Ulrike Ludwig

Die Situation des akademischen Nachwuchses wird seit einigen Jahren intensiv diskutiert und sie gilt vielen vor allem als eins: als prekär! Die Zuspitzung auf diese Formel hat zweifellos dazu beigetragen, die mitunter schwierige Situation von Akademikern und Akademikerinnen vor »dem Ruf« stärker ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit zu rücken. Und wohl auch deshalb wird seit einiger Zeit verstärkt über andere Wege der universitären Personalpolitik nachgedacht.

Eine der Herausforderungen in dieser Diskussion mit und über den Nachwuchs ist dabei, dass die Ursache dieser unsicheren beruflichen Perspektive für Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen in einem grundsätzlichen Zielkonflikt liegt, der sich letztlich nicht aus der Welt schaffen lässt: Denn für die anhaltend nötige Erneuerung und Entwicklung in der Wissenschaft (und zwar in Forschung und Lehre) müssen kompetitive Auswahlverfahren mit einem System knapper Positionen sorgen. Wissenschaft braucht Wettbewerb und keine Planstellen. Aber dieser Wettbewerb hat natürlich Konsequenzen für die Beteiligten. In jedem Verfahren wird der weitaus größte Teil der Bewerber und Bewerberinnen keine entfristete Stelle bekommen. Das ist nicht immer leicht zu ertragen und es ist mit steigender Zahl der nicht erfolgreich absolvierten Verfahren erfahrungsgemäß schwieriger, beschwingt zu bleiben. Daher leuchtet die Forderung nach Modellen, in denen die Entscheidung über eine Lebenszeitstelle früher fällt, unmittelbar ein: Jede/-r hätte lieber mit Mitte dreißig als mit Ende vierzig eine sichere Perspektive!

Allerdings habe ich den Eindruck, dass bei der Diskussion um das Wann und Wie von Tenure-Track-Modellen zwei Aspekte weitgehend ausgeblendet werden. Erstens sollte man im Blick behalten, dass es für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in der Postdoc- oder Posthabil-Phase zwei konträre Perspektiven auf das vielbeschworene »zu spät« gibt. Denn zweifellos fällt die Entscheidung, wer eine dauerhafte Aussicht auf Beschäftigung hat, zu spät, dies aber vor allem aus der Perspektive derjenigen, die berufen werden. Für jene ohne dauerhafte Beschäftigung ist die Entscheidung lange Zeit vor allem eins: noch nicht gefallen! Und mit diesem »noch nicht« im Kopf, bemüht man sich um die nächste befristete Stelle und steigt nicht unbedingt gleich aus der Wissenschaft aus. Es wird daher selbst dann, wenn das gesamte System auf Tenure-Track-Modelle umgestellt wäre, jene geben, die mit 35 noch keine Dauerstelle haben und sich weiter bis 40, 42 oder 45 bewerben. Die bei Tenure-Track-Modellen ebenso üblichen kompetitiven Verfahren behalten auch hier ihre persönliche, für einen Teil des Nachwuchses prekäre Seite. Und ich glaube nicht, dass diese Situation mit 40 grundsätzlich besser zu ertragen ist als mit 50.

Zweitens stellt sich die Frage, ob das wissenschaftliche System und hier vor allem die Drittmittelforschung überhaupt ohne jene Postdocs auskommt, die früher aus dem System »aussortiert« werden sollen. Eine Diskussion über die Umgestaltung der Stellenstruktur darf meines Erachtens nicht ohne Berücksichtigung der inzwischen grundsätzlich großen Bedeutung von Drittmittelprojekten geführt werden. Dass Drittmittelprojekte wichtig sind, weil sie Forschungsdebatten vorantreiben sowie für Rankings und Reputation, Nachwuchsförderung und Lehrstuhlfinanzierung eine zunehmend größere Rolle spielen, dürfte kaum jemand bestreiten. Mit den Tenure-Track-Modellen wird sich hieran nichts ändern. Für Tenure-Track-Professuren sind Drittmittelprojekte sogar besonders interessant, da es sich bei ihnen in aller Regel um Professuren ohne Ausstattung handelt. Hinzu kommt, dass die Drittmitteleinwerbung bekanntlich ein Kriterium für die Evaluation ist und somit zentral für die Verstetigung der Stellen. Will man Drittmittelforschung nun künftig nicht allein im Modus der Promotion betreiben, dürften sich alles in allem auch weiterhin vielfältige Chancen bieten, auch ohne feste Stelle in der Wissenschaft zu bleiben.

Startposition 1 auf einer Aschenbahn
© Elaron

Betrachtet man beide Aspekte gemeinsam – also die anhaltende Bedeutung von   Drittmittelprojekten mit befristeten Stellenangeboten und die bestehen bleibende langwierige Bewerbungsphase für einen Teil des Nachwuchses – scheint es lohnend, offener über die Möglichkeit lebenslanger Forschungs- oder Drittmittelkarrieren als Option nachzudenken. Um nicht missverstanden zu werden: Es geht natürlich keinesfalls um die Präferenz einer Drittmittelkarriere gegenüber der entfristeten Stelle. Vielmehr geht es um die Würdigung und Unterstützung der Möglichkeit, als Plan B auf die Option einer Drittmittelkarriere zu setzen, statt mit Ende dreißig, Mitte vierzig oder Anfang fünfzig endgültig aus der Wissenschaft auszusteigen! Die Vorteile einer stärkeren Einbindung erfahrener Postdocs liegen auf der Hand: Sie sind bestens in der Lage, Drittmittel einzuwerben, von denen die Universität ebenso profitiert wie der Lehrstuhl. Die Mitarbeit erfahrener Historiker und Historikerinnen dürfte zudem jedem Forschungsprojekt gut tun, egal ob Einzelprojekt oder Verbundforschung. Der Wissenschaft bliebe also Forschungserfahrung und -expertise erhalten.

 

Grundsätzlich sind solche Forschungskarrieren natürlich bereits jetzt möglich und sie werden auch praktiziert, allerdings unter ausgesprochen schwierigen Bedingungen. Denn neben stetig drohenden Finanzierungslücken und begrenzter Planungssicherheit fehlt es oft auch an unterstützenden und anerkennenden Diskussionen über mögliche neue Projekte und eine gezielte Einbindung in die Lehrstuhl- und Institutsplanungen. Neben die schwierige finanzielle Perspektive tritt die Erfahrung, dass mehr und mehr Kolleginnen und Kollegen verlegen wegschauen, je näher man der Berufungsgrenze kommt. All dies trägt (nicht nur, aber eben auch) zum Erleben dieser Situation als prekär bei.

Drittmittelkarrieren sind kein Königsweg, sie sind und bleiben für die Forscher und Forscherinnen vor allem eins: eine schwierige, persönliche Herausforderung. Aber gerade weil sie phasenweise oder auch dauerhaft eine Option sind, der man gegenüber der Alternative, nicht mehr wissenschaftlich zu arbeiten, den Vorzug geben kann, sollten diese Forschungskarrieren nicht aus der Diskussion ausgeblendet werden. Die dahinter stehende Entscheidung für die Wissenschaft nützt dem Fach und dies gilt es offen zu unterstützen und zu würdigen. Zugleich ist es wichtig, energischer über mögliche Zwischenfinanzierungen (etwa aus den Mitteln eines universitären Forschungspools oder dafür aufgesparten Overheadmitteln) zu diskutieren. Und spätestens, wenn die Zwölf-Jahres-Regel des Hochschulrahmengesetzes fällt, ließe sich auch für Optionen einer längerfristigen Mischfinanzierung aus Haushalts- und Drittmitteln streiten. Die Situation erfahrener Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ohne feste Stelle sollte nicht auf die Frage reduziert werden, ob es nun besser ist, mit vierzig oder fünfzig zu wissen, dass man auch künftig ohne feste Stelle bleiben wird. Die Frage der Zukunft des wissenschaftlichen Nachwuchses lässt sich letztlich nicht vereinfachend auf Sachverhalte wie die Entfristung reduzieren. Vielmehr muss man in der Wissenschaftskultur aller Ebenen und im Umgang mit der Diversität wissenschaftlicher Biografien gangbare Antworten finden. – Ulrike Ludwig

 

Porträt Ulrike Ludwig
Ulrike Ludwig

Ulrike Ludwig hat sich 2014 an der TU Dresden im Fach Frühe Neuzeit habilitiert. Nach einem Fellowship am International Consortium for Research in the Humanities der Universität Erlangen-Nürnberg und einer Vertretung des Lehrstuhls Frühe Neuzeit an der TU Dresden, ist sie seit 2015 als Heisenberg-Stipendiatin an der Universität Erlangen-Nürnberg.