Johann Chapoutot

Die Deutschen sind zurück! Hier geht es nicht um Fußball und Weltmeisterschaft, sondern um Wissenschaft – und der Witz soll die Stimmung in unseren Berufungskommissionen erheitern, wo wir Dozenten und Professoren »wählen« (Frankreich ist schließlich ja eine Demokratie) sollen. Als Mitglied vieler dieser Kommissionen konnte ich das Phänomen selbst beobachten: Viele Kollegen aus Deutschland bewerben sich in Frankreich für Professoren- und Dozentenstellen.

Woran liegt das? Freilich nicht am Gehalt, das wohlbekannt diesseits des Rheins eher spärlich, wenn nicht lächerlich ist. Auch nicht an den Mitteln, die uns großzügig zur Verfügung stehen. Wer nicht mit einem dahinsiechenden Beamer und einem geradezu verrückt gewordenen Computer mitten in seiner Vorlesung vor den Studenten (vergeblich) gekämpft hat, hat die wahre Größe unserer edlen Mission in Frankreich noch nicht verstanden.1

Es liegt vielleicht an Staat und Status: Die Dozenten und Professoren sind per definitionem und qua Amt verbeamtet.

»Dozent« ist übrigens nicht das richtige Wort: Sechs Jahre lang, als ich Maître de conférences in Grenoble war, konnte ich mich nicht wirklich bei Kollegen oder Institutionen in Deutschland vorstellen. In Ermangelung einer besseren Lösung entschied ich mich für den nicht ganz richtigen »Juniorprofessor« – weil ich eben unter besten Bedingungen beim Habilitieren war, obwohl ich es nicht sollte. In der Tat: Mit 29 zum »Maître de conférences« (MCF) gewählt, hätte ich es wohl mein Leben lang bleiben können und dürfen. Diesen Status gibt es seit Anfang des 19. Jahrhunderts, vor allem an der Ecole Normale Supérieure, und dann seit 1877 an allen Universitäten, um neben den Professoren das Lehrangebot zu übernehmen. Erst seit 1946, also nach dem Zweiten Weltkrieg und der Neudefinition des Berufsbeamtentums, sind die MCF volle Beamten: Der neue Staat sollte, so das Programm des Conseil national de la Résistance 1944, Krisen und Kriege mit Hilfe einer starken, stabilen und treuen Beamtenschaft verhindern. Für die Akademiker, die vor 1945 nicht selten weit rechts gerückt waren, sollten feste Aufstiegschancen und gute Karrieren gesichert sein.

Um diesen Status beneiden uns heute noch unsere Kollegen im Ausland. Der Nachwuchs aus Deutschland, England und den USA kann es nicht glauben: So jung und schon so gut wie Professor? Der Vorteil liegt auf der Hand: freie Forschung, sicheres Einkommen, zuverlässiges Planen, auch im privaten Bereich. Wir brauchen nicht unsere Forschungsschwerpunkte alle zwei oder vier Jahre zu wechseln, je nach neuem DFG-Projekt, und wir sollen nicht jedes Jahr ein Semester lang unsere mehr oder weniger sichere Landung in ein neues Institut vorbereiten.

Der Nachteil? Mit 30 seien wir so gut wie junge Rentner. Man bräuchte nicht mehr ernst zu arbeiten, da die Stelle ad vitam gesichert sei. Ein Kollege vom DHI Paris beglückwünschte mich auf diese freundliche Weise: »Jetzt kannst Du dir ein Kanu in Tahiti kaufen« (es folgte eine lebhafte Debatte, ob Kanu in Tahiti wirklich Nationalsport war). Wie in allen Institutionen gibt es, man kann es kaum leugnen, Fehlbesetzungen. Unter den Nachwuchswissenschaftlern habe ich aber kaum je eine feststellen können.

Der Preis der Eintrittskarte ist nämlich hoch: Auf eine Stelle bewerben sich im Durchschnitt mehr als 130 Kandidaten, deren Lebenslauf mittlerweile selbst auf erfahrene Wissenschaftler einschüchternd wirkt. Eine Kandidatin, die mit 30 Jahren zwei Bücher und an die 20 Artikel aufweisen kann, ist nun keine Seltenheit mehr …

Was machen die anderen? Seit 2007 haben sich Postdocs und Forschungsprojekte auch bei uns eingebürgert. Und sonst gibt es noch collèges und lycées, also unsere Gymnasien, weil unsere Nachwuchshistoriker meistens certifiés oder agrégés sind – also mit dem Zweiten Staatsexamen versehen und eigentlich schon verbeamtet (ich war es schon mit 19, wie 150 andere Studenten der Ecole Normale Supérieure, die das jährliche Aufnahme-Concours bestanden hatten – also übe ich mich im Kanusport schon seit einer Ewigkeit in Tahiti).

Ein anderer Nachteil: Diese Politik kostet Geld. Und das spüren wir jeden Monat: Es gibt 2015 in Frankreich an die 2500 Historiker, die eine Stelle an einer Universität oder im CNRS innehaben. Als junger W3-Professor, mit 36 Jahren und immerhin mehr als 15 Jahren im Dienst des Staates, verdiene ich stattliche (und staatliche) 2800 Euro monatlich. Gott ist in Frankreich glücklich, aber nicht sonderlich vermögend, wie man sieht. An der Sorbonne,2 einer Universität, die Ende des 19. Jahrhunderts wiederaufgebaut wurde, um 4000 Studenten heranzubilden, und wo mittlerweile mehr als 120 000 eingeschrieben sind, sind die Räume eng und nur die wenigsten unter den Professoren verfügen, wer weiß wie, über ein Büro. Ich soll mich wie die überwältigende Mehrheit meiner Kollegen damit begnügen, meine Studenten im Café, Place de la Sorbonne, zu treffen. Es ist alles sehr schön und malerisch, bei schönem Wetter und mit Sicht auf den Brunnen, aber nicht gerade billig oder gesund: Nach acht Litern Kaffee kann mich meine Tochter abends kaum erkennen. Diese Bedingungen variieren stark von Uni zu Uni: In Grenoble konnte ich als einfacher Maître de conférences von meinem 30-Quadratmeter-Büro eine atemberaubende Sicht auf die Alpen genießen. Die alten Universitäten, die keinen Campus haben, arbeiten daran, einen zu bauen: An der Sorbonne rehabilitiert Paris III ein riesiges und schönes Industriegebäude des 19. Jahrhunderts und baut Paris I den Campus »Sorbonne Nord« in Aubervilliers. In ein paar Jahren werde ich vielleicht meine Studenten betreuen können, ohne am Kaffee zu erkranken.

Université Paris I Faculté de Droit, © Christian Bortes
Université Paris I
Faculté de Droit, © Christian Bortes

 

Noch eine Besonderheit: Wir haben kein Büro, aber dafür ein Institut extra muros. Das »Institut Universitaire de France« (IUF) ist seit 1989 eine Köstlichkeit der französischen Republik für seine vermeintlich besten Nachwuchs- oder erfahrenen Wissenschaftler. Man bewirbt sich mit einer ungefähr 40-seitigen Unterlage (samt Lebenslauf und Forschungsprojekt) und genießt, falls man glücklich ist, fünf Jahre lang traumhafte Arbeitsbedingungen: Man bekommt 15 000 Euros jährlich für seine eigene Forschung (Reisen, Kolloquien, Bücher, Computer …) und soll nur noch ein Drittel seines Lehrdeputats gewährleisten, also 64 Stunden jährlich statt 192. Mit 32 Jahren ins IUF berufen, konnte ich mich relativ schnell und bequem habilitieren. Um mich herum sind über die letzten Jahre immer mehr junge Kollegen Mitglieder des IUF geworden.

Aus meiner Sicht ist die Maîtrise de conférences der geeignete Status, um als junger Hochschullehrer heiter, gelassen und ernst zu arbeiten. Sie gibt dem Nachwuchs die nötige Perspektive und Freiheit, die eigene Forschung zu entwickeln und an seinem eigenen Werk zu arbeiten. Beruflich und persönlich ist der junge Lehrer und Forscher beruhigt. Statt alle sechs Monate auf Projekte zu antworten, statt fast seine ganze Zeit und Intelligenz in Aktivitäten zu vergeuden, die ihn ernähren sollen, kann er sich dem Wesentlichen widmen. – Johann Chapoutot

1          Der Wahrheit zuliebe muss man sagen, dass sich die Lage in diesem Bereich enorm verbessert hat. Mittlerweile schwimmen wir im Gold der Elektronik, weil alles schön modern sein muss. Und wir haben kein Geld mehr für Bücher, die bekanntlich nicht so wichtig sind wie Powerpoint.
2          Eigentlich existiert die Sorbonne seit Ende 1968 nicht mehr, aber dies den französischen Kollegen zu erklären, würde einen Sturm der Entrüstung oder großen Kummer auslösen. Also bitte nicht. Nur unter uns: Nach den »Ereignissen« des Frühlings war die Professorenzunft tief gespalten. Im Klartext: Sie konnten einander nicht mehr leiden, und es konnte immer wieder zu Handgreiflichkeiten zwischen »progressiven« und »konservativen« kommen. So entschied man sich, im Kielwasser der »loi Faure« vom Dezember 1968, für eine friedliche Scheidung. Die »progressiven« gründeten Paris I Panthéon-Sorbonne (Jura, Geschichte und Sozialwissenschaften) und la Sorbonne Nouvelle Paris III (Literatur und Sprachen, später auch Geschichte und Jura), während die »konservativen« sich in Paris II Panthéon-Assas (Jura) und Paris IV Sorbonne (Geschichte und Sozialwissenschaften) verschanzten. Abgesehen von den Juristen von Paris II, die seit dem 19. Jahrhundert die stolze »Faculté de droit de Paris« bildeten, beansprucht jeder für sich den Namen Sorbonne und kämpft um seine kostbaren Quadratmeter im alten Gebäude, Rue de la Sorbonne. Die Teilung dieses Gebäudes war (und ist immer noch) der Anlass für homerische Dispute. Die Geschichte der ganzen Sache wartet noch auf ihren Historiker. Und kann noch warten: Jeder hat ein zu eindeutiges Interesse, den »Professeur à la Sorbonne« zu spielen. Ich auch.

 

 

Johann Chapoutot
Johann Chapoutot

 Johann Chapoutot ist Professor an der Sorbonne nouvelle Paris III und seit 2011 Mitglied des Institut Universitaire de France. Er ist Zeithistoriker und forscht multidisziplinär auf dem Gebiet der politischen und kulturellen Geschichte. Chapoutot studierte Geschichte, Germanistik und Jura an der Ecole Normale Supérieure und promovierte 2006 an der Universität Paris I Sorbonne und an der TU Berlin. Von 2008 bis 2014 war er Maître de conférence an der Universität Grenoble II.