Ernst-Ludwig von Thadden

Obwohl Tenure Track in der deutschen Wissenschaftspolitik seit Jahren ein weit verbreitetes Modewort ist, ist es in Deutschland kaum wirklich umgesetzt. Ein entscheidender Grund hierfür ist die kameralistische Verwaltung deutscher Universitäten, die für jeden Professor und jede Professorin eine entsprechende haushaltsrechtliche »Stelle« braucht. Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren, die sich auf ihrer sechsjährigen W1-Stelle bewährt haben, können also nur dann befördert werden, wenn eine entsprechende Stelle (W2 oder W3) zur Verfügung steht. Behelfsweise kann man den Tenure Track auf einer W2-Stelle beginnen lassen (so wie an der TU München), was strukturell aber unbefriedigend ist, da W2-Stellen mit der Habilitation bereits die höchste der deutschen akademischen Qualifizierungsstufen voraussetzen, also genau nicht die karrierebildende wissenschaftliche Profilierung während des Tenure Track erlauben.

Denn Tenure Track setzt als Verfahren systematisch auf Berufungen auf der Ebene der Juniorprofessur, während der die wissenschaftliche Profilierung erfolgen soll, und besetzt volle Professuren weitgehend durch interne Beförderung. Das außerhalb Deutschlands weit verbreitete Konzept bindet promovierte Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen, die eine akademische Karriere anstreben, frühzeitig als selbstständige Mitglieder in die Fakultäten ein und gibt ihnen eine langfristige, allerdings nicht garantierte, Entwicklungsperspektive an der Fakultät. Dies ist insbesondere für weibliche Wissenschaftler im Blick auf die Familienplanung attraktiv.

Im deutschen kameralistischen System versucht man diesen Karriereweg manchmal dadurch nachzumachen, dass man eine Juniorprofessur genau sechs Jahre vor dem erwarteten Freiwerden einer W3-Stelle besetzt. Dieser Weg ist zwar für die ausgewählten Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler im Einzelfall erfreulich, in systemischer Hinsicht allerdings unbefriedigend. Denn erstens wird ein Juniorprofessor oder eine Juniorprofessorin, je nach Ort und Fach, im Schnitt nur mit 20- bis 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit auf eine volle Professur befördert, entweder weil er oder sie an der für die Professur erforderlichen Bestenauslese scheitert oder die Universität vor Ablauf der sechsjährigen Probezeit verlässt. Zweitens ist ein Teil der Fluktuation von W3-Professuren nicht sechs Jahre im Voraus absehbar, zum Beispiel wenn ein voller Professor einen externen Ruf annimmt. In allen solchen Fällen ist es unmöglich, bei der Besetzung der W3-Stelle auf eine erprobte Juniorprofessorin zurück zu greifen, und man muss entweder extern berufen oder die W3-Stelle jahrelang unbesetzt lassen (was sich Universitäten typischerweise nicht leisten können).

Eine anderer in Deutschland manchmal eingeschlagener Weg ist, volle Professuren durch die Berufung von Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren unterzubesetzen und diese dann bei der Berufung bevorzugt zu berücksichtigen. Auch dieser Weg ist unbefriedigend, weil damit knappe volle Professorenstellen über viele Jahre unterbesetzt bleiben und es problematisch ist, im Mittelbau eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstehen zu lassen von »perspektivlosen« befristeten promovierten Mitarbeitern und wenigen »unterbesetzten« Juniorprofessoren.

Ein echtes Tenure-Track-Modell erfordert also eine Abkehr vom bisherigen deutschen Berufungsprinzip, das Personen haushaltsrechtlichen Stellen zuordnet. Die Universität Mannheim plant deshalb einen Systemwechsel nach dem Prinzip »Stelle folgt Mensch«, das Juniorprofessuren flexibel in volle Professuren umwandelt und umgekehrt.

Das Mannheimer Modell

Das Prinzip »Stelle folgt Mensch« würde im Idealfall bedeuten, die professoralen Stellenkategorien W1 bis W3 als Einzelkategorien abzuschaffen und Professuren flexibel zu besetzen. Dies ist nicht nur beamtenrechtlich und hochschulrechtlich, sondern auch haushaltsrechtlich problematisch. Auch wenn diese Probleme in Baden-Württemberg noch nicht vollständig gelöst sind, so gibt es hier seit einem Jahr neue Möglichkeiten, einem echten Tenure Track näherzukommen.

© Elias Strehle / Universität Mannheim
© Elias Strehle / Universität Mannheim

 

Das Mannheimer Modell, das zurzeit dem Ministerium zur Genehmigung vorliegt, sieht dafür das Konzept der »Laufbahnprofessur« (L-Professur) vor, die flexibel von der Berufung direkt nach der Promotion bis zur hochdotierten Professur besetzt werden kann. Eine in einem internationalen Rekrutierungsverfahren ausgewählte, promovierte Nachwuchswissenschaftlerin (oder Nachwuchswissenschaftler) wird zunächst für die Dauer von sechs Jahren auf eine L-Professur berufen. Während dieser Zeit wird ihr ein älterer Kollege der Fakultät als Mentor zugewiesen, und sie wird nach drei Jahren in der Fakultät konstruktiv begutachtet. Im Laufe des sechsten Jahres der L-Professur wird sie von einem Beförderungskomitee der Fakultät unter maßgeblicher Verwendung externer Gutachten evaluiert. Wenn das Komitee die Beförderung befürwortet und der Fakultätskonvent dies billigt, prüft ein neu einzurichtender gesamtuniversitärer Berufungsausschuss den Fall. Der Berufungsausschuss besteht aus Mitgliedern des Rektorates, des Senates und anderen Universitätsvertretern und wird vom Rektor geleitet. Stimmt der Berufungsausschuss der Berufung zu, wird sie dem Senat zur Bestätigung vorgelegt. Nach der Bestätigung ernennt der Rektor die L-Professorin auf Lebenszeit. Wird die Beförderung zur vollen Professur vom Beförderungskomitee, der Fakultät oder dem Berufungsausschuss abgelehnt, so kann die Wissenschaftlerin ein weiteres Jahr als Professorin an der Fakultät bleiben und muss spätestens nach dem siebten Jahr die Universität verlassen.

Dieses Modell bedeutet insofern einen Systemwechsel, als die im Haushaltsplan des Landes vorgegebenen Stellen im Grunde ständig flexibel geändert werden müssen: Bei der Berufung eines L-Professors auf Lebenszeit muss die unterliegende W1-Stelle auf W3 aufgewertet werden, während bei der Nachfolge einer ausscheidenden Lebenszeitprofessorin die unterliegende W3-Stelle in eine W1-Stelle als Startposition einer neuen L-Professur umgewandelt werden muss. Dieser einfache Weg wird in Baden-Württemberg noch nicht möglich sein, doch eröffnet das Staatshaushaltsgesetz 2015/16 die neue Möglichkeit, W1-Professuren für sechs Jahre auf W3 (auf Kosten der Universität) überzubesetzen. Damit kann die Universität das Prinzip »Mensch folgt Stelle« durchbrechen und die Besetzung von W3-Professuren temporär flexibilisieren. Auf lange Frist bleibt es beim Stellenplan des Staatshaushalts, und die Zahl der W3-Professuren ist vorgegeben. Aber auf kurze Frist können Professuren nach Bedarf und nicht nach Plan besetzt werden.

Das Mannheimer Modell ist durch das neue Landeshochschulgesetz Baden-Württembergs mit zwei klugen, kleinen Änderungen vorbereitet worden. Erstens ist in § 48 (1) der Stellenvorbehalt bei der Berufung von Juniorprofessoren entfallen, der bisher die Universitäten verpflichtete, die W3-Stelle zu benennen, auf die hin eine Juniorprofessur mit Tenure Track zulaufen sollte. Und zweitens erlaubt der neue § 51 (7) eine einjährige Auslauffinanzierung für Juniorprofessoren, die nicht auf eine Lebenszeitstelle übernommen werden.

Die Möglichkeit, ausscheidende Lebenszeitprofessoren wie bisher durch volle Professoren zu ersetzen, bleibt in dem neuen System erhalten. Solche Berufungen sind insbesondere dann nötig, wenn der eigene Nachwuchs in einem Fach nicht den Anforderungen der Fakultät genügt oder wenn aus Reputationsgründen etablierte Wissenschaftler als »Leuchttürme« von außen berufen werden sollen. Jede solche Berufung verringert allerdings die Beförderungsperspektiven der eigenen Juniorprofessoren und muss deshalb gering gehalten und im Einzelfall gerechtfertigt werden.

Es sollte betont werden, dass der L-Professor bei der Berufung auf Lebenszeit keinen vollen Lehrstuhl nach deutscher Tradition erhält. Solche Lehrstühle zu schaffen, erfordert einen finanziellen Aufwand, den zumindest die Universität Mannheim nicht flexibel leisten kann und will. Tenure Track bietet eine langfristige persönliche Perspektive für Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen, aber nicht mehr. Dies ist auch der wettbewerbliche Vergleichsmaßstab, den das Ausland vorgibt. Die Ausstattung der neuen Kollegin mit Sachmitteln, Personal und anderen Ressourcen ist Verhandlungssache, hängt von der finanziellen Situation der Universität ab und kann sich auch über die Zeit verbessern. Es wird also langfristig mehr Professorinnen und Professoren geben in der Junior- oder Seniorversion und weniger abhängig beschäftigte Nachwuchswissenschaftler und Nachwuchswissenschaftlerinnen.

Auch mit dem neuen Modell wird es aber natürlich langfristig nicht deutlich mehr volle Professuren geben, sodass sich die langfristigen Aussichten von Nachwuchswissenschaftlern auf eine volle Professur nicht deutlich verbessern. Wegen der kurzfristig zur Verfügung stehenden Überbesetzungsmöglichkeit wird die Anzahl der vollen Professuren aber marginal steigen; dies wird das deutsche »Flaschenhalsproblem« von zu vielen Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern für zu wenig volle Professuren mildern. Es wird und kann dieses Problem aber nicht lösen. Wichtiger aber ist hier das Problem der Karriereplanung. Wenn man davon ausgeht, dass die L-Professorin ihre Tätigkeit mit 28 bis 30 Jahren antritt, so hat sie mit 34 bis 36 Jahren Klarheit darüber, ob sie an der Universität eine volle Professur erhält. Dies ist im Schnitt ca. sechs Jahre früher als in der heutigen Situation in Deutschland, wo Berufungen auf die erste Lebenszeitprofessur im Schnitt mit 41 Jahren erfolgen. Diese frühere Klärung von Karrierewegen ist eine der wichtigsten Eigenschaften des neuen Berufungsmodells.

Das Gesetz und der Staatshaushalt in Baden-Württemberg erlauben eine Flexibilisierung, die die Universität Mannheim maximal ausschöpfen möchte. Das neue Modell wird auch von den Fakultäten große Flexibilität verlangen, denn die Sechsjahresfrist für Überbesetzungen ist gerade in kleinen Fächern viel zu knapp für einen Nachbesetzungsrhythmus, der alle Fachstrukturen unverändert lässt. Aber wenn sie dies wollen, werden die Fakultäten nun zumindest die Möglichkeit haben, Nachwuchswissenschaftler mit einem attraktiveren Karrieremodell anzuziehen. – Ernst-Ludwig von Thadden

 

Porträtfoto Ernst-Ludwig von Thadden
Ernst-Ludwig von Thadden © Daniel Lukac

Ernst-Ludwig von Thadden habilitierte sich 1995 an der Universität Basel und erhielt im selben Jahr einen Ruf an die Université de Lausanne auf einen Lehrstuhl für Wirtschaftswissenschaften. Seit 2004 ist er Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim; seit 2012 übt er das Amt des Rektors der Universität Mannheim aus.