Isabella Löhr

Im Juni 1934 edierte das Comité international pour le placement des intellectuels refugiés mit Unterstützung des Großherzogtums Luxemburg eine Briefmarkenedition. Die Sonderausgabe bildete Berufsgruppen ab, die das Comité als intellectual workers bezeichnete: ein Professor beim Dozieren, ein Journalist, ein Bildhauer bei der Arbeit, zwei Ingenieure in der Diskussion eines Plans inmitten einer unwirtlich aussehenden Landschaft, ein Anwalt mit Robe und mahnend erhobenem Arm, ein Chemiker mit Laborkittel beim Blick ins Mikroskop und ein Arzt mit Studenten, gebeugt über einen leblosen Körper.

Die Sondermarken waren Teil einer Spendenkampagne, mit der das Comité seine instabile Finanzlage auf festen Boden zu stellen versuchte. Gegründet hatte es sich im Juni 1933 in Genf als Reaktion auf die von den Nationalsozialisten systematisch betriebene Verdrängung politisch anders denkender Wissenschaftler oder solcher mit jüdischem Hintergrund aus den Universitäten. Das Comité war eine von mehreren Hilfsorganisationen, die sich in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz und den USA formierten. Dort hatte die politisch motivierte Vertreibung primär jüdischer Wissenschaftler Befürchtungen ausgelöst, ein Ausbleiben von Reaktionen könne einen Präzedenzfall konstituieren und weitreichende Konsequenzen für die relative politische Autonomie der eigenen Hochschullandschaft nach sich ziehen.

Wie auch bei den anderen, auf Wissenschaftler spezialisierten Hilfsorganisationen unterschied sich das Profil des Comité von klassischen Auswandererorganisationen. Es ging nicht um alltägliche Hilfe, die Organisation oder Finanzierung der Emigration, sondern um die Vermittlung von Hochqualifizierten auf neue Arbeitsstellen. Das Ziel lautete »to (a) centralise all applications for work; (b) investigate possibilities of employment; (c) collect funds; (d) use the funds collected for the creation of posts and to commission appropriate work«. Zur Vorgehensweise hieß es: »To carry out its proposed task, the Committee has chosen what seems the only purposeful and constructive method, namely to endeavour to find for the refugee professionals possibilities of resuming abroad the professional activities which they were compelled to give up at home. The Committee does not concern itself in any way with first aid relief, which must remain in the hands of local and national organisations created for that purpose.«1

Exil, humanitäre Hilfe oder professioneller Beistand?

Bei der Selbstpräsentation des Comité fällt das Fehlen eines humanitären Vokabulars auf zugunsten einer Sprache, die Wissenschaft als Arbeit auffasste und die das Comité als internationale Schnittstelle für die Vermittlung einer hochqualifizierten und deswegen nur mit Mühen auf neue Stellen zu vermittelnden Berufsgruppe setzte. Diese Perspektive auf zwangsmigrierte Wissenschaftler als Arbeitssuchende auf einem potenziell globalen Arbeitsmarkt hat in der Forschung bisher keine Resonanz gefunden, was vor allem am Zuschnitt der beteiligten historischen Teildisziplinen liegt.

Die Geschichte der Arbeit hat sich lange auf Gewerkschaften, Arbeiterbewegung und »freie« Lohnarbeitsverhältnisse konzentriert. Erst in den letzten Jahren gerieten mit der global labor history andere Arbeitsformen in die Aufmerksamkeit wie care work, Militärdienst oder eben intellektuelle Arbeit.2 Letztere ist historiografisch in der Professionenforschung beheimatet mit nur wenig Schnittstellen zur Geschichte der Arbeit. Die Untersuchung von Wissenschaftlern als historischen Akteuren ist dagegen mit mit der Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte in einem separaten Forschungsfeld verankert ist.3 Entsprechend zahlreich haben sich Studien mit Flucht und Zwangsmigration als wissenschaftsgeschichtlichem Phänomen beschäftigt, indem sie die Auswirkungen auf das Denken einzelner Personen, den Transfer von Wissen und Institutionen sowie die Neuformierung der transatlantischen Universitätslandschaft untersuchten.4

Die wissenschaftliche Emigration ist bis heute ein Paradethema der Exilforschung. Allerdings wird die konzeptionelle Beschränkung der Exilforschung auf die Zeit von 1933 bis 1945, der Fokus auf Eliten sowie die Tendenz, frühere oder spätere Fluchtbewegungen als nicht zum Exil gehörend darzustellen, zunehmend skeptisch betrachtet.5 Es geht um das im Begriffsfeld Exil angelegte Verständnis von Gesellschaft, Raum und Territorium. Die Betonung der Differenz von Herkunfts- und Aufnahmeland sowie Begriffe wie Emigration, Entwurzelung, Exil oder Akkulturation sind einem territorialen Denken verschrieben, das die globale und transnationale Geschichte in den letzten Jahren infrage gestellt hat. Die Kritik bezieht sich auf das implizite Verständnis von Gesellschaft, das Sesshaftigkeit und stabile territoriale Ordnung als Norm annimmt. Entsprechend bilden diese Begriffe ein Denken in Zugehörigkeiten ab. Dieses läuft Gefahr, die gewaltsamen Ausschlussmechanismen, die eben diese Zwangsmigration auslösten, intellektuell zu reproduzieren sowie die Komplexität von (Zwangs-)Migrationen zu übersehen, wie die jüngere Migrationsforschung sie für das komplexe Ineinander von Rahmenbedingungen, Pfadabhängigkeiten, der agency der historischen Akteure und der Ausbildung mehrfacher Zugehörigkeiten herausgearbeitet hat.6

Wissenschaft als Arbeit

Greifen wir vor diesem Hintergrund die mit dem Comité exemplarisch vorgestellte Selbstbeschreibung der historischen Akteure auf, gewinnen die Themen Arbeit und professionelle Mobilität in Zwangslagen und damit andere historische Kontexte an Bedeutung. Tatsächlich haben wir es bei Wissenschaftlern mit einer Gruppe zu tun, deren grenzüberschreitende Mobilität Tradition hat und seit der Frühen Neuzeit exemplarisch für Vernetzung, die Entstehung eines globalen Wissensraumes und das Überwinden lokaler Konstellationen steht. Umso erstaunlicher ist es, dass die Mobilität dieser Gruppe in einem historischen Moment, der von Internationalismus und intensiven grenzüberschreitenden Interaktionen geprägt war, in der Forschung bislang wenig Beachtung gefunden hat. Anstelle einer vergleichenden Analyse der Formen und Praktiken von Zwangsmigration sowie ihres Zusammenspiels mit bereits etablierten Mustern professioneller Mobilität hat ein statisches Verständnis von Ins-Exil-Gehen und Im-Exil-Sein die Oberhand behalten.

Ein gutes Beispiel für das Gewicht, das dem Prozess der Wiederbeschäftigung der geflohenen Wissenschaftler beikam, findet sich beim 1933 auf Initiative von William Beveridge gegründeten Academic Assistance Council, der 1936 in Society for the Protection of Science and Learning umbenannt wurde. Bis 1945 legte diese Organisation ein Register mit 2.500 Personaldossiers verfolgter Wissenschaftler an mit Lebensläufen, Publikationslisten, Projektskizzen sowie Referenzschreiben. Relevant wurden diese Dossiers, sobald der Council eigene, über Spenden eingeworbene zweijährige Stipendien vergab oder Kontakt zu Universitäten aufnahm, um die verfolgten Wissenschaftler auf offene Stellen zu vermitteln. Das Auswahlverfahren lag in den Händen von Gutachtergremien, bestehend aus Mitgliedern der Royal Society, der British Academy, der London School of Economics sowie der Universitäten Oxford und Cambridge. Diese nahmen die Auswahl anhand eines Evaluierungsverfahrens vor, in dem wissenschaftliche Qualität, Konkurrenzfähigkeit und die Aussicht auf eine erfolgreiche Karriere ausschlaggebend waren. Alle anderen Bewerbungen wurden abschlägig beschieden.

Der Council unterstützte Wissenschaftler, die migrieren wollten, um ihre Karriere im Ausland fortzusetzen; erst in zweiter Instanz wurden sie als Flüchtlinge wahrgenommen. Entsprechend war ein professionelles Selbstverständnis entlang universitärer Standards handlungsweisend. Dieses wurzelte in einem neuen Verständnis von Wissenschaft als Arbeit, wie es sich seit dem späten 19. Jahrhundert mit der Ausdifferenzierung der Forschung sowie der Professionalisierung der universitären Ausbildung herausgebildet hatte und sich in der Formalisierung von Abschlüssen, der Einführung und Standardisierung von Karrierestufen, der Rekrutierung von Studenten und Lehrpersonal nach Leistungskriterien sowie der universitären Karriere als Möglichkeit des sozialen Aufstiegs mit einer entsprechenden Bedeutung akademischer Gehälter niederschlug.7

Migrieren statt fliehen

Eine solche Perspektive lenkt den Blick auf die lange Dauer, indem vorgelagerten, langfristigen strukturellen Entwicklungen wie der Professionalisierung der Wissenschaften und der Entstehung akademischer Arbeitsmärkte Erklärungskraft für die historische Analyse der Mechanismen und Pfadabhängigkeiten zugeschrieben wird, die bei der Zwangsmigration von Wissenschaftlern in den 1930er und 1940er Jahren eine Rolle spielten. Dieser Zugriff unterscheidet sich von den Erzählungen individueller Verlusterfahrungen derjenigen, die sich unfreiwillig auf die Flucht begaben. Damit spiegelt er das unweigerliche Dilemma zwischen humanitärer Hilfe und der Förderung guter Forschung, in dem sich auf Wissenschaftler spezialisierte Fluchthilfeorganisationen in der Zwischenkriegszeit befanden und heute noch befinden. Didier Fassin hat auf das humanitärer Sprache inhärente Problem hingewiesen, dass die Mobilisierung von Emotionen und Mitleid immer eine Legitimation bestimmter Praktiken und Diskurse mit sich bringt, deren Konsequenzen oftmals hinter dem Imperativ des Helfens verborgen bleiben.8

Es geht nicht darum, Leid oder Verlust kleinzureden, sondern die Effekte eines bestimmten Umgangs mit Leid zu analysieren. Verstehen wir also Fluchtbewegungen als Phänomene, die mit etablierten Mustern akademischer Mobilität verknüpft waren, wie sie sich mit der Internationalisierung und Professionalisierung der Wissenschaften seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herausgebildet haben, erscheinen Nothilfeprogramme in einem anderen Licht, deutlich weniger ad hoc als vielmehr einem kalkulierbarem Regelwerk folgend. Der Council for Assisting Refugee Academics, die Nachfolgeorganisation des Academic Assistance Council, zollte dem 2014 mit einer Namensänderung in Council for At-Risk-Academics Tribut mit der Begründung, dass viele der geförderten Wissenschaftler sich zwar in Gefahr befänden, sich aber nicht als Flüchtlinge, sondern als temporär im Ausland lebende und arbeitende Wissenschaftler verstehen.

 

 

1   Statutes, International Committee for Securing Employment to Refugee Professional Workers, League of Nations Archives Geneva, C 1607 – No 6, 33 – 36.

2   Marcel van der Linden, Workers of the World. Essays toward a Global Labor History, Leiden 2011.

3   Walter Rüegg (Hg.), Geschichte der Universität in Europa. Band III: Vom 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg (1800 – 1945), München 2004.

4   Jüngst Andreas W. Daum, Hartmut Lehmann und James Sheehan (Hg.), The Second Generation. Émigrés from Nazi Germany as Historians, New York 2015.

5   Aus Politik und Zeitgeschichte, Themenheft Exil, H. 42, 2014.

6   Donna Gabaccia, Foreign Relations. American Immigration in Global Perspective, Princeton 2012.

7   Konrad H. Jarausch, The Transformation of Higher Learning, 1860 – 1930. Expansion, Diversification, Social Opening, and Professionalization in England, Germany, Russia, and the United States, Stuttgart 1983.

8   Didier Fassin, Humanitarian Reason. A Moral History of Present Times, Berkeley 2012.

Bild: London School of Economics, Old Building

Autorenporträt Dr. Isabella Löhr
Isabella Löhr

Isabella Löhr ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig. Sie promovierte 2008 zum Thema »Die Globalisierung geistiger Eigentumsrechte. Neue Strukturen internationaler Zusammenarbeit, 1886 bis 1952«. Derzeit arbeitet sie an einem Buch zum Thema mit dem Titel »Academics without Borders? Wissenschaft, Arbeit und (Zwangs-)Migration im 20. Jahrhundert«.