeld des Bauhauses, zum Sprungbrett ihrer amerikanischen Karriere wurde und fundamentale Bedeutung für die Avantgarde nach 1945 hatte.

Gewinn hochqualifizierter Gelehrter

Darüber hinaus waren zahlreiche andere Hilfskomitees für besondere Berufe gegründet worden, und diverse Stiftungen stellten gleichfalls größere Beträge zur Verfügung. Schon bald machte der Slogan des Direktors des Institute of Fine Art der New York University die Runde: »Hitler is my best friend. He shakes the tree and I collect the apples.« Andere erklärten, dass die Rettung der deutschen Intellektuellen nicht nur Philanthropie oder Protest gegen den Nationalsozialismus sei, sondern dem nationalen Interesse der USA entspreche, wobei berechnet wurde, welche Ausbildungskosten durch diesen Gewinn der hochqualifizierten Gelehrten gespart worden seien.

In den akademischen Professionen hatten vor allem refugee social scientists, insbesondere Ökonomen mit neuen intellektuellen Botschaften, Erfolg. Die Weltwirtschaftskrise nach 1929, deren Ausmaß kaum mit den Selbstheilungskräften des Marktes zu bekämpfen war, wie es die Mainstream-Ökonomie forderte, hatte zu einem Linksruck unter den Intellektuellen in den westlichen Industrieländern geführt. Ihre Forderung nach einer realistischen Krisentheorie leitete den grundlegenden Paradigmenwechsel der 1930er Jahre ein, der unter dem Namen »keynesianische Revolution« bekannt wurde und für den auch der New Deal ein Zeichen war.

Gerade die Ökonomen aus Deutschland mit den dort vorherrschenden staatsinterventionistischen Traditionen gaben hier wichtige Anregungen, die über das antizyklische, nur konjunkturell argumentierende Modell des britischen Ökonomen John Maynard Keynes weit hinausgingen, weil sie auch die ökonomischen Strukturen und die Entwicklung der modernen Technik in die Analyse mit einbezogen. Sie bereicherten vor allem die Konjunktur- und Wachstumstheorie mit neuen Ideen und machten die öffentliche Finanztheorie, die in den USA nur einen Randbereich der Ökonomie darstellte, überhaupt erst zu einer eigenständigen Teildisziplin.

Aber nicht nur dort gaben Flüchtlinge wichtige Anregungen, sondern auch in der Kunstgeschichte, die von deutschen refugees als Disziplin in den USA überhaupt erst eingeführt wurde, ebenso in der Mathematik und den verschiedenen neuen Subdisziplinen der Naturwissenschaften wie der Atomphysik oder der Biochemie. Diese Anstöße transformierten die USA aus dem bisherigen business country zur modernen Kulturnation, und die amerikanischen Wissenschaften erwarben damit ihre international führende Stellung, die bis heute prägend blieb. Mit ihren Beiträgen zum war effort für die Befreiung Europas und Asiens von der totalitären Herrschaft der Achsenmächte flankierten die deutschen refugee scholars auch die Überwindung des traditionellen amerikanischen Isolationismus und begründeten mit der Totalitarismustheorie einen neuen Forschungszweig.

Bild: New York Times-Artikel zur Einrichtung der University in Exile 1993 in New York.

Professor Claus-Dieter Krohn
Claus-Dieter Krohn

Claus-Dieter Krohn ist Professor i. R. für Neuere Geschichte. Er promovierte 1973 in Hamburg und war anschließend wissenschaftlicher Assistent an der Freien Universität Berlin. 1979 habilitierte er sich. Bis 2007 lehrte er Kultur- und Sozialgeschichte an der Leuphana Universität Lüneburg. Krohn verfasste zahlreiche Arbeiten zur Wirtschafts-, Sozial- und Theoriegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und zur Exilforschung. Er ist Mitherausgeber des Jahrbuchs Exilforschung 1986 – 2012, des Handbuchs der deutschsprachigen Emigration 1933 – 1945 (1998) und des Biographischen Handbuchs der deutschsprachigen wirtschaftswissenschaftlichen Emigration nach 1933 (1999).