Christine von Oertzen

Die akademische Zwangsemigration nach 1933 wird überwiegend als Geschichte der Emigration männlicher Wissenschaftler und männlicher Netzwerke der Exzellenz erzählt. Frauen hingegen gerieten lange hauptsächlich als Ehefrauen gesuchter Spitzenforscher in den Blick, als diejenigen, welche die praktischen Herausforderungen von Flucht und Neuanfang zu meistern hatten.

Als Forschende und Lehrende hingegen galten weibliche Akademiker bis in die jüngste Zeit als Ausnahmeerscheinungen und zudem als diejenigen, die an den besonderen Herausforderungen und Schwierigkeiten der Zwangsemigration überwiegend scheiterten. Als wichtiges Indiz hierfür wird angeführt, dass nur wenige in den Genuss der Förderung durch die großen Fluchthilfeorganisationen kamen, die im Zentrum historischer Emigrationsforschung stehen.

In meinem Beitrag möchte ich dieses Bild korrigieren und ein weibliches Netzwerk akademischer Fluchthilfe vorstellen, auf das Wissenschaftlerinnen jenseits von Familie, Verwandtschaft und unmittelbarem Kollegenkreis setzen konnten, um aus Deutschland zu entkommen und sich in der Emigration neu zu etablieren. Dieses Beispiel bringt zum einen weibliche Akteure der akademischen Fluchthilfe in den Blick; zum anderen erweitert es unser Verständnis darüber, welches Spektrum von Unterstützung es jenseits des institutionalisierten akademischen Beistands gab, wie und wem geholfen wurde. Denn anders als der Kreis der männlichen Spitzenwissenschaftler, die schon von Deutschland aus auf Einladungen an Universitäten in Großbritannien oder den USA bzw. auf finanzielle Unterstützung aus den Fonds der bekannten Organisationen hoffen konnten, war dies für Frauen nicht der Fall.

Weibliche Lehrstuhlinhaber, die ein entsprechendes internationales Renommee hätten aufbauen können, gab es in Deutschland noch nicht. Die Möglichkeit der Habilitation bestand für sie erst seit 1919, und bis 1933 war kaum eine Frau auf einen Lehrstuhl berufen worden. Dennoch war der Exodus deutscher Wissenschaftlerinnen besonders dramatisch: Über die Hälfte der 58 bis zum Jahr 1933 habilitierten Privatdozentinnen verloren ihre Lehrerlaubnis und wurden zur Emigration gezwungen; und die Zahl der promovierten Akademikerinnen, die ihrer Existenzgrundlage beraubt wurden, lag um ein Vielfaches höher.

Das weibliche Netzwerk der Fluchthilfe, um das es im Folgenden gehen wird, ist die International Federation of University Women (IFUW), ein 1919 von britischen und amerikanischen Professorinnen gegründeter Verband, der sich der Verständigung über Disziplin- und Ländergrenzen hinweg, gleichzeitig aber auch dem wissenschaftlichen Fortkommen von Frauen verschrieben hatte. 1930 gehörten der IFUW 30 Nationalverbände von Akademikerinnen mit insgesamt 24.000 Mitgliedern an. Die IFUW bildete in den 1920er Jahren ein einzigartiges Profil aus. Der Verband unterhielt drei große internationale Gästehäuser in Washington, London und Paris, die sich zu lebendigen und gesuchten Zentren intellektuellen Austauschs entwickelten; und er etablierte ein begehrtes Stipendienprogramm zur internationalen Forschungsförderung seiner Mitglieder. Bis 1933 hatten die Verbände der IFUW insgesamt 45 internationale Jahresstipendien, dazu Preise und Kurzzeitfellowships ausgelobt.

Ähnlich wie die Rockefeller Foundation und der britische Academic Assistance Council (AAC), aber mit unvergleichbar bescheideneren finanziellen Ressourcen, verschrieb sich auch die IFUW bereits 1933 der akademischen Flucht- und Flüchtlingshilfe aus Deutschland, ein Ziel, das im Verband bis 1945 höchste Priorität behielt. Warum die IFUW sich in dieser Weise engagierte, welche Strategien sie verfolgte, und wie sich diese mit dem Anschwellen des Flüchtlingsstroms und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs veränderten, werde ich im Folgenden skizzieren. Ich gehe dabei zunächst auf die Wissenschaftsförderung ein, die bis 1939 hauptsächlich von Großbritannien aus betrieben wurde; im zweiten Teil skizziere ich dann, welche Bandbreite die akademische Flüchtlingshilfe in den USA abdeckte.

Wissenschaftsförderung

Dass die IFUW sich so früh und vorbehaltlos für die Kolleginnen aus Deutschland einsetzte, hatte zum einen damit zu tun, dass die deutschen Wissenschaftlerinnen innerhalb der IFUW hohes Ansehen genossen. Zum anderen richtete die IFUW ihre Hilfsaktionen auf Drängen der britischen Mitglieder nach der Politik der britischen Regierung und des 1933 gegründeten AAC aus. Diese erklärten die Unterstützung der bekanntesten in Deutschland entlassenen männlichen Ordinarien zur nationalen Aufgabe. Die Förderpolitik des AAC wollte die IFUW mit Maßnahmen für entsprechend ausgewiesene weibliche Dozenten flankieren.

Die notwendigen Gelder zur Förderung der in Not geratenen deutschen Wissenschaftlerinnen brachten die britischen Kolleginnen mit Spendeninitiativen auf, die aus dem Repertoire humanitärer Hilfsaktionen stammten: Es waren die von britischen Akademikerinnen veranstalteten jährlichen Weihnachtsbasare, die bereits im Winter 1933 so unerwartet großen Widerhall fanden, dass der britische Verband im Januar 1934 die ersten drei einjährigen German Scholars Fellowships und zahlreiche Kurzstipendien an deutsche Wissenschaftlerinnen vergeben konnte. Insgesamt erhielten zwischen 1933 und 1938 zehn Dozentinnen aus Deutschland mehrjährige Unterstützung durch Spendenerlöse solcher Art, und sie konnten dazu im Londoner Gästehaus des Verbandes kostenlos wohnen. Um die Bewerberinnen aus Deutschland dem eigenen Nachwuchs nicht zur Konkurrenz zu machen, entschieden die Britinnen 1934, einen Teil des gespendeten Geldes für ein Fellowship an eine britische Doktorandin zu vergeben.

Mit der Annektion Österreichs und dem Anschwellen des Flüchtlingsstroms ab 1938 weitete die IFUW ihre Hilfsangebote auch auf diejenigen Akademikerinnen aus, die nicht in der Wissenschaft tätig waren. Um dem Ansturm der Hilfsanfragen Herr zu werden, richtete der britische Verband im Herbst 1938 ein Sekretariat für Flüchtlingshilfe ein und betraute mit der konkreten Arbeit Erna Hollitscher, eine promovierte Anglistin und Romanistin aus Wien, die selbst erst im Juni 1938 nach England geflüchtet war. Erna Hollitscher bearbeitete allein von September 1938 bis April 1939 Hilfegesuche von 226 Akademikerinnen. Sie arrangierte zwischen August 1938 und September 1939 für 53 Akademikerinnen und 17 Kinder die Flucht. Für 70 weitere Personen vereitelte der Kriegsbeginn dann jede Hilfe von England aus.

Strategien der Flucht- und Flüchtlingshilfe in den USA

Mit dem Kriegsbeginn verlagerte sich die Fluchthilfe für Akademikerinnen auf den amerikanischen Mutterverband der IFUW und die Leiterin des International Relations Office der American Association of University Women (AAUW), Esther Brunauer (1901 – 1959). Brunauers Einsatz macht deutlich, in welchem Maße persönliche Bekanntschaften entscheidend dafür waren, dass die akademische Fluchthilfe für Kolleginnen aus Deutschland auch in den USA so engagiert betrieben wurde. Die promovierte Politologin hatte das akademische Jahr 1932/33 zur Überarbeitung ihrer Dissertation als Gast der Berliner Akademikerinnen verbracht und die nationalsozialistische Machtergreifung dort miterlebt.

Ihre genauen Kenntnisse über Deutschland und die zahlreichen persönlichen Kontakte, die aus dieser Zeit herrührten, waren ausschlaggebend dafür, dass die Mitglieder der AAUW in den USA über die Hintergründe der Verfolgung jüdischer Akademikerinnen stets gut und wie aus erster Hand informiert waren. Brunauers Erfahrungen schlugen sich zudem in zahlreichen Artikeln des verbandseigenen Journals und in kurzen Textbüchern für die Ortsgruppen der AAUW nieder. Ebenso entscheidend wie diese Informationspolitik war, dass Brunauer die führenden Funktionärinnen der AAUW präzise und eindringlich über die bedrohliche Lage verfolgter Akademikerinnen aufklärte. Ein wirksames Hilfsprogramm für das International Relations Office der AAUW zu etablieren, war wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage und der verbreiteten Vorbehalte gegen jüdische Flüchtlinge dennoch keine leichte Aufgabe.

Unter Brunauers Leitung operierte die Flüchtlingshilfe des International Relations Office der AAUW bis 1940 ohne Etat. Dennoch gelang es ihr, durch die Vermittlung von Kontakten und Bürgschaften (Affidavits) sowie durch Korrespondenzen mit Mitgliedern, Behörden, Colleges und einer Vielzahl von Berufsorganisationen wichtige Weichen zu stellen, um Hilfe suchenden Akademikerinnen die Emigration in die USA zu ermöglichen oder ihnen beim Aufbau einer neuen Existenz zu helfen. Vereinzelt führten Bemühungen zum Erfolg, Wissenschaftlerinnen zu Stellen an amerikanischen women’s colleges zu verhelfen.

Darüber hinaus sprangen in den USA – wie in Großbritannien – einzelne vermögende Mitglieder des Netzwerks immer wieder ein, um bei der Bewältigung akuter individueller Notlagen zu helfen. Im Falle der ungarischen Biochemikerin Elizabeth Roboz etwa kam die vermögende Vizepräsidentin der AAUW, Shirley Farr, für den Zugfahrschein von New York nach Stockton in Kalifornien auf, wo Roboz (die spätere zweite Frau von Albert Einsteins Sohn) das Pflanzenernährungslabor einer kleinen Kartoffelfabrik aufbauen sollte. Farr streckte Roboz auch für einige Monate den Unterhalt vor, als sich deren Arbeitsbeginn verzögerte. Für Roboz war diese Hilfe entscheidend für ihren beeindruckenden weiteren Werdegang, der über CalTech und die University of Wyoming 1948 schließlich nach Stanford und die University of California in San Francisco führte. Etliche weitere Beispiele dieser Art ließen sich nennen.

Unter dem Eindruck des wachsenden Flüchtlingselends und auf die eindringlichen Bitten der IFUW und der BFUW aus London berief die AAUW 1940 ihr eigenes War Relief Committee ein, das bei den Mitgliedern um Spendengelder warb. Bis zum Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 gelangten mehr als 30.000 Dollar in den Flüchtlingsfond der AAUW. Die Verwendung des Geldes zeigt, welches globale Ausmaß die akademische Flucht- und Flüchtlingshilfe der IFUW inzwischen angenommen hatte. Nur ein Bruchteil der Spenden wurde für die Flüchtlingshilfe in den USA selbst eingesetzt. 12.000 Dollar gingen im Laufe der nächsten fünf Jahre nach Großbritannien, 5.000 Dollar nach Palästina, 2.000 Dollar in die Schweiz, 1.000 Dollar nach Kanada und Schweden und kleinere Beträge zu weiteren bedeutenden Fluchtstationen nach Südfrankreich, Lissabon und Schanghai. Insgesamt 8.000 Dollar vergab das Komitee in Form von kleinen Stipendien und zinslosen Darlehen an Flüchtlinge in den USA.

Wie dieses Geld verwendet wurde, möchte ich abschließend an drei Beispielen zeigen, die deutlich machen, dass akademische Solidarität in den USA sich nicht auf die Hochschulen und Colleges beschränkte, sondern vor allem bedeutete, Akademikerinnen aus Deutschland möglichst schnell wieder auf eigene Füße zu bringen: So vermittelte der Verband die Berliner Kunsthistorikerin Alice Mühsam als Restauratorin an das Brooklyn Museum of Art und zahlte ihr für den Einstieg ein kleines Gehalt; Mitglieder in Chicago ermöglichten der Zahnmedizinerin Susanne Erlach den Erwerb einer eigenen Praxis; und im kalifornischen Palo Alto verschafften Mitglieder der späteren Germanistik-Professorin Susanne Engelmann eine Überbrückungshilfe, damit sie ein Lehrzertifikat als high school teacher erwerben konnte.

Die Bedeutung des weiblichen akademischen Netzwerks lässt sich nicht anhand seiner beschränkten finanziellen Ressourcen ermessen. Sie ist hauptsächlich in der Effektivität seiner Kommunikationsstrukturen und Hilfsstrategien zu suchen. Dies wird an der spektakulären Rettung der letzten 1939 noch in Deutschland verbliebenen habilitierten Physikerin Hedwig Kohn aus Breslau deutlich. Im Verbund mit Kohns langjährigem Breslauer Kollegen und Freund Ludwig Ladenburg, der 1931 nach Princeton berufen worden war, gelang es Esther Brunauer und Erna Hollitscher gemeinsam mit einer Vielzahl weiterer Mitglieder der IFUW und Physikerkollegen und -kolleginnen in Großbritannien, Schweden, und den USA, der 52-jährigen Physikerin noch zur Flucht zu verhelfen. Nach weit über 100 Briefwechseln und Telegrammen ihrer Helferinnen und Helfer konnte die verfolgte Dozentin im Juli 1940 von Deutschland nach Schweden ausreisen und nach langer beschwerlicher Reise über den eurasischen Landweg, den Pazifik und durch die halbe USA eine Professur im Greensboro College in North Carolina antreten.

Weitet man die Perspektive systematisch über die bekannten Institutionen der akademischen Fluchthilfe hinweg aus, kommen zum einen viele weibliche Wissenschaftlerinnen und ihre Karrieren und Lebenswege in der Emigration in den Blick. Darüber hinaus wird deutlich, dass der Kreis derjenigen, die sich tatkräftig für Flüchtlinge einsetzten, weit größer war als oftmals angenommen. Und es erschließt sich auch, dass jede noch so kleine Hilfestellung ihre Wirkung hatte, jede(r) etwas tun kann.

Professorin Christine von Oertzen
Christine von Oertzen

Christine von Oertzen ist Forschungsleiterin am MPI für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Sie hat über die deutsch-deutsche Geschichte der Arbeit und Geschlechterpolitik promoviert und über transnationale Netzwerke von Akademikerinnen habilitiert. Ihre gegenwärtigen Forschungsschwerpunkte bewegen sich im Schnittfeld von Wissenschafts-, Gesellschafts- und Geschlechtergeschichte und konzentrieren sich auf Wissenspraktiken in häuslichen Verhältnissen im 19. und frühen 20. Jahrhundert, von der Beobachtung von Babys bis zur manuellen Verarbeitung von Massendaten.